Verfasst von: ah | Oktober 9, 2010

Floridarisierung des Widerstands – Kultur in Anti-Gentrification-Protesten

Die in Wien erscheinende Zeitschrift MALMOE beschäftigt sich in ihrer Ausgabe 51 auf einer Doppelseite mit dem Spannungsverhältnis von „Kunst & Gentrifizierung. Kreative Trüffelschweine im Aufwertungsprozess“.

Bernhard Wernitznig beschreibt unter der Überschrift „Gürtelnightwalks vs. Donaukanaltreiben“ die Aufwertzungsbestrebungen der so genannten kreativen Klasse in Wien. In den Fördergebieten des Gürtelbereiches setze die Stadtverwaltung explizit auf „Rahmenbedingungen für alternative kulturelle und soziale Nutzungen“ um eine Aufwertung der Quartiere anzuregen.  In den zentral gelegenen Teilen der Leopoldstadt hingegen braucht es keine Alternativkultur um eine Gentrification in Gang zu setzen: hier übernimmt der kommerzielle Kulturbetrieb (Prater-Eventmeil, Entertainment-Schlauch Donaukanal, Sängerknaben im Augarten) die Schmiermittelfunktion und beschleunigt die Herausbildung eines Immoblilien-Tourismus-Kulturindustrie-Komplex.

Franziska Frielinghaus hinterfragt die Rolle von Kunst in in städtischen sozialen Kämpfen: „Organisiert Urban Kämpfen!“.  Am Hamburger Beispiel von ‚Park Fiction‘ diskutiert sie die widersprüchlichen Effekte von künstlerischen Interventionen (Luxuswohnbebauung verhindert vs. kulturelle Attraktivierung von St. Pauli vorangetrieben). Sie schlägt vor „Kunst- und Kulturindustrie als Teil des Unternehmens Stadt zu erkennen“ und wünscht sich eine „Kunst, die im Sinnen sozialer Kämpfe ‚weh tut'“. Dissidente Kreativität – so Franziska Frielinghaus – solle sich stärker in die Organisierung kollektiven Engagements in heterogenen Nachbarschaften einbringen.

Klaus Ronneberger wurde auch interviewt („Aktive Minenhunde“) und findet die Beschreibung von Künstler/innen als Minenhunde der Aufwertung zu simpel: „Die meisten ‚Kulturschaffenden‘ sind prekäre Selbständige, die auf preiswerten Wohn- und Arbeitsraum angewiesen sind. Der städtische Raum ist ihr Produktionsort. Die räumliche Existenz eines Künstler/innenmilieus löst nicht automatisch einen Gentrifizierungsprozess aus. Das hängt davon ab, wie der lokale Bodenmarkt reguliert ist, welche Bebauungs- und Nutzungsvorschriften existieren oder wie die jeweilige Stadtregierung in den Wohnungsmarkt eingreift.“

Auch ich durfte mich im Rahmen des kleinen Schwerpunkts zum Verhältnis von Kunst und Gentrification  einbringen („Floridarisierung des Widerstandes“)…

Floridarisierung des Widerstands – Kultur in Anti-Gentrification-Protesten

von Andrej Holm

In den klassischen Gentrification-Modellen werden Künstler/innen als Pioniere des Aufwertungsprozesses konzipiert, die als tragische Gestalten der Gentrification mit ihren Aktivitäten und Einrichtungen zur symbolischen Aufwertung von Nachbarschaften beitragen und im Zuge der dadurch ausgelösten Inwertsetzungsprozesse selbst verdrängt werden (Dangschat 1988). Die Arbeiten von Sharon Zukin zeigen, dass die Verwandlung von ortsgebundenen kulturellen Praktiken in einen immobilienwirtschaftlichen Gewinn mehrere Stufen der Kapitaltransformation durchläuft und als eine Enteignung des kulturellen Kapitals von Künstler/innen interpretiert werden kann (Zukin 1990). Kein Wunder also, dass Künstler/innen selbst auch zu Akteuren von Stadtteilauseinandersetzungen werden. Ihre Rolle in den Anti-Gentrification-Protesten hingegen bleibt höchst ambivalent, zumal sie sich zu den umworbenen Akteuren eine Creative-City-Politik (Florida 2005) entwickelt haben.

 

Kultur als Medium und Arena städtischer Proteste

Im Sommer 2009 besetzten Künstler/innen einen bereits an einen Investor verkauften Gebäudekomplex im historischen Gängeviertel von Hamburg. Ihr Manifest ‚Not In Our Name’ wurde in der ZEIT abgedruckt (DIE ZEIT 2009) und die Besetzer/innen konnten sich vor Sympathie kaum retten. Fernsehreportagen und Leitartikel verbreiteten die Nachricht von den rebellischen Retter/innen Hamburgs und selbst die sonst eher konservative Hamburger Morgenpost schlug sich auf die Seite des städtischen Protestes. Der Kauf wurde inzwischen rückabgewickelt und die Stadt verhandelt mit den Künstler/innen des Gängeviertels über einen langfristigen Pachtvertrag (Breckner 2010: 31f.) und in der Hamburger Bürgerschaft wird wieder über steigende Mieten, Verdrängungsgefahren und Gentrification diskutiert. Begleitet wurde die Kampagne von einem regelrechten Boom an Artikeln über steigende Mieten und die Verdrängung aus den Innenstädten in fast allen überregionalen Tageszeitungen. Kunst fungierte hier als erfolgreiches Medium einer stadtpolitischer Mobilisierung, die über die unmittelbaren Forderungen der Kulturproduzent/innen hinausreichte.

Ein Jahr später gehören die Zeiten der freundlichen Protestporträts der Vergangenheit an. Nachdem im Sommer diesen Jahres als Fahndungsbilder gestaltete Anti-Gentrification-Plakate mit den Gesichtern der Kurator/innen der 6. Berlin Biennale auftauchten, blies das versammelte Feuilleton der deutschsprachigen Presselandschaft zum Gegenangriff. In der eigentlich seriösen Berliner Zeitung wurden die Biennale-Kritiker in die Nähe von Nazis gerückt (Jähner 2010), der in Wien erscheinende Standard fühlte sich an die Terroristen-Hetze der 1970er erinnert (Rebhandl 2010) und in der Süddeutschen Zeitung war die Rede von einer „Hetzjagd auf die Gentrifizierung“ (Füchtjohann 2010) hätten. Der Versuch, die Kunst als Arena des stadtpolitischen Protestes zu nutzen wurde als Provokation angesehen.

 

Depolitisierung künstlerischer Interventionen

Die unterschiedliche Rezeption der beiden beschriebenen Interventionen löst zunächst Verwunderung aus, wird doch die wesentlich konfrontative Protestform der Besetzung in Hamburg von einer breiten Welle öffentlicher Sympathie getragen, während die rein symbolische Plakataktion in Berlin heftigen Widerspruch erzeugt. Eine Erklärung könnte in der wachsenden Kooptionspotentialen einer zunehmend kulturalisierten Stadtpolitik zu finden sein.

So steht die Besetzung des Gängeviertels in letzte Konsequenz für die hegemonialen Raumaneignungsstrategien von Kulturschaffenden, die sich die Stadt zur Bühne machen. Die Inbesitznahme des Gängeviertels als Atelier und Ausstellungsort korrespondierte mit der romantischen Figur des bildenden Künstlers und ließ sich so in das Leitbild der ‚Kreativen Stadt’ integrieren. Besetzer/innen berichteten mir, dass es fast unmöglich war, von der Presse als politische Aktivist/innen und nicht ausschließlich als Künstler/innen wahrgenommen zu werden. Selbst die eindeutigen politischen Statements, sich nicht für die Konzepte einer unternehmerischen Stadtpolitik vereinnahmen zu lassen, schreckten den internationalen Creative-City-Papst Richard Florida nicht davon ab, die Hamburger Konzessionsentscheidung des Rückkaufs als globales Modell für den Umgang mit der kreativen Klasse zu feiern (Spiegel Online 2009).

Ganz anders die Biennale-Kritik in Berlin: Hier wurde das Verhältnis von Stadt und Kultur umgedreht und anonyme Stadtteilaktivist/innen benutzen die Kunstausstellung als Bühne ihres Protestes. Das Provokationspotential der Plakate liegt in der Thematisierung von Kultur als effektivem Schmiermittel der Gentrification. Ein Blick zurück zeigt, dass das Ausstellungsprojekt und Biennale-Vorläufer „37 Räume“ 1992 unmittelbar auf die symbolische Umwertung und wohnungswirtschaftliche Inwertsetzung der Spandauer Vorstadt zielte. Damals wurden 37 leerstehende Wohn- und Gewerberäume in der Auguststraße für Ausstellungen genutzt und verwandelten die damals noch proletarisch geprägte Nachbarschaft in eine willkommene Kulisse einer internationalen Boheme. Die zaghaften Proteste von Anwohner/innen wurden als konservative Angst vor Veränderungen denunziert. Die Aufwertungsprozesse sind inzwischen weitgehend abgeschlossen: Nur noch 20 Prozent der früheren Bewohnerschaft lebt in Quartier – einen Großteil der damals eröffneten Galerien gibt es noch immer (Holm 2010: 90 ff.). Darüber reden wollen nur wenige – stellt doch die allzu offenen Thematisierung der Schnittstellen von Kultur und immobilienwirtschaftlichen Aufwertungsinteressen das Selbstbild einer klassenlosen Kreativitätspolitik in Frage.

 

Quellen:

  • Breckner, Ingrid (2010): Gentrifizierung im 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 17/2010, 27-32
  • Dangschat, Jens S. (1988): Gentrification: Der Wandel innenstadtnaher Nachbarschaften. In: Jürgen Friedrichs (Hg.): Soziologische Stadtforschung, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 29/1988, 272-292.
  • DIE ZEIT (2009): Not in Our Name. In Die Zeit, Nr. 46, 05.11.2009
  • Florida, Richard (2005): Cities and the Creative Class, 2005. New York: Routledge
  • Füchtjohann, Jan (2010): Was ihr wollt. Warum der Protest gegen die Gentrifizierung gerecht ist – aber auch reichlich borniert. In: Süddeutsche Zeitung, 12.07.2010
  • Holm, Andrej (2010): Die Karawane zieht weiter – Stationen der Aufwertung in der Berliner Innenstadt. In: Cicek Bacik; Cagla Ilk; Mario Pschera (Hrsg.) Intercity Istandbul Berlin. Berlin: Dagyeli Verlag, 89-101
  • Jähner, Harald (2010): Die Möchtegern-Polizei aus Kreuzberg. In: Berliner Zeitung, 14.06.2010
  • Rebhandl, Bert (2010): Prinzip der Zwischennutzung. In: Der Standard, 11.06.2010
  • Spiegel Online (2009): Hamburg als Modell. US-Ökonom Florida will Künstler an öffentlichem Eigentum beteiligen. SpiegelOnline, 6.11.2009, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,659833,00.html
  • Zukin, Sharon (1990): Socio-Spatial Prototypes of a New Organization of Consumption: The Role of Real Cultural Capital‘. In: Sociology, vol.24 no.1, 37-56

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