Verfasst von: ah | Dezember 21, 2009

Hamburg: Zeitmaschine der Gentrification

Zufällig bin ich im Netz auf einen Artikel von Tom Schimmeck aus dem Jahre 1988 gestoßen. Das Thema: die Aufwertung der Hamburger Innenstadt. Der Ort: das Schanzenviertel. Die Akteure: Yuppies, Künstler, Alternative. Der Titel: Lachs oder Fladenbrot. Tom Schimmeck über das Hamburger „Flora“ und die „Yuppisierung“ der Großstädte. Tom Schimmeck greift damit eine Kapitelüberschrift aus dem lange Zeit als Standardwerk geltenden Band von Hartmut Häußermann/Walter Siebel „Neue Urbanität“ von 1987 auf. Dort wurden unter dem Titel „Vom Müsli zum Kaviar oder Die Renaissance der Innenstädte“ die Lebensstilübergänge in Aufwertungsprozessen beschrieben.

In Tom Schimmecks Artikel geht es um die hanseatische Variante der Gentrification und Ausgangspunkt sind die umstrittenen und ja auch verhinderten Pläne zur Wiedererrichtung des Musical-Theaters Flora im Hamburger Schanzenviertel. Der Text versucht sich an einer stadtentwicklungspolitischen Einordnung der damaligen Proteste:

Lachs oder Fladenbrot. Tom Schimmeck über das Hamburger „Flora“ und die „Yuppisierung“ der Großstädte. (einige ausgewähltePassagen)

(Tom Schimmeck, Spiegel 36/1988)

(…) Längst ist die Musicalfabrik nur mehr der Aufhänger für eine schärfer werdende Debatte über die „Yuppisierung“ Hamburger Altbauviertel. Stadtteilinitiativler zeichnen das Schreckensbild einer Horde junger zahlungskräftiger Erfolgsmenschen in Designer-Klamotten, die, Drinks schlürfend, ständig nach schicken Luxusgütern Ausschau halten.

Allmählich, aber unaufhaltsam, sagen die alternativen Mahner, würden ganze Bezirke einer „Schickimickisierung“ anheimfallen. Der Effekt: höhere Mieten, neue Läden, Kneipen und Restaurants, die den gehobenen Ansprüchen der Einwanderer genügen können – mit gravierenden Folgen für die Sozialstruktur des befallenen Stadtteils. (…)

Stadtsoziologen haben das Phänomen auf einen Begriff gebracht: „Gentrification“. Akteure dieses Wandlungsprozesses, die „Gentrifier“, haben amerikanische Forscher schon vor langer Zeit ausgemacht: kinderlose junge Paare, vor allem aber die wachsende Zahl der Singles, die in attraktive Bezirke vordrängen, stets auf der Suche nach einem adäquaten Lebensumfeld für ihre ausgeprägten Kultur- und Konsumbedürfnisse.

Auch bundesdeutsche Wissenschaftler beschäftigen sich seit einigen Jahren mit den neuen Städtern. In Metropolen, wo „Mode, Kultur, Banken und High-Tech prosperieren“, schreiben die Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel, tragen die erfolgreichen Yuppies gemeinsam mit den Alternativen die „Reurbanisierung“. Das vereinfachte Schema: Zunächst tritt die alternative Szene mit Intellekt und Kreativität an, um sich eine passende Infrastruktur mit Läden, Kneipen und Kulturangeboten herzurichten. Auf dem Nährboden der Alternativen entwickelt sich später dann, so das Autorenpaar, „ihr Erfolgszwilling, die Yuppie-Kultur“.

Schon damals blieben die Themen der Aufwertung und Verdrängung nicht auf einzelne Stadtteile beschränkt. Die Aufwertungswelle vor 20 Jahren erfasste auch den Stadtteil Ottensen. Auch hier werden die klassischen Pionierfunktionen kultureller Nutzungen und symbolischer Aufwertungen beschreiben:

Konkrete Anzeichen einer Gentrification-Entwicklung macht auch Tobias Behrens, Geschäftsführer des Stadtteilzentrums „Motte“, in seinem bislang bunt durchmischten Stadtteil Ottensen aus. Die Ladenmieten, berichtet Behrens, seien so abrupt gestiegen, daß es ihm seit Monaten nicht gelinge, Räume für einen dringend benötigten Kinderladen anzumieten. Die ersten türkischen Familien wanderten wegen steigender Mieten in ärmere Viertel ab. „Aus jeder Hundehütte“, sagt der Stadtteilkenner, „wird ein Appartement gemacht.“

Einen Auslöser für die „Ladengründerzeit“, durch die Bilderrahmen-Shops, Läden für Naturkosmetik und moderne Plattengeschäfte verstärkt vordringen, sieht Behrens im „Filmhaus“, einem rasch wachsenden Zentrum von Filmschaffenden, das vor einigen Jahren im Stadtteil gegründet wurde. Gleich gegenüber entstand später ein „Medienhaus“, zwei schicke, schnell gutbesuchte Restaurants eröffneten. Die Veränderung, sagt Behrens, geschah „schnell und explosionsartig“: Ein Treffpunkt für schnittige Großstadtmenschen erblühte, die Fußwege sind abends mit Fahrzeugen der gehobenen Mittelklasse zugeparkt.

Und auch vor 20 Jahren lösten die Aufwertungsprozesse heftige Proteste aus. Insbesondere in Vierteln, die von Alternativszenen und Politaktivist/innen geprägt wurden, gab es auch damals einfallsreiche Aktionen gegen die Stadtteilveränderungen. Im Artikel werden auch internationale Beispiele vorgestellt:

Anderswo hat dieser Konflikt schon handfeste Folgen gezeitigt. Als im Kiez von Berlin-Kreuzberg neue Lokale und Läden eröffneten, reagierten Teile der ortsansässigen Szene äußerst unwirsch. Kneipiers und Ladenbesitzer erfuhren im vergangenen Jahr aus einem Flugblatt: „Wer von diesen Leuten keine Abgaben zahlt, fliegt hier raus.“ Die Gruppe „Kübel“ goß in ein „Nobelfeinschmecker-Restaurant“ schließlich „15 Liter edelwürzige Scheiße/Pisse“ – der Laden machte dicht.

In Paris machen sich mittellose Minderjährige an schicke Altersgenossen ran, um ihnen unter Androhung unmittelbaren Zwangs ihre Markenbekleidung abzunehmen. Das Modemagazin „Elle“ riet den Wohlbetuchten: „Geht nicht wie kleine Prinzen auf die Straße.“

In Großbritannien dröhnt den Yuppies, die „wie ein Heuschreckenschwarm“ in Arbeiterviertel einfallen, „Rock Against The Rich“ entgegen. Fensterscheiben von neuen Luxuswohnungen im Londoner East End wurden mit Baumsetzlingen eingeworfen. Parole der Gruppe „Class War“: „Feine Pinkel, verpißt euch.“

Seit einigen Wochen ist auch in Hamburg-Ottensen der Kulturkampf ausgebrochen. Eine Gruppe „Rote Bohra“ frohlockte, nachdem Scheiben der „Schickikneipen“ am Filmhaus zu Bruch gegangen waren, in einer Kommandoerklärung: „Was im Schanzenviertel knallt, macht auch in Ottensen nicht halt.“ Am vorletzten Wochenende eröffneten 300 Unzufriedene im Edellokal „Eisenstein“ kurzerhand eine „Volxküche“, futterten im „Leopold“ in einer Art gemeinschaftlichem Mundraub der zahlenden Klientel das Menü vom Tisch. Zum Dessert wurde Randale gereicht.

Der Wirt, der die ungebetenen Gäste mit Freibier milde zu stimmen suchte, erklärte zur allgemeinen Verblüffung, er habe nur eine „nette Kneipe“ eröffnen wollen, ihm sei „auch kotzübel geworden, als dann die Typen mit den Porsches vorfuhren“.

Typisch für die Berichterstattung und aber auch für ein Großteil der Protestaktionen selbst ist eine weitgehende Kulturalisierung und Personalisierung der Konflikte. Ökonomische Zusammenhänge und politische Verantwortlichkeiten für Gentrification erliegen einer weitgehenden Dethematisierung. „Kulturkampf“ statt Klassenanalyse,  Angriffe auf Erscheinungsformen der Aufwertung statt Auseinandersetzung mit den Ursachen… 20 Jahre Gentrificationprotest und 20 Jahre Gentrificationberichterstattung weisen eine erhebliche Kontinuität auf – und dies ist in diesem Fall kein Ruhmesblatt.

Anmerkung Tom Schimmeck: Der Text erschien im Spiegel 36/1988. Bei der Heftkritik echauffierte sich zu meiner Überraschung vor allem das Auslandsressort. Warum nur? Bald stellte sich heraus, dass der Ressortleiter zu den Stammgästen des „Leopold“ zählte. Ob er Porsche fuhr, ist mir entfallen.

Der gesamte Text ist zu finden in Schimmecks Archiv (Danke  @TomSchimmeck)


Responses

  1. […] gent.-blog macht auf die kontinuität der hamburger auseinandersetzung mit der, wie es damals so schön hies […]

  2. Super Fundstück!

  3. […] aus dem Spiegel, […]

  4. Hört endlich auf mit diesem geistigen Yuppietum. Wer sich über sowas aufregen kann, der hat wahrlich keine wirklichen Probleme. Städte verändern sich, nicht zuletzt durch das Geld, natürlich auch nicht immer zum positiven. Aber Kreativität muss doch auch bedeuten sich anderen Lebensumständen, Vierteln oder Ökogetränken anzupassen. Lasst uns doch mal die Energie, die in diesen ganzen Dissenz fließt in eine sinnvolle Sache stecken, anstatt sich wie die Schafe hinter dem tollen Schlachtwort „Gentrifizierung“ zu tarnen um dann doch wieder morgen in die Agentur zu gehen…Ich glaube im englischen nennt man sowas „pathetic“


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