Verfasst von: ah | Juni 28, 2010

Berlin Prenzlauer Berg: „Zeit zu gehen“

Erst am Wochenende habe ich über das Ende des Knaack-Clubs und die Reprivatisierung des Hirschhofs gebloggt. In der Montagsausgabe der Berliner Zeitung wird der Abschied der Musik- und Partyszene aus dem Aufwertungsgebiet Prenzlauer Berg sogar mit einem Aufmacher auf der Seite Drei gewürdigt: „Mach`s gut, Prenzl Berg. Immer mehr Clubs flüchten aus dem früheren Szenebezirk„.

Die Partyszene ist auf der Flucht aus Prenzlauer Berg, und meistens sind Klagen wegen Ruhestörung dafür die Ursache. (…) „Zeit zu gehen“, hieß es knapp, als der Magnet von der Greifswalder Straße wegzog. Die Interessen von Vermieter und Club-Betreiber ließen sich in diesem bürgerlichen Viertel nicht länger vereinbaren.

Der Magnetklub ist bereits  nach Kreuzberg umgezogen, der Knaack-Club wird ihm wohl noch dieses Jahr folgen.

Mittlerweile kämpft hier nahezu jeder Club, dessen Sound den Geräuschpegel einer Eisdiele überschreitet, mit Klagen der Nachbarn, auch solche Institutionen der Gegend wie Duncker, Wohnzimmer, Kulturbrauerei oder Zum Schmutzigen Hobby. Fast immer geht es um Lärmbelästigung.

Die Entwicklung liest sich wie ein klassischer Plot der Lehrbuchmodelle zum Gentrification-Verlauf, bei dem in „Phase drei und vier“ die Pioniere und ihre Einrichtungen selbst aus den Aufwertungsgebieten verdrängt werden. Doch anders als oft angenommen sind es hier gar nicht die steigenden Gewerbemieten, sondern die Raumnutzungsansprüche der Neuhinzugezogenen, die die Verdängung auslösen. Der Artikel in der Berliner Zeitung berichtet von über  400 Klagen wegen Lärmbelästigung, die allein in den Sommermonaten bei den Ämtern eingehen. Viele dieser Klagen richten sich gegen Clubs und Veranstaltungsräume, die es seit langem in den Nachbarschaften gibt.

Der Beitrag in der Berliner Zeitung zitiert Jens-Holger Kirchner (Stadtrat für Öffentliche Ordnung, Die Grünen), der die Klagewelle auf veränderte Lebensabschnitte der Bewohner/innen zurückführt. Den Streit mit den Kultur- und Szeneeinrichtungen gebe es nicht,

weil (…) die Bewohner andere geworden sind, sondern ihre Bedürfnisse sich geändert haben. Sie sind jung hergezogen, haben irgendwann Kinder bekommen, sind geblieben, und ihr näheres Umfeld passt sich diesem Familienmodell immer stärker an. Ausgehen und lebhafte Straßenbeschallung passen dazu nicht mehr unbedingt. Alles soll bitte so bleiben, wie es ist – nur sehr viel leiser.

Gegen diese biographische Lebensphasen-Begründung spricht jedoch der Umstand, dass ein Großteil der bekannt gewordenen Klagen offensichtlich aus Häusern kommt, die erst kürzlich in Eigentumswohungen umgewandelt (Hirschhof) oder neu gebaut wurden (Knaack-Club). Im Artikel selbst wird auch noch auf eine Beschwerde aus der gerade erst fertiggestellten Nobel-Wohn-Anlage KolleBelle-Palais verwiesen:

Ausgerechnet der Stadtrat für Öffentliche Ordnung durfte Anfang Juni miterleben, dass die Polizei bei einem privaten Fest des Abenteuerspielplatzes an der Kollwitzstraße anrückte – den Nachbarn im luxuriösen KolleBelle-Palais gegenüber war es um 22 Uhr dann doch zu viel mit der Musik.

Das sind nicht nur  veränderte ‚Bedürfnisse‘, die in den Klagen zum Ausdruck kommen, sondern vor allem neue „Ansprüche“, die Nachbarschaft nach eigenen Vorstellungn zu gestalten. Abgeleitet werden diese Ansprüche offenbar direkt aus dem Privateigentum – so sind die Klagekonstruktionen im Falle des Knaack-Clubs und des Hirschhofs direkt mit dem Eigentümerstatus verbunden.  In mehr oder minder klassischer NIMBY-Manier (Not In my Backyard) wird gegen alles geklagt, was den eigenen Lebensstil beeinträchtigen könnte.

Die von Hartmut Häußermann beschriebene „Tendenz zur Homogenität“ liest sich in diesem Zusammenhang wie die späte Rache von Strieders (ehemaliger Stadtentwickungssenator, SPD) Eigentümeroffensive, die die „Neuen Urbaniten“ in die Stadt locken sollte.  Statt der erhofften sozialer Anker, Kümmerer  und Impulsgeber kamen Eigentümer/innen die ihre letztlich anti-urbanen Lebensvorstellungen einer Eigenheimidylle in Prenzlauer Berg durchsetzen wollen. Häußermann noch mal dazu:

Er kennt diejenigen gut, die es schön, sauber und vor allem still haben wollen – und die in den Verkaufsprospekten für ihre Eigentumswohnungen genau mit jener bunten Mischung geködert worden sind, mit dem Nachtleben, der Musikszene, den alternativen Projekten, die sie jetzt allerdings nicht mehr gar so gern vor der eigenen Haustür haben wollen.

Das ist sehr zurückhaltend formuliert, denn praktisch geht es nicht nur um den Wunsch nach ein bisschen mehr Ruhe, sondern um die rechtliche Durchsetzung privater Ansprüche im gesellschaftlichen/gemeinschaftlichen Raum des Stadtteils. „Zeit zu gehen“ ist dann nicht mehr nur eine verbitterte Feststellung des Magnetklubs vor dem Umzug, sondern eine Aufforderung der neuen Herren Eigentümer/innen im Bezirk.


Responses

  1. Wer jetzt, bzw. in Zukunft ein buntres Treiben in Prenzlauer Berg erwartet, ist ein Träumer. Die CDU wird wohl bald die vielen Pseudo-Grünen im Bezirk letztendlich überzeugen.
    Prenzlauer Berg ist ein komplett missratenes Versuchsobjekt einer städtebaulichen Umwälzung.
    Wollen wir wirklich in der Innenstadt homogenisierte „Akademikerghettos“ in denen Minderheiten wie Rentner oder Arbeitslose sofort jedem ins Auge fallen? Ich denke nicht.

  2. […] Wie ich gerade im Gentrificationblog las, ist in Prenzlauer Berg wohl die letzte Stufe der Gentrifizierung angebrochen. In den 90ern […]

  3. […] Mittlerweile kämpft hier nahezu jeder Club, dessen Sound den Geräuschpegel einer Eisdiele überschreitet, mit Klagen der Nachbarn, auch solche Institutionen der Gegend wie Duncker, Wohnzimmer, Kulturbrauerei oder Zum Schmutzigen Hobby. Fast immer geht es um Lärmbelästigung. Quelle: Gentrification Blog vollständiger Artikel: klick […]

  4. Hallo,

    irgendwie klingt das ganze doch irgendwie seltsam. Erstens kann kein Zugezogener eine Klage wegen Lärmbelästigung durchkriegen wenn er vorab davon wusste und die TA-Lärm eingehalten wird. Zweitens ist diese für Kerngebiete mit 45 db Nachtlärmpegel auch recht großzügig.

    Da eine Eisdiele, (und ein Club bei sinnvollem Schallschutz auch) gemütlich unter den Grenzwerten bleiben kann (siehe Nürnbergs Rock im Park sogar bei Freiluftveranstaltungen) dürfte das Problem eher an fehlendem Willen der Clubbetreiber als an fehlenden Möglichkeiten liegen.

    Könnte es nicht auch sein, dass in Zeiten in denen scheinbar ein Berliner Club nach dem anderen Pleite geht diese ganze Lärmgeschichte nur eine willkommene Ausrede für die eigene ökonomische Inkompetenz ist? Zahlreiche gut organisierte Clubs in Münchens Innenstadt haben jedenfalls keine derartigen Probleme den Lärmschutz zur Zufriedenheit der Ämter und Anwohner zu erfüllen.😉

    viele Grüße,

    Andreas

  5. hallo,wir haben innerhalb einer hotelanlage eine disco mit 2 dancefloors realisiert.peak level ca. 110dB und bisher keine beschwerden von den gästen.zimmer liegen ca. 15m weg vom lärm.wo ist das problem im prenzlberg?

  6. @Andreas:

    Schön, dass sich die Problemklientel hier mal selbst ausspricht und zeigt, welch widerlicher Kleinbürger-Gestus in Prenzlauer Berg Einzug gehalten hat. Gut organisierte Münchner Verhältnisse sind das Gegenteil jeglicher Spontaneität und wären das letzte, was man hier gebraucht hätte. Jetzt hat man sie und das ist schade. Berlin ist zwar groß, aber nicht so groß, dass man einer solchen Tendenz auf Dauer entfliehen könnte. Es wird so sein wie in Paris und London und überall… So, jetzt ist mir schlecht.

  7. […] mit reaktionären Countrystücken des Duos Montgomery Gentry zu verstehen, sondern auch die Entschallung von Klängen, die – wie wir bereits im Zusammenhang mit unserer Analyse zur Love Parade deutlich gemacht […]

  8. […] kriegen Recht (in Berlin), oder der Streit tobt trotz Zugeständnissen immer noch (in Thüringen). Urteile aus anderen […]

  9. Ja und jetzt treiben sich nur noch solche Typen wie in diesem Song: soundcloud.com/twt-media/trisomie-030-sektempfang im Prenzlauer Berg herum. Die Interpreten wehren sich so gegen den Neu-Prenzlauer Berger und sie bringen den Charakter auf den Punkt!


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