Verfasst von: ah | März 27, 2010

München: Champagner zur Currywurst

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Beate Wild eine Kolumne über das Münchener Nachtleben (After Eight), in der sie seit ein paar Monaten das Ende des Glockenbachviertels betrauert. Artikel wie Requiem für ein Viertel (14.01.2010) und Der nächste Todesstoß (25.03.2010) stehen für die Wahrnehmung einer urbanen Apokalypse des ehemaligen Szeneviertels.

Das Glockenbachviertel – so die Beobachtungen von Beate Wild –  verliert den Charme von Coolness und Happienes der vergangenen Jahre. Lange Zeit als Standort einer Schwul-Lesbischen-und-Nachtclubszene gefeiert schließen nun viele der angesagten Clubs und Kneipen. Stattdessen etabliere sich im Viertel ein schnöder Vergnügungskommerz. Aufhänger ihrer Geschichte ist die neue Speisekarte einer Currywurstbude, die unter anderem eine kleine Flasche Champagner für 59 Euro empfiehlt.

Curry heißt der Laden schlicht. Weniger schlicht ist das Angebot. Und genau hier liegt das Problem. Champagner in einer Currywurst-Bude? Und das im wahnsinnig lässigen Glockenbach, dem Szeneviertel Münchens schlechthin? Das ist der Anfang vom Ende dieses Viertels. Das Ende der Coolness, das Aus für die Subkultur, das Amen für die In-Lokale.

Der Elektro-Schuppen Registratur musste ebenso schließen wie das Cafe King: als Treffpunkt der Münchener Boheme in einer alten Tankstelle eingerichtet, muss es nun dem Bau einer Luxuswohnanlage weichen.

Als hätten wir in München nicht schon genug überteuerte Wohnungen. Wer kann sich denn so eine Behausung überhaupt noch leisten? Bestimmt nicht die Künstler, Schriftsteller oder DJs, die dieses Viertel groß gemacht haben. Die Gentrifizierung des einst so subversiven Stadtteils hat nicht erst begonnen, sie steht kurz vor dem Abschluss.

Soweit, so schlecht, so typisch. Die Aufwertung frisst ihre Kinder und dass sich mit Luxuswohnbauten mehr Geld verdienen lässt als mit Szenekneipen in stillgelegten Tankstellen, ist wenig verwunderlich. Interessant jedoch sind die Beobachtungen von Beate Wild zur Veränderung der Nutzungs- und Gewerbestrukturen. Der immobilienwirtschaftlichen Verwertungsdruck setzt sich dabei nicht nur in teuren Wohnbauten um, sondern offenbar auch in einer zunehmenden Kommerzialisierung der Gewerbestrukturen. Dafür steht nicht nur der Champagner zur Currywurst, sondern auch eine Banalisierung der Freizeitkulturen. Statt ausgefallener Szenekneipen gibt es nun Mainstreamangebote für Umlandjugendliche und Tourist/innen. Beate Wild ist der Kulturschock dieser Entwicklung deutlich anzumerken:

…die Clubs, die noch im Viertel bleiben, werden immer schlechter. (…) Statt charismatischen Szenegängern bevölkern Umland-Prolls und Pickelgesichter die Tanzfläche, bei denen man sich fragt, ob sie überhaupt schon volljährig sind.

Den Anwohner/innen der Oranienburger Straße oder am Rosenthaler Platz in Berlin sollten solche Szenen bekannt vorkommen. Zumindest für sehr zentral gelegene Aufwertungsquartiere schein die Gentrification in eine Touristification überzugehen. Ohne hier die sicher aufgeladenen Debatte anzustoßen, ob ein internationaler Billigflieger-Sauf-Tourismus den tendenziell elitären Szene-Kultur-die-Stadt-ist-meine-Bühne-Pionieren vorzuziehen sie, zeigt sich recht deutlich, dass die Ökonomie der Aufwertung nicht mit ein paar Edelrestaurant und Eigentumslofts am Ende der Fahnenstange angekommen ist.


Responses

  1. Ein Umstand, der geradezu schreiend komisch ist, ist die Tatsache, dass sich jemand, wenn es um München geht, auf Kolumnen verlässt, die Frau Wild geschrieben hat. sueddeutsche.de ist doch schon hoffnungslos überfordert, die Orte, über die man schreibt, dem richtigen Stadtviertel zuzuordnen. Vor ein paar Jahren haben die sogar mal die alte Synagoge in einen anderen Stadtteil verlegt.

    Wie auch immer, wenn man die Artikel von Frau Wild über einen längeren Zeitraum verfolgt, wird einem ziemlich schnell klar, dass sie ihre Vorstellung, wie Stadt auszusehen hat, vor sich herträgt wie eine Monstranz. Nur vergisst sie dabei, dass nicht alle Menschen so leben wollen, wie sie es will. Vielleicht kann sie es sich auch nicht vorstellen.

    Wir im Glockenbachviertel verlieren also den „Charme von Coolness und Happienes“. Gerne doch und lieber heute als morgen. Kein Mensch hat uns jemals gefragt, ob wir den überhaupt wollten. Und wer will denn bitte „lässig“ sein? Da ist Disziplinlosigkeit doch nicht mehr weit weg, wenn nicht schon erreicht.

    Richtig absurd und verschroben wird es dann mit der Aussage „Künstler, Schriftsteller oder DJs, die dieses Viertel groß gemacht haben“. Was das Viertel auszeichnet, somit groß macht, ist doch seine Lage. Die Nähe zum Nationaltheater mit der Staatsoper, zum Cuvilliés, zum Viktualienmarkt, zum Dallmayr und allen sonstigen Dingen, die man zum Leben braucht. Alles liegt in Laufweite. Und wenn wir diesen furchtbaren Thielemann demnächst wieder los sind, kann man auch bequem zum Gasteig schlendern. Außerdem ist unser Viertel architektonisch wunderschön, wenn auch nicht so bombastisch wie das Lehel, was es aber vielleicht gerade wieder so liebenswert macht.

    Wenn jemand ausgefallene Szenekneipen als etwas Positives ansieht und braucht, dann muss er eben weiterziehen. Geh’ mit Gott, aber geh’, wie man in Bayern sagt. Um so mehr, als Szenekneipe ja wie im Fall X-cess bedeutet, dass die Umgebung mit zerbrochenen Flaschen übersät ist und in die umliegenden Hauseingänge uriniert wird. Auch schön und nur ein paar Meter weiter, das Bergwolf, dessen Besucher die umliegenden Häuser gerne mit Ketchup verschmieren und dem Konzept des Mülleimers nichts abgewinnen können. Wenn das die Dinge sind, die das Leben für Redakteure der Süddeutschen lebenswert machen, dann kann man nur hoffen, dass sich die am Horizont immer höher auftürmenden schwarzen Wolken möglichst bald über der Süddeutschen entladen. Dann sind wir nicht nur irgendwelche unerwünschten Szeneleute los, sondern mit etwas Glück auch noch Frau Wild und einige andere Redakteure der SZ. Die Abendzeitung hat ja diese Woche diesbezüglich schon gut vorgelegt. Und die Leute, die Frau Wild so grenzenlos arrogant als Umland-Prolls beschreibt, werden irgendwann von ganz alleine verschwinden, wenn sie merken, dass sie am falschen Platz sind.

  2. @GuenterMuc Aus eigener Erfahrung hier in Berlin kann ich nur sagen das die Umland Prolls diese Selbsterkenntnis leider nicht haben denn sie fühlen sich ja tres chique in der großen Stadt… Aber darüber möchte ich ja gar nicht reden. Ich möchte viel mehr darauf eingehen das der Wunschtraum den du in deinem Kommentar ausführst auch nicht viel besser ist als Seelenverlust durch Touristeneroberung. Genau dies führt nähmlich zu einem sozial/kreativen Sterben eines Viertels. Dieses Problem kann man hier im Prenzlauerberg sehr gut beobachten. Vielleicht solltest du nocheinmal darüber nachdenken ob dir sauberere Straßen wichtiger sind als eine durchmischte lebendige Bevölkerung, denn ein Viertel wie sie es beschreiben wird schon bald nur noch ein weiteres Wohnviertel der Besserverdienenden sein…

  3. @Berlin01:

    Natürlich sind sauberere Straßen wichtiger, als eine durchmischte lebendige Bevölkerung. Was für eine abwegige Frage. Wir sind in München.

    Dass „sozial/kreativ“ oder wie es oben im Artikel genannt wird „subversiv“ etwas Erstrebenswertes oder Erhaltenswertes ist, ist doch mit Verlaub Blödsinn. Das gab es bis vor ein paar Jahren hier im Viertel nicht und das soll auch wieder verschwinden. Menschen, die so sein wollen oder so etwas brauchen können das gerne im „trendig, coolen, hippen“ Berlin ausleben. Hier sind sie unerwünscht.

  4. […] Gentrification im Münchner Glockenbachviertel […]

  5. @GunterMuc
    Mit Verlaub kann ich dem letzten Ihrer Beiträge kein bisschen Ernsthaftigkeit abringen, ja es klingt geradezu nach faschistoider Kiez-Attitüde á la Berliner Anti-Gentrifizierungsgruppen, eben nur andersherum.
    Genau das was Sie weiter oben Frau Will anzudichten versuchen, zeigt sich doch bei Ihnen nur krasser und eben abgrenzender.
    Was sein soll und was eben nicht bestimmen ganz sicher nicht Sie und so hip und cool ist Berlin schon lange nicht mehr, eher langweilige und stupide Kommerzkiste mit NOCH! einem (verschwindend geringem) Hauch von alternativem Lebensstil.

    cheers mrn43

  6. Natürlich sollte das Fräulein Wild auch beim richtigen Namen genannt werden.

  7. @mrn43:

    Ich dichte Frau Wild nichts an, die Aussage ist klar. Ihre Artikel sind Durchschnitt und ihre Vorstellungen zum Thema Stadt und Leben in selbiger sind erschreckend bis abstoßend.

    Alternative Lebensstile waren und sind in München nur gefragt, sofern es sich um ein kleines, eingeschränktes Habitat handelt, aus dem die Bewohner nicht ausbrechen, sondern eher zur Besichtigung freigegeben sind, damit man sie als etwas klar abgegrenzt Exotisches wahrnehmen kann, aber nicht muss. Im Idealfall sollte es sich außerdem im Hinblick auf Tourismus für Zielgruppen mit Geld vermarkten lassen. Dieses Prinzip hat bisher gut funktioniert, warum es ohne Not ändern?

    Und was das bestimmen betrifft, auch hier gilt der Grundsatz pecuniae omnia oboediunt und in München gilt dieser ganz besonders.

  8. OMG,

    bitte bitte, gebt dem Troll mehr Futter er ist ja schon ganz mager !!

  9. Etwas spät aber da ich diesen Artikel erst gerade gelesen habe muss ich meinen Senf dazu geben: als Studentin kann ich nur sagen, solche Leute wie GuenterMuc machen diese Stadt so anstrengend und vertreten nicht im geringsten die Meinung aller, so wie er es mit Sätzen wie „hier sind sie unerwünscht“ verallgemeinert. Unverschämt!! Sie wohnen in dem Stadtteil, weil sich alles in Reichweite befindet? Wie oft gehen sie denn ins Theater? Und die Nähe zum Dallymair? Dass ich nicht lache…dafür nehmen sie in Kauf dass die unliebsamen Alternativen Krach machen und Ketchup an die Wände schmieren? Welch ausgemachter Unsinn. Sie wohnen in einem Schwulenviertel falls sie es noch nicht wissen, sie haben sich in ein Künstlerviertel eingemietet ohne auch nur annähernd deren Lebensstandart zu verstehen. Es gibt genug Raum für Menschen wie Sie, aber wenig Raum für Künstler und etwas Andersdenkende..also ziehen Sie doch um, in der Vorstadt haben Sie auch Ihren Gemüsehändler und Bäcker um die Ecke und niemand trinkt lallend Bier auf der Straße und erfreut sich seines Lebens. Für den Dallmayr brauchen Sie nicht in der Innenstadt leben. Und die Dinge vom Viktualienmarkt bekommen sie günstiger in jedem gut gefüllten Feinkostladen. Tz tz tz…


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