Verfasst von: ah | Januar 18, 2010

Berlin: Clubkultur und Gentrification

Am Samstag fand im Hebbel am Ufer (HAU 2) die Veranstaltungsreihe LIFE IS LIVE statt. Im ersten Panel diskutierten verschiedene Musiker, Konzert- und Tourneeveranstalter/innen und eine Musikkuratorin über die Auswirkungen der Tonträgerkrise auf die Eventbranche der Musikindustrie. Richtig Geld verdient werden kann – so in etwa der Tenor – eigentlich nur noch mit Life-Events. Die bestehende Vielfalt von Konzertagenturen und Veranstaltern gerät dabei zunehmend unter den Monopolisierungsdruck internationaler Player der Branche wie Life Nation.  Eine höhere Frequenz an Auftritten und die verstärkte Orientierung am Spektakel sind ebenso Folgen dieser Entwicklung wie die Etablierung von Life-Events durch größere Konzerne (wie z.B. der Telekom) die mit solchen Ereignissen ihr Zielgruppen-Portfolio erweitern wollen. Vieles habe sich verändert, aber die neuen Entwicklungen bieten auch neue Chancen – so die Argumentation auf dem Podium. Worin diese neuen Chancen bestehen, habe ich aber nicht verstanden.

Im zweiten Panel ging es dann um die räumlichen Auswirkungen der Clubkultur: unter dem Motto „Das Event,  die Stadt und das Eigentum“ diskutierten hier Gerrit Schultz (Betreiber vom WMF-Club), Tobias Rapp (Kulturjournalist, Spiegel), Ted Gaier (Musiker, Goldene Zitronen) und Björn Böhning (Politiker, SPD). Christoph Gurk (Musikkurator HAU) und Jens Balzer (Kulturjournalist, Berliner Zeitung) moderierten die Debatte und ich durfte die Rolle des Wissenschaftlers spielen…

UPDATE: hier ein kleiner Artikel zur Diskussion in der taz: Die Kleinen und die Bösen:

Dem (der Gentrification) möchte der Stadtsoziologe Andrej Holm durch Strategien der Dislokation begegnen, in dem man boomenden Vierteln bewusst aus dem Weg geht, oder durch De-Attraktivierung von beliebten Orten. So viel wurde bei „Life is live“ klar: Die Stadt der Zukunft muss sich ihre Lebbarkeit aufs Neue erkämpfen, Popmusik wird dabei eine zentrale Rolle spielen.

Clubs als Begleiterscheinungen und Katalysatoren der Aufwertung

Richtig zielgerichtet, welchen Anteil die Clubs an der Gentrification in Berlin haben und was dagegen zu tun sei, wurde es leider nicht. Einige interessante Aspekte wurden dennoch angesprochen. So berichtete Gerrit Schultz etwa von den 8 Umzügen des WMF seit 1990 und versuchte die Entwicklung des Clubs vom besetzten Improvisationsraum bis hin zum etablierten Veranstaltungsort nachzuzeichenen. Die Halbwertzeit eines neuen Event-Ortes liege im Durchschnitt bei etwa 2 Jahren – so Gerrit Schultz – dann habe sich das Neue‘ aufgebraucht. Insbesondere steigende Mietforderungen erfordern dann oft eine Entscheidung zwischen Professionalisierung und Ortswechseln. Die immobilienwirtschaftlichen Begehrlichkeiten  werden so zum Motor für den Zwang zur permanente ‚Entdeckung‘ neuer Trendorte.

Gentrifcation: Inflation eines Modebegriffs

Eigentlich wäre es spannend gewesen, die Wechselbeziehungen zwischen Clubkulturen und Immobilienmärkten genauer zu diskutieren und auch nach Auswegen aus der  immer wiederkehrenden Vereinnahmung durch Aufwertungsstrategien zu suchen. Leider mussten erst noch ein paar Standardargumente jeder Gentrificationdebatte ausgetauscht werden. So kritisierte Tobias Rapp die Inflation von Gentrificationbefunden: nicht überall wo Gentrification draufstehe, sei auch Gentrification drin. Er verglich den kleinen Boom des G-Worts mit der ‚Gloablisierung‘ die in den 1990er Jahren über all entdeckt und für alles verantwortlich gemacht wurde.  In beiden Fällen jedenfalls haben wissenschaftliche Konzepte Eingang in die öffentlichen Debatten und Alltagsdiskurse gefunden. Selbst Gentrification wird mittlerweile auch ohne den Zusatz „Wissenschaftler nennen diese Phänomen …“ in Zeitungen gedruckt. Björn Böhning versuchte sich, mit einem  Klassiker der Gentrificationverharmlosung  in die Diskussion zu bringen und beschrieb seine ersten Berliner Erfahrungen im Neuköllner Rollbergviertel. Für Nicht-Ortskundige: das ist der nicht von Aufwertungsdynamiken erfasste Teil von Neukölln und gilt weiterhin als eines der Problemgebiete Berlins. Björn Böhning machte deutlich, dass so ein bisschen Aufwertung dem Gebiet ganz gut tun würde und ließ sich sogar zu der steilen These hinreißen, die Politik müsse für die Entscheidung eine Viertel zu verbessern, Verdrängungen in Kauf nehmen. Der darin deutliche gewordene Mythos der Sozialen Mischung wäre sicher eine tiefergehende Auseinandersetzung wert gewesen, stand aber am Samstag nicht auf der Tagesordnung.

Kultur, Bürgertum und Stadtprotest

Ted Gaier immerhin, hielt sich ans Thema und berichtete ein wenig von den Hamburger Protesten im Gängeviertel und darüber hinaus. In angenehm sachlicher Weise skizzierte er die Positionen der daran Beteiligten und hob die mediale Bedeutung der „romatischen Figur“ des  Künstlers hervor. Insbesondere die Schnittstellen der Gängeviertelbesetzung (der Ort: ‚das alte Hamburg‘, die Akteure: ‚leinwandbemalende Künstler/innen) mit dem Hamburger Bürgertum wurden von ihm als Voraussetzung für die breite mediale Rezeption (Hamburger Abendblatt!) beschrieben. In den Debatte um den Einfluss von Kunst-, Kultur- und Alternativmilieus auf die Aufwertung eigentlich eher ein Problem, wurde die Anschlussfähigkeit an eine Stadtbürgerschaft in Hamburg zum Hebel für mehr Aufmerksamkeit. Sehr schön in diesem Zusammenhang seine Beschreibung der Verhandlungen zwischen den Gängeviertel-Besetzer/innen und der Kultursenatorin, die lange nicht verstehen wollte, warum sich die Künstler/innen nicht mit ein paar Ateliers und Arbeitsräumen zufrieden geben wollten. Ob inzwischen bei ihr angekommen ist,  es tatsächlich um eine andere Stadtpolitik geht,  ist fraglich. Als eine zweite Umarmungsstrategie wurde die Eingemeindung der Gängeviertelbesetzer in die ‚Kreativen Klasse‘ beschreiben. Insbesondere die Intervention von Richard Florida, der die Hamburger Konzessionsentscheidung (das Gebäude vom Investor zurückzukaufen) als ‚globales Modell für den Umgang mit der kreativen Klasse‘ adelte, zeigt, wie schwer es ist, dem Sog der Unternehmerischen Stadtpolitik zu entkommen, wenn aus eigener Praxis und Protest plötzlich eine weicher Standortfaktor wird.


Widersprüche aushalten statt mit den Pionierfunktionen zu brechen

Eine Übertragung auf die Berliner Situation fand nicht so recht statt, obwohl zumindest an den MediaSpree-Protesten auch die Clubszene teilweise beteiligt war. Ob das plötzliche Interesse an einer auch stadtpolitischen Auseinandersetzung tatsächlich nur aus eigener Betroffenheit (z.B. Bar 25 oder Maria) gespeist war, konnte nicht abschließend geklärt werden. Meine Vorschläge für einen Ausbruch aus der Pionierrolle von Aufwertungsprozessen (Strategien der Dislokation, Strategien der Deattraktivierung, Kulturen des Widerstandes) bleiben leider auf dem Podium undiskutiert und  die Debatte endete mit einem für mich wenig befriedigenden „Alles ist sehr widersprüchlich, aber wichtig ist, diese Widersprüchen auszuhalten“ (oder so ähnlich).


Responses

  1. Die Angst der Kunstvertreter vor der Politik und ihren Vertretern, oder: Warum dieses Ende?

    Am Beispiel von Hamburg konnte Ted Gaier, einer von der Kunstfraktion auf dem rein männlich besetzten Podium, ja noch schön seine Initiative „Not In Our Name“(unter http://www.buback.de/nion/) vorstellen, doch als aus dem Publikum eine Frage nach der aktuellen Stadtpolitik in Berlin, ihren Untiefen der Geldverschwendung und den Möglichkeiten des Umgangs damit, gestellt wurde, durfte Tobias Rapp, Spiegeljournalist, ein banales Statement als Schlusswort abgeben, dass dieser sonst eher gelungenen Veranstaltung ein bedeutungsloses Ende gab. Lag diese Angst vor den Höhen und Tiefen der Politik daran, dass diese Veranstaltung des HAU2 vom Hauptstadtkulturfond gesponsert wurde? Ich will hier nicht weiter spekulieren, finden es nur schade, dass dort, wo es spannend hätte werden können eine Veranstaltung für 7,– Euro Eintritt nach knapp 1 1/2 Stunden weniger als mehr galant von Christoph Gurk, dem Kurator der Veranstaltungsreihe „Life is Live“, abgebrochen wurde. Alle wurden aufgefordert, den Saal zu verlassen, um für die nachfolgende Kulturveranstaltung entweder wieder Eintritt zu bezahlen oder dem Ganzen fern zu bleiben. Was uns als Kulturinteressierte und Interessierte an der Berliner Stadtentwicklung geblieben ist, ist die lobende Erwähnung des Gentrification-Blogs von Andrej Holm…dafür und für deine guten Ausführungen auf dem Podium einen herzlichen Dank.

    • verschwörungstheorien sind völlig fehl am platz. an plätzen, wo kunst stattfindet, kann sonstwas diskutiert werden – da der erwartete einfluss auf reale politik recht gering ist, juckt’s auch keinen.

      aber mit dem eindruck des unbefriedigenden endes stehst du nicht allein. tobias rapp hatte irgendwas gesagt – obwohl die eigentlich interessante frage an den wmf-betreiber haette gehen muessen: wie stehen klubkultur-unternehmer zu den strategien die andrej holm vorgeschlagen hat?

      mehr dazu: http://www.bln.fm/2010/01/was-clubkultur-mit-steigenden-mieten-zu-tun-hat/

  2. […] Was sollten also diese Macher tun, um nicht vor den Karren der Immobilienhaie gespannt zu werden? Stadtsoziologe Andrej Holm hatte da Vorschläge: 1. Kulturorte sollten sich über Gebiete verteilen, nicht konzentrieren. 2. Kulturorte sollten kommerzielle Entwickler abschrecken, in dem sie ein Klima der Verunsicherung schaffen. Beispiel: die Punk-Höhle Köpi, bei der die beiden Nachbargrundstücke leer stehen. (Gelächter im Publikum.) 3. Kunst soll öffentlich mit den vorhandenen Bewohnern umliegender Gebiete im Widerstand gegen kommerzielle Interessen interagieren. (Mehr dazu auf Andrej Holms Gentrification-Blog.) […]

  3. Ob Verschwörungstheorie oder nicht, das ist mir völlig egal. Und ich glaube auch nicht, daß im Bereich der Kunst alle Diskussionen möglich sind – aber dazu wären jetzt längere Ausführungen und Beispiele nötig, die ich uns ersparen möchte…
    Was von Jenny Bauer angemerkt wurde: die am Ende aus dem Publikum aufgeworfene Frage war wichtig und wurde durch das harmlose Statement von Tobias Rapp weggewischt. Das war schade und hat auch mich die Diskussion mit einem unzufriedenen Eindruck verlassen lassen. Nach meiner Erinnerung ging die Frage übrigens weniger an den WMF-Betreiber als an den SPD-Politiker und zielte darauf, wie sich denn das reale Gebaren dieser Partei in Berlin zu den Erkenntnissen dieses Abends verhält.

  4. Tobias Rapp hat schon mit seinem Buch bei Surhrkamp bewiesen, das er nichts verstanden hat: Berghain als Kathedrale bzw. Tempel bezeichnen, Sven (Türsteher) als Wächter, für was auch immer titulieren… ein Zuspätgekommener, den man Anfang der 90er zu recht nicht ins E-Werk und Tresor gelassen hat. Zur Belohnung für diesen Quatsch ist er jetzt Spiegelredaktör. Und so sieht die SPIEGEL-Berichterstattung aus dem wilden Berlin auch aus: Das Wunderkind der Boheme (über die Tippserin Helene Hegemann). Traurig, traurig…

  5. […] Dahinter verbergen sich gleich zwei Probleme, die aber auch miteinander verflochten sind. Meines Wissens nach sind die neuen Nachbarn recht vermögend und größtenteils Zugezogene. Das deutet auf die typischen Gentrifizierungsprozesse hin, für die der Prenzlauer Berg eh als Aushängeschild dient: Besserverdienende ziehen in ein Szene-Viertel, das seinen Ruf durch ein aktives Nachtleben erhält, stellen dann aber fest, dass ihnen das Nachtleben doch irgendwie zu laut ist. Projekte wie das Knaack haben dann drunter zu leiden. (Interessant übrigens im Kontext ein Artikel von Holm) […]


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