Verfasst von: ah | Februar 15, 2009

Baugruppen als freundliches Gesicht der Aufwertung?

Bauwelt 39/40, 2008Baugruppen liegen in Berlin voll im Trend. Auf der Webseite Wohnportal-Berlin sind fast 70 Projekte von Baugruppen verzeichnet. Baugruppen sind meist Zusammenschlüsse von mehren privaten Bauherren, die sich zur gemeinsamen Realisierung von Wohneigentum organisieren. Warum die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer die Baugruppen für einen „sozialen Anker für die Innenstadtquartiere“ hält, bleibt ihr Geheimnis. Die meisten der vom Senat mit einem Baulückenmanagement geförderten Baugruppen tragen dort zu den Aufwertungsprozessen bei. Denn trotz vergleichsweise günstigen Baupreisen (ca. 2.200 Euro/qm) gilt: der Zugang zu den Baugruppen hat das entsprechende Eigenkapital zur Voraussetzung.

Am Beispiel von zwei Baugruppenprojekten im Karl Kunger Kiez in Treptow beschreibt ein Artikel in der aktuellen Ausgabe des MieterEcho („Aufwertung in Alt-Treptow“) die Aufwertungswirkung der Neubauprojekte:

Die geplanten Wohnungen stehen dem Mietwohnungsmarkt nicht zur Verfügung. Stattdessen verstärkt die Baugruppe den Prozess der Gentrifizierung durch die Aufwertung des Wohnumfelds und durch ihre höhere Kaufkraft, die auch Gewerbe für gehobene Ansprüche in den Kiez ziehen wird. Wo mehr Geld ist, kann mehr ausgegeben werden – und da steigen die Preise gleich mit. Ärmere Menschen müssen früher oder später den Stadtteil verlassen, denn mit der laufenden Verdrängung im Kiez verschwinden die billigen Wohnungen.

Ob die Baugruppen dabei tatsächlich als Lückenfüller der Verwertung zu verstehen sind, „welche oft in Baulücken drängen, die für große Investoren unattraktiv sind“ (MieterEcho 332) sei dahingestellt, dass sie der Aufwertungsspirale Schwung geben, wird nicht einmal von den Protagonisten der Baugruppenbewegung selbst bestritten.

In der aktuellen Immobilienbeilage der Berliner Zeitung ist ein Interview mit dem Architekten Sascha Sander vom Architekturbüro Zanderroth zu lesen. Zander hat das Baugruppenprojekt SC11 in Berlin Mitte realisiert. Trotz der manipulativen Überschrift „Der soziale Faktor von Baugruppen“ kann Sascha Zander zum Mythos sozialen Baugruppen nichts beitragen:

Berliner Zeitung: Manche Ihrer Kollegen sehen im Baugruppenmodell ein Instrument, um die Lebensqualität in Kiezen gezielt aufzuwerten…

Sascha Zander: Ich vermute, dass dies als pauschale Behauptung schwierig ist, da weite Bevölkerungsteile ausgeschlossen werden. Das Modell Baugruppe ist keine neue Form des sozialen Wohnungsbaus. In erster Linie handelt es sich um ein gutes Finanzierungsmodell, dass die Einstiegsschwelle für Wohneigentum herabsenkt. Während der Quadratmeter Wohnraum im Prenzlauer Berg von Bauträgern rund 3.000 Euro kostet, drückt eine Baugruppe den Preis im Schnitt auf 2.200 Euro pro Quadratmeter. Das Klientel gehört aber immer noch zur gehobenen Mittelschicht.

Daneben kritisiert Sander die mangelnde Verantwortung in Gestaltungsfragen von Baugruppenprojekte:

In Berlin entstehen häufig interessante Projekte, doch besteht auch die Gefahr, dass sich die Beteiligten zu viel zumuten. Das Phänomen der Baugruppe ist zunächst ein soziales, es geht um demokratische Strukturen und Partizipation -was sich manchmal in bedauerlichen Gebäuden niederschlägt. Die Gestaltung eines Hauses lässt sich nur als kleinster gemeinsamer Nenner demokratisch beschließen.


Responses

  1. […] Auseinandersetzung zwischen “Karloh”, einer dieser sich so fortschrittlich gebendenden Baugruppen , und den in der Kungerkiez-Initiative organisierten Anwohner_innen zum Ausdruck. Noch mehr Links […]

  2. […] Soweit nicht ungewöhliches, haben doch etliche linke Gruppen in der Hauptstadt das Thema für sich entdeckt – doch Hintergrund hier ist ein anderer: mehrere aktuelle und ehemalige Mitglieder der Gruppe sollen sich an sogenannten Baugruppen beteiligen. Anlass Genug für viele, sich mit dem eigenen Verhältnis zum neoliberalen Kapitalismus auseinanderzusetzen. Baugruppen, also der Zusammenschluss privater Bauherren, liegen dabei in Berlin voll im Trend und gelten auch für viele im linken Alternativmilieu als attraktive Lösung der leidigen Wohnungsfrage. Vor allem auf innerstädtischen Freiflächen werden zahlreiche Projekte realisiert.  Von der Politik gelobt und der Verwaltung teilweise gefördert gelten die meist entstehenden Eigentumswohungen als das  “freundliche Gesicht der Aufwertung“. […]

  3. […] Haus Privatwohnungen bauen lassen, also eigentlich Privatwohneigentumsinititativen. ah schreibt im gentrification-blog: “Warum die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer die Baugruppen für […]

  4. […] „Baugruppen als freundliches Gesicht der Aufwertung?“ (15.02.2009) […]

  5. […] Wert des Privatbesitzes steigt. Sie dienen der Senatorin für Stadtentwicklung Junge-Reyer (SPD) als letzte Argumentationshilfe für die abhanden gekommenen sozialen Ansprüche ihrer neoliberalen […]

  6. […] Baugruppen und ihre Rolle innerhalb der Berliner Stadtpolitik wird seit längerem heftig diskutiert. Nicht selten haben sie dabei einiges an Prügel einstecken müssen. Gebrandmarkt als Vorreiter von […]


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