Verfasst von: ah | Juli 20, 2010

Berlin: Die Gentrification frisst ihre Kinder

Kunsthaus Tacheles, Belin-Mitte (http://urbanshit.de)

Es gibt sie noch, die guten alten klassischen Gentrification-Verläufe! Während die internationale Debatte über brownfield-,  new build-, super- und rural gentrification diskutiert, deren gemeinsamer Nenner eine Aufwertung ohne Pionierphase zu sein scheint, lassen sich in Berlin-Mitte die Gentrification-Modelle der 1980er Jahre wie unter Laborbedingungen beobachten. Erst kommen die Pioniere und mit ihnen die symbolische Aufwertung – dann die Investitionen und die Gentrifier – und wenn dann fast alles aufgewertet ist, müssen auch die letzten Pioniere der Aufwertung das Feld räumen…

Im Gebiet rund um den Hackeschen Markt wurde genau diese letzte Phase eingeleutet. Und SpiegelOnline ist live dabei: Gentrifizierung in Berlin Mitte Arm und sexy? Teuer und öde!

Es ist der übliche Kreislauf, auch Gentrifizierung genannt: Wenn die Off-Galeristen, die Künstler und andere eigensinnige Geister eine Gegend als Wohngebiet interessant und zum touristischen Anziehungspunkt gemacht haben, kommen die Investoren. Und irgendwann müssen dann auch die Pioniere gehen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Oder weil ihre Standorte verkauft werden.

Konkreter Aufhänger für den Artikel sind die drohenden Schließungen des Kunsthaus Tacheles und der Fotogalerie c/o Berlin im ehemaligen Postfuhramt in der Oranienburger Straße. Im Fall des Tacheles will der Eigentümer, die HSH Nordbank, das Grundstück versteigern – das Postfuhramt soll von der Investorengruppe Elad zu einem Hotel- und Einkaufszentrum umgebaut werden. Die Vorgänge lassen sich also relativ schlicht mit den Ertragslücklen zwischen momentanen und potentiellen Erträgen der Immobilien erklären.

Doch statt die immobilienwirtschaftliche Verwertungsmechanismen zu thematisieren versuchen die Betroffenen ihren Stellenwert für die boomende Tourismusbranche und den Kulturstandort ins Spiel zu bringen. Dabei werden etwas altbackene Pioniermetaphern aufgewärmt. Zur c/o Berlin heisst es etwa:

Die Bilder weltbekannter Fotografen auf abgeblättertem Putz: Das steht für den Kontrast, den die Leute hier das „Berlin-Mitte-Gefühl“ nennen. Aus unsaniert wird hip, aus improvisiert international, und dabei bleibt man glaubwürdig und unkommerziell. Die Galerie sei „ein typisches Kind von Mitte“, sagen ihre Macher.

Auch das Tacheles wird als rauher und authentischer Ort beschrieben, der quasi wider Willen erst Künstler/innen aus aller Welt und dann eben auch Tourist/innen anzog.

Anfang der neunziger Jahre nahmen Kunstschaffende das ehemalige Kaufhaus im Ostteil Berlins ein. Es wurde ein Magnet für Künstler aus aller Welt. Und irgendwann kamen auch die Touristen. Über 300.000 Besucher zieht das Tacheles heute jährlich an. Ist es der Verlierer des eigenen Erfolgs? „Sicher sind wir über die Jahre auch ein Wirtschafts- und Imagefaktor geworden, aber wir sind immer noch ein sehr realer Ort“, sagt Linda Cerna, Sprecherin des Tacheles. „Bei uns erlebt man sie, diese spezielle Andersartigkeit der Stadt.“

Das Tacheles beteiligte sich kürzlich an der MegaSpree-Demonstration „Rette Deine Stadt“ und forderte ein Ende des Kulturkahlschlags. Im Aufruf hiesst es relativ vollmundig:

„Rette Deine Stadt – vor dem Kulturkahlschlag! Alternative Kultur, die Berlin ausmacht, wird zunehmend durch Fehlentscheidungen und Konzentration auf ein spießbürgerliches Lebensmodell platt gemacht. Subkulturelle Voreiter zur Veredelung und besseren Vermarktung der Kieze? Nicht mit uns – wir bleiben!

Klingt gut, kommt aber vom Tacheles knapp zwanzig Jahre zu spät. Denn die Veredelung der Nachbarschaft ist mittlerweile abgeschlossen und der distinktionsfähige Dünklel der Alternativkultur in Oranienburger- und Auguststraße hat nicht unwesentliche Voraussetzungen dafür geschaffen. Im Gegensatz zu den mehrheitlich verdrängten Mieter/innen der Spandauer Vorstadt (etwa 80 Prozent der Bewohner/innen wurden im Laufe der Sanierung der letzten Jahre ausgetauscht) sehen sich die Kulturprojekte offensichtlich in einer besseren Verhandlungsposition gegenüber der Stadt. Was für die Mieter/innen nicht gelang, wird vom Staat nun für die eigenen Standorte eingefordert. Statt „Rette Deine Stadt“ soll die Stadt hier die Nischen der Alternativkultur retten. Der Sprecher der c/o Berlin-Galerie bringt diese spezielle Standortlogik der letzten Pioniere  auf den Punkt:

Unter dieser Voraussetzung findet Mirko Nowak es auch völlig in Ordnung, von der Stadt Berlin als Touristenmagnet benutzt zu werden. „In einem kommerzialisierten Umfeld können wir nur so bestehen. Doch wenn wir schon Marketingarbeit betreiben, dann muss die Stadt auch was zurückgeben.“


Responses

  1. Eine andere Sicht auf die MegaSpree-Demo: http://wba.blogsport.de/2010/07/13/nea-zur-mega-spree-demo/

  2. […] Kunsthaus Tacheles hat zu tun. Als letzte Bastion in der gut durchgentrifizierten Mitte Berlins stehen nun offensichtlich etliche Teilräumungen […]


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