Verfasst von: ah | Mai 5, 2009

Berlin: Standesgemäße Dachgeschosse und Townhouses

Mathias Wedel gibt uns in seinem Beitrag im Freitag eine tiefe Einsicht in seine politische Gefühlslage: Das KaDeWe und die Rosinenbomber-Vita. Vordergründig geht es um die nach wie vor bestehenden Disharmonien zwischen Ost und West in Berlin. Beflügelt von der Vorstellung einer Schließung des KaDeWe („Noch schöner wäre es, es würde eines Nachts – sagen wir in der Nacht vom 16. zum 17. Juni, wenn keine Seele mehr im Hause ist, alle Nachbarn und Passanten gewarnt sind und der Verkehr weiträumig umgeleitet wurde – geräuschlos und feinstaubarm in sich zusammenfallen wie das Kölner Stadtarchiv.„) serviert er uns eine dicke Packung des mentalen Wiedervereinigungsfrustes.

Wenn es zusammenfiele, würde ich mir ein Lächeln spendieren, zumindest nicht verkneifen. Das KaDeWe steht für alles, was ich an den Westberlinern – unter anderem an denen, mit denen ich notgedrungen zu tun habe, wobei wir stumm neben­einander her arbeiten, „nett“ zueinander sind, so tun, als hätte es die Mauer nie gegeben, und selbst leiseste Anspielungen auf unsere unterschiedliche, ja gegensätzliche geografisch-politische Herkunft zwanghaft vermeiden – nicht mag: Ihren ­Demokratie-Dünkel, ihre Rosinenbomber-Vita, ihr „Wir waren eingemauert“-Syndrom, ihre großkotzigen Vopo-Geschichten, ihre Altachtundsechziger- und K-Gruppen-Romantik, ihre Kirchgängerei, dass sie „Viertel vor Zehn“ sagen, dass sie immer noch Harald Juhnke nachtrauern, dass sie mich Ostdeutschen nicht leiden können, dass sie mich nötigen, ihnen Honecker-Witze zu erzählen (aber langsam, damit sie sich alles merken können), und dass sie so riechen wie das KaDeWe.

Schlimmer noch als die Westberliner sind eigentlich nur noch die… genau, die Schwaben. Dass es nun nicht mehr um die kleinen Kolonialisierungen des Alltags sondern um die Übernahme der Ostberliner Innenstadt geht, sollte niemanden wundern. Sind doch ‚die Schwaben‚ ungeachtet ihres empirischen Anteils an der Aufwertung zum Synonym für die neureichen Zuzüge in Ostberlin geworden:

Ich frage mich, warum 20 Jahre Deutsche Einheit vergehen mussten, wenn mich die Westberliner (…)  immer noch so anöden. Oder gar noch mehr, denn alle Neugier auf sie hat sich verloren. Doch noch idiosynkratischer ist mein Verhältnis zu den Schwaben, die auf dem Mauerstreifen an der Bernauer Straße ihre mediterran bunten „Townhouses“ errichten lassen, während drüben auf Westberliner Seite arme Menschen, zumeist Türken, wie leblos aus Fensterhöhlen starren oder Flaschenbier in Hauseingängen einnehmen. Ich meine die Schwaben, die in Ost-Berlin jede Lücke, durch die noch Sonne schien, zubauen, damit sie in Dachterrassenwohnungen residieren, von monströsen, palmenbestückten Aussichtsplattformen auf die Torstraße herabstarren und in Dachterrassenpools planschen können. Sie sind zwar in Berlin, jedoch standesgemäß entrückt, ­darüber!


Responses

  1. Ihr Text ist von einer erstaunlichen Arroganz und von einer erschreckenden Menschenverachtung geprägt.

    Meine Empfehlung: LTI von Victor Klemperer lesen

    • Die vollständige Fassung des ‚menschenverachtenden‘ Textes von Mathias Wedel gibt wie bereits geschrieben beim Freitag zu lesen [http://www.freitag.de/positionen/0918-ost-west-kadewe-gastkolumne].
      Dort gibt es auch schon eine umfangreiche Diskussion zum Beitrag. Autorenschelte oder gerne auch differenzierte Stellungnahmen können dort sicher prima in die Diskussion eingebracht werden.
      Für die Diskussionen in diesem Blog würde ich mir einen stärkeren Sachbezug zu den Blogthemen (Gentrification, Wohnungspolitik, Stadtentwicklung) wünschen.


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