Verfasst von: ah | Dezember 8, 2010

Hamburg: Stadtplaner in Uniform feat. Haussmann

Kriminalpräventive Grünanlage oder gefährlicher Wildwuchs?

Stadterneuerung als Aufstandsbekämpfung und polizeitaktische Sanierungsmaßnahmen gelten eigentlich als Themen der historischen Stadtforschung: Im 19. Jahrhundert ließ Baron Haussmann breite Magistralen durch die Pariser Armutsquartiere schlagen um den Einsatz von Kanonen in der Stadt zu ermöglichen. Ein Stadtplanung nach militätisch-polizielichen Vorgaben von Sichtachsen und Kontrollräumen schien der Vergangenheit anzugehören.

Schien. Denn wie die Hamburger Bürgerinitiative „Projektgruppe Stadtnatur“ zusammengetragen hat, versucht sich die Hamburger Polizei unter dem Stichwort der kriminalpräventiven Stadtplanung „verstärkt und strukturiert in die stadtplanerische Arbeit einzubringen“. Statt ganze Viertel zu planieren geht es heute erst einmal um die Begrenzung der städtischen Vegetation:

Die Polizei Hamburg beteiligt sich nach eigenem Bekunden seit mehreren Jahren „strukturiert“ und „regelhaft“ an der Stadtplanung in Hamburg. Aus kriminalpräventiven Gründen ist sie offenbar an einer Ausräumung von Bäumen, Sträuchern und Hecken aus dem öffentlichen Raum interessiert. Der seit einigen Jahren unbemerkt durchgeführte Einsatz von fliegenden Überwachungs-Drohnen in Hamburg könnte diese Bestrebungen zur „Entlaubung“ der Stadt noch verstärken.

Bereits seit 2001 verfolgt die Hamburger Polizeibehörde einen gezielten Kahlschlag von Grünanlagen. Im Handlungskonzept zur Verbesserung von Sicherheit und Sauberkeit werden unter anderem „strukturverbessernde Maßnahmen im Straßenbegleitgrün“ vorgeschlagen um die Sicherheit in der Stadt zu erhöhen.

Auch nach dem Ende des Schill-Sanats wurde diese Politik fortgesetzt. Im Polizeibericht 2009 skizzieren Michael Jasper und Michael Lehmann – beim LKA für Prävention und Opferschutz bzw. für die kriminalpolizeiliche Beratungsstelle zuständig – unter dem Titel „Sichere Stadtgestaltung. Kriminalprävention“ (S.88-93) wie eine Haussmann-Strategie in der Version des 21. Jahrhunderts aussehen könnte. Begründet mit der „Broken-Windows-Theorie“ (Wilson/Kelling 1982) und ausgestattet mit den umstrittenen Konzepten des „Defensible Spaces“ (Newman 1972) will auch die Hamburger Polizei „Tatgelegenheiten“ städtebaulich reduzieren. Die polizeilichen Stadtplanung beschränkt sich dabei offensichtlich nicht auf die öffentlichen Räume. Im Text heisst es:

Mit der städtebaulichen Prävention werden verantwortlichen Stadtplanern und Architekten der Kommunen und der freien Wirtschaft Empfehlungen und Vorschläge der Polizei zu geeigneten Präventionsmaßnahmen unterbreitet.

Rudolf Sergel, Mitglied im Ausschuss für Verkehr und Umwelt der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte hat einige der polizeitaktischen Aspekte der Hamburger Grünflächenplanung zusammengetragen und einer kritischen Bewertung unterzogen: „Von sozialen Freiräumen und ökologischen Funktionsflächen zu Arealen staatlicher Kontrolle?

 

Quellen:

Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg 2003: Verbesserung von Sicherheit und Sauberkeit in der Stadt. Einrichtung eines Städtischen Ordnungsdienstes und Handlungskonzept zur Verbesserung der Sauberkeit in der Stadt. Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft, DS 17/2231

Jasper, Michael; Lehmann, Michael 2010: Sichere Stadtgestaltung. Kriminalprävention. In: Polizei Hamburg (Hrsg.): Polizeibericht 2009. Hamburg, 88-93

Newman, Oscar 1972: Defensible Space, Crime Prevention Through Urban Design. New York: Macmillan

Sergel, Rudolf 2010: Von sozialen Freiräumen und ökologischen Funktionsflächen zu Arealen staatlicher Kontrolle?

Wilson, James; Kelling, George 1982: The police and neighborhood safety: Broken Windows.  In: The Atlantic Monthly, 3/1982, 29-39

 

 

 


Responses

  1. Das in der Stadtplanung auch Aspekte der öffentlichen Sicherheit berücksichtigt werden, ist unter Stadtplanern schon lange bekannt.

    So wurde zum Beispiel bei der Planung des Gebietes Freiburg-Rieselfeld darauf geachtet, Straßenräume so zu gestalten, dass diese gut einsehbar sind. Dies allerdings unter der Prämisse, dass inbesondere diese Räume für Frauen abends/im dunkeln besser einsehbar sind und so weniger vermeindliche Gefahrenräume entstehen.

    Das die Polizei aber sagt, die Pflanzung von Bäumen/Büschen sei zu unterlassen, ist etwas völlig neues und dreist. Ganz abgesehen davon widerspricht das allen Ansätzen, eine bürgernahe, lebendige und lebenswerte Stadt zu schaffen. Da werden von der Polizei Maßstäbe gesetzt, die schleunigst aus deren Köpfen rausgeholt werden müssen.

  2. […] gentrificationblog denkt noch mal länger über die hamburger polizei als gestalter öffentlicher grünflächen nach. interessant zu polizeilichen praktiken und öffentlichen räumen ist auch ein artikel in der […]

  3. […] der uns Lindenern zum Hohn auch noch als ein “PluS” verkauft wird, sollte einmal einen Blick in das Gentrification-Blog werfen: Die Polizei Hamburg beteiligt sich nach eigenem Bekunden seit mehreren Jahren […]


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