Verfasst von: ah | Juli 16, 2008

Die positiven Seiten der Aufwertung

In den Diskussionen rund um das Thema Gentrification taucht immer wieder die Frage nach den positiven Effekten der Aufwertung auf. Auch in den Diskussionen hier im Blog gibt es entsprechende Bezugnahmen. Ich werde es leider nicht schaffen, auf alle Kommentare direkt zu antworten, freue mich aber über die anregenden Debatten zu den Beiträgen. Mit der Schnelligkeit des Mediums noch nicht ganz vertraut, werde ich aber nach und nach versuchen, einzelne Fragen und Argumente in späteren Blogbeiträgen aufzugreifen.

Doch zurück zur Frage nach den positiven Seiten: Aus einer oberflächlichen Perspektive können sicherlich die Wiederherstellung der historisch mehr oder minder wertvollen Bausubstanz und die Beseitigung städtebaulicher Defizite benannt werden. Doch wie fast alle Entwicklungen in der Stadt sind auch Aufwertungsmaßnahmen soziale Prozesse und sollten nach ihren sozialen Auswirkungen hinterfragt werden.

Die Vorteile der Aufwertung liegen dabei relativ klar auf der Hand: für alle, die es sich leisten können, wird ein angenehmes innerstädtisches Wohnambiente geschaffen; aus einer stadtentwicklungspolitischen Perspektive verschwinden problematische und vielleicht sogar gefährliche Nachbarschaften; Feministinnen betonen vielfach die mit der Gentrification eröffneten Möglichkeiten, aus traditionellen Geschlechterbeziehungen der Haushaltsführung auszubrechen und nicht zuletzt für viel Eigentümer/innen ist es ein lohnendes Geschäft.

Die sozialen Kosten lassen sich jedoch meist ebenso klar benennen: Verdrängung sozialschwächerer Haushalte aus ihren bisherigen Wohnquartieren; steigende Wohnkosten, die von Jens Dangschat als „Verdrängung aus dem Lebensstil“ bezeichnet wurden und die Gefahr eines Heterogenitätsverlustes in den Nachbarschaften.

Wie viele andere soziale Prozesse bringt die Gentrification also Gewinner/innen und Verlierer/innen hervor. Dies ist an sich nicht weiter verwunderlich – doch wenn es ausgesprochen wird, steht regelmäßig der Vorwurf im Raum, man wolle „jede Veränderung verhindern“. Das ist erstaunlich, denn mit der Kritik an den sozial negativen Effekten der Aufwertung ist nur selten eine Verweigerung von Veränderungen verbunden.

Vielmehr geht es ganz grundsätzliche Veränderungen. Neil Smith und Peter Williams haben es bereits 1986 in der Einleitung ihres Gentrificationbuches formuliert:

“Langfristig ist die ‚Dekommodifizierung‘ der Wohnungsversorgung die einzige Verteidigung gegen Gentrification… Anständige Wohnungen und Nachbarschaften sollten ein Recht und keine Privileg sein. Natürlich ist dies nicht mit einer Reihe von Reformen zu erreichen; vielmehr wird es politische Umwälzungen brauchen, die tiefgreifender sein werden, als die sozialen und räumlichen Veränderungen, wie wir sie heute kennen.”

Bis dahin werden wir uns aber mit Alternativen und eben den kleinen Reformen beschäftigen müssen. Ein gutes Beispiel hat Tim in einem Kommentar hier im Blog angesprochen:

Der Unterschied zwischen diesen Sanierungsprogrammen und dem nach der Wende im Osten der Stadt war nach meiner Ansicht, dass in Kreuzberg die Bewohner mit eingebunden worden sind. Die Bewohner konnten mit entscheiden, welchen Wohnstandard sie sich leisten wollen und können. Stattdessen ist z.B. im Prenzlauer Berg vieles den Investoren überlassen worden. Da ging es primär um steuerrechtlich motivierte, aber strukturell unsinnige Abschreibungsprojekte. Die den Anlegern versprochene Rendite konnte nur durch Luxussanierung ereicht werden – wenn überhaupt…

Ohne jetzt detailliert auf die Ergebnisse der Behutsamen Stadterneuerung in Kreuzberg einzugehen, sei hier noch darauf verwiesen, dass die beschriebene Beteiligung der Bewohner/innen vor allem auf der Basis einer umfassenden öffentlichen Förderung der Maßnahmen und der Aufhebung privater Eigentumsverhältnisse während der Sanierungsmaßnahmen ermöglicht wurde. 100 Prozent geförderte Modernisierungen und der Aufkauf der Sanierungsgebiete durch sogenannte Sanierungsträger stellten einen tiefgreifenden Eingriff in den kapitalistische Wohnungsmarkt dar. In den 1990er Jahre in Ostberlin wurden selbst Mietobergrenzen als „Sozialismus in Prenzlauer Berg“ diskreditiert…


Responses

  1. Leider gehst Du weiter nicht auf die frühere Frage nach Positivbeispielen ein. Auch bleiben die in diesem Beitrag zitierten Forderungen sehr diffus.

    Was – konkret – sollten Stadtplaner tun, um die Situation zu verbessern, die Du kritisierst?

    Und nochmal: Welche Stadtteile haben es geschafft, ihren Wohnwert zu verbessern ohne dabei die vorherigen Einwohner zu verdrängen?

    „Natürlich ist dies nicht mit einer Reihe von Reformen zu erreichen; vielmehr wird es politische Umwälzungen brauchen, die tiefgreifender sein werden, als die sozialen und räumlichen Veränderungen, wie wir sie heute kennen.“

    Ok – welche Umwälzungen sollen dies sein?

  2. Lieber H., eigentlich hatte ich gehofft, mit diesem Blogeintrag ein paar deiner drängenden Fragen zu beantworten – wenn auch sicherlich nicht erschöpfend. Zum einen gibt es den Verweis auf die Behutsame Stadterneuerung, also einer Sanierungspolitik, die behutsam mit der Bausubstanz und der Bewohnerschaft umgeht und weitgehende Beteiligungsmöglichkeiten ermöglicht. Dazu habe ich versucht, zwei dafür konstitutive Bedingungen zu formulieren: die Förderung der Maßnahmen und die Einschränkung privater Eigentümerinteressen. Wie du siehst, sind das keine Handlungsanleitungen für Stadtplaner, sondern eher Forderungen an die Stadtpolitik. Die von dir aufgegriffenen „Umwälzungen“ von denen Smith und Williams sprechen, gehen ja in die selbe Richtung. Sie sprechen von einer „Dekommodifizierung der Wohnungsversorgnung“, also von der Zurückdrängung der Warenförmigkeit bzw. einer marktferne Organisation der Wohnungsversorgung. Wenn du so willst, könnten wir die von mir beschriebenen Elemente der Behutsamen Stadterneuerung als Teil einer solchen Dekommodifizierungsstrategie verstehen. Städtischen Bedingungen sind ja meist sehr konkret und von Stadt zu Stadt verschieden, so dass sich Instrumente für eine sozial verträgliche Stadterneuerung nicht pauschal im Internet entwickeln lassen werden. Die sozialen Effekte städtischer Veränderungen müssen also immer in der Wirklichlkeit vermessen, verhandelt und erstritten werden.

  3. Tatsächlich habe ich bisher nicht das Gefühl, dass Du die Fragen beantwortet hast oder beantworten willst. Du geißelst Veränderungen, vermeidest aber eine konkrete Antwort auf die naheliegende Frage „Was stattdessen tun?“

    „Zurückdrängung der Warenförmigkeit bzw. [eine] marktferne Organisation der Wohnungsversorgung“

    Was Du da beschreibst und forderst ist – zumindest in Teilen – eine Utopie. Deshalb bleibe ich neugierig auf Beispiele, wo diese Utopie irgendwo auf der Welt – gegenwärtig oder in der Geschichte – so umgesetzt wurde, wie Du es Dir wünschst. Kannst Du welche nennen?

  4. Er hat bereits das Beispiel Kreuzberg genannt.

    Außerdem ist die Behauptung etwas müsse schonmal geschehen sein oder gerade geschehen, um in Zukunft geschehen zu können historischer Pessimismus. Die Aussage ,,das gabs ja noch nie“ kann und darf nicht als Argument für die feige Rumgedrugserei des ,,das wird nie klappen“ dienen.
    Der Utopievorwurf blamiert sich einer konservativen Neurose des am bereits Dagewesenen festhalten zu wollen und macht ihre Kritik vollends lächerlich.

    PS: In einer planerisch sich selbst und ihre Umwelt gestaltenden Gesellschaft, würde es keine Gentrification geben.


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