Verfasst von: ah | April 16, 2010

Berlin: Verzogene Eltern im Kinderparadies Prenzlauer Berg

Helmholtzplatz, April 2010 (Aachen-Blog 7uhr15.ac)

Der schier unendliche Mythos vom Kinderparadies Prenzlauer Berg wird offenbar vor allem von touristischen Außenbetrachtungen genährt. Auf dem „Aachen-Blog 7uhr15.ac“ findet sich ein typisches Beispiel für die Fremdwahrnehmung. Unter der Überschrift „Prenzlauer Berg – so viele Kinder!“ verarbeitet ein ‚erfahrener Vater‘ aus der Provinz seinen Hauptstadtbesuch:

Ich kann behaupten, als erfahrener Vater schon so manchen Spielplatz in so mancher Stadt, manchem Ort, manchem Kaff und auch sonstwo kennengelernt zu haben. (…) Aber das, was ich heute am Helmholtz-Platz in Berlin, also am Prenzlauer Berg gesehen habe, übertrifft „allet bislang Dajewesene“. Kinder und ihre Gefährte, wohin das Auge reicht, Kinder, überall Kinder. Und Eltern, so viele Eltern auf einmal! Und darunter sogar Väter, ganz beachtlich viele Väter, nicht alle orientiert am Geschehen und Geschrei des Nachwuchses, sondern vielfach im iPhone vertieft, dem Rest der Welt entrückt. (…) Und wo findet man dergleichen in Aachen? Hallo!? Wie gesagt, ich habe schon viel gesehen…

In einem Kommentar zum Eintrag wird noch angefügt:

Der Prenzelberg, ja, lieber Stefan, ist bei mir genauso hängengeblieben, wie Du ihn auch beschreibst. Mir hat vor allem die Lässigkeit gefallen, mit der die jungen Familien da unterwegs sind. Und mit welcher Selbstverständlichkeit man miteinander umgeht.

Ein völlig andere Perspektive auf die lieben Kleinen präsentiert uns der Langzeitbewohner von Prenzlauer Berg  Stefan Strauss in einer Glosse der Berliner Zeitung. Unter dem Titel  „Die neue Arroganz“ beschreibt er die gar nicht so ‚lässige‘ Arroganz der zugezogenenverzogenen Eltern:

Der kleine Junge auf dem hölzernen Laufrad fährt in hohem Tempo den Gehweg in Prenzlauer Berg entlang, gerade noch rechtzeitig kann der Passant zur Seite springen, schaut trotzdem freundlich zur Mutter, doch die guckt eher verärgert auf ihn. Kein Lächeln, kein Dankeschön für den nur knapp verhinderten Sturz ihres Sohnes. Wenig später im Supermarkt: Ein junger Mann knallt seinen Einkaufswagen in die Hacken eines Kunden. Keine Entschuldigung gibt es, dafür lenkt der Mann seinen Wagen um den Kunden mit schmerzendem Fuß.

Stefan Strauss interpretiert diese Beobachtungen als Ende der friedlichen Bürgerlichkeit in den Altbauquartiere:

Längst ist das Leben in Prenzlauer Berg nicht mehr so entspannt, wie manche Leute immer noch denken mögen. Im Lifestyle-Viertel mit seinen teuren Eigentumswohnungen, Ego-Eltern auf Biotrip und mit verzogenen Gören hat eine neue Arroganz die friedliche Bürgerlichkeit abgelöst.

Als Beleg für seine Thesen berichtet er von zwei Blumenhändler/innen, die nun ihren Laden schließen. Nicht dass sie sich über zu wenig Kundschaft beklagen könnten – es sei nur die falsche…

Sie schließen ihren Laden. Nicht weil er ihnen zu teuer geworden wäre, sondern weil sie, wie sie sagen, sich nicht länger als Dienstboten arroganter Kiezschnösel behandeln lassen wollen, die sogar bei kleinen Blumensträußen noch um den Preis feilschen.


Responses

  1. Link Defekt. Korrekt ist der „So viele Kinder“-Artikel unter http://7uhr15.blog.de/2010/04/07/prenzlauer-berg-viele-kinder-8327047/ zu finden.

  2. Hmm, ist häufigeres Preis feilschen dort wirklich „typisch“ und nicht nur anekdotenhaft?

    Ich unterhielt mich mal länger mit einem Bio-Verkäufer, der auch jahrelang u.a. einen Stand am Kollwitzplatz hatte (und an anderen Orten Berlins). Was ihm besonders am Kollwitzplatz nervte, war die Preisfeilscherei: Auch wegen 3,- Endbetrag würden offensichtlich reiche Leute um nen Groschen feilschen. Aus „Spass“. Obwohl der Standverkäufer ja nun auch ohne Feilschen gerade so über die Runden kommt.

    Am Kollwitzplatz ist jener Händler nun auch nicht mehr.

  3. Endlich😉 Die Entwicklung in anderen „Szenekiezen“ ist nicht anders. Schade und traurig, aber solange es nicht alle Dienstleister so machen, wie von den Floristinnen vorgelebt, wird das auch so bleiben.

  4. Ich bin Berlinerin und fühle mich fremd an den Plätzen im Prenzlberg. Mit meinen zwei Kindern möchte ich dort keinesfalls leben. Pankow hat zwar einen ähnlich großen Zuzug, aber sowohl Sonnenbrillen als auch Hipness sind hier noch etwas kleiner.

  5. @podruga.

    Richtig wie du schon sagtest „noch“.Viele dieser Leute ziehen jetzt nach Pankow weil sie es selber im Prenzlauer Berg nicht mehr aushalten. Sie treten sich ja auch gegenseitig auf die Füße und streiten sich untereinander.

    Der Artikel hat mir sehr gut gefallen und spricht mir aus dem Herzen. Danke…

  6. gestern waren auf phönix die ganze nacht nur dokus über berlin zu sehen. eine drehte sich genau um dieses thema und zeigte sogar diese zwei blumenverkäuferinnen. die zwei waren nette ältere damen und schwestern und erschienen mir recht nett und omahaft. sie bemängelten das ’nichtbenehmen‘ der kinder und die tatlosigkeit der eltern, so wie der artikel.
    die doku wurde im letzten sommer gedreht, geändert hat sich scheinbar nichts. außer, dass die arroganz noch weiter auf dem vormarsch ist.

  7. Die Selbstverständlichkeit mit der manche Eltern vom sich als Erdmittelpunkt ausgehen ist im P-Berg schon sehr ausgeprägt. Als Vater von 2 Kindern würde ich bei manch einer solchen Situation mich in Grund und Boden schämen.

    Guter Artikel🙂

    @dirq:
    Wie hieß die Sendung auf Phönix?

  8. Liebe Gentrification-Blogger,
    Liebe Väter und Mütter,

    wer neben seinen Kindern auch noch Kultur liebt sollte „MAMMA MACCHIATO – Das Prenzlbergical“ nicht verpassen!!! Genau diese Themen werden da angepackt und sehr skurril verarbeitet. Sogar der „Tango Gentrificado“ wird getanzt. Im Netz gibts auch schon Ausschnitte aus der Vorab-Lesung zu sehen. Im Herbst wird es dann Ernst im Maschinenhaus der Kulturbrauerei. Wir haben schon die Lesung gesehen – Die Premiere der Inszenierung am 29.11. ist wohl ein echtes Geheimtipp! Schaut mal unter http://www.mammamacchiato.de oder http://www.myspace.com/stammzellformation
    Liebe Grüße
    Hendrik

  9. […] der karibik. auf dem markt tummeln sich die bugaboo-kinderwagen, geschoben von lässig gekleideten eltern hinter den obligatorischen riesigen […]

  10. Genauso wie im Artikel dargestellt empfinde ich es auch. Jeder Einkauf, jeder Spaziergang wird zur Qual. Ich habe es langsam aufgegeben, den schubsenden Müttern mit ihren Kinderwagen im Einkaufszentrum die Tür aufzuhalten, weil ich statt einem Dankeschön in der Regel nur arrogante Blicke ernte. Das Personal in den Supermärkten wirkt von der allzu anspruchsvollen Kundschaft oft genervt.Auf dem Bürgersteig werde ich nicht selten von Fahrrad fahrenden Gören fast über den Haufen gefahren. In unserer Wohnanlage wohnen inzwischen einige dieser Yuppi-Eltern-Exemplare, und da meine Grüße nie erwidert wurden, lasse ich es jetzt sein. Und von Anwohnern des Helmholtzplatzes gab es unlängst wieder Beschwerden über die angebliche Lärmbelästigung durch die Trinker, die sich schon seit eh und je auf dem Platz aufhalten. Am liebsten wäre ihnen wohl ein Platzverbot. Der ehemalige Quartiersmanager ist zuversichtlich und glaubt, dass die Karawane in spätestens zehn Jahren weitergezogen ist. Das hoffe ich inständig.

  11. In der SZ gab es vergangene Woche auch einen Artikel zum Thema:
    „Prenzlauer-Berg-Mütter – Schlank, hübsch, verhasst“ Süddeutsche Zeitung

  12. Ich habe den Beitrag von D. Fiedler in den Prenzelberger Ansichten (Aug. 2012) gelesen und mich auf dem Weg hier 2 Jahre später verirrt.
    Ich finde obigen Beitrag dünn und überzogen. Die 3 Beispiele sollen eine Analyse der Kiezsituation darstellen?! Das ist zu mager.
    Ich beobachte das Geschehen am Prenzlauer Berg und in Mitte schon einige Jahre, auch berufsmäßig und muß sagen, es gibt solche und solche. Natürlich gibt es die, die wenn Söhnchen im Sandkasten mit der Schaufel auf Mitspieler losgeht, sich nicht zuständig fühlen, aber es gibt auch eine Menge Leute, die ziemlich gut mit ihren Kindern umgehen – so daß es nicht nur lauter verzogen Gören und Göreriche gibt.
    Bitte auf dem Teppich bleiben. Der Frust über die steigenden Mieten ist groß, auch bei mir, ich mag aber nicht alle Leute über einen Kamm scheren und für schuldig an der Misere halten.
    Sinnvoller finde ich die Auseinandersetzung mit der Stadtpolitik im Allgemeinen – und z.B. Kritik zu üben an der allgemeinen Privatisierung, die zu vielen Engpässen und Absurditäten führt (s. erwähnten Artikel in den PA).
    Aber keine sinnlosen Rundumschläge und Bashings via Blog!

  13. Hallo Reisel,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Vielleicht schaust du dich aber erst einmal ein wenig um, bevor du anfängst herumzupoltern. Zu Prenzlauer Berg findest du hier gefühlt etwa 100 Beiträge, so dass ich es ein wenig unfair finde, wenn mir vorgeworfen wird, ich würde mit mageren drei Anekdoten eine Stadtteilsituation analysieren wollen.

    Dem Medium Blog geschuldet ist es sicher, dass hier auch die ‚kleinen Geschichten‘ ihren Platz finden – und nicht nur die großen Analysen. Aber gerade zu der von dir so wichtig eingeschätzten Stadtpolitik gibt es im Gentrificationblog wirklich sehr viele Beiträge und du kannst gerne ein wenig schmökern und dich dort in die Diskussionen einbringen.

    Beste Grüße,

    AH

  14. Toller Artikel!

    Die beiden Blumenhändlerinnen kenne ich und der Grund ihrer Geschäftsaufgabe ist nachvollziehbar. Schade, denn sie waren ein Urgestein und haben den Kiez über Jahre bereichert. Naja… Hauptsache der EgoTrip dieser PBergFamilien bekommt weiterhin Futter.

    Wer denkt an die, die keine Lust auf solche Leute haben? Ach ja… an die muss man ja nicht denken, die können ja auch nach Marzahn ziehen…

    Schlimme Entwicklung.


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