Verfasst von: ah | April 28, 2009

Hamburg: „Das schlechte Gewissen des Reichtums heißt von jeher Sanierung“

Einen bemerkenswerten Artikel gibt es in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung: Stadt der Tiefgaragen. In dem Beitrag geht es um die Sanierung am Valentinskamp im Hamburger Gängeviertel.

Die Süddeutsche Zeitung nimmt die Sanierungspläne zum Anlass für eine sehr grundsätztliche Kritik an der Sanierungspolitik der Hansestadt und ordnet die aktuellen Pläne in die Geschichte einer revanchistischen Stadtpolitik ein:

Hamburg ruiniert das urbane Gängeviertel – und nennt das ¸¸Sanierung‘. (…)  Große Städte schämen sich ihrer Arbeiterkultur wie einer schmutzigen, unsittlichen Herkunft. Die Erinnerung an die engen, übervölkerten Quartiere, in denen die Menschen lebten, die den Wohlstand der Stadt erarbeitet haben, wurden im Laufe der Stadtplanungsgeschichte erst hinter Prachtfassaden versteckt, dann Schritt für Schritt ganz zerstört.

Ihm folgten Legionen von Stadtplanern, mal eher feudal, mal eher revolutionär denkend, mal faschistisch, mal bürgerlich-modern geprägt, die mit den immer gleichen hygienischen und pseudo-sozialen Argumenten die Geschichte der Städte entsorgten. Das unverfängliche Wort für dieses schlechte Gewissen des Reichtums heißt von jeher „Sanierung“.

Es ist vor allem Verlust von Urbanität der von der Süddeutschen Zeitung befürchtet wird und die Perspektrive auf die künftige Bewohnerschaft ist nichte gerade liebevoll:

Zwar wird in Hamburg schon seit Jahrzehnten geklagt, dass das Zentrum nach Geschäftsschluss vollkommen ausgestorben ist, aber ebenso konsequent wird hier – wie in vielen anderen Großstädten auch – Künstlern, Galeristen, Studenten, Kneipiers, originellen Einzelhändlern und allen anderen Menschen, die eine Stadt jung und abwechslungsreich halten, jede Grundlage entzogen, sich zu annehmbaren Preisen anzusiedeln und auszutoben. Die Klientel, die man mit teurem Wohn- und Büroraum in die Innenstadt holt, bevölkert aber bekanntermaßen nur Tiefgaragen und Dachterrassen.

Das zentral gelegene Gängeviertel war traditionell des Arme-Leute-Viertel von Hamburg und seit den 1930erJahren seit Ende des 19. Jahrhunderts Ziel verschiedene Stadterneuerungswellen. ..

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden die ersten Sanierungspläne für das Gängeviertel entworfen.  Ziel waren Abrissmaßnahmen und Nebebauung der sogenannten „Gesundungsgebiete“. Dazu zählten insbesondere Wohnquartiere mit hohen Anteilen an SPD- und KPD-Wähler/innen. In Vorbereitung der Sanierungsaktivitäten wurden sogenannte „asoziale Einwohner“ systematisch erfasst und kartiert. Dazu zählten damals „unwirtschaftliche Familien“, „Arbeitsscheue“, „Wohlfahrtsbetrüger“, „sittlich Gefährdete“ und „Querulanten“. Die Kriegsniederlage verhinderte damals den kompletten Abriss des Gängeviertels.

In den 1950/60er Jahren wurden weitere Teile des alten Gängeviertels abgerissen um PLatz für den Straßenbau und das Unilever-Hochhaus zu schaffen. Die letzten verbliebenen Artefakte der traditionellen Bebauung sollen nun von den holländischen Hanzevast-Gruppe geschliffen werden. Geplant ist eine Wohn-, Touristen- und Büroattraktion mit  77 Wohnungen, 15 Ladenräume und sechs großzügige Büroeinheiten und Kosten von 35 Mio. Euro. Vorbild ist der Hackesche Markt in Berlin. Vom alten Baubestand wird nur die Fassade erhalten bleiben.

Zur Geschichte des Gängeviertels:  Schubert, Dirk u.a. 1986: „… ein neues Hamburg entsteht …“. Planen und Bauen von 1933 – 1945. Hamburg, VSA-Verlag


Responses

  1. Ja. Aber…
    Die ersten Sanierungen erfolgten schon früher: Wex- und Kaiser-Wilhelm-Str. wurden 1885 bzw. 1892 durch das Gängeviertel gebrochen, dass durch die unhygienischen Wohnverhältnisse von der Cholera-Epidemie besonders stark betroffen war. Evans, Richard J.: Tod in Hamburg. Reinbek 1990
    Eine gute Literaturliste gibt es im wikipedia-Artikel „Gängeviertel“.
    Mein Hinweis ändert nichts daran, dass man das durchaus als „revanchistische Stadtpolitik“ verschlagworten kann. Pläne gab es aber wohl schon vor 33.

  2. Lieber Andrej Mischerikow,
    danke für den Hinweis! Ich habe die Formulierung im Blog-Beitrag berichtigt.

  3. Übrigens ist auch die „Verlängerung“ der Geschichte interessant: Die BewohnerInnen des Gängeviertels wurde (z.T) in Behelfshäuser nach Hamburg-Horn umgesiedelt, die sog. Ried-Siedlung. Diese wiederum wurde von der stadteigenen Saga „saniert“. Ein Artikel der Hamburger Mopo aus 2005:
    http://archiv.mopo.de/archiv/2005/20051214/hamburg/panorama/warum_stehen_hier_wohnungen_leer.html


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