Verfasst von: ah | Januar 7, 2010

Berlin: „Latte-Laptop-Prekariat“ gegen Luxuswohnprojekt

Farbeier am Verkaufspavillon des Luxuswohnprojekts Marthashof (Juni 2009, Foto: Björn Kietzmann)

Über das Luxuswohnprojekt Marthashof in Berlin Prenzlauer Berg wurde (auch hier)  schon viel geschrieben und geschimpft, denn es steht für den aktuellen Zyklus einer Supergentrification in den Ostberliner Aufwertungsgebieten. Der Begriff der Supergentrification wird nicht etwa benutzt, weil es endlich mal um eine städtische Aufwertung geht, die wir ’super‘ finden können, sondern steht für Aufwertungsprozesse in bereits gentrifizierten Gegenden.

Der kleine Boom an Luxuswohnanlagen in den ehemaligen Sanierungsgebieten von Mitte und Prenzlauer Berg gilt zurecht als Berliner Beispiel für solche erweiterten Aufwertungsphasen. Neben den exklusiven Preisen der Apartments und der baulichen Verdichtung der unmittelbaren Nachbarschaft wurde insbesondere der sozial exklusive Charakter des Projektes immer wieder kritisiert. Die Anwohnerinitiative Marthashof (AIM) mobilisiert seit fast zwei Jahr gegen das Projekt.  Auf The European ist ein schöner und ausführlicher Text zu lesen. Der Titel greift die kunstaffine Selbstvermarktung von Sofanel Investment in schönem Zynismus auf:  „Marthashof, die antisoziale Plastik„.

Ebenfalls auf The European ist eine sehr hübsche Reportage des Wirtschaftsjournalisten Guido Walter veröffentlicht, der sich als Kaufinteressent vom „Sales Consultant“ des Projektes umgarnen ließ: „Ich möchte Teil einer Gated Community sein.


Und so in etwa geht es zu in der Höhle der Löwen im Showroom des Marthashofprojektes:

Der Makler, ein Herr Wolf, ist noch nicht da. Dafür aber Rebecca, seine Assistentin. (…) “Das wird alles bis Ende 2010 fertig”, sagt Rebecca. Was ich denn suchen würde. Ich sage: vier bis fünf Zimmer, aber nicht über 500.000 Euro. Sie lächelt. Kein Problem. “Es ist gated, richtig?” „Nein, nicht gated“, geht sie sofort dazwischen. Aus einem der Nebenräume tönt es ebenfalls empört. “Nein, keine Gated Community.” “Moment mal”, insistierte ich. “Ich finde gated ja gut.” Sofort kehrt Stille ein. “Meine Familie hat ein ausgesprochen hohes Sicherheitsbedürfnis.”

Da naht Herr Wolf. Kein Makler, sondern “Sales Consultant”. Glatze, grauer Designerstrickpullover. Ein kräftiger Handschlag, ein offenes Lächeln. Über das Modell hinweg unterhalten wir uns. “Nein, nicht gated”, sagt auch er. “Nur abends ist zu. Im Sommer ab 21.00, im Winter ab 19.00 Uhr. Das ist ein übliches Verfahren in Berlin. Wie bei Kinderspielplätzen.” Gated Community light also. Aber so leicht bin ich nicht zu beruhigen. “Wie Sie sich vorstellen können, fahre ich ein Auto der gehobenen Oberklasse. Ich hörte, dass es in der Brunnenstraße öfter Unruhen gibt. Ich habe keine Lust, dass mir Chaoten meinen Cayenne abfackeln.” “Dafür haben Sie einen Tiefgaragenplatz. Den kaufen alle Herrschaften Ihres Niveaus dazu.” Du alter Schäker, denke ich, aber die Schmeichelei wirkt. Es fühlt sich gut an, Teil einer Gated Community zu werden.

Hoch interessant ist die Begründung für den Verzicht auf eine vollständige Abgeschlossenheit des Projektes. Sales Consultant Wolf wird im Bericht wie folgt zitert:

“Wir wollen nicht gated sein, da bündeln wir die Aggressivität der Linken noch mehr. Wissen Sie, das ist der lebendige Prenzlauer Berg hier. Wir leben hier und spüren das jeden Tag.”

Ob mit den aggressiven Linken auch die Anliegerinitiative Marthashof (AIM) gemeint ist, wissen wir nicht. Dass sie dem Luxuswohnprojekt direkt vor der eigenen Haustür wenig Positives abgewinnen kann, schon.  In ihrem Beitrag „Marthashof, die antisoziale Plastik“ kritisieren sie die „Trutzburg inmitten des Berliner Mobs“.

Im Beitrag setzen sich die Mitstreiter/innen der Initiative nicht nur mit den sozialen Exklusionseffekten des Marthshof auseinander, sondern machen auch deutlich, dass der Protest von neuen städtischen Allianzen getragen wird, die vom „Latte-Laptop-Prekariat“ bis zu denen reicht, die „Luxuskarossen nächtens in Flammen aufgehen lassen“.

Dabei wehrt sich die Initiative auch gegen gegen Vorwürfe, mit den Protesten nur den eigenen Vorgarten Hinterhof im Blick zu haben:

An jenem Ort, von dem der Widerstand der Wir-bleiben-alle-Bewegung ausging, der gegen DDR-Pläne, die Plattenbau statt Gründerzeit vorsahen, obsiegte, und später gegen BRD-Privatisierungswahnsinn scheiterte, hegt niemand auch nur ein Fünkchen Sympathie für die Gated Community, die hier hineinimplantiert werden soll; Not-in-my-backyard-Mentalität sei das, wird gemaßregelt: falsch! So ein Ufo sollte in überhaupt niemandes Hinterhof landen! (…) Nicht alle, die gegen diesen “Tsunami of gentrification” aufstehen, können denunziert werden, selbst durch irgendeine Welle der Gentrifizierung hierher geschwemmt worden zu sein: Hier erheben sich auch Menschen gegen jene neue Mauer, die die alte von der “falschen” Seite her erlebt haben, indem sie sich mit Neubürgern aus aller Welt verbünden und initiativ vernetzen, die ebenso klar Position gegen diesen “Aufwertungs”-Irrsinn beziehen.

Ich hoffe mal, nicht selbst der Auslöser für diese Rechtfertigungen gewesen zu sein. In früheren Beiträgen hab ich vor allem im Vergleich zu den früheren Stadtteilmobilisierungen in Prenzlauer Berg auch mit Blick auf die Marthashof-Protest von einem „Aufstand der Mittelklasse“ gesprochen und auf veränderte Zusammensetzung und Organisationsformen dieser neuen Generation von städtischen Protesten aufmerksam gemacht. Insbesondere gegenüber den Marthashofaktivist/innen war dies nie als Denunziation gemeint (Nur um dieses eventuelle Mißverständnis hier auszuräumen) – auch wenn ich sozial breiteren Bündnissen und Basismobilisierungen mit stärker wohnungspolitischen Zielstellungen sicher näher stehe.

Die Feststellung, dass sich in den aktuellen Protesten die veränderten Nachbarschaftsbeziehungen und eben auch die Verdrängungsprozesse der Vergangenheit widerspiegeln ist ja kein Vorwurf an die heute Aktiven – sondern eben eine Feststellung, dass sich was verändert hat in den vergangenen 15 Jahren. Das von der AIM angesprochene „Latte-Laptop-Prekariat“ steht dabei genau für die Konstellation der Gewinner früherer Stadterneuerungsphasen. In modernisierungsbegleitenden Untersuchungen wurde Ende der 1990er Jahre festgestellt, dass eben nicht nur die Größe des Geldbeutels, sondern vor allem die Ausstattung mit sozialem und kulturellem Kapital dafür entscheidend war, zu bleiben oder fortzuziehen. Auf viele der zugezogenen jungen westdeutschen Akademiker/innen traf dies in besonderer Weise zu. Die daraus resultierenden Klassen-, Herkunfts- und Milieuzugehörigkeiten sagen nichts über die Legitimität der aktuellen Forderungen aus, sondern eben vor allem etwas über die vorangegangenen Veränderungen in Prenzlauer Berg. Ich würde mir sogar wünschen, dass sich das von der AIM beschriebene „Latte-Laptop-Prekariat“ noch viel zahlreicher und intensiver in die stadt- und wohnungspolitischen Auseinandersetzungen gegen Aufwertung und Verdrängung einbringt.


Responses

  1. Lieber Andrej,
    doch ganz kurz aus dem Nähkästchen der AIM-Textewerkstatt geplaudert: In der Tat spielte bei der sogenannten „Rechtfertigung“ ein Text von Dir eine Rolle, es war aber jener, der kontrovers bei uns diskutiert wurde: http://www.freitag.de/kultur/0932-gentrifizierung-stadtentwicklung-mittelschicht-mieten
    und zwar: „Die neuen Townhouses, Lofts, Neubauten weisen ein hohes Maß an sozialer Selektivität auf. In Berlin-Mitte und am Prenzlauer Berg gibt es gegen die umstrittenen Neubauprojekte Engelhöfe und Marthashof sogar regelrechte Protestmobilisierungen, die überwiegend von Mittelklasseangehörigen getragen werden, die zu den Gentrifizierern der ersten Generation gehören.“
    Sicher ist uns klar, dass es nicht davor schützt einen DDR-Pass besessen zu haben um Gentrifizierer zu werden, der Chef der Projektsteurung city-bauten der für Stofanel den Marthashof baut, hatte auch so einen.
    Wahr ist aber, dass die Begründer der Anliegerinitiative Marthasof (AIM) überwiegend seit mehr als 20 Jahren im Kiez oder sogar im selben Haus leben – mittlerweile leider teilweise lebten – die Vertreibung ist am Prenzlauer Berg keineswegs abgeschlossen.
    Aber das Resultat ist eben doch unsere Vernetzung, ob West-prekär oder alt-Ost oder auch garnicht aus deutschen Landen stammend:

    wir sind der Überzeugung mit den gewonnen Erfahrungen, das „next big thing“, die Bebauung des Mauerparks durch Vivico Real Estate stoppen zu können, was vielleicht ein großes symbolisches Ausrufezeichen für Berlin sein könnte ! Toi,Toi,Toi
    http://marthashofblog.blogspot.com/2010/01/freitag-bei-bin-berlinorg-stadtrat.html
    iDir und allen ein schönes Wochende…(oder noch heute 20 Uhr in der Kulturkantine der Saarbrücker 24 bei BIN-Berlin.org )
    mit bestem Gruß
    AIM-Jörg

  2. hier hat AIM versucht ein Jahr später auf „Marthashof, die antisoziale Plastik“ zurück zu schauen und in das größere Bild einiger aktueller Entwicklungen zwischen Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg zu setzen: http://marthashofblog.blogspot.com/2011/01/marthashof-die-antisoziale-plastik-nach.html
    aktuelle Nachrichten aus den Initiativen nun übrigens auch via Twitter: http://twitter.com/BinBerlinerIn

  3. Ich wohne zwar selber nicht in Berlin, finde aber euren Einsatz für ein schönes Wohngebiet, das nicht gentrifziert wurde, bewundernswert.

  4. Hat dies auf thaelmannpark rebloggt.

  5. […] Berlin: „Latte-Laptop-Prekariat“ gegen Luxuswohnprojekt « Gentrification Blog […]


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