Verfasst von: ah | Juli 10, 2010

Berlin: Innenansichten der Gentrification

Auf Foxxis-Blog habe ich einen lesenswerten Beitrag eines Wohunngseigentümers in Prenzlauer Berg gefunden. Foxxibaer beschreibt darin seine Rolle als Gentrifier wider Willen: Talkin‘ bout my Gentrification.

Es gibt wenig Blogs bei deren Lektüre ich mich so unbehaglich fühle wie beim Gentrification Blog von Andrej Holm. Das liegt natürlich zunächst einmal am Thema selber und seinem unmittelbaren Niederschlag in meiner örtlichen Umgebung, was aber wirklich schmerzt ist das permanente Fremdschämen, den schließlich bin ich ein Teil dieser Fehlentwicklung…

Foxxibaer beschreibt sehr anschaulich die symbolische Verwandlung von Prenzlauer Berg in eine beliebte Wohnadresse für westdeutsche Studierende Anfang der 1990er Jahre.

Als ich 1990 zum Studium nach Berlin kam wohnte ich, wie die meisten meiner Kommilitonen aus Wetsdeutschland irgendwo in Westberlin. Tempelhof, Lankwitz, Steglitz, Friedenau etc. … Die ersten Wochen war unser bevorzugtes Revier Kreuzberg, schließlich kannten wir uns da aus und nach kürzester Zeit lernten wir Menschen kenne, die schon längere Zeit dort wohnten und dementsprechend den Niedergang Kreuzbergs bejammerten …folgerichtig verlagerten wir, nun um die Kreuzberger Freunde verstärkt, unsere außeruniversitären Aktivitäten immer mehr Richtung Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain…

Partyangebote und Freiräume verdichteten sich dabei offenbar zur Wahrnehmung eines subkulturellen Milieuraumes. Obwohl ganz offenbar die Einbeziehung in die Szeneaktivitäten nicht über das Wohnen in der Nachbarschaft beschränkt wurde, galt ein Umzug nach Prenzlauer Berg erstrebenswert und versprach offenbar so etwas wie eine räumliche  Distinktionsrendite (Bourdieu).

…ich könnte jetzt Anekdoten erzählen über das Tacheles, das Obst & Gemüse, U2, etc.. die Parties in den Kellern durch die man nur durch ein Fenster einsteigen konnte, weil die Kellertüre sich nicht mehr öffnen ließ, den Kontrollorganen, die großzügig wegschauten, der hohen Qualität der Drinks zum erstaunlich niedrigen Preis, 1. Mai am Kollwitzplatz usw. usf…. aber eines war schon damals allgegenwärtig: Die Bewunderung für diejenigen, die das vor ihrer Haustüre hatten und das Ziel es ihnen bei nächster Gelegenheit gleichzutun.

Die hier angesprochene ‚Bewunderung‘ entspricht genau der von Bourdieu angesprochenen Distinktionsrendite, die das Wohnen an der richtigen Adresse verspricht. ‚Bewunderung‘ bezieht sich ja nicht nur auf die jetzigen Anwohner/innen sondern rezipiert letzten Endes die (erhoffte?) Fremdwahrnehmung der eigenen Adresse.

Foxxibaer beschreibt an der eigenen Wohnkarriere, dass die erwünschte Zugehörigkeit nicht voraussetzungslos zu erreichen war, sondern v.a. über die ökonomische Ressourcenausstattung reguliert wurde.

Als ich dann im Jahr 2000 nach einem kurzen Intermezzo in der bayrisch-schwäbschen Provinz in „mein“ geliebtes Berlin zurückkehrte wurde dieser Traum dann schließlich wahr, nur dass es diesmal nicht um eine Studentenbude ging und dank einer Erbschaft ich auch fest entschlossen war Wohneigentum zu erwerben … Und damit war ich nicht der Einzige.

Nun sagt uns der Bericht von Foxxibaer natürlich nichts über die Kaufmotive der vielen anderen Eigentumserwerber in den angesagten Aufwertungsvierteln. Foxxibaer jedenfalls fühlt sich offenbar durch die Ruhe-und-Familien-Orientierung in der Nachbarschaft um seinen Traum von Prenzlauer Berg betrogen.

Dumm nur, dass diese Anderen (hört sich ziemlich pauschal an, aber besser geht’s nicht) dann anfingen ihre „neues, aufregendes“ Leben am „Prenz’lberg“ so einzurichten wie sie es aus ihren schwäbischen, hessischen (und mittlerweile auch) sächsischen oder thüringerischen Provinzkäffern gewohnt waren und ich dieses Spiel nicht mitspielte …

Sicher hält sich das Mitleid des um die subkulturelle Prägung geprellten Wohungsbesitzers bei denen in Grenzen, die ‚ihre‘ Nachbarschaft verloren haben, weil sie schlicht und einfach die Miete nicht mehr zahlen konnten, oder aber den Lärm der Techno-Keller-Clubs noch nie attraktiv fanden.

Trotzdem finde ich es spannend solche Perspektiven zu lesen und würde mich sehr freuen, wenn auch andere hier ‚ihre Geschichte‘ von Prenzlauer Berg aufschreiben würden.

Ein dickes Dankeschön an Foxxisbaer!


Responses

  1. http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/die-verlassenen-macchiato-muetter/

  2. Und die Zugezogenen merken nicht, dass sie dafür sorgen, dass die Atmosphäre in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain genauso unausstehlich geworden ist, wie in ihren Heimaten, gerade durch sie. Denn die komprimierte Piefigkeit, getarnt durch Altbaufassaden, Pornosonenbrillen, teure „Szene“klamotten und wahre Off-Kulturlosigkeit hat kein urbaner und bis dahain kultureller Stadtteil in Berlin überlebt.


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