Verfasst von: ah | November 27, 2011

Berlin: Wanderungsgewinne verstärken Verdrängungsdruck

Berlin ist immer beliebter! Wanderungsgewinne von über 80.000 Personen seit 2006

Das Amt für Statistik Berlin Brandenburg hat gerade die aktuellen Zahlen der Wanderungsbewegungen nach, aus und in Berlin veröffentlicht. Allein im ersten Halbjahr 2011 sind etwa 17.000 mehr Personen nach Berlin gezogen als von hier fort. Damit wird der Trend der vergangenen Jahre nicht nur bestätigt sondern übertroffen. Bereits seit 2005 blicken die Statistiker auf durchgehend positive Wanderungsbilanzen von 10.000 bis 17.000 Personen pro Jahr zurück. Diese Zahlen werden nun bereits in der Halbjahresbilanz 2011 erreicht:

In den ersten sechs Monaten des Jahres 2011 zogen 69 500 Personen nach Berlin, demgegenüber standen Fortzüge von 52 100 Personen. Ausschlaggebend für den daraus resultierenden hohen Wanderungsgewinn war die positive Bilanz mit dem Ausland (10 200 Personen) und den alten Bundesländern (5 400 Personen).

Ursächlich für die Entwicklung in diesem Jahr sind den Statistiken zufolge die Wanderungsbewegungen über den Landesgrenzen hinweg. Die Zahl der Zuzüge aus dem Ausland übersteigt die Fortzüge deutlich. Noch in den vergangenen Jahren war es umgekehrt und es waren mehr Umzüge aus Berlin ins Ausland, als aus dem Ausland nach Berlin zu verzeichnen.

Zielbezirke der Zuwanderungen sind die Innenstadtbezirke – der dort steigende Nachfragedruck löst massive Umzüge in die Randbezirke der Stadt aus.

Die Stadt als Überlaufbecken

Für die Berliner Stadtentwicklung interessant sind aber nicht nur das Volumen und Saldo der Wanderungen, sondern auch Verteilung innerhalb des Stadtgebietes. Die Zahlen verweisen dabei auf einen von Innen- nach Außen drängenden Mobilitätsdynamik.

Quelle: Wanderungen in Berlin 2006 bis 2010, Amt für Statistik

Die Zuwanderungen über die Berliner Landesgrenzen (aus dem Ausland und anderen Bundesländern) weisen für die letzten fünf Jahre (2006-2010) mit über 65.000 Personen einen deutlichen Zuzugsüberschuss auf.  Die Zuwanderungsgewinne konzentrieren sich dabei zu fast 60 Prozent auf  die Innenstadtbezirke Mitte (+20.500) und  Friedrichshain-Kreuzberg(+18.000).Diese Attraktivität hat ihren Preis, denn die beiden Bezirke sind es auch, die die größten Binnenwanderungsverluste in den letzten Jahren zu verzeichnen haben. Die Umzugsbilanz von Umzügen innerhalb Berlins weist für Mitte Verluste von -16.000 und für Friedrichshain-Kreuzberg von -17.000 Personen auf.

Gewinner von Binnenwanderungen innerhalb Berlins sind vor allem Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf mit jeweils fast 10.000 Binnenwanderungsgewinnen im Zeitraum. Auch Reinickendorf (+6.300), Lichtenberg (+4.200), Spandau (+2.500) und Marzahn-Hellersdorf (+2.100) verzeichnen deutliche Wanderungsüberschüsse der Binnenumzüge in Berlin. Die innerstädtischen Wanderungsbewegungen haben einen deutlichen Trend: von innen nach außen.

Wohnungspolitischer Handlungsbedarf

Die Struktur der Wanderungsbeziehungen zeigt, dass die massive Zuwanderung in die innerstädtischen Aufwertungsgebiete  Auslöser für regelerechte Wanderungsketten sind, die fast ausschließlich nach außen gerichtet sind.

Neben dem Bedarf für Neubauten, um den Wohnungsbedarf der steigenden Bevölkerungszahlen zu gewährleisten, verweist das enorme Wanderungsvolumen vor allem auf die Notwendigkeit, preiswerte Mieten im Bestand zu sichern und vor allem die Spielräume bei Neuvermietungsmieten einzuschränken.

Für das vergangene Jahr weisen die Wanderungsdaten insgesamt fast 470.000 Personen aus, die nach und in Berlin umgezogen sind. So zogen etwa 148.000 Personen über die Landesgrenzen nach Berlin, knapp 140.000 zogen zwischen den Bezirken und 180.000 Personen innerhalb der Bezirke um. Die durchschnittliche Haushaltsgröße Berlins (1,7 Personen) unterstellt, sind es insgesamt über 270.000 Umzüge mit überwiegend neu abgeschlossenen Mietverträgen, die zur Zeit jährlich an der Aufwertungsspirale drehen. Die Vorstellung, dass die von der Koalition versprochenen 6.000 Wohnungen da irgendeine relevante Entlastung bringen,  erscheint mehr als naiv.


Responses

  1. […] Schlösschen wohnt schon lange niemand mehr. Wie das Gentrification-Blog unter Berufung auf eine Pressemitteilung des Landesamts für Statistik meldet, hat Berlin im […]

    • Aus arm und sexy, wird reich und sexy, proklamieren die neuen Koalitionäre.
      Mal abgesehen davon, dass 6000 versprochene Wohnungsneubauten tatsächlich nichts ändern. Neubauten sind für Geringverdiener, ohne Inanspruchnahme vonTransferleistungen, direkt oder indirekt, nicht bezahlbar, genausowenig wie die Altbaumieten in den aufgehübschten Bezirken, zugunsten Rendite orientierter Investoren aller Coleur.

  2. 470.000 was für eine Zahl. Das kann man sich gar nicht so richtig vorstellen wie viele da umziehen, finde ich.
    6000 Wohnungen naiv? Aber super naiv, da stimme ich zu.

  3. An der Feststellung, dass die Bevölkerungsgewinne der Innenstadtbezirke einen gewissen Druck auf den Wohnungsmarkt auslösen, ist kein Zweifel auszuüben.

    Aber dass die Berliner Außenbezirke einen Wanderungsgewinn aufweisen, ist meiner Meinung nach nicht nur durch die Verdrängung gewisser Bevölkerungsgruppen zurückzuführen. Die Zahlen vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zeigen ja nur die Gesamtbezirke an. Nicht die Wanderungsbewegungen in den einzelnen Stadtteilen (Gesundbrunnen, Neukölln44 // Frohnau, Mahlsdorf) werden ersichtlich. Sicherlich gibt es Menschen, die vom Reuterkiez in Neukölln zur Hellersdorfer Promenade ziehen mussten, aber auch Mittelschichtler, die vom Bergmannkiez in Kreuzberg nach Frohnau umziehen konnten. Das wird in der Statistik nicht deutlich.

    Meines Erachtens muss es in Zukunft mehr qualitative und quantitative Forschungen geben über diejenigen Wanderungen von den Innenstadtgebieten an den Stadtrand aufgrund der Mietpreissteigerungen & Verdrängung.

    Dass Menschen mit Geld die gleiche Wanderungsrichtung haben, ist vielmehr unter dem Begriff Suburbanisierung/Stadtrandwanderung zu behandeln.

    F.

  4. Hallo F.,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Sicher sagen uns die puren Wanderungszahlen noch nichts über die Verdrängungsdynamiken aus. Und ganz sicher gibt es verschiedene Wanderungsmotive. Aber wie im Text beschrieben, mache ich den Verdrängungsdruck ja vor allem über das wohnungswirtschaftliche Argument der Neuvermietungszuschläge fest. Während die Zuwanderung einen generellen Nachfragedruck erzeugt, schlägt sich die sehr hohe Mobilität in vielen Teilen der Stadt in steigenden Mietpreisen nieder. Wird eine Wohnung frei, wird sie in fast allen Teilen der Stadt anschließend zu einem höheren Preis vermietet. Ärmere Haushalte können sich das oft nicht mehr leisten und weichen auf preiswertere Quartiere aus. Die hier diskutierten Wanderungszahlen bestätigen diese Einschätzung und lassen (das Wissen um die Mietpreisentwicklung vorausgesetzt) eigentlich keine verdrängungsfreie Interpretation zu.

    Der Vorschlag die Wanderungsstatistiken als Suburbanisierung zu deuten, erscheint mir nicht wirklich durchdacht. Wie die Tabelle zeigt, weisen ja alle Innenstadtbezirke im Saldo aller Wanderungen Bevölkerungsgewinne auf. Und trotz leichter Wanderungsverluste mit dem Umland (-1.600 Einwohner) ist die Berliner Bevölkerungsentwicklung von starken Zuwanderungsgewinnen gekennzeichnet – das Gegenteil also von Stadtrandwanderungen bzw. Suburbanisierungstendenzen.

    Soweit, beste Grüße,

    AH

  5. Hm, interessanter Artikel, aber ist das wirklich ein neues Phänomen? Ich hatte eher das Gefühl, daß das schon seit dem Mauerfall gang und gäbe ist, und nur die Reaktion der jeweiligen Verwaltung auf diese Entwicklung unterschiedlich ausfällt.


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