Verfasst von: ah | August 6, 2010

Rette die Stadt

Im aktuellen Freitag gibt es einen kleinen Beitrag von mir zu lesen: Rette die Stadt. Thema ist die mediale Berichterstattung über die aktuellen Stadtproteste in Hamburg und Berlin:

Rette die Stadt

von Andrej Holm

Ob in den Städten die Logik des Geldes herrscht, sollten nicht nur Anwälte und Künstler unter sich ausmachen. Denn die Debatte darf nicht kulturalisiert werden

Vor einem Jahr war die Welt des städtischen Protestes noch in Ordnung. Vielerorts gründeten sich Initiativen und mobilisierten gegen Großprojekte und den Ausverkauf der Städte. Begleitet wurden die Kampagnen von einem regelrechten Boom an Artikeln über steigende Mieten und Verdrängungsprozesse in den Innenstädten. Die überregionale Presse berichtete über unternehmerische Stadtentwicklungsleitbilder und die sozialen Auswirkungen der Immobilienwirtschaft. „Bionade-Biedermeier“ wurde zum geflügelten Wort für die dominant-spießigen Lebensstile im Prenzlauer Berg, die Süddeutsche Zeitung befürchtete die „Vertreibung aus dem reichen Herz der Städte“, und beim Axel-Springer-Verlag notierte man: „Praktisch jede deutsche Metropole hat heute ihre Gentrifizierungsdebatte“.

Der kritisch gefasste Begriff der Gentrification hat sich von einer Fachvokabel in die Überschriften emporgearbeitet. Selbst der Zusatz „Soziologen nennen das Phänomen“ ist verschwunden. Die Kampagne gegen das MediaSpree-Investorenprojekt in Berlin oder die Aktivitäten des Recht-auf-Stadt-Bündnisses in Hamburg surften auf der populären Welle von Stadtkritik.

Doch die Zeiten der freundlichen Protestporträts sind vorbei. In der Berliner Zeitung schwadronierte Harald Jähner unlängst: „In den frühen 30er Jahren terrorisierten SA-Truppen ,undeutsche‘ Kinos und Kaufhäuser. Heute ist unkreuzbergerisches Schickimicki an der Reihe.“ Hintergrund waren als Fahndungsposter gestaltete Plakate, die sich kritisch mit dem Umzug der Biennale-Kunstausstellung aus Berlin-Mitte nach Kreuzberg auseinandersetzten. Auch in der Süddeutschen Zeitung ist wenig Sympathie geblieben. Jan Füchtjohann malte dort das „Gespenst der Gentrifizierung“ an die Wand. Die Hamburger Künstler der „Not In Our Name“-Kampagne hätten als „Mächte des deutschen Indie-Pop zur Hetzjagd auf die Gentrifizierung geblasen“.

Gefahr der Banalisierung

Das Problem ist für ihn die soziale Position der Aktivisten. Seine Analyse: Es gehe gar nicht mehr um die Verdrängung von Arbeitern oder Ausgegrenzten, sondern um einen Kampf innerhalb des Bildungsbürgertums. „Angeführt von gut vernetzten Künstlern und Aktivisten, verteidigen Freiberufler und Kreative ‚ihr‘ Viertel gegen den Zuzug von Rechtsanwälten und Unternehmensberatern. Beide verfügen über Bildung, aber die einen haben mehr Zeit, die anderen mehr Geld.“ So werden Anti-Gentrification-Kämpfe kulturalisiert, Gentrifizierung wird zu einer Auseinandersetzung verschiedener Lebensweisen banalisiert.

In dieser Perspektive haben städtische Proteste einen intoleranten und konservativen Gehalt, und Stadtentwicklung erscheint als offener Wettbewerb verschiedener Wohnkulturen und Lebensvorstellungen. Übersehen wird dabei, dass es in den Protesten nicht um den Kampf verschiedener Lebensstile, sondern um wirtschaftliche Verwertungszusammenhänge geht. Modernisierungsarbeiten, Neubauten und Umnutzungen folgen dabei dem Gesetz der Ertragslücken: Übersteigen die potenziell zu erwartenden Einnahmen eines Grundstückes die momentane Ertragslage, wird investiert. Als Gentrification bezeichnet werden all jene Investitionsstrategien, für deren Erfolg der Austausch der Bewohner und Nutzungen Voraussetzung ist. Lassen sich mit Eigentumswohnungen höhere Gewinne erzielen als mit Mietwohnungen, trifft es die Mieterinnen und Mieter. Sollten sich die aktuell verbreiteten Nachrichten bestätigen, wonach Hartz-IV-Empfänger zum Umzug in kleine Wohnungen genötigt werden sollen, werden Verdrängungsprozesse – staatlich unterstützt – noch rasant an Fahrt aufnehmen. Dort, wo Bürobauten und Einkaufszentren gewinnversprechend realisiert werden können, müssen selbst solche etablierten Kulturstandorte wie das Tacheles in Berlin weichen.

Im Juli riefen in Berlin dutzende Clubs und Bars, etliche Bürgerinitiativen und Politgruppen, aber leider nur wenige Mieterinitiativen und Stadtteilgruppen zu einem Protestmarsch auf. Obwohl auch wohnungspolitische Forderungen formuliert wurden, spiegelt diese Zusammensetzung den aktuellen Stand der städtischen Proteste wider. Es scheinen vor allem die Künstler und Kreativen zu sein, die eine andere Stadtentwicklung einfordern. Anders als die Hamburger Gängeviertelbesetzer, die sich noch deutlich gegen die Vereinnahmung ihrer Kreativität in unternehmerische Stadtentwicklungskonzepte wehrten, bleiben die Berliner Initiativen zumindest mit ihrem Slogan – „Rette Deine Stadt“ – der Standortlogik verhaftet.

Immer öfter wird auch der Vorwurf erhoben, diejenigen, die vorgeben, die ganze Stadt retten zu wollen, hätten letztlich nur ihre eigenen Galerien, Clubs und Spielwiesen im Sinn. Doch auch die selbst ernannten Retter Berlins sind in erster Linie durch Aktivitäten des Immobilienmarktes bedroht. Ihr Protest ist gerade deswegen hochgradig anschlussfähig für die Mobilisierungen von Mietern. Bleibt zu hoffen, dass diese Verbindungen in künftigen Protesten stärker betont werden – und nicht auch noch die Proteste selbst in die Falle der Kulturalisierung tappen.

(erschienen in: Freitag, 31/10, S. 1)


Responses

  1. Übersehen wird dabei, dass es in den Protesten nicht um den Kampf verschiedener Lebensstile, sondern um wirtschaftliche Verwertungszusammenhänge geht.

    Die (vermeintliche) Kritik an der Gentrifizierung trägt leider oft selbst dazu bei, dass das einzig wirklich relevante Kriterium, nämlich die Eigentumsfrage, übersehen wird. Wer sich dauernd beifallheischend über „Schwaben“ haha, „Milchkaffee“ hoho und „Kinderwagen“ schmeiß mich weg beschwert, es aber nicht gebacken bekommt, eine fundierte und notwenig etwas abstraktere Kritik jenseits von Ethno-Gebabbel, Lifestyle-Rezension und anderem folkloristischem Klimbim zu leisten, steht ja nicht ganz zu Unrecht in der reaktionären Ecke.

    Neulich hab ich gelesen: „Geht arbeiten, ihr Schnöselkindermütter!“ Wirklich gewundert hat mich der positive Bezug auf diesen ekelhaften Altnazispruch aber schon nicht mehr.

  2. —- off topic, aber evtl. interssant —-

    Hallo Andrej,

    in Deinen Beiträgen geht es oft um „Wohnumfeldaufwertung“ und wie sie sich in den Mieten niederschlägt. Ich habe soeben einen ausgesprochen interessanten Artikel zu einer (mehr subjektiven als objektiven) Wohnumfeldabwertung gelesen.

    http://www.welt.de/vermischtes/article8895105/Radioaktive-Strahlung-in-Berlin-gemessen.html

    Obwohl die Strahlenschutzleute des Gesundheitsamtes bekundeten es gäbe keine Gefahr für Passanten und Anwohner, so dürfte die subjektive Wahrnehmung kinderwagenschiebender, rotrotgrünwählender Bionademütter von Feuerwehr, Strassensperrung, Geigerzählern und dem allzeit beliebten Radioaktivitätswarnschild doch erheblich getrübt sein.

    Es wäre interessant herauszufinden, ob dies in irgendeiner Form auf den Markt durchschlägt. Eine noch so offizielle Entwarnung dürfte die AnwohnerInnen der Stargarder/Strahltgerade Str. ja kaum überzeugen.

    amüsierte Grüße aus Düsseldorf,

    Andreas

    PS: zum Topic dieses Beitrags:

    Unterm Strich aber stimmt es doch: die besagten armen Hartz IV Empfänger sind nicht diejenigen die den Gentrifikationsprotest organisiern sondern es sind die angehenden Gentrifizierer selber. Oder polemisch überspitzt: es ist der Protest der Viertselestler gegen diejenigen die vor vier Semestern ihren Abschluss gemacht haben.
    So lange dieser innere Widerspurch der Gentrifizierungskritik nicht aufgelöst wird ist derartige Kritik der Kritik absolut gerechtfertigt.

  3. […] Rette die Stadt von Andrej Holm Ob in den Städten die Logik des Geldes herrscht, sollten nicht nur Anwälte und Künstler unter sich ausmachen. Denn die Debatte darf nicht kulturalisiert werden Vor einem Jahr war die Welt des städtischen Protestes noch in Ordnung. Vielerorts gründeten sich Initiativen und mobilisierten gegen Großprojekte und den Ausverkauf der Städte. Begleitet wurden die Kampagnen von einem regelrechten Boom an Artikeln über steigende Mieten und Verdrängungsprozesse in den Innenstädten. Die überregionale Presse berichtete über unternehmerische Stadtentwicklungsleitbilder und die sozialen Auswirkungen der Immobilienwirtschaft. „Bionade-Biedermeier“ wurde zum geflügelten Wort für die dominant-spießigen Lebensstile im Prenzlauer Berg, die Süddeutsche Zeitung befürchtete die „Vertreibung aus dem reichen Herz der Städte“, und beim Axel-Springer-Verlag notierte man: „Praktisch jede deutsche Metropole hat heute ihre Gentrifizierungsdebatte“. Quelle: Gentrification Blog vollständiger Artikel: klick […]

  4. Volksbegehren über die Offenlegung der Teilprivatisierungsverträge bei den Berliner Wasserbetrieben.

    Am 28. Juni 2010 hat die zweite Stufe des Volksbegehrens begonnen: jetzt müssen ca. 173.000 Unterschriften gesammelt werden, damit ein Volksentscheid stattfinden kann. Zunächst wollte der Senat von Berlin das Volksbegehren verbieten, doch das Landesverfassungsgericht zeigte ihm die rote Karte. Jetzt müssen wir dem Senat zeigen, dass die Berlinerinnen und Berliner ihr Wasser zurück haben wollen.


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