Verfasst von: ah | Mai 3, 2012

Auf der Sonnenseite der Gentrifizierung

Der Streit um die Bewertung von städtischen Aufwertungsprozessen hat eine mittlerweile lange Tradition. Das dirty word (Neil Smith) enthält offensichtlich noch immer genügend Streitpotential, um regelmäßig Artikel und Beiträge zu provozieren, die bezweifeln, dass es sie überhaupt gibt, die erklären, dass es mit der Gentrification nur halb so schlimm sei, oder eben versuchen, deren positiven Aspekte hervorzuheben. Ein jüngst in der Welt erschienener Artikel “Die guten Seiten der Gentrifizierung. Szeneviertel ohne Konflikte” vereint in etwas wirrer Komposition gleich alle drei rhetorischen Figuren der Kritik an der Gentrification-Kritik.

Britta Nagel hat sich in München, Frankfurt/Main und Hamburg auf die Suche nach der konfliktfreien Aufwertung und den glücklich Verdrängten begeben. Fündig geworden ist sie in den neuen kleinbürgerlichen Milieus in Hamburg Altona (Große Bergstraße), München-Haidhausen und im Frankfurter Ostend.

Der Verweis auf die noch höheren Mieten in den benachbarten Stadtteilen oder anderen Städten darf natürlich nicht fehlen. Selbst Mietsteigerungen um über 30 Prozent wirken da im Vergleich fast wie ein soziales Ruhekissen:

Immobilienmakler wie Stephan Schlocker stellen erfreut fest: “Die durchschnittliche Marktmiete im Ostend ist in den vergangenen drei Jahren von acht auf 10,50 Euro gestiegen. Direkt gegenüber der EZB beträgt sie in den Neubauten schon 13 Euro.”

Neben diesem Klassiker der Gentrification-Verharmlosung werden im Beitrag zwei weitere Argumente entwickelt. Zum einen wird der Blick auf die positiven Effekte der Aufwertung gerichtet. Doch alle Freunde der Aufwertung werden letztlich schwer enttäuscht, denn die schöne These von den “guten Seiten der Gentrification” wird  durch die Aussage entwertet, dass es in den zur Rede stehenden Gebieten eigentlich gar keine Gentrifcation gäbe – jedenfalls konnte von der Autorin nirgends eine Verdrängung festgestellt werden. Kurz zusammengefasst: Die positiven Effekte der Gentrification kommen dort am besten zur Geltung, wo es keine Gentrification gibt. Doch der Reihe nach:

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Vor einem Jahr haben ich nach Musik zur Gentrification gefragt. Auf meinen Aufruf (Tonlagen der Aufwertung) hin wurden in den Kommentaren etwa 30 Musiktitel zusammengetragen, die sich mehr oder weniger explizit mit den Gentrification-Prozessen auseinandersetzen. Diesmal würde ich mich über Zusendungen von Links zu Kurzfilmen freuen, die sich mit der Aufwertung in den Stadtteilen beschäftigen.

Kriterien: keine Dokumentationen, keine Interviews, keine Musikvideos, nicht länger als 7 Minuten.

Als Anregung zum Mitmachen gibt es eine kleines Filmrätsel: Ich habe drei kurze Filme herausgesucht, die sich jeweils auf ihrer spezifische Art und Weise ironisch bis polemisch mit bestimmten Aspekten der Gentrification auseinandersetzen.

1. ) Einer der Filme wurde von der Deutschen Film- und Medienbewertung mit dem ‘Prädikat wertvoll‘ ausgezeichnet. Welcher?

2.) Einer der Filme wurde mir gleich mehrfach zugeschickt und ohne explizite inhaltliche Bezugnahme zu verschiedenen Beiträgen als Kommentar  gepostet. Die Autor/innen welchen Filmes haben das größte Sendungsbewusstsein?

Film A: “How to Gentrify Your Neighborhood” (2011, 4:21 min)

Film B: Kiezmiez (2012, 3:03 min)

Film C: Abwertungskit gegen Gentrification (2009, 6:30 min)

Auflösung der Frage:

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Wird Kreuzberg intolerant? (Bild via http://mono-blog.com/)

Die umstrittenen Pläne, das BMW-Guggenheim-Labs in Kreuzberg stattfinden zu lassen, haben eine regelrechte Welle von Diskussionen zur Stadtentwicklung in Kreuzberg ausgelöst. In der Berliner Zeitung meldet sich mit Robert Kaltenbrunner (Leiter der Abteilung “Bauen, Wohnen, Architektur” des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung – BBSR) nun ein renommierter Stadtplaner zu Wort: “Das bisschen Luxus mischt sich unter”. Er sieht mit den  “unbefriediegenden Debatten um die Ansiedlung des BMW Guggenheim Lab” den Mythos Kreuzberg (“Multi-Kulti-Image” und “Bewusstsein vom Anders- und Besonders-Sein”) in  Gefahr und fühlt sich berufen, sich  mit den vielfach befürchteten Gentrificationprozessen auseinanderszusetzen. Die Hauptthese wird bereits in der Überschrift verkündet: “Das bisschen Luxus mischt sich unter” – soll wohl bedeuten, dass so ein bisschen Gentrification nicht gleich den ganzen Stadtteil umstülpt.  Die Argumentation von Robert Kaltenbrunner ist dabei ein wenig inkonsitent, weil er einerseits auf eine starke Persistenz-Struktur der Kreuzberger Mischung verweist, auf der anderen Seite die dringend notwendigen Investitionen betont.

… im Eifer des diskursiven Gefechts sieht man allenthalben fundamentale „Aufwertungen“, unterschlägt aber geflissentlich zwei Aspekte: Erstens, dass Kreuzberg tiefgreifend von der Multikulti-Mischung des Kiezes geprägt ist. Was dem Bezirk ein robust widerständiges Potenzial verleiht, das, so viel Prognose sei erlaubt, eine Nivellierung und Homogenisierung á la Prenzlauer Berg nicht erlaubt. (…)

Zweitens lügt man sich in die Tasche, wenn man nicht bereit ist anzuerkennen, dass es sich um ein Stadtviertel handelt, welches tatsächlich viele Investitionen benötigt, damit es der Mehrheit der Bewohner künftig besser geht.

Weil die Argumentationsfiguren  (“alles nicht so wild” und “notwendige Investitionen”) relativ typisch für die aktuellen Debatten zur Stadtentwicklung in Kreuzberg – und zu Gentrification-Prozessen generell – sind, ein paar Gedanken dazu.

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Verfasst von: ah | März 30, 2012

Berlin: Zukunft, Stadt, Guggenheimatlos

Die Debatte um die Ansiedlungspläne des BMW-Guggenheim-Labs in Kreuzberg, die angeblichen Gewaltdrohungen und die realen Proteste bestimmen weiterhin die stadtpolitischen Debatten in Berlin.  Mittlerweile stößt nach Zeitungsmeldungen auch der Rückzug in den eher als spießig geltenden Prenzlauer Berg auf Widerspruch bei den dortigen Anwohner/innen. Im Tagesspiegel heißt es: “Guggenheim-Lab: Widerstand auch in Prenzlauer Berg“.  Auch die Prenzlauer Berg Nachrichten (“Der Präventivschlag vom Pfefferberg“) sticheln gegen  das Lab und bezeichnen es als “eine Art Diskussionsforum in Form einer Kunstausstellung” und zitieren genüsslich aus einem Protestschreiben verschiedener Hausgemeinschaften und Stadtteilgruppen aus Prenzlauer Berg:

Beim ersten Mal, als die Stiftung ankündigte, zum Pfefferberg zu kommen, hätten das manche Anwohner „gar nicht mitbekommen”, nun aber wisse man Bescheid und sei auch einhelliger Meinung: „Hier will das keiner.” Kreuzberg habe Vorbildcharakter, heißt es auf der Internetseite des Vereins. „Immerhin gibt es jetzt einige Handreichungen,wie man Investoren verschrecken kann.”

Was immer von der Idee des BMW-Guggenheim-Labs gehalten wird, eines hat die Ankündigung der Zwischenstation in Berlin geschafft: eine stadtpolitische Debatten zu forcieren. Nach den ersten emotionalen Schlagzeilen (“Linksextremisten vertreiben Guggenheim aus Kreuzberg“) hat sich bei vielen Medien mittlerweile eine tatsächlich neugierige Haltung des Verstehen-Wollens durchgesetzt.

Die Morgenpost hat Sigmar Gude ausführlich interviewt (“Was Gentrifizierung für Kreuzberg bedeuten kann“) und bei 3sat gab es eine informative Reportage: “Kiez gegen Guggenheim“:

Die Berliner Zeitung (“Es gibt viele Gründe für den Protest“) und auch die Jungle World (“BMW steht für die Stadt von gestern“) haben mich zum Thema befragt und im Freitag gibt es einen kurzen Kommentar von mir (“Protest und Diskurs: Kreuzberg will kein Guggenheim-Lab“).

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Verfasst von: ah | März 21, 2012

Berlin: Danke Guggenheim! Danke Kreuzberg!

Die Schlagzeilen überschlagen sich: “Linksextremisten vertreiben Guggenheim aus Kreuzberg” (Tagesspiegel), “Kreuzberg vergrault Guggenheim” (Berliner Zeitung), “Autonome vertreiben Guggenheim aus Kreuzberg” (Die Welt), “BMW fährt in Berlin-Kreuzberg gegen die Wand” (SpOn) oder auch “Guggenheim kapituliert in Kreuzberg” (Mitteldeutsche Zeitung).

Was klingt wie eine erbitterte und gewalttätige Auseinandersetzung, ist so etwas wie ein Praxistest für das umstrittene BMW Guggenheim Lab. Wenn auch anders als geplant, hat das Lab seine Funktion erfüllt und städtische Trends der Gegenwart in anschaulicher Weise sichtbar gemacht.

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Verfasst von: ah | März 11, 2012

Berlin: Neubaufieber statt Wohnungspolitik

Steigende Mieten in der Innenstadt. Kann Neubau die Bestandsmieten dämpfen? (IBB-Wohnungsmarktbericht 2011)

Während Mieter/innen aus zahlreichen Stadtbezirken gegen den Abriss preiswerter Wohnungen, Räumungsklagen im Zuge von Modernisierungsarbeiten und Umwandlungen in Eigentumswohnungen aufbegehren, hat sich eine Allianz von Politik, Bauwirtschaft und Expert/innen formiert, die eine Lösung für alle Probleme präsentiert: Neubau, möglichst viel Neubau.

Aus der Kritik der verfehlten Wohnungspolitik der vergangenen Jahre hat sich in den letzten Monaten eine Neubau-Lobby formiert, die anders als die bisherige Koalition der Ignoranz um die ehemalige Stadtentwicklungssenatorin (Junge Reyer: “es gibt keinen angespannten Wohnungsmarkt”) die realexistierenden Probleme von Mieterhöhungen und Verdrängungsprozessen nicht mehr leugnet, sondern sogar Lösungen verspricht. Oder besser gesagt: eine Lösung verspricht. Das neue Zaubermittel gegen die Wohnungskrise in Berlin heißt: Neubau.

In einem regelrechten Überbietungswettbewerb haben die neue Regierung (6.000 neue Wohnungen pro Jahr), die Wohnungsmarktexperten von empirica (10.000 neuen Wohnungen pro Jahre) und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (12.000 neue Wohnungen pro Jahr) die Zielgrößen zur Lösung der Wohnungsfrage in Berlin ausgerufen. Begründet werden die notwendigen Neubauaktivitäten mit den steigenden Einwohner- und Haushaltszahlen, die den Nachfragedruck auf den Berliner Wohnungsmarkt verstärken. Ulrich Pfeiffer vom Marktforschungsinstitut empirica bringt die Position der Neubau-Lobbyisten in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel auf den Punkt:

Keine wohnungspolitische Strategie kann den Übergang in einen neuen Marktausgleich ohne Spannungen und Preissteigerungen bewältigen. Auf die aus unterschiedlichen Gründen steigende Nachfrage gibt es nur die eine soziale Antwort: “bauen, bauen, bauen”.

So sinnvoll der Neubau von Wohnungen bei anhaltenden Wanderungsgewinnen erscheint – so wenig trägt er zur Lösung der aktuellen Probleme bei den Bestandsmieter/innen bei. Ein Blick auf die Mietentwicklung verschiedener Baualtergruppen zeigt, Neubau ist immer deutlich teurer als ältere Wohnungen. Selbst die geförderten Wohnungen liegen weit über dem Durchschnitt.

Neubau ist teuer: Bestandsmietentwicklung verschiedener Baualterklassen

Wer Verdrängungsprozesse verhindern will, braucht nicht nur neue Wohnungen, sondern vor allem einen wirksamen Schutz der preiswerten Mieten im Bestand. Doch ein Blick auf die Argumentationen der Neubau-Lobby zeigt: es geht gar nicht um preiswerte Mieten oder eine mieterfreundliche Politik, sondern ums Geschäft.

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Jugendbeirat in Berlin Neukölln: Gruppenbild mit Bezirksbürgermeister

Gewalt in den Stadtteilen wird insbesondere in den sogenannten Problemquartieren diskutiert. Das Phänomen ist nicht neu und die Antworten sind seit vielen Jahren dieselben: Sozialarbeiter, Stadtplaner und allerlei aktivierender Schnickschnack sollen die Konflikte befrieden und eine positive Quartiersentwicklung ermöglichen. Soweit die Idee. Zwei Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass diese Rechnung nicht immer aufgeht – vor allem nicht, wenn die Sozialarbeiter, Quartiersplaner und Streitschlichter selbst das Faustrecht ausüben.

In Neukölln endete die Auseinanersetzung zwischen Jugendlichen und zwei Männern nach einer Messerstecherei tödlich. Das Opfer: Streitschlichter im Jugendbeirat des Quartiersmanagements. Einer der beteiligten Männer: Sozialarbeiter im Gebiet.

In Charlottenburg berichteten Mieter/innen von einem Faustschlag gegen einen Kiezaktivisten auf einer vom Bezirksamt öffentlich eingeladenen Veranstaltung zum Klimaschutzkonzept des Quartiers. Der Täter hier: ein Mitarbeiter von argus, der Arbeitsgruppe für Gemeinwesenarbeit und Stadtteilplanung.

Auch wenn die beiden Fälle nicht vergleichbar sind, erschrickt doch, das ausgerechnet Sozialarbeiter, Streitschlichter und Gemeinwesenarbeiter in solche Auseinandersetzungen involviert sind. Lies mehr …

Verfasst von: ah | Februar 29, 2012

NYC: Bewegung jenseits von Occupy Wall Street

Meine Woche hier in New York hat sich gelohnt. Neben einigen wirklich inspirierenden Vorträgen auf der AAG (große Konferenz der amerikanischen Geograph/innen) hatte ich im Windschatten der SQEK-Aktivitäten (SQEK = Netzwerk von europäischen Wissenschaftler/innen, die zu Hausbesetzungen und Sozialen Zentren forschen) eine Reihe von Gelegenheiten einige der stadtpolitisch aktiven Gruppen in der Stadt kennenzulernen.

Wenig verwunderlich stehen die steigenden Mieten und die wachsende Zahl von Kündigungen und Räumungen in Folge von nichtbezahlten Kreditforderungen (foreclosure) im Zentrum der Aktivitäten.

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