Verfasst von: ah | Juli 26, 2008

Frankfurt/Main: Verdrängung im Ostend?

Die Immobilienbeilage der Frankfurter Rundschau titelte in der aktuellen Wochenendausgabe „Frankfurt im Wandel. Phänomen Gentrification: Im Ostend ist soziale Verdrängung am wahrscheinlichsten„. Es gibt leider keine Onlinefassung des Beitrages von Nicole Brevoord. Neben einigen allgemein gehaltenen Erklärungen zur Logik von Aufwertungsprozessen werden Gentrificationprognosen für einzelne Frankfurter Stadtteile formuliert. Empirisch gehen die Einschätzungen vor allem auf die jährlichen Wohnungsmarktberichte von Corpus Sireo Makler zurück.

Verantwortlich für aktuelle Aufwertungsdynamiken seien vor allem der Zuwachs im Bereich des Finanz- und Kreativsektors, der die Nachfrage nach arbeitsplatznahen innerstädtischen Wohnungen verstärke. Insbesondere Stadtteile mit einfachen Wohnlagen, die über Aufwertungspotentiale verfügen, sind von Gentrification bedroht.

Optimal erscheint dafür das Bahnhofsviertel zu Füßen der Bankentürme. Eine Gentrification schließt Architekt Martin Wilhelm vom Stadtentwicklungsbüro BB22 hier dennoch aus: „Die Stadt unterstützt die Eigentümer bei der Renovierung, damit es nicht zu Verdrängungsprozessen kommt.“

Anders wird die Entwicklung im Ostend eingeschätzt:

Neue Straßen und eine Brücke sollen dort gebaut werden, um ein schickeres Ambiente zu schaffen. Der Glanz der Europäischen Zentralbank auf dem Großmarktgelände soll ab 2012 zusätzlich auf das sich wandelnde Umfeld abstrahlen. Das Ostend wird hip.

Aufwertungen werden auch im Gutleutviertel und am Westhafen erwartet. So werden für den Westhafen Luxuseigentumswohnungen und Szenelokale am Main beschrieben.

Wie eine Parallelwelt liegt die Marina am Rande des von eher einkommensschwachen Bewohnern geprägten Gutleutviertel. Engagiert versucht Pfarrer Johannes Herrmann dort zwischen alten und neuen Bewohnern zu vermitteln. Doch auch er sieht Nachteile: „Die Mieten werden in den nächsten Jahren steigen.“ Ein paar kleine Läden haben auch schon zugemacht. Für die kaufkräftige neue Klientel wurde jedoch indes ein großer Supermarkt errichtet. Die Zeiten ändern sich, das Viertel auch.


Responses

  1. Erstmal Danke für den Hinweis hätte den Artikel wohl überblättert.

    Interessant an dem Prozess im Ostend finde ich auch welche Rolle die Universität spielt bzw. ob sie eine spielt. Den wenn auch hier die „grösste Bildungsbaustelle Europas“ auf dem „schönsten Campus Europas“, so die Selbstbeschreibung, auf dem Gelände der ehemaligen IG-Farben, existiert so sind die Auswirkungen auf den Stadtteil eher gering. Anders als z.B. beim Campus Bockenheim wird hier anscheinend ganz bewusst versucht Campus und Stadtteil zu trennen. So sollen auf dem Campus eigene Einkaufsmöglichkeiten und große (PPP-) Wohnheime entstehen.

    Dazu wird es voraussichtlich Anfang dieses Wintersemesters eine unabhängige Veranstaltungsreihe geben.

  2. Das Problem in Frankfurt: Frankfurt ist recht klein. Rund die Einwohnerzahl von Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Bezirk Berlin Mitte. Frankfurt etwa soviel Arbeitsplätze wie Einwohner. Die Dramatik bei der Verdrängung dort ist, dass es kaum Wohnquartiere gibt, in die die einkommensschwachen Einwohner verdrängt werden können. Die Wohnsituation im Rhein-Main-Gebiet ist katastrophal. Der Speckgürtel um FFM hat auch kaum Sozialwohnungen.

    Wenn der Mietpreis- und Verdrängungsdruck anhält, dann sind Verhältnisse, die wir nur aus internationalen Metropolen aus dem TV kennen – fünfköpfige Familie auf 2 Zimmern – vorprogrammiert. Mit der Verdrängung aus der Stadt vergrössert sich der Weg zum Arbeitsplatz. Für Geringverdiener wird es dann schnell nicht mehr wirtschaftlich lohnend.

    Frankfurt kann sehr dramatisch werden, gerade wenn man sich die weiteren Projekte ansieht – Flughafenerweiterung, Airport-City/Gateway Gardens


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