Verfasst von: ah | März 22, 2011

München: Tamara und der Anti-Gentrification-Wecker

Ja, die Gentrification ist als Schlagwort der aktuellen Veränderungsprozesse in den Städten in aller Munde. Von der kleine Stadtteilzeitung „Unser Viertel“ im Münchener Stadtteil Giesing gibt es gerade die fünfte Ausgabe (pdf) mit Berichten zu Hotelneubauten und steigenden Mieten.

Doch die Kritik an den sozialen Kosten der Aufwertung findet mittlerweile auch  prominente Unterstützung und damit hoffentlich auch noch mal neuen Schwung.

Konstantin Wecker – bekannt für sein politisches Engagement – wurde für die Stadtteilzeitung interviewt und durfte davon erzählen wie die Boheme der 1970er Jaher in das proletarische Giesing gezogen ist ohne sich von den dortigen Bewohner/innen abzukapseln.

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt eine Künstlerkneipe aufzumachen und da kam ich auf Giesing. Das Viertel schien mir ideal um den Menschen näher zu sein, was mich auch sehr inspiriert hat. Das Kaffee  Giesing war dann ein großer Glücksgriff.  Anfangs haben wir überlegt ob die Einwohner, vor allem die 60’ger Fans uns im Viertel akzeptieren, später hatten wir aber ein freundschaftliches Verhältnis mit ihnen. Meist kamen sie nach den Spielen zu uns und haben den Tag dort ausklingen lassen.

Die Vorstellung einer Gentrification findet Konstantin Wecker eher unattraktiv, weil er die Folgen der Auswertung bereits anderenorts erfahren musste:

Wenn ich heute durch Lehel spaziere dann gleicht das Viertel in keiner Weise dem wie ich es aus meiner Kindheit kenne. Es wäre schrecklich wenn dasselbe mit Giesing passiert!

Ich wurde für die aktuelle Ausgabe für einen Grundsatztext zur Ermutigung in Sachen Anti-Gentrification angefragt und habe wunschgemäß geschrieben, dass es immer auch Alternativen zu Aufwertung und Verdrängung gibt. TAMARA (There Are Many And Realistic Alternatives) statt TINA (There Is No Alternative) also: sie müssen nur noch durchgesetzt werden.

TAMARA gegen die Gentrification

von Andrej Holm

Die Gentrification-Debatte leidet unter dem TINA-Syndrom. TINA (There Is No Alternative) hören wir von allen Seiten: Die Aufwertung von Stadtvierteln und die Verdrängung der ärmeren Bewohner/innen sei ein ‚ganz normaler Wandel’. Es habe keine Alternativen zur Aufwertung gegeben und so wie es war, konnte es doch nicht bleiben. Natürlich steigen die Mieten, wenn die Bausubstanz verbessert wird – irgendwer muss es ja schließlich bezahlen…

Stadtteilgruppen und Mieterorganisationen kennen die Polyphonie der Notlagen- und Normalzustandserklärungen. Doch städtische Entwicklungen folgen weder unumstößlichen Naturgesetzen noch sind sie alternativlos. Die meisten Aufwertungsmaßnahmen in den Städten können als wohnungswirtschaftliche Inwertsetzungsstrategien oder politisch initiierte Aufwertungsprogramme beschrieben werden, in denen sich die Interessen von Hauseigentümer/innen und Investor/innen, von der Bauwirtschaft, den Banken und Stadtregierungen zu einer Immobilien-Verwertungs-Koalition zur Steigerung der Tauschwerte verdichten. Dem gegenüber stehen regelmäßig die Interessen derer, die im Gebiet wohnen und arbeiten und vor allem an den Gebrauchswertqualitäten des Viertels interessiert sind.

Schon in den 1980er Jahren wurde daher von Aktivist/innen und kritischen Forscher/innen richtigerweise festgestellt:

Langfristig gibt es nur eine Verteidigung gegen Gentrification: die ‚Dekommodifizierung‘ von Wohnraum. Anständiger Wohnraum und anständige Nachbarschaften sollten ein Recht sein, kein Privileg.“

Das Zauberwort der Dekommodifizierung beschreibt dabei das Herauslösen der Wohnungsversorgung aus dem Warencharakter. Wohnen ist ein Grundbedürfnis und sollte keine Ware sein! Die Abschaffung des Kapitalismus wäre die wohl grundlegendste Wohnungsreform – doch wollen und können Mieter/innen in Aufwertungsvierteln, von Verdrängung bedrohte Gewerbetreibende oder Obdachlose nicht so lange warten. Deshalb erscheint es sinnvoll, auch im Hier und Heute nach Alternativen zu suchen.

Den Dekommodifizierungs-Gedanken aufgreifend, erscheinen alle wohnungspolitischen Instrumente sinnvoll, die bei der Produktion, Verteilung und Bewirtschaftung von Wohnungen andere Prinzipien als die Marktlogik durchsetzen. Von bau-, miet- und sanierungsrechtlichen Auflagen über gezielte Förderprogramme bis zur Unterstützung nichtgewinnorientierter Eigentumsformen und selbstorganisierte Aneignungen ist eine Vielzahl von Alternativen denkbar. TAMARA (There Are Many And Realistic Alternatives): Letztendlich geht es ‚nur’ noch darum, diese auch durchzusetzen.

(aus: „Unser Viertel„, #5, 1-2)


Responses

  1. […] Das Gentrification Blog von Andrej Holm hat einen tollen Beitrag über die typische Begründung von städtischen Aufwertungsstrategien mit Sachzwängen (TINA – „there is no alternative“ ) Dagegen prägen engagierte Gegner den Begriff  TAMARA („There Are Many And Realistic Alternatives“) Besonders gelungen finde ich folgenden Absatz: […]

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Holm

    Ich habe selbst ein paar Jahre in der Nähe von München gelebt, studiert und gearbeitet. Mit dem Prozess der Gentrifizierung in einigen Stadtteilen Münchens habe ich mich zum einen während meines Studiums etwas beschäftigt, aber auch Geschichten und Informationen aus direkter Quelle – dem eigenen Freundeskreis bezogen – und mich damals bereits über die Unverfrorenheit mancher Investoren und das meiner Meinung nach eher unbedachte Handeln der Stadt aufgeregt. Ich denke, dass München auf dem besten Wege ist, einen Teil seiner früheren Identität und seines Charmes zu verlieren. Der individuelle „Geist“ vieler Städte weicht einer gewissen Uniformität – so mein persönliches Empfinden. Die Alternativen, die im letzten Absatz aufgezeigt werden um eben solchen Prozessen entgegenzuwirken sind zwar eine logische Konsequenz und Reaktion auf die wirtschaftlichen und politischen Vorgehensweisen von Investoren und Kommunen, doch wie schon im Schlusssatz angedeutet nur schwerlich umsetzbar. In diesem Zusammenhang habe ich vor kurzem einen interessanten Diskurs zum Thema neoliberale Stadtpolitik gelesen, der an diesen Gedanken der Dekommodifizierung anknüpft und die Marktlogik erläutert. Im Zuge der Sicherung der nationalen und internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Staates wird mehr und mehr wirtschaftspolitische Verantwortung von Bund und Ländern auf die Kommunen übertragen. Gleichzeitig geraten die Kommunen jedoch durch Wirtschaftskrisen und Etatkürzungen in finanzielle Bedrängnis. Eine massive Verschuldung ist die Folge. Städte und Regionen sind gezwungen eigenverantwortlich Wachstum und Arbeitsplätze zu generieren und sich als unabhängig agierendes Wirtschaftssubjekt zu begreifen – die Stadt wird zu einem Unternehmen. Die Folge ist natürlich ein weitestgehend möglicher Rückzug aus dem sozialen Sektor und einer Schwerpunktsetzung auf das Werben und Fördern der so nett betitelten Wissensnomaden und der kreativen Milieus. Dem entgegen zu wirken fällt natürlich schwer, doch gewisse Initiativen bieten Hoffnung wie z.B. das „Das Mietshäuser Syndikat“. Ich glaube, dass dies im Vergleich zu so manchen eher vergeblichen Bürgerinitiativen eine echte Chance bietet, um bundesweit als Gemeinschaft der Gentrifizierung die Stirn zu bieten – eine echte Option im Sinne von TAMARA.


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