Verfasst von: ah | November 19, 2009

Berlin/Hamburg: Veranstaltungsnachlese

Herbstzeit ist Veranstaltungszeit – so jedenfalls scheint es auf stadtpolitische Diskussionen zuzutreffen. Am Wochenende diskutierten über 100 Teilnehmer/innen in Berlin ob und wie „Gentrification für alle – und zwar umsonst“ gefordert und umgesetzt werden kann. Im Hamburger Gängeviertel wurde selbst im Hamburger Abendblatt („Gängeviertel: Künstler laden zur Diskussion„) dazu aufgerufen darüber zu diskutieren „In welcher Stadt wollen wir eigentlich leben?„. Und auch bei Radio Fritz, dem Jugendradio des RBB gab es am Dienstag eine Hörerdiskussion zum Thema Gentrification und Verdrängung: „Gentrifizierungs-Blue-Moon. Das Kapital und die Kiez-Kultur

Ausführliche Nachbereitungspapiere gibt es noch nicht, aber die eine oder andere Reflektion geistert schon durch Netz:

Christian Linde in der jungen welt: „Kampf um den Kiez“ (Berlin)

Samira Fansa, Stadtteilaktivistin aus dem Karl-Kunger-Kiez im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, plädierte für »kleine radikale Initiativen«, die die »Selbstorganisation in den Stadtteilen« mit dem Ziel einer Verankerung in den Nachbarschaften erreichen müßten. Am Beispiel der Konflikte innerhalb der Initiative »Mediaspree versenken!« werde deutlich, daß Hierarchien Widerstandspotentiale verringern. Erforderlich sei auch die Vernetzung mit Projekten in anderen Städten. Matthias Bernt, Politikwissenschaftler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), erinnerte an die begrenzte Wirkungsmacht von Stadtteilkampagnen.

Er verwies auf das im vergangenen Jahr gegründete berlinweite »Mietenstop-Bündnis«, das einen Versuch darstelle, über die linke Szene hinaus in die Mieterschaft hineinzuwirken. Das Bündnis fordert kurzfristig u.a. Mietobergrenzen, ein Ende der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, den Verzicht auf Zwangsumzüge für Hartz-IV-Bezieher und ein Recht auf Hausbesetzungen nach zwei Jahren Leerstand. Das langfristige Ziel müsse der Ausstieg aus der profitorientierten Wohnungspolitik sein, sagte Bernt. Die notwendigen Veränderungen auf bundespolitischer Ebene, etwa im Mietrecht, verlangten nicht nur andere Adressaten, sondern auch neue Bündnispartner. »Soziale Bewegungen sollten sich auf das weitestgehend vernachlässigte Thema Wohnungspolitik einlassen«, appellierte er.

Leute vom Teute: „Pläneschmieden gegen steigende Mieten…“ (Berlin)

Los ging es mit einem etwas trocken-abstrakten Vortrag von Andrej Holm zur Berliner Wohnungspolitik, die sich seit Jahren durch Abwicklung der kommunalen Einflussmöglichkeiten auf den Wohnungsmarkt auszeichnet: Privatisierung des kommunalen Wohnungsbestands, Abschaffung von Mietdeckelung, Einstellung der Förderinstrumente, ersatzloses Auslaufen der Mietbindung in tausenden von Wohnungen, Profitorientierung für städtische Wohnungsbaugesellschaften, und so weiter und so fort… Anschließend teilten sich die knapp 40 Anwesenden in zwei Gruppen auf (eine ging ins Platzhaus) und machten sich im kleineren Kreise Gedanken darüber, wie eine Kampagne gegen steigende Mieten aussehen könnte, wie sich betroffene MieterInnen wieder organisieren könnten und wie sie gemeinsam Druck auf die Politik und den Markt ausüben könnten.

Mietenstop-Blog: „Tüchtig was los“ (Berlin)

Holla! Bre­chend voll war am Frei­tag der Ver­an­stal­tungs­saal im Kreuz­berg Mu­se­um. Im­mer­hin gut 120 Leute waren ge­kom­men, um al­ler­lei Bei­trä­ge zum Thema „Gen­tri­ca­ti­on für alle… – und zwar um­sonst!“ zu hören. Und auch am Sams­tag reich­ten die Stüh­le kaum aus, so voll war es in der BV Teute beim Work­shop zum Stra­te­gi­en­schmie­den gegen stei­gen­de Mie­ten.

Bandschubalde: „Zwischenstand“ (Hamburg)

Im Hamburger Gängeviertel diskutierten heute abend der Künstler Christoph Schäfer, Professorin Ingrid Breckner von der Hafencity Universität und der Soziologe Andrej Holm, Popstar des Gentrification-Diskurses. Es ging um Stadttheorien, um die Idee von Stadt als Unternehmen und um die Funktion von Orten wie dem Gängeviertel als Widerstandsnester gegen solche Vorstellungen. Und am Ende ging es eben auch darum, dass die Stadt Hamburg versucht, diesem Widerstand die Luft rauszulassen, indem sie dem Gängeviertel eine Perspektive bietet. „Worpswede in der Innenstadt“ nannte Schäfer das, und Holm stellte im Bezug auf den US-amerikanischen Ökonomen Richard Florida klar, dass Hamburg eben gar nichts gegen ein Biotop für Künstler hat, solange die sich auf die Kunst beschränken und bitteschön keine weiteren Fragen stellen. Während, das sollte auch nicht verschwiegen werden, von links die andere Behauptung kommt: dass die Künstler nämlich grundsätzlich die falschen Fragen stellen würden, dass das soziale Thema von Künstlern gar nicht angesprochen werden könne, während das Thema Genrifizierung hingegen ein rein soziales Thema sei.

Radio Fritz: „Gentrifizierungs-Blue-Moon“ (podcast)


Responses

  1. Ich hab noch zwei Beiträge beim Netzwerk Freier Radios gefunden. Ein Interview mit Helma Haselberger vom Freiburger Mietshäusersyndikat, die ja bei der freitäglichen Veranstaltung in Berlin mit auf dem Podium saß. Und dann noch einen Bericht über die Veranstaltung von Unternehmen Stadt ÜBERNEHMEN in Leipzig.


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