Verfasst von: ah | September 15, 2009

Gentrification: Vom Tabu zum Kampfbegriff

„War „Gentrification“ früher ein Fachausdruck für Stadtsoziologen, ist er heute in der linken Szene ein negativ besetzter Kampfbegriff.“ (FAZ.NET, 15.09.09)

Gentrification ist ein umkämpfter Begriff, weil er die sozialen Konsequenzen der Stadterntwicklung benennt und Gewinner und Verlierer städtischer Aufwertungsdynamiken sichtbar macht. Insbesondere Stadtverwaltungen und Sanierungsträger, die sich lange Zeit zumindest den Ansprüchen einer sozial ausgleichenden Stadtentwicklung verpflichtet sahen, stritten in den vergangenen zwanzig Jahren Verdrängungstendenzen unisono ab. Gentrification, die fand immer nur woanders statt und das mit Verdrängung muss ja auch erst mal empirisch bewiesen werden. Hielten Mieterorganisationen und Stadtteilinitiativen trotzdem an ihren Einschätzungen und dem Begriff der Gentrification fest, wurde ihnen oftmals Einseitigtkeit, Panikmache und Polemik vorgeworfen. Selbst in akademischen Debatten wurde der Begriff für die Analyse von Stadtentwicklungsprozessen weitgehend tabuisiert. Gentrification sei schließlich ein amerikanisches Modell und passe so gar nicht auf die viel stärker regulierten Wohnungsmarktbedingungen in Deutschland. Wurden Aufwertungsprozesse untersucht, war dann meist von Reurbanisierung, Revitalisierung oder unbestimmten Analysen eines „sozialen Wandels“ die Rede. Übertragungen der reichhaltigen theoretischen Ansätze der internationalen Forschungslandschaft auf die Verhältnisse in deutschen Städten blieb die Angelegenheit einer überschaubaren Zahl von Nachwuchswissenschaftler/innen.

Die aktuellen Diskussionen zur Aufwertung des Schanzenviertels in Hamburg weisen eine erstaunliche rhetorische Wende im Umgang mit Gentrificationbefunden auf. In einem Beitrag der FAZ („Yuppies und Randale“) etwa wird der Sprecher der Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft STEG mit folgenden Worten zitiert:

„Die Mietpreise steigen in allen Metropolen – was hier passiert, ist ganz normal“

Ganz im Sinne dieser Normalisierungsstrategie des FAZ-Artikels wird auch der mittlerweile emeritierte Stadtsoziologe Hartmut Häußermann wiedergegeben:

„Gentrification ist ein typisches Phänomen überall in deutschen Großstädten – egal ob im Schanzenviertel, in Berlin-Prenzlauer Berg, im Glockenbachviertel in München oder im Frankfurter Ostend“

Fast klingt es so, als müssten wir uns alle daran gewöhnen. Protest und Widerstand gegen Verdrängung sei zwar irgendwie verständlich aber eben auch spießig und konservativ:

Rüdiger Dohrendorf von der steg kann die Wut innerhalb der linken Szene nachvollziehen: Wer jahrelang unter seinesgleichen wohne und jetzt immer mehr Menschen im Armani-Anzug rumlaufen sehe, der fühle sich provoziert. „Jede Veränderung wird als Bedrohung empfunden“, ergänzt Soziologe Häußermann. „Das ist zwar im Kern spießig, aber auch verständlich.“

Ganz am Ende des Beitrags gibt es dann doch noch einen Rückfall in die alten Argumentationsmuster:

Allerdings, betont Dohrendorf, sei es „eine Lüge, dass die Wohnungsmieten explodieren und deshalb viele Bewohner aus dem Viertel wegziehen“. Grund dafür seien eher Nutzungskonflikte, weil „zu viele“ Besitzer von Wohn- und Geschäftshäusern an gastronomische Betriebe vermieten.

Das glauben wir gerne. Zumal uns die FAZ auch noch eine authentische Anwohnerin präsentiert, die in Reaktion auf die „massive Zunahme von Kneipenlärm und Krawallen“ nun ausziehen will.

„Am Wochenende denkt man, hier wäre der Ballermann“, zeigt sich Anwohnerin Böhm-Rupprecht genervt. „Alle fünf Minuten kommt ein Betrunkener durch die Hofeinfahrt und pinkelt uns an die Mülltonnen oder die Hauswand.“ Die Autonomen nutzen bei Ausschreitungen die Hofeinfahrt und den engen Durchgang zum Spielplatz als Fluchtweg vor den Wasserwerfern der Polizei. Ob Ballermann oder Autonome – Tanja Böhm-Rupprecht hat schon vor dem für 12. September angekündigten nächsten Krawall der Autonomen beschlossen: „Mir reicht es – ich zieh weg.“

So jedenfalls sehen die Verdrängungsopfer in der FAZ aus. Ich will hier weder den Krawallen noch Hauswandpinklern das Wort reden, doch angesichts der Mietpreise in St. Pauli erscheinen mir die beschriebenen Auszugsgründe nur eine geringe Allgemeingültigkeit aufzuweisen.

Erst Anfang September veröffentlichte das  Hamburger Abendblatt die aktuellen Zahlen einer Mietpreisuntersuchung in verschiedenen Hamburger Stadtteilen: „Mieten-Explosion droht in Barmbek und Hamm“. Demnach scheinen weder Autonome noch bepinkelte Hauswände eine wirkungsvolle Abschreckung zu entfalten.

Wer heute eine schöne Altbauwohnung beispielsweise auf St. Pauli mieten möchte, hätte das besser vor vier Jahren machen sollen: Von 2005 auf 2009 ist das Mietniveau nach einer Studie des Hamburger Markforschungsunternehmens F+B GmbH um nahezu 28 Prozent gestiegen


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