Verfasst von: ah | März 31, 2009

„Am liebsten würde ich wegziehen“ – Endstation Großsiedlung?

Gentrification und Verdrängung werden meist in innerstädtischen Altbauviertel verortet. Insbesondere dann, wenn große Teile der Innenstadt von solchen Aufwertungsprozessen erfasst werden, sind Wohnungssuchende auf preiswerte Wohnungsbestände in den Großsiedlungen angewiesen. Ein Radiofeature bei Deutschlandradio Kultur beschäftigt sich mit den Situationen in Großsiedlungen: „No Future – Das Leben in deutschen Großstädten“ [direkt hören (mp3)].

Mit Beispielen aus Potsdam Drewitz, Berlin Kottbusser Tor und Brauchschweig-Weststadt werden sehr unterschiedliche Stimmungen aus drei Plattenbauquartieren  eingefangen. Insbesondere die Stimmen aus Potsdam Drewitz und Braunschweig-Weststadt belegen, dass insbesondere Wohnsiedlungen am Stadtrand  problematische Entwicklungstendenzen aufweisen und zum Abschieberaum für Einwander/innen und aus den Innenstädten Verdrängten werden. Langfristig – so das Fazit des Beitrages – wird nur eine gesamtstädtische und soziale Wohnungspolitik die Probleme der Großsiedlungen lösen…

Ein Bewohner beschreibt sein Wohngefühl in Potsdam Drewitz:

Haufen Krach, Haufen Ärger mitunter und so. Es macht keinen großen Spaß hier zu wohnen. Aber die Miete ist relativ billig. Am liebsten würde ich weg ziehen, sagen wir mal so, ja.

Elvira Eichelbaum, Rektorin der Drewitzer Grundschule führt die Situation der Ausgrenzung auf stadtpolitische Fehler zurück und fordert ein Ende der Benachteiligung:

Warum sichert man in einem Stadtteil nicht eine Mischung aus Sozialisationen, wie es auch mal angefangen hat? Für mich ist auch auffällig gewesen, warum wird in einem Stadtteil, der der jüngste von Potsdam ist, nichts weiter angeboten? Warum gibt es alle Angebote einfach nur im Zentrum der Stadt Potsdam? Hängt es damit zusammen, dass dort viel mehr einkommensstarke Menschen leben, die auch das Geld haben, die abends gern mal flanieren gehen? Das möchten die Drewitzer sicherlich auch.

Die sozialen Realitäten in den Großsiedlungen sind also aufs engste mit gesamtstädtischen Entwicklungen verbunden. Während der Bewohner aus Drewitz auf den Mangel preiswerter Wohnungen in anderen Tielen der Stadt verweist, die sein unfreiwilliges Wohnen in Drewitz erzwingen, sieht die Rektorin der dortigen Grundschule die Ursache der Benachteiligung vor allem in infrastrukturellen Defizite und einer exkludierende Schwerpunktzsetzung städtischer Entwicklungsprogramme. Hinzu – so betont es der Beitrag – kommen Problem der Stigmatisierung und negativen Aussenwahrnehmung. Am Beispiel von Braunschweig-Weststadt wird dies mit Bevölkerungsumfragen illustruiert:

O-Ton BewohnerInnen:

„Das ist ein Super-Ort hier zum Leben.“
„Vor allem die Einkaufsmöglichkeiten sind super.“
„Man hat hier alles, Ärzte, Apotheke, Bank, alles das, was man braucht.“
„Das ist ein sehr guter Ort, wir fühlen uns wohl hier.“
„Ach, ich wohne hier schon 23 Jahre.“
„Straßenbahn, alles dabei, Banken. Ich würde sagen: Gut.“

O-Ton Innestadtpassant/innen:

„Das ist von den Mietern her so ein bisschen sozialer Brennpunkt.“
„Also ich würde da nicht leben wollen.“
„Das ist mir alles zu neu.“
„Das ist ein Ghetto geworden.“
„Die Weststadt ist für uns so was von unpersönlich, die mögen wir nicht.“
„Hochhäuser, Dreck, schlechte Stimmung.“
„Also das ist der schlechteste Stadtteil hier in Braunschweig.“

Anmerkung: alle Einschätzungen und Beschreibungen beziehen sich auf die selbe Siedlung: Braunschweig-Weststadt


Responses

  1. Mich interessiert die Umfrage zu der Weststadt, da ich gerade zu diesem Thema meine Masterarbeit verfasse. Ist es möglich die Grundlagendaten zu bekommen?


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