Verfasst von: ah | November 11, 2009

Berlin: Zweierlei Aufwertungsperspektiven

In der taz von heute gibt es zwei Beiträge, die zumindest in ihren Überschriften ankündigen, sich mit Gentrification zu beschäftigen. Jan Feddersen erklärt in seiner Kolumne: „Gentrification – na, prima!„, Peter Nowak beschreibt in seinem Beitrag: „Eine türkische Familie unter Druck. Wie Migranten mit der Gentrifizierung zurechtkommen„.

Kurz zusammengefasst fragt sich Jan Feddersen, der selbst im Aufwertungsverdachtsgebiet Nord-Neukölln wohnt, was denn an der Aufwertung eigentlich schlecht sei und lässt uns an seinen Vorstellungen von einer „guten Stadt“ teilhaben:

Ist das okay, dass, mit dieser Urbanisierung, besser: Entghettoisierung, nun Ökoläden Platz greifen, Goldschmieden und Künstlercafés? Natürlich, muss man sagen, denn (…) die Schwabisierung des Prenzlauer Bergs (…) hat (…) in Ostberlin heftig dazu beigetragen, die frühere Hauptstadt der DDR aufzuhübschen – ihr ein ökofarbiges Image zu verpassen. Ist doch nett, in freundlichen Cafés zu sitzen, in nette Clubs zu gehen – das ist dann nicht mehr die gastronomische Kultur jener, die Konstantin Wecker in seinem Lied „Willy“ skizzierte, die stinkenden Bierschwemmen mit den edlen proletarischen Wilden, aber man hat eine gediegene Friedlichkeit um sich, die nur nicht schätzt, wer sich nach jugendlichem Rock n Roll zurücksehnt.

Entsprechend wenig Verständnis gibt es von ihm für die Anti-Gentrification-Haltung der zuziehenden Studierenden, zumal die ja sicher die steigenden Mieten mit Hilfe ihrer Eltern verkraften werden.

Ganz anders der Beitrag von Peter Nowak, der sich mit dem Theaterstücks „“Man braucht keinen Reiseführer für ein Dorf, das man sieht“ (zur Zeit im HAU-Theater auf dem Programm).

Das Stück zeigt, wie sich die viel beschworene Gentrifizierung im Alltag einer fünfköpfigen Familie mit migrantischem Hintergrund auswirkt. Alle Figuren sind gezwungen, sich zu verkaufen – auch wenn sie es selber nicht wahrhaben wollen.

In andere Kontexten wurden solche Zwänge zu mehr Arbeit in Folge steigender Wohnkosten als Verdrängung aus dem Lebensstil beschrieben. Für vergleichbare Familien in Neukölln ist es sicherlich fraglich, ob sie die schöngeistigen Urbanitätsvorstellungen von Jan Feddersen auch noch teilen, wenn die nächste Mieterhöhung ins Haus flattert.

Beide Beiträge verdeutlichen aber nochmal sehr schön, dass es keine pauschale Beurteilungskriterien für Gentrificationprozesse gibt, sondern eine Beurteilung von der eigenen sozialen Lage und Milieuzugehörigkeiten durchdrungen ist. Insbesondere kritische Diskurse sollten deshalb beständig versuchen, die ästhetische Ebene der Diskussion durch eine (Re)Thematisierung der sozialen Aufwertungseffekte zu ersetzen. Anders als subjektive Einschätzungen/Empfindungen zur Quartiersqualität bieten sozialökonomische Analysen etwa zu den Zugängen zu und Kosten von Wohnungen in Aufwertungsgebieten ein halbwegs objektives Kriterium für die Beurteilung der Aufwertungsfolgekosten.


Responses

  1. Zwang zu mehr Arbeit=Verdrängung aus dem Lebensstil????

    Super! Werde ich meinem Arbeitgeber mal so mitgeben, wenn ich mal wieder nach 14 Stunden aus dem Büro taumele…so: „Ich muss ab jetzt immer um 17h nach Hause, weil Ihr mich sonst aus meinem Lebensstil verdrängt!“ Das wird ein Spaß…die Antwort kann ich ja hier im Blog posten…

  2. Hallo Lach Mich-schlapp,

    vielen Dank für deinen Kommentar – und danke für den Hinweis. In der Tat habe ich den Aspekt einer „Verdrängung aus dem Lebensstil“ mit dem Zwang zu mehr Arbeit viel zu verkürzt dargestellt. Gemeint ist der durch steigende Wohnkosten (z.B. durch eine Mieterhöhung) ausgelöste Druck, mehr Geld zu erwirtschaften oder Ausgaben in anderen Lebensbereichen einzuschränken. Beide Faktoren können als ökonomisches Korsett von Lebensstilen beschrieben werden, die sich bei Veränderung dieser Koordinaten eben auch verändern können. Die verfügbaren Zeit ausserhalb der Lohnarbeit spielt dabei aber eine nicht unwesentliche Rolle.


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