Verfasst von: ah | Mai 27, 2009

Berlin: Kritik an Baugruppen

In Berlin macht seit ein paar Wochen der Witz die Runde, dass die Gruppe Fels (Für eine linke Strömung), sich neuerdings auch mit Fragen der Stadtteilaufwertung und Gentrification beschäftigt…

Soweit nicht ungewöhliches, haben doch etliche linke Gruppen in der Hauptstadt das Thema für sich entdeckt – doch Hintergrund hier ist ein anderer: mehrere aktuelle und ehemalige Mitglieder der Gruppe sollen sich an sogenannten Baugruppen beteiligen. Anlass Genug für viele, sich mit dem eigenen Verhältnis zum neoliberalen Kapitalismus auseinanderzusetzen. Baugruppen, also der Zusammenschluss privater Bauherren, liegen dabei in Berlin voll im Trend und gelten auch für viele im linken Alternativmilieu als attraktive Lösung der leidigen Wohnungsfrage. Vor allem auf innerstädtischen Freiflächen werden zahlreiche Projekte realisiert.  Von der Politik gelobt und der Verwaltung teilweise gefördert gelten die meist entstehenden Eigentumswohungen als das  „freundliche Gesicht der Aufwertung„.

In Einzelfällen – wie dem KarLoh in Berlin Treptow –  haben sich jedoch inzwischen auch Kritiker/innen Gehör verschafft. Neben der Kritik an den befürchteten Auswirkungen für die Nachbarschaft kritisieren Aktivist/innen aus verschiedenen Projekten gegen Gentrifizierung, Mieterhöhung und Verdrängungen auch die Privatisierung einer eigentlich gesellschaftlichen Frage: Baugruppen, linke Mittelschicht und Aufwertung. In einem offenen Brief (als pdf) an die linksradikale Gruppe „Für eine linke Strömung (Fels)„, aus deren Reihen sich einige an der Baugruppe beteiligen, wird eine inhaltliche Auseinandersetzung zu Fragen des Wohnens und der Alltagsbewältigung eingefordert.

Aus dem Offenen Brief „Gentrifizierung hat viele Gesichter – auch das von Fels?“

(…)

Für uns verkörpern derartige Neubauvorhaben die übliche neoliberale Tendenz Privateigentum zu bilden, und so über Marktmechanismen Themen quasi bewußtlos zu bearbeiten, die andernfalls als Konflikte gesellschaftlich und politisch bewußt anzugehen wären: in diesem Fall geht es um gutes Wohnen in der Stadt. Für uns organisiert sich u.a. in dieser Baugruppe der neue Mittelstand, der über Erbschaften, reichere oder wohlhabende Eltern, Anlagen oder einen entsprechenden Job als Ärzte/Ingenieur/Anwalt/Anwältin/Professorin etc. versorgt ist. Dieser zumeist akademische Mittelstand schafft in der Krise Lösungen – für sich selbst. Er macht seine zunehmend  unsicheren Geldvermögen zu vergleichsweise sicherem Immobilieneigentum. Wir beginnen zu verstehen, was gemeint ist mit „Sozial innovativ“ – so charakterisiert sich Gruppe Karloh bei wohnportal-berlin.de. Bei derart privaten Krisenstrategien bleibt Armut strukturell ausgeblendet. (…)

Jetzt fragen wir Euch, Genossen und Genossinnen von fels, wie haltet ihr es mit entsolidarisierenden Krisenstrategien und ihren Trägern in euren eigenen Reihen? (…) Wo werden für euch die Widersprüche unerträglich? (…) Auf welcher Seite dieses Konflikts von Partikularinteressen steht ihr (…)?

Auf die Antworten sollten wir gespannt sein, denn vielleicht ist es der Beginn einer tiefergehenden Auseinandersetzung um die Fragen, wie eine linke Wohnungspolitik auch im Alltag ausehen kann.  Der moralische Normalismus von Hausbesetzen = super | Mietwohnen = in Ordnung | Baugruppe = geht gar nicht wird uns jedoch bei den Diskussionen nicht weiterbringen, denn die im Brief aufgeworfenen Themen der  Privatisierung  des Wohnens und zu Tendenzen des sozialen Ausschlusses weisen über das Problem der Baugruppen hinaus. So gibt es aus meiner Perspektive wenig Gründe beispielsweise eine WG, die mehr als 10 Euro/qm Miete zahlt (also einem Preis, der für viel andere Haushalte unbezahlbar ist) moralisch über eine Baugruppe zu stellen… Aber zumindst ist die längst überfällige Diskussion nun eröffnet. Vielleicht beschäftigt sich ja die Gruppe Fels demnächst tatsächlich mit dem Thema der Stadtentwicklung und organisiert eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zu den Baugruppen und anderen privaten Krisenstrategien.


Responses

  1. Auch das ist eine Baugruppe: http://www.helmholtzplatz.de/es-sind-noch-wohnungen-frei.html

    Macht es einen Unterschied, ob man von einem Immobilienhai oder einer privaten Baugemeinschaft verdrängt wird?

  2. Oder macht es einen Unterschied, wenn man von einer WG, womöglich einer links-politischen, verdrängt wird, die immerhin so viele Einkommen wie bewohnte Zimmer bieten kann? Ja, denn die zieht gerne in den mehr oder weniger schicken Altbau, der vorher womöglich günstige Mietwohnungen geboten hat.
    Baugruppen planen dagegen erstaunlich oft Neubauvorhaben. Ein Mehr an Wohnungen dürfte jedenfalls tendenziell zur Entlastung des Mietwohnungsmarkts beitragen. Oder, andersrum gedacht: Wer in einen Baugruppen-Neubau zieht, kann wenigstens nicht mehr (durch Bereitschaft, höhere Miete zu zahlen) Anderen ihre Mietwohnung wegnehmen.

    Festzuhalten ist, dass Baugruppen in der Regel Eigentums-Konzepte sind. Da sie allerdings nicht auf Erwirtschaftung von Profit ausgelegt sind, können sie unter Umständen günstigere Eigentumswohnungen produzieren als gemeine „Immobilienhaie“.
    Folgt man der Angebots-Nachfrage-Logik der vorherrschenden Wirtschaftslehre, dürfte diese Alternative tendenziell zum Sinken der Marktpreise führen. Und das würde dann – nur mal weiter gedacht – die Gewinnmarge der bösen Haie schmälern. Also theoretisch jedenfalls.
    Praktisch bleiben Baugruppenmodelle bestimmten Milieus vorbehalten, da ein hohes Maß an sozialem und auch finanziellem Kapital nötig sind, sowie eine gemeinsame Mindestwerthaltung unter den Baugruppenbeteiligten. Sie können daher nicht mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein des Wohnungsmarkts.

    Es bleiben drei Hauptprobleme, die Baugruppen hervorrufen dürften:
    1. Es werden Grundstücke bebaut, die dann nicht mehr für andere, begrüßenswertere Bauvorhaben zur Verfügung stehen (seien es sozialer Wohnungbau oder milieuspezifisch offenerer Genossenschaftsbau).
    2. Baugruppen suchen relativ häufig vergleichbar günstige Grundstücke in der Nähe von einigermaßen alternativen Orten. Sie drohen damit die Aufwertung nicht nur weiter zu tragen in bisher als weniger interessant geltende Kieze – sie fallen dort womöglich auch noch durch eine besondere, wahrscheinlich „alternative“ Architektur auf und können so zusätzliche aufwertende Symbolkraft entwickeln.
    3. Baugruppen werden (jedenfalls vom Berliner Senat) als „soziale“ Alternative zum fiesen Wohnungsmarkt angepriesen, stellen jedoch nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung tatsächlich eine Möglichkeit der Wohnungswahl dar. Was bleibt, ist der öffentliche Eindruck, dass es doch tolle Möglichkeiten gibt und alles nicht so schlimm ist.

  3. Ich bin freier Journalsit und befinde mich in der Recherche für einen Artikel über das Phänomen der Berliner Baugruppen. Daher suche mitunter einen kompetenten und kritischen Interviewpartner in Sachen Baugruppenproblematik. Kontakt: andeko@web.de (Andreas)

  4. […] „Berlin: Kritik an Baugruppen“ (27.05.2009) […]

  5. Aus meiner Sicht gibt es keinen pauschal gentrifizierenden Charakter der Baugruppen, wie bei Mietwohnungen und übrigens (erst recht) bei sozialem Wohnungsbau ist die moralische Beurteilung erst mit dem anstrengenden Blick ins Detail möglich. Wie waren selbst Teil einer Baugruppe, in der alle schließlich zur Kredittilgung (trotz sehr, sehr niedriger Eigenkapitalanteile) schließlich deutlich weniger zahlten als sie dies in einer Mietwohnung gemusst hätten. Wir sind Familien, die schließlich mit Kindern oft Entgelt eingebüßt haben, aber deren Platzbedarf stieg und die sich aus finanziellen Gründen neue Lebensräume schaffen wollten, teils auch mussten. Ja, wir sind erwerbstätig und wir haben durch die Entscheidung trotz Platz (und Grün-)bedarfs in der Stadt zu bleiben, letztlich die Kiez-Struktur mitverändert. Aber in Baugruppen, die -wie zu Beginn die meisten- mit viel Eigenleistung arbeiten, müsste die Eigentumsfrage keine sein, die nach wirtschaftlichen Kriterien ausgrenzt. Nicht die Preise sondern folgende Kriterien haben in unserer Gruppe im Ergebnis zu Ausgrenzung geführt, die wir nicht beabsichtigt hatten:

    1. Ganz vorrangig die Kreditvergabekriterien der Banken, die übrigens nicht nur Arme, sondern auch sonst „aus der Rolle fallende“ Interessenten negativ betroffen haben.
    2. Der unterschiedliche soziale Rückhalt bei der (auch risikobehafteten) Entscheidung für eine hohe Kreditaufnahme. Unabhängig von der finanziellen Situation der Interessenten selbst, hat sich die Situation der Herkunftsfamilie bemerkbar gemacht, wenn es darum ging, die Ängste vor eigener finanzieller Überforderung abzubauen.

    Daher meine ich, dass es nicht gilt, eine Diskussion zu führen, ob oder ob nicht Baugruppen moralisch verwerflich, weil potenziell ausgrenzend sind. Es gilt Formen zu entwickeln, die besser integrieren, als dies bisher meist der Fall ist. Dies kann durch gemeinschaftsfinanzierte „sozialen non-profit-Mietraum“, durch kreative interne Kreditweitergaben etc. geschehen. Nicht verhindern wird man, und das finde ich gut, dass durch das Eigentum, aber auch durch Genossenschaftsbindung, eine stärkere Kiezbindung erfolgt, die auch das Interesse an nachhaltiger Stadteilentwicklung steigen lässt. Mit allen bekannten Chancen und Risiken.

    Ja, der einzelne, der in einer Baugruppe mitmacht, agiert damit deutlich innerhalb eines kapitalistischen Systems, dass täte aber der Mieter, der dem Immobiliengroßbesitzer, wie sie gerade auch im „sozialen“ Wohnungsbau vorherrschen, Miete zahlt erst recht.

    Wie kann man es schaffen, dass das Bleiben von sozial und/oder wirtschaftlich Starken nicht das Bleiben von wirtschaftlich Schwachen verhindert. Das sollte die Frage sein.

  6. Danke für den Artikel zu den Baugruppen in Berlin. Ist zwar schon etwas älter aber ich kann „Familienunterkunft“ nur zustimmen. Es sollte bei Baugruppen mehr an Familie gedacht werden.


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