Verfasst von: ah | Juli 30, 2010

München: Latte-Macchiato-Gemeinschaft im Glockenbachviertel

In der Süddeutschen hat Jonathan Fischer einen ausführlichen Artikel über die Entwicklungen im Münchener Glockenbachviertel geschrieben: „Mir gärtnerplatzt der Kragen!„. Der Text beschäftigt sich u.a. mit den Folgen der zunehmenden Homogenisierung im Viertel. Ob die dort entstehenden Latte-Macchiato-Gemeinschaften die soziale Mischung wirklich vermissen, kann der Beitrag nicht klären.

Fischer beschreibt die Veränderungen am Beispiel der Läden und Kneipen im Viertel.

Im Münchner Glockenbachviertel, einer der renditeträchtigsten Immobilienlagen in der Stadt mit den höchsten Immobilienrenditen ganz Europas, eröffnen im Wochentakt neue Läden. Von den Schicksalen der Vormieter erfährt man selten viel. Nur als sich 2008 der Wirt des ‚Salzburger Grill‘ erhängte, erinnerten ein paar Nächte lang Blumensträuße und Kerzen an einen, der für das Viertel überflüssig geworden war, einen Gentrifizierungsverlierer. Dem Wirt wurde gekündigt, weil er die Renovierungsauflagen der Verpächter nicht erfüllen konnte.

Der Wandel vom „Schwulen-, Arbeiter- und Studenten-Viertel“ in eine Nachbarschaft der „wohlsituierte Kreative und Kleinfamilien“ gehe mit einer schleichenden Verdrängung einher:

Still verlassen Unterschicht, Handwerker und Kleingewerbe die Gegend. Die Übriggebliebenen sitzen in den verbliebenen Pilsstuben, während die umliegenden Wohnblöcke von Spekulanten entmietet, mit Fußbodenheizungen und Marmorbädern ausgestattet, gestückelt und als Anlageobjekt von Kunden in Madrid oder Moskau gekauft werden.

Der Austausch von Gewerbe und Bevölkerung wird nicht nur als unmittelbare physische Verdrängung beschrieben, sondern vor allem als die Entstehung von Parallelwelten innerhalb des selben Viertels. Fischer stellt uns für die Seite der Gentrification-Gewinner eine Ladenbesitzer vor, der früher die Schließung der Tante-Emma-Läden bedauerte und nun vom neuen Publikum profitiert.

Nun bevölkern Jungmütter, Nachtclub-Betreiber und Freiberufler mit Laptop seine Bar. Welcher neue Laden wo aufmacht gehört hier zum Tagesgespräch.

Auf der anderen Seite:

Die Gentrifizierungs-Verlierer haben andere Sorgen: Sie kämpfen nicht nur gegen steigende Mieten und Wohnungsnot, sondern um ihre mit dem Viertel eng verwobene Identität. Es gibt sie nämlich immer noch, die Handwerker in Blaumann oder Schürze. Die Alteingesessenen, die in der Turnhalle an der Auenstraße (…) boxen.

Die zunehmende Homogenisierung der dominanten Lebensstile werden von Fischer als Verlust des Städtischen beschrieben. Unter Berufung auf den Stadtsoziologen Dieter Läpple wird ein etwas altbackenes Urbanitätsideal gezeichnet:

Die Überlappungen zwischen den Milieus, die Möglichkeit die eigenen Nester zu verlassen (…) macht die moderne Stadt aus. Nicht zuletzt verleihe auch das örtliche Handwerk oder die Möglichkeit für Erzieher in derselben Umgebung wie ihre Schützlinge zu wohnen, einem Viertel Lebensqualität.

Die Veränderungen im Viertel selbst scheinen sich auf wunderliche Weise hinter dem Rücken der neuen Mittelklassen abzuspielen und folgen allein den kalten Prinzipien des Immobilienmarktes.

Die Spekulanten haben natürlich andere Interessen. An Einheimische richten sie sich ohnehin kaum. Vielmehr werden die nach Steuerabschreibungsmodellen umgewandelten Luxuswohnungen den Bauträgern von Anlegern aus aller Welt aus der Hand gerissen. In den günstigeren Preisklassen dagegen gibt es kaum etwas.

Der ebenfalls im Text zitierte Jens Dangschat prophezeit:

Man wird durch die Stadt gehen können ohne über Armut und Integrationsprobleme jemals nachzudenken.

Fischer ordnet diese Perspektive ganz im Sinne des Urbanitätsparadigmas als Verlust ein. Dass große Teile der neuen Bewohner/innen in ebensolchen sozial- und lebenstilhomogenen Milieus wohlfühlen, wird nicht hinterfragt. Auch ein als Stadtteilaktivist beschriebener Klinikchef, der ein Cafe mit ‚einfacher Speisekarte‘ eröffnete, argumentiert in ähnliche Richtung:

Die Leute suchen doch nach Gemeinschaft, nicht nach vier Geschmacks-Sorten Latte Macchiato.

Ob die Gentrifier tatsächlich nach Gemeinschaft im hier unterstellten Sinn einer sozialen Mischung suchen oder eher nach Latte-Macchiato-Geschmacks-Gemeinschaften, scheint mir nicht so klar, wie hier dargestellt. Die zuvor beschriebenen Parallelwelten von Alteingesessenen und Neuhinzuziehenden jedoch zeigt relativ deutlich, dass das ihr Interesse an anderen Schichten und Milieus nicht sonderlich stark ausgeprägt ist. Und Dangschats Drohung von einer Stadt ohne Armut und Integrationsprobleme kann durchaus auch für die bevorzugte Wohnpräferenz der neuen Mittelschichten stehen.


Responses

  1. […] seinem Post München: Latte-Macchiato-Gemeinschaft im Glockenbachviertel setzt sich Andrej Holm mit einem Artikel über Gentrification im Glockenbachviertel auseinander. […]

  2. Der Wandel vom „Schwulen-, Arbeiter- und Studenten-Viertel“ in eine Nachbarschaft der „wohlsituierte Kreative und Kleinfamilien“ gehe mit einer schleichenden Verdrängung einher:

    Warum muss im Gentrifizierungs-Kontext, wenn von „Kreative(n) und Kleinfamilien“ die Rede ist, immer ein „wohlsituiert“ (o.ä.) beigestellt werden? Es ist schlicht und ergreifend nicht wahr – oder zumindest verallgemeinernd.

  3. Lieber Jörg Röder,

    vielen Dank für den Kommentar. Ich kenn die Situation im Glockenbachviertel nicht, aber aus anderen Aufwertungsgebieten kann ich bestätigen, dass sich durch die steigenden Mieten bzw. Kaufpreise eine zunehmende soziale Homogenisierung durchsetzt und eben anders als in den Früh- und Pionierphasen weniger gut situierte Haushalte in der Anzahl und ihrem Anteil an der Bevölkerung abnehmen.

    Der Austausch von Leuten mit weniger Geld durch solche mit mehr Geld ist ja der Kern von Gentrification-Prozessen – ich vermute, dass genau deswegen so häufig der soziale Status der ‚Kreativen und Kleinfamilien‘ betont wird.

    Wenn es anders wäre – also auch weiterhin viele ‚weniger wohlsituierte‘ Haushalte in den Nachbarschaften wohnen könnten – würde vermutlich auch niemand von Gentrification sprechen…

  4. Ich verstehe die Diskussion um die Gentrifizierung in bestimmten Stadtteilen nicht. Man scheint sich aus nostalgischen Gründen gegen eine Entwicklung zu stellen, die bereits im vollen Gange ist und kaum verhindert werden kann. Ähnliches ist bereits in den Stadtteilen Haidhausen und Maxvorstadt geschehen. Na und? Preisspiralen sind ein volkswirtschaftliches Grundprinzip und treffen eben auch auf den Wohnungsmarkt in Großstädten zu. Oder mit welchem Argument soll man ein „Double-Income-No-Kids-Pärchen“ daran hindern, in die Müllerstaße (Glockenbachviertel) zu ziehen? „Bitte bleibt weg, ihr verdrängt die Vormieter“ etwa?

    • Die Probleme sind meines Erachtens Folgende:

      1. Die Armen haben hier, wie meistens, das Nachsehen und können nicht frei entscheiden, wo sie wohnen können, insbesondere ob sie bleiben oder nicht.

      Heimat – das was die Armen als Einzigstes/Letztes haben, was die internationalen Mittelkässlern nicht mehr haben und auch für Geld nicht kaufen können.

      Allein die Reichen können entscheiden – Loft oder Balkonwohnung – Mitte, Zehlendorf oder X’berg. Und dies löst Unbehagen aus bei einigen.

      2. Gesellschaftlich relevanter ist aber die erwartete Spaltung zwischen Oben (im frisch gentrifizierten Kiez) und unten (ab ins Balieu, in die Platte zu den anderen Leuten ohne Zukunft).

  5. […] -> siehe auch: Gentrifizierung am Gärtnerplatz […]


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