Verfasst von: ah | September 3, 2009

Hamburg St. Pauli: „Ich will so bleiben wie ich bin“

Für diesen Sonnabend ist in Hamburg eine große „NoBNQ Bezirksversammlung“ mit Austellungseröffnung, Stadtrundgängen und Konzerten angekündigt:

St. Pauli nimmt sich das Recht auf Stadt:
Gegen Gentrifizierung, Mieterhöhung & Investorenarchitektur.
Sonnabend, 5. September 2009 | ab 14 Uhr

Hintergrund sind die Proteste von Anwohner/innen und Initiativen, die sich gegen die Bau- und Sanierungspläne der Investoren Köhler & von Bargen wenden, die mit einem umfassenden  Aufwertungsplan die Straßenzügen rund um die Bernhard Nocht Straße in ein neues Quartier verwandeln wollen. Im Hamburger Abendblatt (Anwohner kämpfen gegen Bernhard Nocht Quartier) wird der Konflikt wie folgt beschrieben:

Die Altbauten in der Bernhard-Nocht-Straße und der Erichstraße sollen teilweise saniert und modernisiert, in mindestens einem Fall sogar abgerissen werden. Seit dem Bekanntwerden herrscht Unruhe auf St. Pauli. Die Bewohner fürchten, aus ihren Wohnungen vertrieben zu werden.

Die anfängliche Werbung für das geplante „Berndhard-Nocht-Quartier (BNQ)“ ist – offensichtlich in Reaktion auf die Proteste der letzten Wochen – etwas handzahmer geworden. Das Projekt firmiert nun unter dem Arbeitstitel „Bernhard-Nocht-Terassen“ – Hinweisen auf den Verzicht auf Lusxusmodernisierungen und Abrisse sind auf der Webseite der Projektentwickler jedoch nicht zu finden…

Dass die Verdrängungsbefürchtungen der Anwohner/innen keine Phantasieprodukte sind, bestätigt eine Protokollnotiz der Bezirlsversammlung zu dem geplanten Projekt. Die taz schriebt am 31.07.09 in ihrem Beitrag „Die Aufwertungsbremser„:

Anwohner befürchten nun, dass durch Luxussanierungen die Mieten steigen oder teure Eigentumswohnungen entstehen werden. Sie sehen sich in ihrer Furcht bestätigt, denn einer Anwohnerin wurde ein Sitzungsprotokoll aus der Bezirksversammlung zugespielt, in dem es heißt: „Eine Rückkehr der BestandsmieterInnnen in die Wohnungen kann nur erfolgen, falls diese neue Mietverträge abschließen.“ Es bestehe kein Rückkehranspruch und es würden keine öffentlichen Mittel für einen Sozialplan bereitgestellt.

Kein Wunder also, dass sich die Interessengemeinschaft NO-BNQ mit Ihren Forderungen und Aktionen eines wachsenden Zulaufs erfreuen kann. Die Forderungen der Initiative zeigen auch, dass es eben nicht um die Konservierung schlechter Wohnbedingungen geht, sondern um eine schrittweise Verbesserung, die allen sozialen Schichten ein Bleiben ermöglicht:

„Ich will so bleiben wie ich bin“
Wir – die Anwohnerinitiative „NO BNQ“ – wollen dieses Projekt stoppen. Wohnungen dürfen keine Ware werden, mit denen Immobilien-Gesellschaften sich bereichern. Deshalb fordern wir ein garantiertes Bleiberecht für alle jetzigen Bewohner und  keine Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen.

Wir fordern:

  • Sofortige Instandsetzung der Wohnungen und Durchführung der über Jahre verschleppten Reparaturen.
  • Keine Mieterhöhungen!
  • Sofortige Neuvermietung der leerstehenden Wohnungen.
  • Alle Kneipen müssen bleiben – in den Händen der jetzigen Betreiberinnen, zu den bestehenden Konditionen.
  • Keine weiteren Luxuswohnungen oder Eigentumswohnungen auf St. Pauli.
  • Wir fordern eine kulturelle Nutzung für das ehemalige „Erotic Art Museum” (vom Investor “Speicher” genannt) und für die Freiflächen. Mit AnwohnerInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen werden wir Vorstellungen dazu entwickeln.
  • Wenn überhaupt gebaut wird, dann fordern wir öffentlich geförderten Sozialwohnungsbau, vorzugsweise öffentlich geförderte Wohnprojekte. Auch dazu werden wir im Viertel unsere eigenen Vorstellungen entwickeln.
  • Wir werden selbst entscheiden und gestalten was hier passiert oder gebaut wird – und diese Vorstellungen durchsetzen.

In der Nachbarschaft haben wir in den letzten Jahren mit selbst geplanten und öffentlich geförderten Projekten beste Erfahrungen gemacht – Wohnprojekte, Hafenstraße oder Park Fiction tragen zur Vielfalt des Viertels bei, sind innovative Beispiele dafür, wie Lebensqualität für alle geschaffen werden
und eine Stadt nachhaltig interessant bleiben kann. Diese Linie werden wir weiterverfolgen.

A L L E  M Ü S S E N  B L E I B E N  K Ö N N E N !


Responses

  1. Zur Terminologie: von „Berndhard-Nocht-Quartier“ zum Arbeitstitel „Bernhard-Nocht-Terassen“ versuchte man zwischenzeitlich sich mit „less gentrification“ zu profilieren. Hielt sich dann nicht lange auf der Webseite, zur Zeit heißt es „Wohnungsmix mit Kiezqualitäten“.


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