Verfasst von: ah | März 21, 2010

Filmtipp: „Im Schatten des Tafelberges“ (Kapstadt)

Für eine Vorabrezension für den AK Analyse & Kritik (Zeitung für linke Debatte und Praxis)  („Wenn wir nichts tun, werden wir sterben“) hatte ich Gelegenheit eine sehenswerte Dokumentation über städtische Kämpfe in Südafrika anzuschauen:

Im Schatten des Tafelberges – When the Mountain meets its shadow
von Alexander Kleider und Daniela Michel, in Kooperation mit Romin Khan, Deutschland 2009, 62 Min, engl. OF m. dt. UT

Im März und April wird es in Deutschland, der Schweiz und Norwegen eine Premierentour mit den FilmemacherInnen sowie Ashraf Cassiem und Mncedisi Twalo von der Anti Eviction Campaign geben. Aufführungen unter anderem in Basel (28.3.10), Freiburg (28.3.10), Nürnberg (31.3.10), Berlin (5.4.10), Bielefeld (6.4. 10), Hamburg (13.4.10), Göttingen (14.4.10), Stuttgart (15.4.10). Alle Termine finden sich hier.

Meine kleine Rezension zum Film gibt es gleich hier zu lesen: 

Wenn wir nichts tun, werden wir sterben
Städtische Kämpfe gegen soziale Apartheid in Südafrika

von Andrej Holm, AK 548, 19.03.2010

Auf Südafrika sind viele Kameras gerichtet – im Sommer findet dort die erste Fußballweltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Ein stimmungsvolles und farbenfrohes Fest erwarten die KommentatorInnen der internationalen Nachrichtenredaktionen. Kritische Fragen beziehen sich allenfalls auf das Tempo der Bauarbeiten in den Stadien, die Sicherheit von Sportlern und Publikum sowie die Lautstärke der Vuvuzela, der legendären Plastiktrompeten der südafrikanischen Fußballfans. Ein Dokumentarfilm nimmt nun die soziale Realität in Südafrika 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid in den Blick.

Die Räumung von Armenvierteln entlang der Zufahrtsstraßen zum Flughafen von Kapstadt, die gesperrten Anschlüsse der privatisierten Wasserunternehmen und die elenden Lebensbedingungen der Townships kommen in der WM-Berichterstattung bisher nicht vor. Alexander Kleider und Daniela Michel halten ihre Kameras auf eben diese Schattenseite der südafrikanischen Gesellschaft. Ihr Dokumentarfilm „When the Mountain meets its shadow“ („Im Schatten des Tafelberges“) entstand in Zusammenarbeit mit Romin Khan und präsentiert ein Südafrika der Wellblechhüten, der schlecht bezahlten Jobs – und des alltäglichen Widerstands.

Der Film erzählt die Geschichten von denen, die in den Armenvierteln rund um Kapstadt auf unterschiedliche Art und Weise ums Überleben kämpfen. Schnell wird deutlich, wie gespalten Südafrika auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch ist. Da ist Zoliswa, eine allein erziehende Mutter aus einer Barackensiedlung. Sie sucht eine neue Stelle als Hausangestellte in einer wohlhabenden Familie. Zugleich will sie ihren zehnjährigen Sohn nach der Schule nicht allein zu Hause lassen, denn die Banden im Viertel rekrutieren selbst die Jüngsten für Einbrüche und als Drogenkuriere. Da ist Arnold, der eine Ausbildung zum bewaffneten Wachmann macht, um auch künftig die Nachtschichten in den gated communities der Weißen übernehmen zu können. Die Ausbilderin erklärt: „Wenn der Gangster über den elektrischen Zaun gesprungen ist, erwartet man von euch das gleiche. Einige Leute sagen, ihr müsst euer Leben für den Job geben. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

In Kapstadt treffen die Welten der Armut und des Reichtums unmittelbar aufeinander. Die BewohnerInnen der Armensiedlungen putzen, bewachen, bekochen die Reichen der Villenviertel und führen ihre Hunde aus. Ein Protagonist des Films erklärt: „Hier in den Häusern am Fuße des Berges lebt die Mittel- und Oberklasse. Früher war das hier ,Nur für Weiße`. Heute ist es ,Nur für Reiche`.“ Willkommen im Zeitalter der sozialen Apartheid.

Auch Ashraf und Mne lernen wir im Film kennen. Als Mitglieder der Anti Eviction Campaignsetzen sie sich gegen Zwangsräumungen und Wassersperrungen in den Townships ein. Die Unterstützung von räumungsbedrohten Nachbarschaften gehört ebenso zu ihrem Programm wie der Kampf um Strom und Wasser. Seit der Privatisierung der Wasserversorgung werden bei Zahlungsverzug sofort die Wasseranschlüsse gesperrt. Wo Proteste und Petitionen nicht weiterhelfen, unterstützen Ashraf und Mne die BewohnerInnen, sich selbst zu helfen. Die Anti Eviction Campaign ist keine Partei, kein Verein und keine Hilfsorganisation, sondern ein Ansatz der Selbstorganisation in den armen Nachbarschaften. In einem Wasser-Wiederanschluss-Seminar zeigen die beiden, wie mit wenigen Handgriffen die Wassersperrungen aufgehoben werden können. „Heute wollen wir einen schnellen Workshop machen. Es ist nicht legal – aber es ist ein Workshop. Ihr werdet lernen, das Wasser wieder anzuschließen, und etwas über die Gründe der Wassersperrung erfahren.“

Für die BewohnerInnen von Symphonie Way geht es um mehr als die Wasserversorgung. Die Stadtverwaltung von Kapstadt will die ganze Armensiedlung am Flughafen rechtzeitig zur Fußball-WM räumen lassen. Gemeinsam mit den NachbarInnen organisieren Ashraf und Mne auch hier den Widerstand. Für die Älteren droht sich die Geschichte zu wiederholen: Sie wurden während der Apartheid aus der Innenstadt vertrieben. Eine Großmutter zeigt den Enkelkindern Fotos ihrer früheren Wohngegend. Enkelin: „Warum wurde District Six geräumt?“ Großmutter: „Das war wegen der Regierung damals, sie wollten es zum weißen Gebiet machen. Nur für Europäer. Deshalb wurden die Leute aus District Six vertrieben, weil wir, die farbigen Menschen, ihnen zu nah an der Innenstadt waren. Die Regierung wollte das nicht. Sie wollten, dass wir in den ,Busch` gehen. Weg von der Stadt.“ Enkelin: „Warum wollen sie uns jetzt vertreiben?“ Großmutter: „Sie wollen uns vertreiben, damit sie Luxusappartements bauen können.“

Trotz des Widerstandes verlieren die BewohnerInnen alle Gerichtsverfahren und die Siedlung wird im November 2009 geräumt. Doch für Ashraf und die anderen Aktiven der Anti Eviction Campaigngeht der Kampf weiter: „Sie nennen uns Esser und Schläfer. Wir nehmen nicht am Kapital teil. Nicht weil wir nicht wollen – sondern weil wir nicht können. Wenn man nicht teilnimmt, hat man keinen Wert fürs Kapital. Ich hab das immer im Hinterkopf. Wenn wir nichts tun, dann werden wir sterben.“

Ein Film über Südafrika ganz ohne Vuvuzela-Kult und inszenierte Fußballbegeisterung. Hier kommen Betroffene und Aktive zu Wort. Mit ruhiger Kameraführung werden die ProtagonistInnen durch ihren Alltag begleitet. Für alle, die sich für die soziale Wirklichkeit der Post-Apartheid interessieren, ein absoluter Gewinn.


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