Verfasst von: ah | August 22, 2011

Berlin: Brennende Autos und Londoner Verhältnisse

Brennende Autos als Wahlkampfmotiv

Alle die glaubten, der Berliner Wahlkampf würde irgendwo auf halbem Wege zwischen Berlin-Versteher Wowereit  und der Berlin-für- alle-Renate einschlafen, sieht sich eines Besseren belehrt. Eine Woche lang brannten nächtlich Autos und die Berliner Politik hat ein Wahlkampfthema. CDU und FDP versuchen mit eilig aufgelegten Plakatserien aus ihren abgeschlagenen Positionen herauszukommen und die Berliner Lokalpresse hat einen neuen Dauerbrenner auf den Titelseiten. Die CDU Tempelhof-Schöneberg setzte sogar 2.000 Euro Kopfgeld zur Ergreifung der Brandstifter aus. Ordnungspolitik und Kriminalpolitik waren schon immer dankbare Themen für schlichte Gemüter und Parteien, die zu komplizierteren Fragen der Stadtentwicklung keine Antworten zu bieten haben.

Die klare Positionierung ist dabei erstaunlich, denn eigentlich weiß niemand, was und wer hinter den Brandstiftungen steckt. Die amtierende Polizeipräsidentin schließt organisierte Linke weitgehend aus.

Unsere These ist zurzeit: Die Taten in den letzten Nächten sprechen nicht für Täter aus der linksextremen Szene. Diese Szene stellt sich gegen die Taten. In der Szene sind diese Taten nicht mehr vermittelbar. Es ist kein politisches Ziel damit erreichbar, anders als 2009. (TSP: Polizeichefin Koppers zu den Autobränden)

Auch die räumliche Struktur der Brandstiftungen und die ausgewählten Marken lassen sich nur schwerlich in das noch vor zwei Jahren so beliebte Muster der linksradikalen Kiez-Taliban gegen Gentrification pressen.

Auch in den letzten Nächten brannten kaum „Luxusfahrzeuge“, sondern vor allem Mittelklassewagen. Die Quote der „hochwertigen“ Fahrzeuge ist in diesem Jahr deutlich gesunken. Nur etwa 20 Prozent hatten nach Polizeiangaben einen Zeitwert von über 30 000 Euro. Im Jahr 2009 – bislang das Rekordjahr bei angezündeten Autos, waren noch über 60 Prozent „hochwertig“. Offensichtlich sei es den Zündlern egal, was sie anstecken, sagte ein Ermittler… (TSP: Anschläge auf die Mittelklasse)

Die Geographie der Brandanschläge lässt keinen wirklichen Zusammenhang zu den klassischen und umkämpften Aufwertungsgebieten erkennen und der einzige statistische Zusammenhang scheinen die stadtweit steigenden Mieten zu sein.

Vor dem Hintergrund der Londoner Riots stellen Politiker und Medienvertreter die bange Frage, ob wir auf Londoner Verhältnisse zusteuern. Das 3sat-Nachrichtenmagazin Kulturzeit  hat mich zu entsprechenden Themen befragt.

Der Vergleich von brennenden Autos in Berlin mit dem Aufstand von London scheint sich sich angesichts der unterschiedlichen Ausmaße zu verbieten. Doch die vermuteten Hintergründe sollten zu denken geben. Rowland Atkinson, Kollege und Gentrificationexperte von der University York, durfte in der ZEIT erklären „Die Krawalle in Großbritannien waren vorhersehbar„. Die Begründung unterscheidet sich nicht wirklich von den hiesigen Verhältnissen:

Die Wirtschaftskrise hat den Blick auf die Doppelmoral der britischen politischen Klasse gelenkt. Sie repräsentiert die reichen Wahlbezirke, die relativ unversehrt vom neuen Sparkurs bleiben. Es herrscht eine Geografie der sozialen Ungleichheit. 30 Jahre ungezügelter Kapitalismus, exklusiver Wohnungsmarkt, Gentrifizierung und die ständige Ermunterung, über die eigenen Verhältnisse zu leben, haben viele Menschen verbittert und der britischen Gesellschaft entfremdet.

Nach allem was wir bisher wissen, scheint das Kennzeichen des Londoner Aufstandes ja vor allem zu sein, dass es keine klare Botschaft gibt, dass er kein eindeutiges räumliches Muster aufweist und auch die Zusammensetzung auf der Straße kaum Rückschlüsse auf einzelne soziale oder ethnische Gruppen zulässt.

Unter den Festgenommenen sind Kinder und Jugendliche aus den Londoner Sozialwohnungs-Ghettos ebenso vertreten wie Mittelklasse-Kids von elitären Privatschulen. Die Krawalle verschließen sich einer klassischen Ursache-Wirkungs-Erklärung, weil es ganz offensichtlich überlagernde Motivlagen gibt. Umverteilungsaspekte von Plünderungen haben andere Ursachen als die scheinbar ziellosen Zerstörungswut, oder ein aufgestauter Hass auf die Polizei oder die abendliche Kompensation des schulischen oder beruflichen Leistungsdruckes.

Aufstände wie in London sind gerade in ihrer scheinbaren Ziellosigkeit Ausdruck der wachsenden Desintegration in den westlichen Gesellschaften. Und eben darin liegt auch die Vergleichbarkeit zur Berliner Situation.

Unsere Gesellschaft ist ja grundsätzlich nach ähnlichen Prinzipien organisiert und Leistungsdruck, soziale Polarisierung und Diskriminierungserfahrungen sind keine britische Besonderheit sondern prägen auch in unseren Städten den Standard des Alltags für Hunderttausende. Unterschiede gibt es im Ausmaß und der Ausprägung der sozialen und auch räumlichen Ausgrenzungsprozesse. Großbritannien hat einfach 15 Jahre Vorsprung beim Abbau des Sozialstaates – doch der Trend der Stadtpolitik weist in genau diese Richtung. Letztendlich ist aber die Logik von Aufständen und Revolten aus sozialen, kulturellen und räumlichen Parametern nicht ableitbar. Auslösende Momente wie etwa ein tödlicher Polizeieinsatz und begünstigende Faktoren wie ein lauer Sommerabend können nur schwerlich vorhergesagt werden.  Wir wissen nicht wann es passiert, wir wissen nicht wo es beginnen wird. Aber wenn es soweit ist, werden wir zumindest sagen können, wir haben es geahnt.


Responses

  1. […] Berlin: Brennende Autos und Londoner Verhältnisse Alle die glaubten, der Berliner Wahlkampf würde irgendwo auf halbem Wege zwischen Berlin-Versteher Wowereit und der Berlin-für- alle-Renate einschlafen, sieht sich eines Besseren belehrt. Eine Woche lang brannten nächtlich Autos und die Berliner Politik hat ein Wahlkampfthema. CDU und FDP versuchen mit eilig aufgelegten Plakatserien aus ihren abgeschlagenen Positionen herauszukommen und die Berliner Lokalpresse hat einen neuen Dauerbrenner auf den Titelseiten. Quelle: Gentrification Blog […]

  2. […] „Großbritannien hat einfach 15 Jahre Vorsprung beim Abbau des Sozialstaates“ in den Worten Andrej Holms? Wir werden es sehen, kommen sehen können wir es schliesslich schon. Das konnte man […]

  3. Wer denkt, der Kapitalismus wird sich alsbald in Rauch verflüchtigen, irrt! Das System kann jedwede Kritik ABSORBIEREN. Darin besteht dessen enorme Anpassungsfähigkeit. Im Lauf der Geschichte entstehen immer neue Mutationen, die den Wirt an den Rand seiner Existenz drängen. So geschehen in London, so geschieht es in Berlin. Überall. Es ist daher unerlässlich, Kritik dehnbar, dynamisch, variabel und flexibel zu gestalten. Man sollte dem System stets einen Schritt voraus sein, WEIL ES AUF ZEIT SPIELT. Aber Vorsicht: Kommunismus tauscht lediglich die Köpfe aus, das Prinzip der Ausbeutung bleibt bestehen. Es gibt Alternativen, doch dazu müssen die Ideologen ihr Dogma abstreifen und lernen, dass es nicht nur GUT und BÖSE gibt. Oh, was für ein überzogener Anspruch, isn’t it?!

    Wahnwitz oder Wahrheit? Wir haben die Wahl. „Geopolitische Strategen“ können nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent mehrere Feuer entfachen; das funktioniert auch auf dem europäischen. Je nach Wunsch und Bedürfnis der „Kunden“.😉 Gewollt, geplant, von Nutzen. Aber, ich kann mich natürlich irren. Und alles ist gut so, wie es mir die Märchentanten und -onkel erzählen. Anstifter = Unruhestifter = Brandstifter = Sinnstifter. Einfacher Schlagzeilenlieferant, einfaches Weltbild. Noch besser: wie wäre es mit organisiertem Versicherungsbetrug?

  4. Na sowas?
    Passend zum bisher themenarmen Berliner Wahlkampf brennen plötzlich wieder Autos! Statt hochpreisiger, doppeltverglaster Limos aber nur einige Mittelklassewagen braver Durchschnittsbürger. Trotz vermutlich intensiver Fahndung und „Kopfgeldern“ werden die Täter einfach nicht gefasst. Und sogar die derzeitige PP geht nicht mal zwingend davon aus, dass es sich bei ihnen um die üblichen „radikale Linken“ handelt.
    Oh, ein Schelm, wer jetzt was Böses denkt.🙂 Warten wir doch einfach einmal ab, ob sich das Thema nach dem Wahlkampf mangels neuer Feuer nicht wohlgefällig in Luft auflöst…

  5. […] durch Studien über Gentrifizierung einen Namen machte, hat mit Blick auf die englischen Krawalle geschrieben, diese „verschließen sich einer klassischen Ursache-Wirkungs-Erklärung, weil es ganz […]


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