Verfasst von: ah | September 6, 2010

Gentrification wörtlich genommen

Immobilienwerbung für "hochherrschaftliches Wohnen" in Berlin Kreuzberg

Gentrification, das lernen die Studierenden seit Jahren in den Seminaren, geht auf das Wortspiel einer britischen Geographin zurück, die Veränderungen in einem Londoner Stadtteil mit der Rückkehr des niederen (Land-)Adels in die Städte im 18. Jahrhundert verglich. Im Kern ist und bleibt die Gentrification aber vor allem ein Aufwertungs- und Verdrängungsprozess und lässt sich nicht wirklich mit „Veradelung“ übersetzen.

Immobilienunternehmen und Investor/innen sehen das offenbar anders. Auf der procontra online (Die Fachzeitschrift für Finanzprofis) wird eine Beitrag zu Aufwertungspotentialen in deutschen Großstädten mit dem Titel „Der niedere Adel kommt“ überschrieben und in Kreuzberg wirbt ein Investor für ein „hochherrschaftliches Palais am Hofgarten“ und ein ‚Wilhelm I Penthouse‘. Gemeint sind (aufwendig) sanierte Gründerzeitwohnungen, wie es sie zu Tausenden in Berlin gibt.

In der Stadtteilzeitung Kreuzberger Horn hat Jürgen Enkemann, die Geschichte des umworbenen Hauses der Marketingstrategie gegenübergestellt: Ein höfisches Palais in Kreuzberg? Während die Werbestrategie eine aristokratische Atmosphäre des Hauses suggerieren soll („hochherrschaftlich“, “ Hofgarten“) ist die tatsächliche Geschichte des Altbaus viel gewöhnlicher.

Der „Hofgarten“ bezieht sich auf den nebenliegenden Gebäudekomplex „Riehmers Hofgarten“ – einen gestalterischer Ausbruch aus der Enge der Mietskaserne im Ausgehenden 19. Jahrhundert.  Und auch auf eine ‚hochherrschaftliche‘ Vergangenheit des Hauses konnten nach Blick in die historischen Bauakten und Adressbücher keine Hinweise gefunden werden:

Besitzer und Erbau­er des Hauses war der zuvor in der Teltower Straße (heu­te Obentrautstraße) wohnen­de Maurermeister Julius Hey­demann. Er hatte bereits in den 1870er Jahren eine Bau­genehmigung für Schuppen und dgl. auf dem Grundstück beantragt. Das Haus selbst wurde dann, direkt neben dem Riehmers gehörigen Grundstücken, 1882 begon­nen und im Sommer 1883 fertig gestellt.
Heydemanns Beruf wird in allen zeitgenössischen Do­kumenten als ‘Maurermei­ster’ angegeben. Wenn in dem oben zitierten Werbe­text von dem angeblich “herrschaftlichen Bau des Ar­chitekten J. Heydemann“ die Rede ist, dann klingt das sicherlich vornehmer, als wenn der Entwurf einem ge­wöhnlichen Maurermeister zugeschrieben wird. (…)

Das älteste zugängliche Berliner Adress­buch, das dieses Wohngebiet einschließt, stammt aus dem Jahre 1886, erschien also etwa zweieinhalb Jahre nach dem das hier interessierende Haus bezugsfertig war. Es kommt uns entgegen, dass damals die Berufe der Famili­enoberhäupter im Adress­buch mit angegeben wurden. Ebenso wurden die Eigentü­mer (unter dem Buchstaben E) mit Anschrift genannt. Die hier wiedergegebene Kopie daraus enthält die entspre­chenden Angaben zu dem Haus Nr. 55 wie auch, weil es für Leser interessant sein mag, zu einigen Teilen von Riehmers Hofgarten.
Wir sehen also: Da gab es lauter offenbar gut situierte Familienväter: einen Bauin­spektor, einen Steuerbeam­ten, einen Magistratsbuchhalter, einen Musiker und dgl. Aber würden wir auch nur ei­nen davon mit ‘hochherr­schaftlich’ assoziieren?

Jürgen Enkemann fragt in seinem Beitrag zu Recht, welches Kalkül wohl hinter diesen neoaristokratischen Werbebotschaften steht:

Jede Wohnung hat einen Namen bekommen. Gegen einige wird man nichts einwenden wollen – “Beetho­ven“ etwa oder “Fontane“, ob­gleich man sich sicherlich fra­gen kann, warum überhaupt solche anspruchsvollen Na­men gegeben werden. In der überwiegenden Zahl der Na­men klingt aber wieder deut­lich dieser Herrschaftsaspekt mit – sie heißen etwa Metter­nich und Bismarck, Wilhelm I und Wilhelm II. Einfach die Berühmtheit macht es nicht. Eine Rosa-Luxemburg-Woh­nung oder eine Rudi-Dutsch­ke-Wohnung hätte man der anvisierten Kundschaft wohl kaum anbieten können.

Ich bin gespannt, ob diese Werbestrategie aufgeht und bezweifle schon mal, dass zahlungsfähige Bourgeoisie des 21. Jahrhunderts in einer Bismarck-Suite wohnen will. Aber vielleicht kommt ja doch noch der Adel nach Kreuzberg zurück…


Responses

  1. „Bürgertum“ alleine ist ja nun ganz schön langweilig. Da musste wohl etwas Glamour für die Vermarktung her, um die hohen Preise zu rechtfertigen: 3000 Euro/m2 kostet eine durchschnittliche Etagenwohnung im „Palais am Hofgarten“, nur die wahrscheinlich recht dunklen Erdgeschosse sind für 2000 Euro zu haben. Dafür kostet das neu ausgebaute Dachgeschoss dann auch gleich mal 4000 Euro/m2, was sich angesichts der Größe der Wohnung immerhin auf einen stolzen Preis von 860.000 Euro summiert.

    http://home.immobilienscout24.de/296170/offers//listed/Aktualit%C3%A4t/0

  2. […] via Gentrification-Blog […]


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