Verfasst von: ah | April 29, 2009

Berlin Kreuzberg: Verdrängungsangst und Protestoptimismus

In der taz von heute gibt es einen längeren Beitrag zu den Aufwertungsentwicklungen in Berlin Kreuzberg. Gentrifikation in Kreuzberg. Die Furcht vor der Verdrängung. Christoph Villinger beschreibt an am Beispiel eines Mietshauses in der Katzbachstraße  die Folgen von Modernisierungmaßnahmen und die Effekte der steigenden Neuvermietungsmieten. Nicht nur der von der taz befragte Mieter Norbert Arndt macht sich Sorgen um die künftige Entwicklung des Stadtteils:

Immer mehr Kreuzberger stellen sich wie Norbert Arndt die Frage: was tun? Anders als in den Schickimicki-Kiezen in Mitte und Prenzlauer Berg steht den Mietern in der Katzbachstraße nicht einmal eine Milieuschutzverordnung zur Seite. Doch auch wenn man in einem Milieuschutzgebiet wie rund um die Wrangelstraße im östlichen Kreuzberg lebt, ist es schwierig, sich juristisch gegen ungewollte Modernisierungen zu wehren.

Doch da, wo juristisch nichts mehr geht, bleibt immer noch der Protest. Sigmar Gude, Stadtplaner von Topos und seit Jahren mit den Entwicklungen in Kreuzberg befasst, gibt sich optimistisch:

Immerhin ist Stadtsoziologe Sigmar Gude davon überzeugt, dass den Kreuzbergern ein ähnliches Schicksal wie den ehemaligen Anwohnern des Kollwitzplatzes erspart bleibt. „In Kreuzberg“, nennt er den Grund für seinen Optimismus, „gibt es viel zu viel Widerstände gegen eine Aufwertung“.

Hinzu komme die Multikulti-Mischung im Kiez. Gude wörtlich: „Das Bionade-Biedermeier kann hier keine vollständig befreiten deutschstämmigen Zonen schaffen wie in Mitte oder in Prenzlauer Berg“. Das sei auch den Wohnungssuchenden bewusst, die mit einer der schick sanierten Wohnungen liebäugelten. Nach Kreuzberg, meint Gude, kommen vor allem Leute, die mit dieser Mischung leben könnten. „Als Besitzer eines hochwertigen Autos würde ich in der Wrangelstraße nicht ruhig schlafen können.“

Den Weg der individuellen Lösung der Wohnungsfrage gehen jedoch oft die aus dem Alternativmilieu emporsteigenden Baugruppen…

Einen Beitrag zum Erhalt der viel zitierten Kreuzberger Mischung meinen die Mitglieder der Baugruppen-Initiative „Am Urban“ gefunden zu haben. Nach einem aufregenden Bieterverfahren und mit Unterstützung von Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) gelang es der Projektinitiatorin Mary-France Jallard Graetz, den Zuschlag für die 19 denkmalgeschützten Altbauten und das 26.000 Quadratmeter große Gelände des alten Urbankrankenhauses zu bekommen.

„Am Ende werden hier rund 350 Menschen und 80 Kinder leben“, sagt Erwin Meyer, ein Vertreter der Baugruppe, der wie über drei Viertel der neuen Bewohner aus den umliegenden Vierteln stammt – und jahrelang für sich und seine Familie eine Perspektive in Kreuzberg suchte. „Heute sind bereits über 80 Prozent der Wohnungen vergeben“, berichtet Meyer auf der von gut 50 Anwohnern besuchten Versammlung, „rund 40 Prozent der neuen Besitzer sind Freiberufler, 50 Prozent Angestellte und 10 Prozent Rentner“. Ab Anfang Oktober soll Baubeginn sein. Doch auch die Alternative zur Verdrängung hat ihren Preis – rund 2.000 Euro pro Quadratmeter.

Da können nicht alle mithalten:

„Zu teuer und für uns ein unkalkulierbares finanzielles Risiko“, sagt Melanie Behnisch, die zusammen mit ihrem Mann Ahmed und ihren beiden Kindern seit Jahren im Graefekiez wohnt. Auch ihr Haus ist vor Kurzem verkauft worden – an einen Investor in Westdeutschland. Für Melanie sind das ungute Nachrichten: „Nun hängt die Furcht vor einer Modernisierungsankündigung wie ein Damoklesschwert über uns.“

Weil sie auch für ihre Kinder mehr Platz brauchen, dachte die Familie lange über eine Beteiligung an der Baugruppen-Initiative nach. Doch Ahmed ist freier Musiklehrer – keine gute Perspektive. „Was weiß ich, was ich in zwei Jahren verdienen werde, deshalb kann ich mich nicht auf 30 Jahre verschulden“, sagt er.


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