Verfasst von: ah | Mai 12, 2010

Berlin: Dieter Bernhardt ist tot.

Dieter Bernhardt († Mai 2010)

Der Kampf für ein Recht auf Stadt und gegen Mietsteigerungen kommt oft als fröhlicher und phantasievoller Protest daher. Wie existentiell die Bedeutung von bezahlbaren Mieten und sicheren Wohnverhältnissen auch hierzulande sein können, zeigt der Freitod von Dieter Bernhardt auf tragische Weise. Dieter Bernhard war einer der Mieter/innen in der Schöneberger Akazienstraße, die sich seit ein paar Monaten gegen die Mieterhöhungen in ihren bisherigen Sozialwohnungen zur Wehr gesetzt haben. Nach dem Ende der Förderung haben die Eigentümer vom Förderparadox der Kostenmiete Gebrauch machen wollen und eine Mieterhöhung von etwa 25 Prozent verlangt. Für viele Bewohner/innen zu viel um in ihren Wohnungen bleiben zu können. Mit Protestbriefen, kleineren Aktionen und einer unermüdlichen Öffentlichkeitsarbeit haben Dieter Bernhardt und andere versucht, die Mieterhöhung abzuwenden und den Berliner Senat in die Verantwortung zu nehmen. Beides war nicht erfolgreich. Dieter Bernhardt ist nicht mehr am Leben.

„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“ (Berthold Brecht)

Auf der Webseite der Mieterinitiative sozialmieter.de heisst es im Nachruf:

Dieter Bernhardt ist tot.
Wir gedenken seiner in stiller Trauer.

Wie jetzt bekannt wurde hat sich Herr Dieter Bernhardt, von exorbitanten Mieterhöhungsforderungen betroffener Mieter aus der Akazienstraße 6 in Schöneberg und Mitbegründer des berliner bündnisses sozialmieter.de, in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 2010 das Leben genommen.
Neben seinem Leichnam fand die Polizei einen Abschiedsbrief unseres engagierten und sich in seinen Grundfesten bedrohten Mitstreiters aus dem hervorgeht, dass Dieter Bernhardt den Freitod deshalb wählte weil er die „Gefühlskälte“ und „Gleichgültigkeit“ nicht mehr ertragen konnte, mit der die politisch Verantwortlichen Berlins den Menschen in dieser Stadt begegnen würden, die vom Verlust ihrer Wohnungen und ihres Lebensumfelds bedroht sind. Dieter Bernhardt setzte seinem Leben ein Ende weil der Verlust seiner über Jahre gewachsenen sozialen Bindungen drohte und er sich angesichts seiner absehbaren Entwurzelung zur Ohnmacht verurteilt sah. Kurz vor seinem Tod sagte er zu seiner Nachbarin und unserer Mitstreiterin, Frau Lucile Greco, dass „er wahrscheinlich erst an einem Galgen baumelnd aus dem Fenster hängen müsse“, damit die politisch Verantwortlichen Berlins endlich reagieren würden.

Während einige Berliner Zeitung mit großen Schlagzeilen aufmachen (Berliner Kurier: „Todesdrama – Berliner Mieter trauern um ihren Vorkämpfer„) schlagen die Mieterinitiativen vor allem nachdenkliche Töne an. Beim Berliner Bündnis Steigende Mieten Stoppen etwa ist zum Tod von Dieter Bernhardt lesen:

Ein alter Spruch besagt: Wandelt Wut und Trauer in Widerstand! Wir sagen: Und vor allem müssen wir aufeinander aufpassen, damit keine_r von uns mit herben Enttäuschungen, Ohnmacht und nach innen gekehrter Wut alleine gelassen wird, damit wir aufeinander acht geben und die scheinbar ausweglosen Situationen der jeweils anderen auffangen können. Wir legen keinen Wert darauf, Märtyrer_innen in der Bewegung zu produzieren, auch wenn die hauptsächliche Verantwortung für traurige Ereignisse wie dieses bei jenen in Politik und Wirtschaft liegt, die den enormen Druck auf Betroffene erzeugen, die sie in scheinbar ausweglose Enge treiben. Und all jenen, die nicht mehr weiter wissen, möchten wir sagen: Es gibt immer einen Weg, wir müssen ihn aber zusammen suchen und gehen – bleib nicht allein dabei, suche dir Unterstützung, vertraue dich deinen Genoss_innen/ Kolleg_innen/ Freund_innen/ Nachbar_innen an! Bewegung ist zum gemeinsam kämpfen da, nicht dafür, dass einzelne sich aufopfern.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Die letzte Konsequenz im Leben von Dieter Bernhardt zeigt, dass es beim Kampf um Wohnungen für viele um mehr geht, als ein paar Euro weniger Miete…


Responses

  1. […] Ein drittes Thema gibt es noch auf dem Video. Es hat zwar nichts mit den Clubs zu tun, aber es passt in den Gesamtzusammenhang der aktuellen Stadtentwicklung und Stadtpolitik. Der Tod des Mieters Dieter Bernhardt. Eine ausführliche Hintergrundgeschichte dazu im Gentrification Blog. […]

  2. Ist denn ausser den Schlagzeilen noch mehr aus dieser Tat entstanden, etwas, was dem Anspruch von Dieter Bernhardt wenigstens ansatzweise gerecht wird?

    „Bewegung ist zum gemeinsam kämpfen da, nicht dafür, dass einzelne sich aufopfern.“ – das ist sicher der bessere Weg – wie verzweifelt muss Dieter Bernhardt gewesen sein, wenn er trotzdem den Freitod als letztes Mittel gesehen hat.

  3. […] den letzten Monaten sorgten Mietsteigerungen, Proteste und sogar ein Todesfall im Zusammenhang mit auslaufenden Förderprogrammen im Sozialen Wohnungsbau in Berlin für […]


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