Verfasst von: ah | September 1, 2008

Gentrification auch in Kreuzberg

Christoph Villinger fasst in der aktuellen Ausgabe des Berliner MieterEchos die Ergebnisse einer Studie des Planungsbüros topos im Gebiet Reichenberger Straße zusammen: Aufwertung beginnt trotz Milieuschutz. Siegmar Gude von topos wird mit einer klaren Einschätzung zitiert:

„Der Kiez um die Reichenberger Straße ist ein Zuzugsgebiet einkommensstarker Haushalte, die Tendenz zur Gentrifizierung ist deutlich.“

Insbesondere im Reiche-Kiez habe sich Anzahl der Haushalte mit Kindern zwischen 1993 und 2008 von 31% auf nun 18% verringert. Die Zunahme von kinderlosen Bewohner/innen ist typisch für die Pionierphasen von Aufwertungsprozessen. Deutlicheres Indiz für die Veränderungsdynamik sei aber der deutliche Anstieg der Durchschnittseinkommen um 30% in den letzten drei Jahren. Bei den Neuvermietungen betrage die Steigerung sogar 50 Prozent – so Sigmar Gude.

Weniger empirisch fundiert hat auch die Berliner Morgenpost die Gentrification in Kreuzberg entdeckt – im Bergmannkiez: Mitten im Prenzlauer Bergmannkiez. Auch wenn sich Autor Benjamin Reuter bei der Bewertung der Veränderungen unsicher gibt, die Beschreibung läßt einen typischen Gentrificationprozess erahnen:

Seit fünf Jahren eröffnet ein Café und Restaurant nach dem anderen und die letzten bröckelnden Fassaden werden zurzeit aufgehübscht. Sind das die Zeichen eines Wandels, der in anderen Stadtvierteln schon stattgefunden hat und der das Flair und die gewachsenen Strukturen eher zerstört als bereichert?

Interessant ist, dass beide Berichte die Entwicklungen in Prenzlauer Berg als Maßstab für eine verdrängende Aufwertung heranziehen. Die Bergmannstraße wird mit der “Kastanienallee im Prenzlauer Berg (verglichen) ein Laufsteg für das, was in Berlin gerade angesagt und cool ist” und Sigmar Gude hofft die Verdrängung noch aufhalten zu können: „Ich glaube nicht, dass es so totale Umschwünge geben wird wie am Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg”. Da sage noch mal einer, eine Verdrängung in Prenzlauer Berg hätte es gar nicht gegeben…

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Responses

  1. Na klar hat sich die Anzahl der Haushalte mit Kindern innerhalb von 15 Jahren verändert. Kinder werden schließlich groß.

    Nicht falsch verstehen, ich schätze das sehr, was Sie hier machen, aber mit schlechten Argumenten macht man die guten kaputt.

    Ein Freund von mir ist in der Eisenbahnstraße groß geworden, aber dieses bis 1989 eingemauerte Viertel verlor viel nach der Wende als die Oberbaumbrücke aufgemacht wurde und man nicht mehr auf den Straßen spielen konnte. Daß mit dem plötzlich heftigen Autoverkehr auch ein Teil des dörflichen Charakters verloren ging, war der Anlaß, ins grüne Treptow zu ziehen.

    Nur, selbst wenn sie im SO36 wohnen geblieben wären, hätten sie allein durch die Zeit und sich wandelnde Bedürfnisse selbst zur Veränderung der Sozialstruktur beigetragen – ganz ohne Verdrängung.

  2. Hallo Sannie, vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast natürlich Recht, dass schlechte Argumente keine guten sind. Die veränderten Haushaltszusammensetzungen (also auch veränderte Kinderzahlen) sind aber gar kein so schlechtes Argument. Sondern ein wichtiges Instrument, um Nachbarschaftsveränderungen zu beschreiben. Es stimmt, dass Kinder in 15 Jahre älter werden, aber in den meisten Stadtvierteln gibt es relativ großes Kommen und Gehen. Diese Fluktationsbewegungen führen meist dazu, dass auch jüngere Leute nachziehen und eigenen Kinder bekommen. So bleibt der Kinderanteil meist über Jahre hinweg auf einem etwa durchschnittlichen Niveau. Was Sigmar Gude in Kreuzberg beobachtet, ist eben eine Abweichung von diesen städtischen Normalzuständen (wenn es denn so was gibt).
    Es sind mehr Familien ausgezogen (oder älter geworden) als hinzugezogen sind. Und der Hinweis auf die höheren Einkommen bei den Neueinzügen verweist eben auf ein zusätzliches Indiz für die Veränderungen im Viertel. Was in der Studie nachgelesen werden kann, sind die Gründe für diese Veränderungen. Steigende Mieten beispielsweise sind für viele Familien viel schwerer zu bezahlen als für Erwachsenenhaushalte ohne Kinder. Die Zahlungsfähigkeit von Wohngemeinschaften mit vier Erwachsenen (selbst wenn sie keine wirklich üppigen Einkommen haben) liegt fast immer über den Einkommen von Familien mit zwei Kindern… Aber um es genauer auszuführen müsste ich noch weiter ausholen.

  3. Wir laden alle Gentrification-Gegner herzlich zur morgen in Berlin-Kreuzberg stattfindenden Demosntration anlässlich der Eröffnung der “O2-World” ein.
    Treffpunkt ist 17.30h Kottbusser Tor.

    Organisiert wird das ganze von der Bürgerinitiative “MediaSpree versenken!”, die schon den erfolgreichen Bürgerentscheid organisiert hat.

    http://www.kreuzberg-info.de/pirati/

    http://www.ms-versenken.org/


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