Verfasst von: ah | Mai 2, 2010

Interview: „Jetzt wissen alle, was Gentrification ist“

TERZ ist die autonome Stadtzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf. Wie in vielen anderen Städten auch, wird in Düsseldorf über Stadtpolitik diskutiert. Ein Bündnis verschiedener Kulturinitiven fordert Freiräume für Bewegung und die vor fast 30 Jahren besetzten Häuser in der Kiefernstraße kämpfen mal wieder um ihren Erhalt. Für die aktuelle Ausgabe konnte ich ein ausführliches Interview zu meinem Lieblingsthema geben: „Jetzt wissen alle, was Gentrification ist“.

Abweichend von den üblichen Standardfragen ging es schwerpunktmäßig um die Protest- und Widerstandsoptionen:

  • Welche Formen des Widerstandes gegen Gentrifizierung gibt es und welche findest du sinnvoll?
  • Was sind typische Schwierigkeiten des Widerstandes?
  • Was können konkrete Erfolge und Ziele der Anti-Gentrifizierung sein?
  • Hast du eine Lieblingskampagne?

Gute Fragen sollten nicht nur eine Antwort erhalten. Deshalb mal wieder der Versuch eine kleine Debatte im gentrificationblog anzuregen. Insbesondere die Frage nach den Maßstäben für Erfolge und Ziele von Anti-Gentrification-Kamopagnen finde ich spannend.

Mein Antworten gibt es nicht nur in der TERZ sondern auch gleich hier zu lesen:

„Jetzt wissen alle, was Gentrification ist“

Interview mit Andrej Holm (TERZ, 5/2010)

Andrej Holm ist Stadtsoziologe, lehrt an der Universität Oldenburg und lebt in Berlin. Er kennt die Veränderungen in Städten also sowohl aus der wissenschaftlichen Perspektive als auch aus der Position der AktivistInnen, da er sich seit langer Zeit in MieterInnenkämpfen, Stadtteilarbeit und sozialen Projekten engagiert. Nicht zuletzt ist er wegen des Verdachts bekannt geworden, Mitglied in einer kriminellen Vereinigung zu sein.

Was denkst du über den Versuch, Gentrifizierung als positive Entwicklung für die BewohnerInnen eines Stadtteils darzustellen? Ist eine soziale oder gerechte Aufwertung möglich?

Gentrification im Verständnis der wissenschaftlichen Debatten bezeichnet ja den Bevölkerungsaustausch in Stadtvierteln von armen Haushalten hin zu Besserverdienenden. Insbesondere kritische ForscherInnen sehen in dieser Verdrängung das Wesen und nicht nur einen unerwünschten Nebeneffekt städtischer Aufwertungen. In einer sehr knappen Definition können als Gentrification all jene immobilienwirtschaftlichen Strategien der Inwertsetzung beschreiben werden, die den Austausch der Bewohnerschaft voraussetzen oder bewirken. Klassische Beispiele dafür sind Luxusmodernisierungen, bei denen von Beginn an klar ist, dass die bisherigen BewohnerInnen die Mieten nach der Modernisierung nicht mehr bezahlen können. Auch eine Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen setzt in der Regel den Austausch der BewohnerInnen voraus. Aus einer solchen Perspektive gibt es wenig positives zu entdecken. Eine Pro-Gentrification-Position müsste erklären können, worin und für wen ein Nutzen der Verdrängung ärmerer Haushalte bestehen soll. In den USA gab es in den letzten Jahren ein paar Versuche, die Aufwertung der Nachbarschaften als Vorteil für ökonomisch benachteiligte BewohnerInnen zu deuten. Argument dabei ist, dass die Armen durch die räumliche Nähe zu erfolgreichen Mittelklassehaushalten einen Vorteil für die Überwindung ihrer Armut hätten. Empirische Belege für solche positiven Nachbarschaftseffekte gibt es bisher aber nicht.

Die in Deutschland übliche Rhetorik gegen die Aufwertungsproteste hingegen streitet meist die Existenz von Gentrification ab und greift auf freundlicher klingende Begriffe wie „Reurbanisierung“, „Revitalisierung“ oder „Renaissance der inneren Stadt“ zurück. Dahinter steht meist der Versuch, die baulichen Erneuerungen und auch wohnungswirtschaftlichen Gewinne von ihren sozialen Effekten zu entkoppeln. Aufgabe von Stadtteilbewegungen und Mieterorganisationen, aber auch von kritischen WissenschaftlerInnen ist es hingegen, genau diese sozialen Folgekosten zu benennen.

Großprojekte wie die MediaSpree in Berlin machen die Gentrifizierung schlagartig deutlich. Meist läuft der Prozess jedoch schleichend ab, wie hier z.B. in Düsseldorf. Was siehst du für Möglichkeiten oder Einflussnahmen für die BewohnerInnen gegen diese langsame, kleinschrittige oder subtile Gentrifizierung?

Das Investorenprojekt MediaSpree in Berlin ist zwar typisch für die unternehmerischen Stadtpolitiken, die sich stärker an den Interessen umworbener Unternehmensansiedlungen und angeblicher Leistungsträger der Gesellschaft orientieren als an den Bedürfnissen der Mehrheit der BewohnerInnen in den Städten. Doch für die aktuellen Gentrification-Tendenzen stellt das Großprojekt eher die Ausnahme dar. Gentrification wurde (auch international) bis in die 1990er Jahre als Ausnahmefall der Stadtentwicklung beschrieben. Kleine Enklaven der Aufwertung und des Luxus in großen Gebieten des Verfalls und der Vernachlässigung erregten das öffentliche und wissenschaftliche Interesse.

Die Situation heute ist ein komplett andere: Aufwertung und Verdrängung haben sich zu einem neuen städtischen Mainstream in den Innenstädten entwickelt. In vielen Städten sind nur noch kleine Nischen preiswerten Wohnens zu finden. Gentrification ist zum Normalfall geworden. Wir können in vielen Städten eine Art Banalisierung von Aufwertungsdynamiken beobachten. Statt spektakulärer Aufwertungen einzelner Viertel ist der Prozess eher durch flächendeckende Mietsteigerungen gekennzeichnet. In Berlin und Hamburg sind dabei regelrechte Verdrängungsketten zu beobachten. Durch die umfassende Aufwertung in einzelnen Gebieten werden beispielsweise Studierende in andere bisher ‚unentdeckte Stadtviertel‘ verdrängt, in denen sie wiederum selbst zur Aufwertung beitragen, weil sie höhere Mieten zahlen können, als die bisherigen BewohnerInnen dort. Gentrification muss also nicht immer das Gesicht von Luxusvierteln haben, sondern kann auch mit scheinbar harmlosen Mietsteigerungen Verdrängungsprozesse auslösen. Vielfach kommen solche schleichenden Verdrängungsprozesse sogar ohne umfangreiche Modernisierungsarbeiten aus – die Leute ziehen schlicht weg, weil die Miete steigt.

Genau dort sollten auch die Protestbewegungen in den Städten ansetzen. Beschränkung von Mietsteigerungen in Bestandswohnungen und vor allem bei Neuvermietungen wären ein hilfreiches Instrument, um den Verdrängungsdruck zu reduzieren. Zentral dafür wäre eine Änderung des Mietrechts – als Entscheidung auf der Bundesebene leider meist ausserhalb der politischen Reichweite von Stadtteilgruppen und Mieterorganisationen. Doch auch die Städte selbst können über die Festlegung von Milieuschutzgebieten oder den Erlass einer Umwandlungsverordnung in die Wohnungsverwertung eingreifen. Grundsätzlich sind informierte und organisierte MieterInnen, die ihre Mietrechte auch wahrnehmen immer auch ein Hindernis für schnelle Mietsteigerungen. In einigen Städten gab und gibt es auch Versuche, über öffentlichen Druck einzelne Eigentümer oder Wohnungsunternehmen zu einer moderaten Mietpreispolitik zu zwingen. In Hamburg gibt es zum Beispiel gerade eine Kampagne, die das städtische Wohnungsunternehmen SAGA zur Rücknahme von Mieterhöhungen auffordert. In Paris und Zürich gab es die spektakuläre Versuche auf überteuerte Wohnungsangebote aufmerksam zu machen. In Form einer ‚Party-Guerilla‘ verabredeten sich dabei AktivistInnen mit Musikanlagen, Konfetti und viel guter Laune und verwandelten öffentlich annoncierte Besichtigungstermine in wilde Orgien. Gekoppelt mit politischen Forderungen nach preiswerten Wohnungen konnte so viel Aufmerksamkeit für das Thema erzeugt werden.

Was ist der Ausweg aus der kapitalistischen Stadtpolitik? Gibt es Alternativen zu unbezahlbaren Mieten auf der einen Seite und heruntergekommenen Stadtteilen auf der anderen?

Gentrification oder Slum sind ja nicht die einzigen Stadtentwicklungsoptionen – es sind die Gegensätze, die ein kapitalistischer Wohnungsmarkt diktiert, weil Verbesserung von Wohnverhältnissen dort immer an steigende Miete gekoppelt ist. Logische Konsequenz ist also, marktferne Wohnungsversorgungssysteme zu fordern. Es gibt ja kein Naturgesetz, mit Wohnungen Geld verdienen zu müssen.

Traditionelle Versuche des Staates waren in Deutschland lange Zeit Förderprogramme wie der Soziale Wohnungsbau, bei denen die Eigentümer im ‚Tausch‘ für öffentliche Zuschüsse langjährige Mietpreisbindungen akzeptierten. In anderen Ländern, wie etwa Österreich oder Schweden wurde stärker auf einen öffentlichen Wohnungsbau gesetzt. Die Städte als Eigentümer größerer Wohnungsbestände konnten dort die Mietentwicklung selbst bestimmen. Förderprogramme und kommunale Wohnungsbestände haben jedoch den Haken, dass sie immer abhängig von den jeweiligen politischen Mehrheiten ausgestaltet werden können – also keine wirklich verlässlichen Garantien für eine soziale Stadtentwicklung bieten. Versuche für eine Selbstorganisation marktferner Wohnungen – wie etwa Hausbesetzungen oder die Wohnprojekte des Mietshäusersyndikats – sind leider über einen Nischenstatus nie hinausgekommen. Aber wirkliche Alternativen zur kapitalistischen Stadtentwicklung werden sich weder mit dem Markt noch mit dem Staat durchsetzen lassen. Da sind Modelle gefragt, die den Aneignungspraxen subkultureller Bewegungen eine gesellschaftliche Perspektive geben.

Ein gutes Beispiel dafür sind die aktuellen Diskussionen beim Mietshäusersyndikat, das Modell der Sperrminorität in ihren Wohnprojekten auf städtische Wohnungsunternehmen zu übertragen. Idee dabei ist, dass die BewohnerInnen einer Stadt über Bürgeranteile selbst zu Eigentümern der öffentlichen Wohnungsbestände werden und über ein Vetorecht z.B. Privatsierungen verhindern sollen. Das wird nicht ausreichen, doch den Ansatz Prinzipien der solidarischen Selbstorganisation auf einen größeren Kontext zu übertragen, finde ich sehr sinnvoll.

Welche Rolle spielen Genossenschaften in der Wohnungspolitik?

Eine Genossenschaft ist zunächst einmal eine von vielen möglichen Rechtsformen des Wohnungseigentums. Zu den sozialen und stadtpolitischen Auswirkungen lassen sich keine pauschalen Einschätzungen formulieren. Es gibt Genossenschaften, die von Hausgemeinschaften gegründet wurden, um selbst Einfluss auf die Mietentwicklung und Erneuerungsarbeiten in ihren Häusern nehmen zu können und solche, die – wie andere Wohnungsanbieter auch – große Bestände verwalten und vermieten und sich in den Wohnkosten kaum von anderen unterscheiden. Vorteile von Genossenschaften sind sicherlich die größeren Mitsprachemöglichkeiten und eine gesetzlich festgelegte Gewinnbeschränkung.

Nachteil ist die Gefahr der sozialen Exklusion von insbesondere ärmeren Haushalten. Im Gegensatz zu normalen Mietwohnungen sind für das Wohnen in Genossenschaften meist relativ hohe Genossenschaftseinlagen zu zahlen. Das können sich nicht alle leisten, deshalb wohnen in den meisten Genossenschaften vor allem Mittelschichtshaushalte. Viele Genossenschaften begründen ihre relativ hohen Wohnkosten mit ihren Ausgaben für den Kauf von Grundstücken und die Finanzierung von Baukosten.

Alternativen sollten sich vor allem darauf konzentrieren, das Wohnen aus den ökonomischen Verwertungskreisläufen herauszuholen. Wirklich preiswerte Wohnungen wird es erst geben, wenn Wohnungsbau und Bewirtschaftung von einer Kapitalmarktfinanzierung gelöst werden kann. Einen Großteil der Wohnkosten bezahlen wir ja nicht für den Eigentümer der Wohnungen sondern an die Banken, mit deren Krediten Häuser gekauft, gebaut und saniert werden. Es käme also darauf an, Modelle zu entwickeln, die aus diesen Abhängigkeiten herauskommen – ob die sich dann als Genossenschaften, GmbH’s, Mieterselbstverwaltungen oder öffentliche Wohnungsunternehmen organisieren, ist eher zweitrangig.

Welche Formen des Widerstandes gegen Gentrifizierung gibt es und welche findest du sinnvoll?

Ein paar Protestformen wurden ja schon angesprochen. Grundsätzlich lassen sich verschiedene Ebenen und Ausrichtungen von Anti-Gentrification-Kämpfen beschreiben. So können beispielsweise individuelle, kollektive und gesellschaftliche Ebenen des Widerstandes unterschiedenen werden. Als BewohnerInnen, Kulturschaffende, politische AktivistInnen usw. sind wir alle mit unserem eigenen Verhalten Teil von Stadtentwicklungsprozessen.

Gentrification ist ja eine Mischung von kulturell-symbolischer Aufwertung von Vierteln und wohnungswirtschaftlichen Gewinnstragien. Mit unseren eigenen Freizeit- und Wohnverhältnissen werden wir schnell zum Teil solcher Aufwertungen. Gerade subkulturelle Aktivitäten tragen immer wieder zur symbolischen Aufwertung teil und können Wohnviertel in angesagte Orte verwandeln. Wichtig wäre es, diese eigenen Pionierfunktionen der Aufwertung zu erkennen und wenn möglich gegenzusteuern. Auch als MieterInnen und Wohnungssuchende gibt es eine individuelle Ebene von Verantwortung für Aufwertungsprozesse. Lassen wir uns z.B. bei Wohnungsbewerbungen auf Konkurrenzsituationen ein und akzeptieren auch zusätzliche Forderungen von EigentümerInnen, weil wir die Wohnung sonst nicht bekommen? Wie reagieren wir auf kleine Mieterhöhungen – werden die einfach akzeptiert, weil wir die zwanzig Euro gerade noch bezahlen können, oder versuchen wir Widerspruch einzulegen, weil wir wissen, dass die Nachbarin eben diese zwanzig Euro nicht mehr bezahlen kann.

Fragen der Solidarität stehen auch auf der kollektiven Ebene im Vordergrund: Wie kann ich nicht nur meine eigene Situation gegenüber Hausverwaltungen und EigentümerInnen verbessern, sondern die meiner NachbarInnen gleich noch mit. In vielen Städten gibt es Mieterorganisationen, die mit gut ausgebauten Beratungsnetzen MieterInnen in Mietstreitigkeiten den Rücken stärken. Auch Stadtteilgruppen oder Bürgerinitiativen können sinnvolle Instrumente sein, wenn es darum geht, konkrete Aufwertungsprojekte zu stören und zu verhindern. Hiermit verbunden sind Fragen der sozialen Verankerung von Stadtteilinitiativen. Sind es die ‚üblichen Verdächtigen‘ aus dem Kreise der notorischen PolitaktivistInnen oder gelingt es tatsächlich, sich mit Leuten aus der Nachbarschaft zu organisieren.

Über die individuelle und kollektive Ebene hinaus, sollten Anti-Gentrification-Kampagnen sich immer auch mit stadtpolitischen Forderungen ins Feld der Realpolitik begeben. Rund um die Gängeviertelbesetzung in Hamburg hat das ganz gut geklappt. Den BesetzerInnen des bereits an einen Investor verkauften Gebäudekomplexes ist es gelungen über ihr Projekt hinaus eine stadtpolitische Diskussion in Hamburg zu erzwingen und selbst die Schwarz-Grüne Mehrheit in der Bürgerschaft sieht sich mittlerweile gezwungen Instrumente gegen Mietsteigerungen und Verdrängung zu diskutieren. Ob da was bei rauskommt, wird aber letztlich an der Stärke und Ausdauer der Protestaktivitäten abhängen.

Inhaltlich sind es vor allem zwei Felder, an denen sich Anti-Gentrification-Proteste orientieren. Zum einen die Prozesse der symbolischen Aufwertung von Vierteln, denen mit gezielten Deattraktivierungskampagnen begegnet werden kann – zum anderen die wohnungswirtschaftlichen Verwertungskreisläufe, die unterbrochen und gestört werden. Oft scheint es einfacher, sich in Opposition zu einem spektakulären Bauprojekt oder der Eröffnung von Edelgeschäften symbolisch an den Auswirkungen der Gentrification abzuarbeiten. Sinnvoller erscheint mir aber eine Orientierung auf die ökonomischen Aspekte de Aufwertung. Wie kann es gelingen, Mietsteigerungen, Umwandlungen oder Luxusmodernisierungen in einem Gebiet zu verhindern? Kampagnen gegen überhöhte Neuvermietungsmieten oder die Vermietungs-praxis einzelnen Wohnungsunternehmen sind Beispiele dafür. Pauschal gibt es jedoch nicht das eine goldene Erfolgsrezept, sondern immer einen Mix von verschiedenen Ansätzen und Aktionsformen. Diese Vielfalt ist es auch, die Stadtteilproteste erfolgreich machen können.

Was sind typische Schwierigkeiten des Widerstandes?

Die größte Herausforderung für Stadtteilinitiativen ist sicherlich, eine Legitimität der eigenen Forderungen innerhalb der Nachbarschaft herzustellen. Dazu müssen Einzelinteressen in einen gemeinsamen Kontext gestellt werden. In den 1990er Jahren gab es mit der „Wir Bleiben Alle!“-Kampagne in Ostberlin ein ganz gutes Beispiel für solch einen breiten Konsens. Hinter dieser Grundforderung konnten sich viele BewohnerInnen, aber auch die BesitzerInnen kleiner Läden und die besetzten Häuser wiederfinden. Doch solche übergreifenden Klammern können nicht kopiert werden, sondern entstehen immer in den spezifischen Bedingungen einzelner Städte und Stadtviertel. Schwierigkeiten dabei sind oft die unterschiedlichen Interessen innerhalb von Nachbarschaften. Während ein Teil sich eine substantielle Verbesserung von Wohnverhältnissen wünscht, wollen andere aus Angst vor steigenden Mieten vielleicht eben dies verhindern. Das Recht in einem Viertel zu bleiben und die Einforderung von Mitbestimmung haben jedoch meist einen relativ hohen Konsensfaktor.

Was können konkrete Erfolge und Ziele der Anti-Gentrifizierung sein?

Langfristig und grundsätzlich geht es sicherlich immer um die Durchsetzung von städtischen Gebrauchswerten gegen die ökonomischen Tauschwertlogiken. Im Bereich der Wohnungsversorgung ist dies – wie beschreiben – die Durchsetzung marktferner Wohnungsbestände, in denen eben nicht das Einkommen darüber entscheidet, wer dort wohnen kann.

Da Stadtteilproteste den Kapitalismus als solche meist nicht abschaffen können, sind kleinere Ziele zu formulieren. Gebrauchswertorientierung und Marktferne stellen jedoch gute Kriterien dar, um einzelnen Forderungen zu beurteilen. Eine gute und offensive Mieterberatung kann dazu beitragen, die Positionen der BewohnerInnen gegenüber den EigentümerInnen in einem Gebiet zu stärken, projektbezogene Kampagnen können vielleicht einen Abriss oder eine Luxusmodernisierung verhindern und die Durchsetzung eines Milieuschutzgebietes kann die Umwandlung in Eigentumswohnungen erschweren. Einen einfach übertragbares Blueprint für einen universellen Forderungskatalog gibt es aber auch hier nicht.

Hast du eine Lieblingskampagne?

Nö. Wie beschreiben, gibt es sehr unterschiedliche Ebenen und Felder von Anti-Aufwertungsaktivitäten, die je für sich eine Berechtigung haben. Gute Beispiele sind sicherlich das Hamburger ‚Recht auf Stadt Netzwerk‘ weil es dort gelungen ist, viele verschiedene Initiativen aus verschiedenen Stadtteilen in eine gemeinsame Diskussion zu bringen oder die Kampagne ‚Wohnen ist Menschenrecht‘ in Freiburg, weil die erfolgreich den Verkauf der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft verhindert haben. Toll finde ich aber auch viele kleinere Initiativen wie die Kamgagnen gegen den Verkauf eines riesigen Innenstadtareals an einen Investor in Hanau, weil dort PolitiaktivistInnen vom Sozialforum mit einer Bewohnerinitiative älterer Damen eines abrissbedrohten Straßenzuges gemeinsam mobilisieren.

In welchem Zusammenhang standen deine Verdächtigung und Festnahme mit dem Thema Gentrifizierung? Wie lässt sich eine so drastische Repression erklären?

Der Begriff ‚Gentrification‘ tauchte in den Ermittlungsakten auf und sollte neben einer Reihe von anderen Begriffen (z.B. ‚Reproduktion‘, ‚politische Praxis‘, ‚Bezugsrahmen‘, Prekarisierung‘) „beweisen“, dass ich und die anderen Ursprungsbeschuldigten die Anschlagserklärungen der ‚militanten gruppe (mg)‘ geschrieben haben sollen, weil die Begriffe dort auch benutzt wurden. Dabei ging es – so unsere Einschätzung – aber nicht um eine Kriminalisierung von Stadtteilprotesten, sondern um die Begründung eines Ermittlungsverfahrens und die Überwachung von linken AktivistInnen. Mit dem Bekanntwerden dieser Begründungen wurde nicht nur die Absurdität der Vorwürfe deutlich, sondern auch der Begriff selbst hat eine neue Popularität erfahren. Eine Freundin hat mir eine Karte in den Untersuchungsknast geschickt. Da stand nicht viel mehr drauf als: „Ein Gutes hat die Sache, jetzt wissen alle, was Gentrification ist!“.

INTERVIEW GEFÜHRT VON ANI DIESSELMANN


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