Verfasst von: ah | November 18, 2008

Kneipensterben und neue Gastronomien

Auf Spiegel Online gibt es einen hübschen Artikel zur Veränderung der gastronomischen Infrastruktur in Prenzlauer Berg zu lesen: „Berliner Kneipen-Sterben: Sushi statt Schnaps, Brunch statt Bulette„. Aus der Perspektive eines langjährigen Eckkneipenwirts werden die neuen Bars und Restaurants betrachtet und das langsame Fernbleiben der Stammkundschaft beschrieben.

Voigt ist der Wirt des „Willy Bresch“ gegenüber – einer Berliner Eckkneipen-Institution seit über 40 Jahren. Sein Großvater gab der Gaststätte den Namen, später übernahm sein Vater, seit sieben Jahren führt Voigt Junior den Laden. Und von Tag zu Tag wird ihm klarer, dass er der Vertreter einer aussterbenden Spezies im Szene-Bezirk Prenzlauer Berg ist. Gefragt nach weiteren original Berliner Kneipen wie seiner winkt Voigt nur ab. „Die alten Kneipen im Kiez sind alle weg, auf der ganzen Schönhauser Allee gibt es keine einzige mehr.“

Mit der Verdrängung der früheren Bewohnere/innen verschwinden auch deren Traditionen, so das Fazit des Artikels.

Der Prenzlauer Berg ist ein gutes Beispiel für die Yuppiesierung eines ehemaligen Arbeiterviertels: Das Szenige, Urbane lockt Menschen aus Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen in den Kiez. Der Ausbildungslevel bei den Zuzüglern ist meist höher, sie verdienen stattliche Gehälter im Bundestag, bei PR-Agenturen und Unternehmensberatungen. (…) Der Kneipen-Wandel illustriert die Zahlenkolonnen der Soziologen. Innerhalb weniger Jahre wurden weite Teile der Bevölkerung des Stadtteils ausgetauscht. Fünf von sechs Anwohnern des Kollwitzplatzes sind innerhalb der letzten 15 Jahre in diesen Teil des Prenzlauer Bergs gezogen. Nur noch vier Prozent der Mieter sind Arbeiter, fast jeder zweite Bewohner verdient sein Geld als Freiberufler.

Doch die neu entstandene Läden und Gastronomien nicht nur Ausdruck der Veränderung, sondern verstärken als Menetekel der Entfremdung selbst den Verdrängungsdruck. Das im Beitrag nur untergründig angedeutete Beharren auf eine proletarische Alltagskultur kann als Bewältigungsstrategie der emotionalen Dissonanz gegenüber den Veränderungen der Nachbarschaft gewertet werden:

„In unserer Straße hat ein Biomarkt uffjemacht“, erzählt Wirt Voigt, „die meisten Zugezogenen leben ja eher jesundheitsbewusst. Was ich hier anbiete, ist aber eher nich so jesundheitsfördernd.“ Dann lacht er und strahlt übers ganze Gesicht.

Auch wenn der Berliner Hotel- und Gaststättenverband den traditionellen Eckkneipen in Prenzlauer Berg eher keine rosigen Zukunftsaussichten voraussagt, dem „Willy Bresch“ und seinen Stammgästen sei ein solches Lachen noch lange Zeit gegönnt…


Responses

  1. Heul doch. Also mal ganz ehrlich, in Kreuzberg sind die Kneipen bis auf ganz wenige Ausnahmen nach 30 Jahren auch nicht mehr vorhanden und die Kneipenszene hat sich gewandelt.
    Arbeiter gibt es als Bezeichnung fast gar nicht mehr. Die letzten Fabriken in Berlin gibt es auch nicht mehr und wenn dann arbeiten hier „Montagefachleute“

  2. […] einem Artikel des Spiegel wurde weiteres Kneipensterben befürchtet. Aber der Chef von Willy konnte eine weitere Institution […]


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