Verfasst von: ah | März 9, 2012

Berlin: Sozialarbeit ist auch nicht mehr das, was es einmal war…

Jugendbeirat in Berlin Neukölln: Gruppenbild mit Bezirksbürgermeister

Gewalt in den Stadtteilen wird insbesondere in den sogenannten Problemquartieren diskutiert. Das Phänomen ist nicht neu und die Antworten sind seit vielen Jahren dieselben: Sozialarbeiter, Stadtplaner und allerlei aktivierender Schnickschnack sollen die Konflikte befrieden und eine positive Quartiersentwicklung ermöglichen. Soweit die Idee. Zwei Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass diese Rechnung nicht immer aufgeht – vor allem nicht, wenn die Sozialarbeiter, Quartiersplaner und Streitschlichter selbst das Faustrecht ausüben.

In Neukölln endete die Auseinanersetzung zwischen Jugendlichen und zwei Männern nach einer Messerstecherei tödlich. Das Opfer: Streitschlichter im Jugendbeirat des Quartiersmanagements. Einer der beteiligten Männer: Sozialarbeiter im Gebiet.

In Charlottenburg berichteten Mieter/innen von einem Faustschlag gegen einen Kiezaktivisten auf einer vom Bezirksamt öffentlich eingeladenen Veranstaltung zum Klimaschutzkonzept des Quartiers. Der Täter hier: ein Mitarbeiter von argus, der Arbeitsgruppe für Gemeinwesenarbeit und Stadtteilplanung.

Auch wenn die beiden Fälle nicht vergleichbar sind, erschrickt doch, das ausgerechnet Sozialarbeiter, Streitschlichter und Gemeinwesenarbeiter in solche Auseinandersetzungen involviert sind.

Neukölln: Treffen sich ein Streitschlichter und eine Sozialarbeiter …

Die Berliner Tageszeitungen (1 / 2 / 3 / 4) berichteten in den letzten Tagen ausführlich über einen tödlichen Streit in einer Neuköllner Großwohnsiedlung (Weiße Siedlung). Nach einem Streit auf einem Fussballplatz eskalierte die Situation zu einer Auseinandersetzung zwischen etwa 20, zum Teil mit Messern bewaffneten, Jugendlichen und zwei ebenfalls mit Messern bewaffneten Männern. Am Ende bleib einer der Jugendlichen tödlich getroffen liegen und der vermutliche Täter liegt mit einem Schädelbasisbruch im Krankenhaus. Was klingt wie eine schaurig typische Geschichte aus der Neuköllner Unterklasse, offenbart bei genauerer Betrachtung einen tragischen Einblick in die Grenzen der Sozialarbeit. Denn mindestens zwei Beteiligte der Auseinandersetzung waren eigentlich dafür ausgebildet, genau solche Situationen zu vermeiden und zu schlichten. Jusuf El-A. – der tödlich verletzte Jugendliche – war im Jugendbeirat des Quartiers und seit ein paar Monaten als sogenannter Streitschlichter  aktiv (Berliner Zeitung). Auch einer der beteiligten Männer – Oliver H. – war eigentlich für Schlichtung solcher Situationen ausgebildet und arbeitete als Sozialarbeiter im Gebiet. In einem ersten Bericht hieß es:

Die Polizei geht bisher davon aus, dass die aufgehetzten Fans des Neuköllner Fußballclubs nach dem Spiel zu einem Sportplatz in die Aronsstraße weiterzogen. Dort kam es offenbar erneut zu Streitereien, diesmal zwischen den Fußballfans und einem Deutschen, dem 39-jährigen Oliver H. Worum es ging, ist unklar. Oliver H. verließ schließlich den Platz und ging nach Hause. Eine Stunde später waren ihm die Jugendlichen zu seiner Wohnung in der Fritzi-Massary-Straße gefolgt. Oliver H. arbeitete als Sozialarbeiter und sei daher im Kiez bekannt, erzählten Jugendliche am Montag.

Im Versuch, den Tathergang und den Anlass zu rekonstruieren, vermutet der Tagesspiegel, dass es um die Ehre ging: “Vielleicht war es nur ein einziger Satz“.

 

Charlottenburg: Faustrecht für den Klimschutz

Zumindest der Anlass der Auseinandersetzung in Charlottenburg ist bekannt. Im Kiezblog Klausener Platz wird die Situation wie folgt beschrieben:

Anlass war ein Flyer des Mieterbeirates bei der GEWOBAG, der sich kritisch mit dem Ökokonzept des Bezirkesauseinandersetzte. Die Flyer waren bereits verteilt, als die zurückgebliebenen Exemplare nicht auf dem Auslage-Tisch verblieben, sondern vom ARGUS-Geschäftsführer und Vertreter des Kiezbündnisses entfernt – wohl eher “beschlagnahmt” – wurden. Die “Schmähschrift” – wie sie später im Verlaufe der Diskussion auch noch denunziert wurde – schien wohl die Kiezruhe zu stören.
Als “Dank” bekam der anwesende Vertreter des Mieterbeirates von dem ARGUS-Vertreter auch noch einen klassischen Schlag ins Gesicht verpaßt – ohne jegliche Resonanz vom Podium. Dieses hätte – mit dem Hausrecht ausgestattet – einschreiten und Fairness und Informationsfreiheit einfordern müssen. Die Geschichte endete dann mit der Polizei auf dem Hof.

Das umstrittenen Schriftstück des Mieterbeirats stellte offenbar unangenehme Frage zur Finanzierung und Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes. Unter anderem wird darauf verwiesen, dass die immer gleiche Firma für jeweils etwa 100.000 Euro Handlungskonzepte für lokale Klimaschutzkonzepte erarbeitet, die sich in den Handlungsvorschlägen kaum voneinander unterscheiden würden. Im Text heißt es u.a.:

Warum hat das Bezirksamt/ Umweltamt nicht einfach schon längst mal ins Internet geschaut und sich von dort kostenlos Ideen geholt?

Warum werden von Bezirksamt/ Umweltamt gerade diese beiden Firmen immer wieder mit Steuermitteln bedacht?

Ob der schlagfertige Vertreter der derart angsprochenen Firma (argus - arbeitsgruppe gemeinwesenarbeit und stadtteilplanung argus gmbh) sich in der Ehre seiner Firma gekränkt fühlte oder schlicht um die künftigen Auftragslage bangte, ist nicht bekannt.

Wie im Neuköllner Beispiel scheint jedoch auch hier die professionelle Distanz zum Gegenstand der Gemeinwesenarbeit verloren gegangen zu sein. Die für die neue Planungskultur quartiersbezogener Ansätze konstitutive und typische Personalisierung und Emotionalisierung der Intervention zeigt hier seine hässliche Seite. Statt formaler Aushandlungsmechanismen werden Konflikte als Fragen der persönlichen Ehre und der privaten Auseinandersetzung verstanden und ausgefochten. Für die Kritiker/innen der in Mode geratenen Sozialpädagogisierung von Stadtteilarbeit zeigen die Beispiele, dass nicht nur die Effekte von Quartiersmanagement und Co.  begrenzt sind, sondern auch deren Handlungskonzepte selbst.

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Responses

  1. sozialarbeiter und ähnliches werden ja nicht eingesetzt, um die lage der “zu betreuenden” zu verbessern, sondern um diese ruhig zu stellen. und, daß die klientel dieses erkennt und weiß, daß sie nicht betreut werden muss, müsste eigentlich logisch sein und von daher sind konflikte zwischen ruhigstellern und ruhig zu stellenden quasi vorprogrammiert.

  2. Gegen Gentrifizierung mit Scheinurteilen ohne Richterunterschrift

    http://www.openpetition.de/petition/online/gegen-gentrifizierung-mit-scheinurteilen-ohne-richterunterschrift

  3. Es geht sicher keine Rechnung auf, wenn “Sozialarbeiter, Quartiersplaner und Streitschlichter” ein wie auch immer geartetes “Faustrecht” ausüben.
    Aber es stimmt auch, dass beide Fälle nicht wirklich vergleichbar sind.
    Es ist jedoch keineswegs erschreckend, dass Sozialarbeiter in solche Auseinandersetzungen involviert sind. Das ist ihre Arbeit.
    Es ist keine besonders erhellende Erkenntnis, dass die Art und Weise, wie sie hier involviert waren, nicht sinnvoll zu erklären und abzulehnen ist.
    Interessant ist ja aber nicht unbedingt, was wie im Einzelnen in beiden Fällen passiert ist, wie gesagt: sie erscheinen sowieso kaum vergleichbar. Interessant finde ich vielmehr, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden, um am Ende erstaunlicherweise die Handlungskonzepte selbst in Frage zu stellen.
    Im ganzen Artikel wurden tatsächlich aber keine Handlungskonzepte behandelt. Und wenn hier suggeriert wird, dass sozialräumliche Soziale Arbeit eine neue Entwicklung sei, zeugt das von weitgehender Ahnungslosigkeit gegenüber der langen Traditionslinie Gemeinwesenarbeit innerhalb der Sozialen Arbeit. Und die hat wenig mit einer “Personalisierung und Emotionalisierung der Intervention” zu tun und schon gar nichts mit “ruhig stellen” (@landbewohner). Konflikte sind nunmal keine “formalen Aushandlungsmechanismen”.
    Was nutzt also das pauschale Infragestellung der nicht thematisierten, übrigens sehr vielfältigen Handlungskonzepte Sozialer Arbeit? Oder anders gesagt: wogegen richtet sich eigentlich dieser Beitrag?

  4. Hallo Lundt,
    vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich wollte keinesfalls suggerieren, dass sozialräumliche Ansätze der Sozialarbeit ein völlig neues Phänomen sind. Im Kontext der Stadtplanung/Stadterneuerung/Sozialen Stadt gehören pädagogisierenden und kooperationsfixierten Ansätze der Sozialarbeit/Sozialplanung spätestens mit der Durchsetzung der Behutsamen Stadterneuerung in den 1980er Jahren zum Standardprogramm. Zumindest für die Planungskulturen im Bereich der Stadtplanung war das etwas Neues (was nicht bedeutet, dass es in anderen Bereichen nicht schon früher sozialraumorientierte Ansätze in der Gemeinwesenarbeit gab). Karl Homuth, ein leider schon verstorbener Sozialpädagoge hat sich in den 1980er Jahren kritisch mit der ‘Behutsamkeit’ als Methode der sozialstaatlichen Intervention auseinandergesetzt und dabei auf die Problematik der “wohlmeinenden Experten” verwiesen, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit in Moderation gesellschaftlicher Konflikte begaben.
    Als ein Wesensmerkmal stellte er dabei ist die Personalisierung der sozialtherapeutischen Ansätze heraus. Wenn es in den beiden oben beschriebenen Fällen überhaupt einen gemeinsamen Nenner gibt, dann ist es die mangelnde Entgrenzung der subjektiven Identität der Sozialarbeiter/Gemeinwesenarbeiter von ihrem Aufgabenbereich. In meiner oben vorgeschlagenen Interpretation wird die persönliche Betroffenheit über die Sachebene der jeweiligen Konflikte gestellt. Im Neuköllner Beispiel verzichtet der ausgebildete Sozialarbeiter auf den Hilferuf bei der Polizei und begibt sich persönlich in die Konfliktsituation (nach den Tagesspiegelberichten offensichtlich auch, weil dies seinem Selbstverständnis als Sozialarbeiter entspricht) – in Charlottenburg gelingt es dem argus-Mitarbeiter offensichtlich nicht, eine eher politische Kritik an bestimmten Verfahren der Mittelvergabe von seiner persönlichen Involviertheit zu trennen.
    Ganz sicher gibt es auch andere Handlungsansätze der Sozialarbeit, aber zumindest die beschriebenen Tendenzen der Privatisierung/Emotionalisierung lassen sich an den Beispielen kritisieren.

    Zum Weiterlesen:
    Homuth, Karl 1986: Pädagogisierung des Stadtteils. Über die Bedeutung von ‘behutsamer Stadterneuerung’ als präventive Sozialpolitik. In: Ästhetik und Kommunikation 59, 78-85
    Hohmuth, Karl 1984: Statik potemkinscher Dörfer. ‘Behutsame Stadterneuerung’ und gesellschaftliche Macht in Berlin-Kreuzberg. Berlin: Ökotopia

  5. Hallo,

    nach Lundts Intervention und Ihrer Antwort ist mir das Ziel dieses Beitrags noch etwas unklarer. Geht es im Gentrification-Blog des Jahres 2012 tatsächlich um Kritik an sozialtherapeutischen Ansätzen aus den 80er Jahren? Ich bin sicher es gibt aus dieser Zeit auch sehr viel berechtigte Kritik an Stadtplanungsprozessen, würde diese aber kaum in einem Blog über moderne Sozialarbeit erwarten. ;-)

    Nach meinem Verständnis hinterfragt der Beitrag den Wert von Gemeinwesenarbeit als solcher, insbesondere in Problemkiezen. Diese jedoch als staatlich finanzierten Aufwertungsmechanismus von Wohngebieten darzustellen, erscheint mir stark und unzulässig verkürzt. Wie die Beispiele zeigen, geht es bei dieser Form Sozialer Arbeit tatsächlich ja häufig um “lebensrettende Maßnahmen”. Ohne Zweifel gehen die auch mal gründlich schief, aber wieviele erfolgreich geschlichtete Konflikte, wie viele verhinderte Messerstechereien und deren “Beinahe-Opfer” schaffen es denn in die Überschriften von Tagesspiegel, Morgenpost und BZ?

    Sicher unternimmt der Staat viel zu wenig gegen die in diesem Blog wundervoll thematisierte Gentrifizierung. Ich halte es jedoch für unklug, ausgerechnet die (zum Teil) staatlich finanzierten Sozialarbeiter und Kritiker von städtischen Aufwertungsprozessen gegeneinander auszuspielen.

  6. Die Suppe soll schön am Köcheln gehalten werden. Sie soll möglichst nicht überkochen, aber so ganz leicht brodeln soll sie. Deswegen gibt es Sozialarbeit, die aber nie mit den wirklich notwendigen Mitteln ausgestattet wird, denn dann würde es ja helfen, also zu sehr helfen.

    Die allerwichtigste Frage dazu lautet jedoch: Wer hat etwas davon? Ein altes Prinzip, welches Machiavelli gelegentlich erwähnte, könnte(?) eine Erklärung bringen: “divide et impera”


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