Verfasst von: ah | August 1, 2009

Interview: Die Innenstadt – en vogue und umkämpft

Bei der Deutschen Welle gibt es kleines Interview zu Gentrification und Stadtentwicklungstendenzen zu lesen. Eher Rundumschlag als Fallstudie und eher allgemeinverständlich als tiefgründig: Interview: Die Innenstadt – en vogue und umkämpft.

In Berichten über Brandanschläge auf Luxusautos in Berlin ist mitunter von „Gentrifizierung“ die Rede. Was sich hinter dem sperrigen Wort versteckt, hat DW-WORLD den Stadtsoziologen Andrej Holm gefragt.

DW-WORLD: „Gentrifizierung“ – vielen Menschen dürfte dieser Begriff entweder gar nichts sagen oder sie haben ihn in der Schublade „nebulöses Modewort“ abgelegt. Fangen wir mal klein an: Woher kommt das Wort?

Erfunden hat das Wort die britische Geografin Ruth Glass. Glass hat in den 1960er Jahren den Londoner Stadtteil Islington erforscht. Was sie dort beobachtete, nannte sie „gentrification“, abgeleitet vom englischen Wort für den niederen Adel „gentry“. Der niedere englische Adel ist irgendwann im 18. Jahrhundert vom Rand der Städte zurück in die Zentren gezogen. Ruth Glass hielt das offenbar für eine passende Analogie der Prozesse in London-Islington.

Welche Prozesse hat Ruth Glass denn damit genau gemeint?

Kurz gesagt die Umstrukturierung und Aufwertung innerstädtischer Viertel. Schauen wir uns Deutschland an: Hier war in der Mittelschicht lange der Umzug in die Vororte en vogue, ins Eigenheim am grünen Stadtrand. Einst bürgerliche Stadtteile in den Zentren wurden dadurch von ärmeren, teils migrantischen Haushalten übernommen. Seit den 60er, 70er Jahren kehrt sich diese Stadtflucht um – wie damalsbeim niederen Adel in England. Aus beruflichen und biographischen Gründen zieht es die Mittelklasse zurück in die Innenstadt. Aber auch wohnungswirtschaftliche Interessen richten sich wieder verstärkt auf die Stadtzentren. Häuser werden renoviert und mit der Nachfrage steigen die Mieten. Die können sich diejenigen, die vorher dort gewohnt haben, meist nicht mehr leisten. Sie werden aus den Quartieren verdrängt.

Ist das ein weltweites Phänomen?

Städtebauliche Aufwertung und Verdrängung gibt es weltweit, etwa in asiatischen Großstädten oder in Osteuropa. Erforscht wird Gentrifizierung auch in türkischen Städten und in Lateinamerika, zum Beispiel in Sao Paulo. Natürlich unterscheiden sich die dortigen Veränderungen von denen in Europa. In Sao Paulo etwa gibt es einen Trend hin zu so genannten „gated communities“, also abgeschotteten Stadtsiedlungen.

Lässt sich Gentrifizerung abfedern?

Ja, zumindest in Deutschland, da hier die Wohnungsversorgung und das Mietsystem so stark reguliert sind. Das gibt dem Staat die Möglichkeit einzugreifen. In Berlin zum Beispiel wurde nach dem Fall der Mauer versucht, die negativen Folgen der rasanten Stadtentwicklung zu mindern. Häuser wurden mit öffentlichen Geldern saniert und die Mieten blieben im Anschluss niedrig. So konnten viele der alteingesessenen Bewohner in ihrem Stadtteil bleiben. Auch wurden zum Teil Mietobergrenzen für bestimmte Stadtteile festgelegt. Seit der Jahrtausendwende wurde diese sozialen Instrumente der Stadterneuerung aber deutlich zurückgefahren, um Geld zu sparen.

Mit welchen Folgen?

Die Verdrängung einkommensschwacher Bewohner aus den innenstadtnahen Vierteln hat zugenommen. Die Ostberliner Altbauquartiere Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain beispielsweise sind heute quasi „Hartz 4-freie Zonen“. Empfänger von staatlichen Zuwendungen finden dort mittlerweile keine bezahlbare Wohnung mehr.

Wehren sich Betroffene oft gegen die Umstrukturierung?

Wenn man sich vergegenwärtigt, welche riesigen sozialen Verwerfungen mit Gentrifizierungsprozessen einhergehen, dann gibt es – global betrachtet – vergleichsweise wenig Widerstand. In Deutschland richten sich vor allem Nachbarschaftsinitiativen gegen die direkte Verdrängung von Mietern, deren Wohnung renoviert und teurer vermietet oder verkauft werden soll. Mieterorganisationen versuchen außerdem, die Aufwertung auf juristischem Weg einzuschränken und fordern eine andere Wohnungspolitik ein. Es gibt auch andere Protestformen, zum Beispiel Demonstrationen und sogar Angriffe auf Kneipen oder vermeintliche Luxusautos. Das sind aber meist nur Randerscheinungen.

Gibt es Beispiele einer sozialeren Stadtentwicklung?

Ja. Fast schon Weltruhm erlangt hat die „Behutsame Stadterneuerung“ in Berlin-Kreuzberg während der 80er Jahre. Der Grundsatz war dabei, dass alle Sanierungsentscheidungen mit den Bewohnern abgesprochen werden. Auf ärmere Menschen wurde Rücksicht genommen: Wer keine teure Luxussanierung seiner Wohnung wollte, konnte den Umbau-Standard reduzieren. Im Moment gibt es in Vancouver ein spannendes Projekt. Dort gibt es im innenstadtnahen Downtown Eastside seit einigen Jahren deutliche Aufwertungstendenzen. Darauf hat die Stadt mit dem Bau von Sozialwohnungen auf freien Flächen in der Nähe reagiert. Sprich: Umstrukturierung und steigende Mieten wurden zwar nicht verhindert, aber die räumlichen Exklusionseffekte der Gentrifizierung durch den sozialen Wohnungsbau in zentraler Lage abgeschwächt.

Das Interview führte: Benjamin Braden
Redaktion: Kay-Alexander Scholz


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