Verfasst von: ah | Januar 31, 2011

Hamburg: De-Attraktivierung nach Noten

 

Anti-Gentrification-Graffiti

Gentrification ist zum Dauerthema für soziale Bewegungen und städtischen Protest geworden. Während in den Analysen vor allem stadtpolitische und wohnungswirtschaftliche Gründe als Ursachen und Auslöser identifiziert werden, richten sich konkrete Kampagnen und Aktionen oft auf  die echten und vermeintlichen Gentrifier oder Yuppies und ihre Einrichtungen. Mit den Schlagworten der De-Attraktivierung oder Abwertung  wird die Abschreckung von zahlungskräftigen Wohnungsnachfragern zur Strategie gegen die Verdrängung erhoben.

Holger Burner – ein für seine Brachiallyrik bekannter Polit-Rapper aus Hamburg – liefert den Sound für solche  De-Attraktivierungs-Strategien: „St. Pauli, Schanzenviertel: jetzt wirds schmutzig!

Trotz vieler richtiger Einschätzungen („viele Clubs, die nicht mehr da sind“, „und die ganzen Mieten die sie Spiegel sind gestiegen“) belässt es Holger Burner bei einer klassenkämpferischen Attitüde, ohne die zugrundeliegenden Verhältnisse tatsächlich aufzugreifen.

Vor ein paar Jahren hatte ich die Gelegenheit, Neil Smith (Gentrificationforscher an der CUNY in New York) für das Berliner MieterEcho zu interviewen. Die Frage nach den Strategien des Antiu-gentrifcation-Protestes blieb dabei nichjt ausgesparrt:

Frage: Wie sehen Sie heute das Verhältnis von nachfrage- und angebotsseitigen Ansätzen? Ist Gentrifizierung ein Wohnungsverwertungs- oder ein Yuppieproblem?

Neil Smith: Auf der Lower East Side lautete einer der Anti-Gentrifizierungs-Slogans in den 80er Jahren: „Die Yuppie Scum“. Ich habe immer noch ein T-Shirt mit diesem Slogan, das mir seinerzeit ein Freund schenkte. Es war ein effektiver Slogan, um Yuppies abzuschrecken, und in der Tat geriet der Gentrifizierungsprozess im Gebiet ins Stocken, bis die Stadt begann, Obdachlose und Demonstranten vom Tompkins Square Park zu räumen. Doch Anti-Yuppie-Slogans stellen keine Analyse der Gentrifizierung dar. Selbst Yuppies haben nur sehr begrenzte Wahlmöglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt, wenngleich wesentlich mehr als die Armen. Im Kontrast dazu genießen Kapitaleigner, die dazu entschlossen sind, ein Gebiet zu gentrifizieren und zu entwickeln, eine Menge Wahlmöglichkeiten. (ME 324, 2007)

Viele schöner hätte ich es auch nicht formulieren können.  Eine Schlussfolgerung wäre, dass sich De-Attraktivierungs-Strategien weniger auf die echten oder vermeintlichen Yuppies, als vielmehr auf die Verwertungsstrategien beziehen sollten.


Responses

  1. In Hamburg (und sicher auch anderswo) hat sich leider IMO herausgestellt, dass ohne „Feindbild“ eine Mobilisierung über die unmittelbar Betroffenen und die „sowieso“ politisch aktiven hinaus nicht möglich ist. Man offensichtlich jemanden, auf den man mit dem Finger zeigen kann, sichtbare „Bösewichte“. Nun nervt der Lebensstil der „Yuppies“ (die oft gar keine Yuppies im eigentlichen Sinne sind), also der „Besserverdienenden“ (die meistens immer noch weit von den wirklich wohlhabenden „Eliten“ entfernt sind), die neu Quartier sind, die „Eingesssenen“ manchmal ganz gewaltig. Was beileibe nicht nur an der (ab und an tatsächlich auftretenden) Arroganz der „Yuppies“ liegt, sondern IMO auch eine Menge mit (vielleicht berechtigtem) Neid, mit Vorurteilen und Klischees zu tun hat.
    Kurz gesagt: Die „Yuppies“ haben Gesichter, sind greifbar, man sieht, wie sie die Einheimischen verdrängen, man sieht die luxussanierten Häuser und die PKW der gehobenen Mittelklasse. (Denn echte „Oberklasse“, als Auto wie als Halter, ist wie erwähnt in den „Gentrifizierungsvierteln“ eher selten zu finden.)
    Kapitalgesellschaften haben keine Gesichter. Kapitaleigner schon, aber die lassen sich ja nicht im Viertel blicken. Spekulanten sieht man es in der Regel nicht an, wie sie ihr Geld „verdienen“
    Die tatsächlich Verantwortlichen bieten für De-Attraktivierungs-Strategien einfach kein Ziel. Wenn das Haus dreckig und beschmiert ist – ist doch egal, wird sowieso alles gründlich renoviert, bevor daraus schicke Eingentumwohnungen gemacht werden!

    Deshalb kann ich diejenigen, die sich mit solchen Strategien gegen „Yuppies“ wenden, zwar gut verstehen. Das ändert aber nichts daran, dass ich sie für unwirksam halte, weil sie „Schuldige“ trifft, die in Wirklichkeit nur das letzte Glied (und manchmal sogar das Opfer) in der Kette der Verwertungsstrategie sind.


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