Verfasst von: ah | Februar 19, 2010

Hamburg: Creative City jenseits von Florida?

Die Besetzung des Gängeviertels durch Künstler/innen und das von verschiedenen Kulturschaffenden initiierte Manifest „Not in our Name – Marke Hamburg“ hat für einige stadtpolitische Aufregung gesorgt und auch der Diskussion um das Konzept einer ‚creative class‘ und einer ‚creativ city‘  des kanadischen Stadtplaner Richard Florida neuen Schwung gebracht. Im Manifest der Hamburger Künstler/innen wandten diese sich gegen die Vereinnahmung ihrer Aktivitäten durch eine unternehmerische Stadtpolitik.

Hintergrund der Kritik sind die Thesen Floridas, der unter dem Stichwort der ‚creative city‘ Stadtkultur und Alternativszenen in ‚weiche Standortfaktoren‘ des Städtewettbewerbs verwandelt, um den Zuzug von Unternehmen und Leistungsträger/innen der Wissensökonomie zu fördern.

Volker Kirchberg – Professor für für Kulturvermittlung und Kulturorganisation an der Leuphana-Universität Lüneburg – wurde von der taz zum Thema befragt: „Kreativität kann man nicht planen„. Darin setzt er sich kritisch mit den Thesen Richard Floridas auseinander und plädiert – unter Berufung auf Charles Landry für ein anderes Verständnis von kreativer Stadtentwicklung. Statt der Funktionalität für eine unternehmerische Strategie sollte Kreativität als Kriterium für den Innovationsgehalt von Stadtpolitik verstanden werden.

Hier Auszüge aus dem Interview mit Volker Kirchberg (taz vom 14.02.2010):

Volker Kirchberg über Richard Florida:

Welche Kultur meint Florida, wenn er von der „kreativen Klasse“ spricht, die zu umwerben sei?

Bei der kreativen Klasse denkt Florida an kommerziell orientierte Kreative. Da tauchen als erstes Designer, Werbe-Leute und Software-Entwickler auf.

Wenn Florida eigentlich an wirtschaftlichen Erfolg denkt: Wozu sollen dann die Künstler gut sein, die Kunst im engeren Sinne machen und möglicherweise keine große Wertschöpfung dabei erzielen?

Sie sollen eine Art kreatives Klima schaffen, eine Atmosphäre, die eine Stadt zu einer lebenswerten macht. Dann wird es dazu kommen, dass die wirklich qualifizierten Menschen neu in die Stadt ziehen oder nicht wegziehen. Das ist der Kern bei Florida.

Die Künstler also als eine Art Beiwerk?

Ja. Die amerikanische Stadtsoziologin Sharon Zukin spricht von „Framing“: Wir haben wirtschaftliche Aktionen wie zum Beispiel bei Beiersdorf oder im Hamburger Hafen. Die sind profitabel, aber im Prinzip eine trockene, langweilige Art und Weise, Werte zu schaffen. Viele der qualifizierten Mitarbeiter lassen sich durch Geld alleine nicht unbedingt anlocken. Das Rezept ist, einen schönen Goldrahmen um das Nüchterne zu packen.

Volker Kirchberg featering Charles Landry:

Dabei schätzen Sie selbst aber den Stadtplaner Charles Landry weitaus mehr.

Landry macht sich konkret Gedanken darüber, wie man über Stadtplanung Kreativität fördern kann. Er stellt in einer Skala fünf verschiedene Grade an kreativer Stadt vor. „Good practice“ ist, was man an gelungener Bauplanung anderer Städte übernimmt. „Best practice“, dass man sich auch Neuerungen überlegt. „Innovativer Wandel“, wenn man alte Gebäude umnutzt. Auf diesem Level sind wir gerade in Hamburg. Darüber stellt Landry den „paradigmatischen Wandel“, der Probleme als Gelegenheit auffasst, um eine Stadt sich innovativ entwickeln zu lassen. Ich dachte immer: Paradigmatischen Wandel gibt es in Hamburg nicht. Beim Gängeviertel kam mein Weltbild erstmals ins Wanken. Die Politiker haben gesagt: Wir nehmen eine Bewegung, die zu alten Hafenstraßen-Zeiten ein Problem gewesen wäre, und fördern sie.

Also erreicht Hamburg immerhin Stufe vier … was wäre Landrys Stufe fünf?

Der „meta-paradigmatische Wandel“. Das machen die wirklich kreativen Städte. Das heißt, dass man nicht nur in einzelnen Freiräumen etwas erlaubt, sondern einen generellen Stadtumbau betreibt. Das ist utopisch, das gebe ich zu.

Genereller Stadtumbau?

Eines der wichtigsten Ziel der Stadtentwicklung ist, eine nachhaltige Gesellschaft zu entwickeln. Eine Stadtgesellschaft, die nicht auf dem Individualverkehr und nicht auf Wachstum beruht. Die Idee „Hamburg – wachsende Stadt“ ist ein Paradoxon zur Idee der Nachhaltigkeit. Die Idee vom unendlichen Weiterwachsen ist ein Unsinn, den wir überwinden müssen.


Responses

  1. Spannend. Danke für die Links und die Hinweise!

  2. seltsam, Landry postuliert doch gerade eine toolbox für stadtplaner, um die kreativität in die stadt zu locken.. hat Volker Kirchberg bzw der taz redakteur wirklich gelesen und geschaut, was Landry so von sich gibt?


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: