Verfasst von: ah | September 8, 2009

Berlin: Galeristen entdecken eine „Neue Mitte“

Pionierphasen der Aufwertung gehen oft mit dem Mythos der neu entdeckten In-Viertel einher. Hier ein neues Cafe, dort ein Galerie und schon ändert sich der Ruf des Quartiers. Dieser idealtypische Beginn einer Aufwertung funktioniert jedoch nur, wenn es ein Medium gibt, diese symbolischen Veränderungen in die Welt zu tragen.

Ein gutes Beispiel für solche eine symbolische Aufwertung ist auf Spiegel Online zu finden. Unter dem Titel „Berliner Kunstszene: Glamour für die Potse“ wird die beginnende Verwandlung der bisher als Schmuddelecke rezipierten Gegend um die Potsdamer Straße in Schöneberg zur „Neuen Mitte“ herbeigeschrieben. Anlass sind eine handvoll Neueröffnungen von Galerien:

Bezahlbar, runtergekommen und schön – für Galeristen sind das Gründe genug, um in die Potsdamer Straße zu ziehen. Wird die Schmuddelgegend jetzt die neue Mitte? (…)

Schon der Name ist Programm: Die „Neue Mitte“ heißt die Kneipe in der Berliner Kurfürstenstraße 20 mit braunen Riffelglasscheiben, einem grünen Kunstrasenteppich vor der Tür und robusten beigen Gardinen. Es könnte nämlich sein, dass aus der „neuen Mitte“ demnächst ein In-Treff für die Kunstszene wird. Denn die hat gerade die Gegend um die laute, alte, billige und zentrale Potsdamer Straße als neuen Standort entdeckt, zwischen Lützow- und Bülowstraße. Viel Leerstand, viele Billigläden, viele Immigranten – eine von der Stadtplanung vergessene Ungegend gegenüber vom glitzernden Potsdamer Platz. Mit viel Geschichte. Hier gab es Galerien und Verlage wie Rowohlt und Fischer. Hier lebten Fontane, Marlene Dietrich und Joseph Roth.

Natürlich darf der Bezug zu einer ‚Geschichte‘ des Quartiers nicht fehlen. Kaum eine Zuschreibung ist so beliebig gestaltbar und in gewünschte Raumbilder zu integrieren wie historisierende Besonderheiten. Dazu noch eine Prise Pioniergeist und fertig ist der Aufbruch:

Als erste Galeristin zog Giti Nourbakhsch vor drei Jahren in die Kurfürstenstraße, die Entscheidung dafür war eher ein Zufall. (…) „Damals schüttelten die Kollegen den Kopf, dass ich so weit weg gehe, aber mir hat die Nähe zur Nationalgalerie gefallen, dass es ein schwarzer Punkt auf der Landkarte war, und weil ich eine andere Atmosphäre haben wollte als in Mitte.“

Ganz klassisch, als würde uns Sharon Zukin die Transformationen kulturellen Kapitals in einen immobilienwirtschaftlichen Mehrwert erklären, beschreibt auch der Spiegel-Artikel erste Veränderungen im Investitionsverhalten. Kronzeugin ist dabei zunächst die neu ins Gebiet gezogenen Galeristinnen Christine Heinemann, aber die aufgeführten Bauprojekte scheinen deren Einschätzung zu bestätigen:

Und sie sagt, dass sich die Gegend „krass ändern“ wird, „wie in allen Städten, wenn der Leerstand erstmal von Kreativen entdeckt wird“. Erste Anzeichen sind schon da, in der Flottwellstraße steht das Bauschild für ein Eigentumswohnungen-Projekt – glatte langweilige Architektenplanung, die mit der Gegend absolut nichts zu tun hat. Auch in der Potsdamer Straße wird gebaut, aus einem Parkhaus soll ein Hotel werden, obwohl es genug Hotels in der Gegend gibt.

via: Jochen Becker (metrozones)


Responses

  1. Bei so viel „kreativer“ heißer Luft können die Anwohner sicher bald einiges an Heizkosten sparen.

  2. Hi AH,

    seid Ihr (JB & Du) sicher, dass Ihr da nicht den verkehrten Masstab anlegt. Eine Galerie macht noch lange kein Szeneviertel und überhaupt, wer sich für die Niederlassungsfreiheit von Arbeitslosen einsetzt kann sich nicht über die Niederlassungsfreiheit von Galeristen beschweren. Gleiches Recht für alle, bitte.

    viele Grüße,

    Andreas

  3. Hallo Andreas,

    wie kommst du darauf, dass ich die Niederlassungsfreiheit von Galerist/innen beschränken will?
    Ich fand an dem Beitrag ja eher bemerkenswert, dass selbst bei wenigen Neueröffnungen ein Medium wie der Spiegel die Verwandlung in ein Szenviertel herbeischreibt.
    Ganz grundsätzlich hab ich auch nichts gegen Kreativität und Selbstentfaltung in der Stadt – dadurch steigen ja noch keine Mieten. Spannend wird es für mich dort, wo solche kulturellen oder symbolischen Überschüsse eines Quartiers in immobilenwirtschaftlichen Mehrwert verwandelt werden. Meist sind es ja nicht die Hauseigentümer/innen, die zur kulturellen Vielfalt in einem Quartier beitragen – dennoch sind sie letztlich die Nutznießer von Aufwertungsentwicklungen. wir können also sogar von einer spezifischen Form der Ausbeutung (unentgeltlichen Aneignung) kultureller Arbeit durch den Immobilienmarkt sprechen. Denn in der Regel haben ja auch die Künstler/innen selbst relativ wenig von den Aufwertungsentwicklungen – die Mehrzahl von ihnen verlassen ja die Aufwertungsgebiete, wenn es keine günstigen Mieten für Ateliers und Veranstaltungsräume mehr gibt.

  4. Hallo AH,

    wenn man Ihr Argument der leistungslosen Gewinne weiterdenkt, müssten die Aufwertungsgewinne abgeschöpft werden.

    Würde das umgekehrt heißen, dass – wenn Hausbesitzer negativ von externen privaten oder staatlichen Faktoren betroffen sind – einen Ausgleich erhalten?

    Gruß


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