Verfasst von: ah | September 1, 2010

Berlin: Räumung soll Rendite aus dem Keller holen

Vor ein paar Jahren hat Karin Baumert die Gentrification als Terror beschrieben – wie bei jedem gut organisierten Verbrechen kommt irgendwann die Zeit der Spurenbeseitigung. In Berlin werden gerade die letzten Artefakte des politisch und subkulturellen Aufbruchs Anfang der 1990er Jahre  abgeräumt. Allein in Mitte und Prenzlauer Berg sind etliche Projekte davon betroffen:  das Hausprojekt in der Brunnenstraße 183 wurde bereits geräumt, der Linienhof soll einer Baugruppe weichen, dem Schokoladen in der Ackerstraße wurde gekündigt, das ACUD in die Insolvenz getrieben und selbst das weitgehend kommerzialisierte Tacheles soll einer Neubauinvestition weichen…

In diese Kette von Kündigungen, Schließungen und Räumungen von Einrichtungen einer vor zwanzig Jahren in der Nachwendezeit entstandenen Alternatiiv- und Subkultur reiht sich nun auch der gestrige Räumungsversuch gegen den Umsonstladen in den Kellerräumen der Kastanienallee 86 ein. Mit Hubschraubereinsatz und einer Polizeihundertschaft wollte einen Räumungstitel des Berliner Landgerichts für den Hauseigentümer durchsetzen. Nach der Vermittlung durch die lokale Politprominenz (u.a. Volker Ratzmann, Stefan Liebig) wurde sich auf den ‚Kompromiss‘ geeinigt, die Räume versiegeln zu lassen, aber an einem ‚Runden Tisch‘ nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen…

Fast alle Berliner Tageszeitungen berichteten über den Polizeieinsatz in der Kastanienallee (taz: Polizisten als Zuschauer, Tagesspiegel: Polizei sperrt Kastanienallee für Hausräumung, Berliner Zeitung: Kollektiv in der Kastanienallee).

Stefan Strauß trauert in seinem Kommentar (So tickt Berlin) den verlorenen Zeiten des Nach-Wende-Aufbruchs nach – zurecht!

Die jüngere Geschichte des Wohnhauses ist typisch für die gesamte Entwicklung alternativer Wohnprojekte in der Stadt. Und sie macht hoffnungslos. Vor 20 Jahren stand das Haus „K 86“ leer, junge Leute besetzten es, bekamen Verträge von engagierten Mitarbeitern kommunaler Wohnungsbaugesellschaften (Ost) und hatten Platz für Projekte und ein entspanntes Leben im Innenhof, auch ohne Geld. Alle waren glücklich, eine Weile. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse brachten neue Besitzer, es waren Investoren mit eigenen Visionen vom Leben in der Hauptstadt. (…) Politiker wollen die letzten Wohnprojekte jetzt retten. Sie vergessen, dass ihre Stadt längst nach anderen Gesetzen tickt. Wer Häuser kauft, will Geld verdienen. Doch Umsonstläden bringen nun mal keine Rendite.

… und selbst in Kellerräumen – wie das Beispiel des Umsonstladens zeigt – schlummert offensichtlich die Rendite. Das Hauskollektiv hat eine Miete von 800 Euro monatlich für die Kellerräume angeboten. Hausbesitzer Brauner lehnte dankend ab und will mit den Kellerräumen die preiswerten Wohnungsmieten im ehemals besetzten Haus ‚quersubventionieren‘. Wie das funktionieren soll, weiß die taz:

Eigentümer Brauner sagt, er habe das Haus 2002 mit zwei Investoren gekauft. Sie hätte „keine Luxussanierung“ geplant, sondern wollten das Dach und den Keller ausbauen und vermieten. Damit sollten die Mieten der Bewohner „quersubventioniert“ werden, so Brauner, der betont: „Ich hänge sehr an dem Haus.“

Was klingt wie eine großzügige Geste des Eigentümers ist letztendlich nichts weiter als Einhaltung der mietrechtlichen Standrads:  Die Bewohner/innen der ‚K 86‘ haben nämlich gültige Mietverträge und konnten sich bisher erfolgreich allen Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen erwehren.

Eine sich solcherart der Verwertung verweigernde Hausgemeinschaft ist sicherlich ärgerlich für den Eigentümern – ob sich die dadurch entgangenen Einnahmen in einer Neuvermietung der Kellerräume kompensieren lassen, bleibt mehr als fraglich. Mit oder ohne Umsonstladen – die Kastanienallee 86 bleibt Risikokapital.


Responses

  1. mit verlaub: das acud taugt nicht als gentrifizierungsbeispiel, es hat sich (leider) eher selbst in die insolvenz getrieben, steht nicht dem kapitalistischen immobilienverwertungsmarkt zur vefügung.

  2. Wollen wir es doch einma realistisch betrachten.

    Eines Tages werden die „Mieter“ erwachsen, wollen keine Toilette mehr auf dem Flur sondern eine richtige Wohnung – und dann ziehen sie aus.

    Ausserdem ist es doch nun wirklich nur noch eine Frage der Zeit, bis das Ding saniert wird. Wer will sich denn dagegen wehren?
    Ist doch albern! Ganz PBerg wurde entmietet und nun so ein Tam Tam um das Haus hier? Wirklich kindisch.

    • @lala: Wieso schreiben Sie „Mieter“ in Anführungsstrichen? Woher wissen Sie, was die Mieter wollen? Offensichtlich wollen die Mieter (anders als Sie meinen) lieber das Außenklo behalten als ausziehen.
      Wer sich gegen die Sanierung wehren soll? Die Mieter, die Nachbarn, überhaupt die Öffentlichkeit. Was ist daran unrealistisch? Wenn es nach Ihrem Motto „Es kommt sowieso alles, wie es kommen muss, da kann man gar nichts machen“ ginge, dann wäre tatsächlich „ganz PBerg entmietet“. Ganz so weit ist es ja noch nicht – und zwar weil man sich hier immer noch nicht alles gefallen lässt.


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