Verfasst von: ah | Dezember 2, 2009

Radiointerview: Künstler, Stadt und Investoren

Bereits im September anläßlich eines Aktionstages im Hamburger Gängeviertel habe ich bei Deutschlandradio Kultur ein kleines Interview zu Aufwertung, Stadtentwicklung und Alternativen gegeben. Alles nicht mehr ganz aktuell, aber es waren auch ein paar grundsätzliche Gedanken dabei. Alle die es hören mögen: „Nach den Künstlern kommen die Investoren (8:43 min)„.

Habe es rund um die Ausstrahlung verpasst, das Gespräch hier in das Blog zu stellen, vielleicht auch, weil es mir ein wenig peinlich war, nach den Alternativen zu Großinvestoren gefragt, nur auf Genossenschaften und Baugrupppen verwiesen zu haben. Da gäbe es sicher viel mehr zu sagen und eine Perspektive von echter Vergesellschaftung anzudeuten – das hab ich verpasst. Trotzdem hier zum Nachlesen die schriftliche Fassung des Interviews:

Nach den Künstlern kommen die Investoren

Andrej Holm im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Szene-Viertel sind nicht nur bei Künstlern beliebt, sondern neuerdings auch bei Investoren. Die Folge: die Mieten steigen, die angestammte Bewohnerschaft muss sich andere Quartiere suchen. Gegen diese Prozesse wehren sich lokale Initiativen.

Was macht eigentlich das Leben in einer Großstadt attraktiv? Für die einen ist es das Leben im Kiez oder im Szene-Viertel, wo es sich zu günstigen Mieten leben lässt und vielleicht auch noch in kreativer Atmosphäre. Für die anderen muss es first class sein, die schicke Eigentumswohnung direkt neben dem neu gebauten Einkaufszentrum, und andere wiederum wollen beides: schick leben und das möglichst im Szene-Viertel. In vielen Städten allerdings werden diese seit Jahren verdrängt. Großinvestoren kaufen sich ein und errichten dann das, was sie als „hochwertig“ bezeichnen, als „attraktive Innenstadtlage, Traumeigentum mit Skyline-Blick“ und so weiter.

Es gibt viele Beispiele dafür, nicht nur in der Hauptstadt Berlin, wo der Bezirk Prenzlauer Berg mittlerweile das größte Sanierungsgebiet Deutschlands ist. In Hamburg St. Pauli z.B., da wurde am Wochenende auf sanfte Art gegen ein Investitionsvorhaben demonstriert, von dem man erneut die Verdrängung aus dem Kiez befürchtet. Dort, unweit der Hafenstraße, befindet sich die Bernhard-Nocht-Straße, benannt nach dem legendären Hafenarzt und Tropenmediziner. Unser Reporter Axel Schröder hat ein Straßenfest besucht, dem die Initiatoren allerdings einen anderen Namen gegeben haben.

Matthias Hanselmann: Axel Schröder aus Hamburg zu den Protesten gegen das Bernhard-Nocht-Quartier. Bei uns ist Andrej Holm, Soziologe an der Universität Frankfurt Main und dort mit Wohnungspolitik im internationalen Vergleich, mit europäischer Stadtpolitik und „gentrification“ oder Gentrifikation befasst. Guten Tag, Herr Holm!

Andrej Holm: Guten Tag!

Hanselmann: „Gentrification“, das ist das, was andere als „Yuppisierung“ bezeichnen, also genau das, was die Protestierenden in Hamburg, St. Pauli, für ihren Bezirk befürchten. Sind diese Befürchtungen berechtigt?

Holm: Ja, die sind durchaus berechtigt. Wir erleben seit einigen Jahren in den größeren deutschen Städten, also in Frankfurt, Berlin, in Hamburg, aber auch in München solche Aufwertungsprozesse. Es geht dabei in der Regel um die Konversion von ehemaligen Industrie- oder Hafenanlagen, die jetzt neuer Nutzung zugeführt werden, aber eben auch um die umfassende Umgestaltung von Wohnquartieren, die früher als Szene-Viertel, vielleicht als Arbeiterquartiere, einer ökonomischen Nutzung unterlagen, die nicht so viel Rendite abgeworfen hat und mit den neuen Investitionen ändern sich dort die Preise.

Und insofern sind mit Aufwertungsprozessen immer steigende Mieten oder die Umwandlung in Eigentumswohnungen verbunden und das trifft die ökonomisch benachteiligten Haushalte, die dort ja überwiegend wohnen zurzeit, besonders hart, weil die dann in den Gegenden keine anderen Wohnangebote mehr finden und in andere Quartiere der Stadt ausweichen müssen. Und das sind soziale Verdrängungsprozesse, die wir in vielen solchen Städten und Projekten beobachten und die auch in Hamburg durchaus eine reale Gefahr darstellen.

Hanselmann: Die berühmten Häuser der Hamburger Hafenstraße haben viele noch vor Augen, Symbole aus einer Zeit der Hausbesetzungen in den 80er-Jahren in Deutschland. Die gibt es noch, sie sind jetzt eine Art Touristenattraktion. Und Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, CDU, der sich über die Vielfalt in Hamburg ja immer wieder öffentlich freut: Ist das zum Beispiel ein Mann oder gibt es andere Politiker, die die Menschen dort unterstützen in ihrem Kampf gegen die Investoren?

Holm: Na, wir erleben ja Stadtpolitiken, die als unternehmerische Stadtpolitiken bezeichnet werden können. In Hamburg ist das Leitbild Unternehmen Stadt, wachsende Stadt, das heißt, Hamburg will sich in einer internationalen Konkurrenzsituation gegen andere Hafenstädte durchsetzen. Berlin ist auf dem Weg, zur kreativen Stadt zu werden, man will sich als europäische Dienstleistungsmetropole etablieren. Frankfurt soll als Bankenzentrum weiter ausgebaut werden.

Und Stadtpolitiken orientieren sich sehr stark daran, diese Primärfunktion, aus ihrer Perspektive, zu unterstützen. Preiswerte Wohnungen, Räume für alternative, kreative Szenen gehören da nur in zweiter Linie zu den Zielpunkten, das heißt also, wenn Städte sich in solchen Konkurrenzsituationen befinden oder ihr eigenes Handeln daran ableiten, dann fördern sie in der Regel Großinvestoren, die massive Umbauten durchsetzen.

Wir haben in vielen Städten den Begriff der städtischen Visitenkarten für die innerstädtischen Bereiche gewählt, weil das eben in solchen Vierteln wie dem Bernhard-Nocht-Viertel oder auch Mediaspree, das große Investitionsprojekt hier in Berlin, darum geht, die Visitenkarten der Stadt in dieser internationalen Konkurrenz hoffähig zu machen, auf Glanzpapier zu drucken und entsprechend diese Städte an den Stellen umzustrukturieren.

Hanselmann: Das klingt so, als hätten die, wir nennen sie mal Kiezbewohner, die Bewohner von Szenevierteln, überhaupt keine Chance.

Holm: Wenn sich diese unternehmerischen Stadtpolitiken durchsetzen, dann haben die keine Chance oder nur wenig Chancen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich einige Schutzinstrumente, die im deutschen Mietrecht festgelegt sind, die über städtebaurechtliche Verträge gesichert werden können. Es gibt in allen Städten ja auch immer stadtpolitische Oppositionen, die eine Orientierung an sozialer Stadtentwicklung, an sozialen Wohnungsangeboten nicht völlig ausgeschlossen haben und weiterverfolgen, und insofern würde ich es eher als einen umkämpften Raum bezeichnen, den wir da beobachten.

Und die Proteste – sowohl die Proteste hier in Berlin gegen das Projekt Mediaspree als auch die Proteste gegen die Aufwertung in St. Pauli, von denen wir eben gehört haben – die richten sich ja dann stark darauf, auch die Politik in Verantwortung zu nehmen und zu sagen, ihr könnt mit der Stadt nicht machen, was ihr wollt, sondern ihr müsst die Bewohnerinnen und Bewohner mit berücksichtigen und deren Interessen berücksichtigen. Und ob das Erfolg hat, wird nicht zuletzt auch von der Stärke dieser Proteste abhängen.

Hanselmann: Welche Waffen haben denn die Bewohner und Bewohnerinnen? Das Stichwort Gemeinnützigkeit ist, glaube ich, wichtig dabei?

Holm: Na, die stärkste Waffe von Bewohnerinnen und Bewohnern in Städten ist ihre Masse, also sie sind die, die die nächste Regierung auf kommunaler Ebene wählen, sie sind die, die zu Volks- und Bürgerentscheiden antreten können, sie sind diejenigen, die zu großen Demonstrationen oder Manifestationen aufrufen können, um deutlich zu machen, dass es da einen Widerspruch zu diesen Investitionsplanungen gibt und sie sind letztendlich auch die, die in sozusagen kleinen Alltagskämpfen mit Klagen gegen Modernisierungsvereinbarungen et cetera auch ganz praktisch beitragen können, dass solche Projekte verzögert werden oder auch aufgehalten werden. Und das ist eine Praxis, die es in vielen Städten auch schon lange gibt.

Am längeren Hebel sitzen natürlich häufig die Investoren, die mit ihren großen Investitionsangeboten – da geht es ja um mehrere hundert Millionen Euro in der Regel – natürlich die Unterstützung von relevanten Kräften in der Stadtpolitik und in der Verwaltung erhalten.

Hanselmann: Es ergibt sich ja in solchen Regionen manchmal ein fast schon skurriles Bild oder in solchen Stadtbezirken, ein Bild, an das man sich vielleicht gewöhnen werden muss, nämlich dass, ganz konkret mal, in den ausgebauten Dachgeschossen die reichen Zugezogenen leben, und darunter, in den billigeren Wohnungen, die anderen, die Studenten, die Ex-Kiezbewohner, die Künstler und so weiter. Wird man sich an dieses Bild gewöhnen müssen?

Holm: Das würde ja dem Ideal der Mischung in den Städten, dem viele sozial orientierte Stadtpolitiker nachhängen, relativ gut entsprechen. Der Trend geht ja eher dahin, dass wenn solche Verwertungsmechanismen einsetzen, wenn man also in den dachgeschossausgebauten Wohnungen eine höhere Miete einnehmen kann oder den Preis für die Wohnung dort höher setzen kann, als er in anderen Teilen der Stadt eingenommen werden kann, dann führt das dazu, dass natürlich auch die anderen Mietwohnungen unter diesen Verwertungsdruck fallen.

Also, das sind Bilder einer Übergangsphase, wo kreative Nutzung und Studierende und ärmere Haushalte zusammen mit Besserverdienenden in den Vierteln wohnen und Gebiete wie Berlin Prenzlauer Berg zeigen sehr, sehr deutlich, dass diese Übergangsphasen irgendwann kippen und dann Gebiete entstehen, in denen es eine relativ homogene Sozialstruktur gibt, nämlich die, die die höheren Mietpreise bezahlen können.

Hanselmann: Also, aus Ihrer Sicht auch an diesem Punkt wenig Hoffnung für die Zukunft. Können Sie uns irgendetwas nennen, was vielleicht etwas hoffnungsfroher stimmt? Also, welche Möglichkeiten gibt es heutzutage sonst noch, Wohnraum mit Gleichgesinnten zu erwerben, auszubauen und zu nutzen?

Holm: Hm, na, zum einen gibt es ja Instrumente des Mietrechts, des Städtebaurechts, wo man mit behördlichen Satzungen arbeiten kann und sagen kann, wir wollen eine Erhaltungssatzung in einem Gebiet durchsetzen, wir setzen es als politisches Ziel, hier eine bestimmte soziale Mischung zu erhalten. Das ist das eine.

Das andere ist, dass im Alltag von Stadtentwicklungsprozessen ja Alternativen zu Investoren denkbar sind. Also, da sind kleine Käufergemeinschaften denkbar, die zum Beispiel in Berlin gefördert werden, sogenannte Baugruppen, die richten sich jetzt nicht an die ökonomisch Ausgegrenzten und Hartz-IV-Bewohnerinnen, aber an eine soziale Schicht, die nicht zu den oberen Zehntausend gehört, sondern eher klassische Mittelschichtskriterien erfüllt. Und es gibt genossenschaftliche, öffentliche Bauprojekte, die als Alternative zu Investoren zur Verfügung stehen.

Das Problem ist häufig, dass Prozesse einer Genossenschaftsbildung, das Bilden einer Baugruppe sehr langfristige und langwierige Prozesse sind. Das sind ja kollektive Prozesse, wo viele Bewohnerinnen und Bewohner miteinander kommunizieren müssen. Und diese Langfristigkeit wird oft zur Barriere, um diese Projekte tatsächlich zu verwirklichen, weil Stadtverwaltungen mit professionell agierenden Investoren, die die Pläne perfekt geschrieben auf den Tisch packen, viel, viel einfacher zurechtkommen und deshalb auch aus so einer Amtsmüdigkeit, Amtsträgheit heraus diese Investitionsprojekte häufig fördern, eher als dass sie sich die Zeit nehmen, andere Alternativen auszuloten.

Hanselmann: Nach den Künstlern kommen die Investoren, lokale Initiativen wehren sich gegen Verdrängung aus Innenstadtquartieren. Dazu haben wir gesprochen mit dem Soziologen Andrej Holm, schönen Dank!


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