Verfasst von: ah | Oktober 8, 2008

Berlin: Hoffnung Finanzkrise?

Annett Gröschner fragt in der aktuellen Ausgabe des Freitag, ob die Pleite auf der Baustelle gegenüber was mit der Finanzkrise zu tun haben könnte. Das wäre ja bei all den neugeplanten Bauprojekten mal ein positives Zeichen. Zumindest ist der Wurm drin:

Als nächstes ging der Bauherr des Grundstücks nebenan pleite. (…) Der Rohbau sieht nun schlimmer aus als die Ruine, die seit 1945 an derselben Stelle stand. Die war nämlich wenigstens noch aus Ziegeln und nicht aus Hohlblocksteinen. Es ist auch anzunehmen, dass hier nicht so schnell enttrümmert werden wird. Die Website des Bauträgers verspricht nach wie vor die Zusammenarbeit mit renommierten Banken. Wahrscheinlich hatten Fannie und Freddie ihre faulen Kredite im Spiel. Und uns bleiben bis auf weiteres zwölf neue nervige Neubötzowviertler nebst Anhang erspart. Die Kreditkrise hat eben mitunter auch etwas Gutes. Besser wäre allerdings gewesen, die Blase wäre schon beim Bau des Kellerfundaments geplatzt.

Definitiv zu spät kommt die Finanzkrise aber für die bereits fertiggestellten Luxuswohnanlagen in Prenzlauer Berg. Ulrike Steglich begab sich auf die Suche nach einem Wohnen ohne Kompromisse. Gefunden hat sie die von den vielen Reportagen genervten Bewohner/innen und eine erschreckende Monotonie in den Townhouses und Urban Villages:

Am späten Nachmittag zieht in den Prenzlauer Gärten Leben ein. Die Sonne wärmt immer noch, auf der Freifläche zwischen den Häusern sprudeln jetzt vier Fontänen, Kleinkinder springen dazwischen herum, Mütter stehen beisammen und unterhalten sich. Eine harmonische Szene. Man braucht eine Weile, um zu begreifen, was daran irritiert: Es ist das monochrome Bild. Die Kinder sind noch klein, die Frauen sind sämtlich zwischen 30 und 40 und ähneln sich auf merkwürdige Weise. Sie wirken selbstbewusst, tragen lässigen Freizeitschick oder dezent-seriöse Kleidung, der man die Qualität ansieht und die sorgfältige Auswahl. Gepflegte Frisuren lassen die Arbeit des Friseurs mehr ahnen als sehen.

Alte sieht man hier nicht, ebenso wenig sehr Junge oder Migranten. Eine dunkelhaarige Frau mit südamerikanischem Akzent sitzt mit zwei Kleinen im Sandkasten, aber sie wohnt hier nicht, sie ist die Kinderfrau. Man wird hier auch kaum Alleinerziehende treffen, ebensowenig wie türkische Familien oder Arbeitslose.

Auf die Frage, warum die Familien sich ausgrechnet in diesen Wohnanlagen eine Wohnung gekauft haben, gibt es von vielen nur zögerliche Antworten. Eine junge Mutter jedoch beschreibt ihre Motive:

Dass sie aus Hamburg kommt, erst vor drei Jahren nach Berlin gezogen ist und zunächst in einem Altbau in Kreuzberg wohnte. Warum sie hier ein Haus gekauft hat, sei doch klar: „Da hat man was Eigenes und zahlt keine Miete. Die Urbanität, mitten im Prenzlauer Berg. Und gleichzeitig das Grün, die Ruhe und Sauberkeit. Die Sicherheit für die Kinder.“ Sie lacht dann doch ein bisschen: „Klar, das ist schon wie ein Dorf hier. Wenn man abends auf der Dachterrasse sitzt, alles ist totenstill und nur die Kirchenglocken läuten nebenan, dann fühlt man sich gar nicht wie in der Stadt.“ Wer hier sonst eingezogen ist? Leute wie sie: Paare mit kleinen Kindern, meist beide berufstätig, Juristen, Designer, Medienleute. „Die wenigsten kommen aus Berlin“, sagt die Mutter. Die meisten seien aus den alten Bundesländern zugezogen.


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