Verfasst von: ah | September 16, 2008

Berlin: Neue Initiativen gegen Aufwertung und Verdrängung

Stadtentwicklungsthemen haben in den vergangenen Monaten einen festen Stellenwert in der Berliner Initiativenlandschaft eingenommen: MediaSpree, die Eröffnung der O2-Halle, steigende Mieten in Kreuzberg und Prenzlauer Berg… In vielen Bereichen regt sich der Protest:

So gibt des die AnliegerInitiative Marthashof (AIM) jetzt auch im Internet. Viel Erfolg!

Die Anliegerinitiative Marthashof (AIM) entstand im Frühjahr 2008. Als engagierte Bewohner der Oderberger Str., Schwedter Str. und der Kastanienallee mussten wir erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass an uns vorbei geplant worden war, und gebaut werden sollte: eine schöne neue Welt, die die Atmosphäre des Kiezes nutzt und kommerziell verwerten möchte.

Auch um Neubaupläne geht es bei der Nachnutzung des Flughafens Tempelhof. Gleich zwei neue Webseiten gibt es zum Thema:

Die Bürgerinitiative Nachnutzung Tempelhof (NANU THF) fordert den langfristigen öffentlichen Besitz des Geländes und ein zehnjähriges Planungsmoratorium um eine intensive und ernsthafte Bürgerbeteiligung sicherzustellen.

Auch die Initiative Tempelhof für Alle! setzt sich für die die Öffnung des Areals des ehemaligen Flughafens Tempelhof ein und fordern eine soziale Nutzung des Geländes statt Baufläche für InvestorInnen.


Responses

  1. vielen Dank nochmal für den Gruß, der uns seinerzeit bereits wenige Minuten (!) nachdem wir online gingen erreichte, und das gegen Mitternacht…
    AIM ist nie untätig: so haben wir das Wort an den Regierenden Bürgermeister Berlins, der morgen, Freitag 31.10.08, die Kastaniengärten in der Schwedter Straße besuchen will, in Form eines offenen Briefes gerichtet:

    Sehr geehrter Herr Wowereit,

    am kommenden Freitag, dem 31.10.2008 werden Sie zu einem Grußwort an die Bau­schaffenden anlässlich des Richtfests des Projektes „Kastaniengärten“ erwartet. „Umrahmt von kulinarischem und musikalischem Genuss“ sollen Sie als Regierender Bürgermeister Berlins diesem Bauvorhaben gleichsam einen säkularen, öffentlichen Segen erteilen.

    Wir, die Nachbarn und Initiativen vor Ort, möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass dieses Projekt (wie auch die benachbarten rechts und links der „Kastaniengärten“) von einer Vielzahl von Bürgern keineswegs willkommen geheißen wird, und wir es somit als ausge­schlossen betrachten, dass Sie dessen Investoren in unserem, der Bürger und Nachbarn Namen willkommen heißen können.
    Trotz jahrelangem Lärm und Schmutz während des Bauens, an dessen Ende die Ver­dunkelung unserer Wohnstätten steht, ziehen wir als Anwohner es vor zu bleiben und zu den Wurzeln des Problems vorzudringen: politische Entscheidungen, die fragwürdigen städte­planerischen Zielen huldigen, ohne deren ökologische, soziale sowie ökonomische Konse­quenzen für die Menschen zu berücksichtigen.

    Als AnliegerInitiative Marthashof möchten wir Sie mit diesem offenen Brief auf städte­planerische Missstände aufmerksam machen, dafür die Übernahme von Verantwortung durch Sie als gewählten Politiker einfordern und unserem Wunsch nach mehr Bürgerbetei­ligung Ausdruck verleihen.

    „Innerstädtische Verdichtung“ zugunsten der urbanen Peripherie wird unbesehen zur Leitlinie erhoben. Diesem Umstand fallen nun also die letzten Brachen zum Opfer, die unter Aber­tonnen von Beton begraben werden, statt sie zu grünen Lungen für Mensch und Natur zu kultivieren. So hat das Gebiet um den historischen Marthashof an der Schwedter Straße auf­grund seiner besonderen Geschichte bislang nie eine dermaßen verdichtete und versie­gelnde Bebauung erlitten wie nun mit den geschichtsvergessenen Wohnbauten der „Resi­denz Prenzelberg“, der „Kastaniengärten“ und des „Marthashof“.

    Was geschieht hier? Finanzkräftige Bewohner vom Stadtrand und aus dem Umland, noch lieber internationales Zweitwohnungsklientel, sollen in die Innenstadt gelockt werden. Dort verdrängen sie allerdings die Alteingesessenen, die sich die dadurch „aufgewerteten“ Mieten und Lebenshaltungskosten nicht mehr leisten können, und dann wiederum in die Peripherie ziehen. Hinter diesem Aufwertungsszenario steht letztendlich eine Gesamtstrategie: die Zu­richtung der Stadt für das sogenannte „neue Berliner Bürgertum“. Dabei werden die Bedürf­nisse der bisherigen Bewohner jenen dieser neuen Bevölkerungsschicht klar und ohne Ausgleich untergeordnet. Mit dem Besuch des Richtfestes der „Kastaniengärten“ machen Sie sich zum Fürsprecher dieser Interessen.
    Und ob Yuppies, Schwaben oder Bayern, Russen oder Amerikaner, das ist nun wirklich egal: einzig deren Liquidität zählt, denn die Domizile liegen im 3000 €/qm-plus-Bereich. Von Investorenseite hört man, so ab 5000 € netto Einkommen sollte das „neue Berliner Bürger­tum“ im Monat auf dem Konto vorfinden. Nein, für Arme wird in diesem „neuen Berlin“ kein Platz mehr sein. Aufgrund des höheren Steueraufkommens wird die Stadt zur Freude ihres Finanzsenators zwar nicht mehr ganz so arm sein. Aber „sexy“, Herr Wowereit, ist dieses neue Berlin dann gewiss auch nicht mehr!

    Nehmen Sie das Beispiel des benachbarten Neubauprojektes „Marthashof“. Hier wurde gezielt manche Nebelkerze gezündet. Auf Anfragen, was für ein Bau im historischen Mar­thashof-Gelände geplant sei, erfahren wir im Frühjahr 2007 von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, dass eine aufgelockerte, niedere „Townhouse-Bebauung“ geplant sei. Genehmigt wird aber schließlich ein monströser, die Umgebung durch 6 Geschosse ver­schattender Riegelbau. Auch die als städtisches Ziel formulierte weitgehende Beibehaltung des Baumbestandes fand vor den Bedürfnissen der Investoren keine Beachtung.
    Unsere Ablehnung hat indessen nichts mit dem Kultivieren irgendwelcher Investoren-Feind­bild-Klischees zu tun. Wir von der AnliegerInitiative Marthashof, haben die Investoren der Stofanel Investment AG als durchaus offene und kommunikative Verhandlungspartner kennengelernt.
    Jedoch lehnen wir solchermaßen gestaltete Verfahren ab, bei denen über die Köpfe der Bürger und Wähler hinweg gehandelt wurde, indem ein Grundstück, ursprünglich als öffent­licher Park geplant, durch eben diese öffentliche Hand still privatisiert wurde. Wir kritisieren einen Gestaltungswettbewerb, über den die Anwohner nicht einmal informiert wurden. Die Fehler, die bei der Umsetzung des Projektes „Marthashof“ begangen wurden, sind klar politisch.

    Oder schauen Sie in den benachbarten Wedding, wo Herr Wieland (SPD) als Vorsitzender des Hauptausschusses Finanzen aus seinem Herzen keine Mördergrube macht: im Lokal „Mauersegler“ gibt er bei einer Podiumsdiskussion mit Politikern zum Thema „Fertigstellung des Mauerparks“ am 23.06.08 zu verstehen, dass er lange als fix betrachtete politische Entscheidungen wieder aufweichen will. Seinen Beitrag zur Vollendung des Mauerparks sieht er nicht etwa in der Unterstützung eines von den Bürgern angenommenen öffentlichen Parks, sondern in der Werbung für eine Townhouse-Bebauung auf dem Gelände der Vivico GmbH. Auch hier sollen Finanzinteressen vor Bürgerinteressen den Vorrang erhalten

    Nein Herr Wowereit, für uns, die wir den Prozess der Gentrifizierung nun hautnah erleben und erleiden dürfen, kann weder die Grundsteinlegung des „Marthashof“ im vergangenen Monat, noch das Richtfest der „Kastaniengärten“, zu dem Sie Ihre Stimme erheben wollen, ein Grund zum Feiern sein:
    Nicht etwa weil wir Angst vor den 600 oder mehr neuen Nachbarn auf einen Schlag hätten, die selbst darunter leiden werden, dass für die zwangsimplantierten „urban villages“ keinerlei Infrastrukturmaßnahmen vorgesehen sind. Sondern weil auf der Rückseite der Oderberger Straße auf breiter Front Einzug hält, was bislang verhindert werden konnte: hingeklotzte Neubaublocks, Bauten wie die „Kastaniengärten“, deren Erbauer sich in ihren Hochglanz­broschüren mit fremden Federn schmücken: „In unmittelbarer Nähe des neuen Wohn­quartiers konnten die bereits restaurierten Mietshäuser aus der Kaiserzeit weitgehend erhalten bleiben“.
    Dass diese Gebäude in der Oderberger Strasse erhalten werden konnten, verdanken wir jenen, die vor einem Vierteljahrhundert hier lebten und wirkten: engagierte Bürger der DDR, unter ihnen der verstorbene Bernd Holtfreter, wagten es, sich in Opposition zu ihrer Regierung zu stellen, die Kahlschlag zugunsten von Plattenbauten plante.
    Welch eine Ironie des Schicksals, dass diese Wegbereiter der Wende es erst ermöglicht haben, dass die Häuser nun als Kulisse für anachronistische Neubauten dienen, deren neue Bewohner sich jedoch mit allerlei Sicherheitsmaßnahmen gegen ihre Nachbarn abschotten.

    Und so wird unser Engagement keineswegs enden. Von bloßen Anwohnern wurden wir zur Anliegerinitiative. Diesen Namen haben wir mit Bedacht gewählt, denn jeder, der unser beschriebenes Anliegen teilt, kann sich bei uns engagieren, wie auch unser Engagement weit über „Kastaniengärten“ und „Marthashof“ hinausgreift!
    Und das betrifft nicht nur AIM, die Bürgerintiative Oderberger Strasse BIOS, den Bürger­verein Gleimviertel, die Freunde des Mauerparks, die Bi-Wasserturm; nicht nur die Ossis die hier geblieben, zugezogen oder zurückgekehrt sind, und nicht nur die, die ihre Wahlheimat hier gefunden haben, seien es Wessis oder Menschen von irgendwo aus der Welt.
    Es betrifft alle aktiven und engagierten Menschen, die den Kiez zu dem machen, was er ist, nämlich ein quirliges Kleinod in der Stadt, bekannt über Berlin und Deutschland hinaus, und deshalb auch ein Magnet für Touristen und künftige Neubürger. WIR heißen sie alle willkommen als Bewohner, die sich selbstbewusst und aktiv um ihr Lebensumfeld kümmern wollen und von daher Respekt, auch und vor allem städteplanerischen verdienen.

    Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister, vielleicht wollen Sie all das bedenken, wenn Sie hier bei diesem Richtfest in den „Kastaniengärten“ das Wort ergreifen: Wir versichern Ihnen, Sie werden nicht nur bei den geladenen Gästen dieser Veranstaltung gehört werden, sondern auch von uns, Bürgern des Prenzlauer Bergs, und darüber hinaus.

    Berlin, 29.10.2008

    für AIM: Dr. Adama Ulrich, Silvia Kollitz, Claudia Hering, Jörg Schleicher, Mario Feist


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