Verfasst von: ah | Dezember 11, 2011

Lesetip: Gentrification-Debatte neu aufgelegt

Seit sich die Gentrification zum Modebegriff des Feuilletons entwickelt hat, habe ich mehrfach die damit einhergehende Banalisierung des Erklärungsmodells für städtische Inwertsetzungsprozesse und ihre Folgen kritisiert. Umso höher sind die Versuche einzuschätzen, sich tiefergehender und auch auf einer theoretischen Basis mit den Erklärungsansätzen der Gentrification-Forschung zu beschäftigen.

In den letzten Monaten hatte ich die Gelegenheit gleich in zwei unterschiedlichen Kontexten über die Reichweite von Gentrification-Theorien zu diskutieren.

Die entgrenzt (Studentische Zeitschrift für Geographisches) hat sich in ihrer zweiten Ausgabe unter dem Titel „Burn, Bonze, Burn! – soziale und ökologische Aspekte der Gentrifizierung im 21. Jahrhundert“ (pdf) dem Thema der umkämpften Räume in den Städten zugewandt. Darin enthalten ein relativ ausführliches  Gespräch mit Jan Glatter und mir:

  • Jan Glatter & Andrej Holm: Wir sollten uns nicht damit zufrieden geben, wenn städtische Veränderungen als ganz natürlicher Zyklus der Stadtentwicklung beschrieben werden (S. 5-17)
  • Stephan Diesel: Das liberalisierte Recht auf Stadt (S.18-25)
  • Cosima Werner: Grüner Daumen gegen graue Stadt – urbane Gärten und urbane Landwirtschaft (S.26-36)
  • Noah Quastel: Understanding Neighborhood Gentrification as Socio­-Ecological Processes (S. 37-43)

Die zweite Diskussion hat sich an einem Vortragstext der Gruppe Jimmy Boyle zur Gentrification (Juni 2006) entwickelt. Im Mittelpunkt der Argumentation steht eine eher polit-ökonomische Erklärung von Gentrificationprozessen. Weil die Autor/innen sich explizit auf einige meiner Beiträgen bezogen, habe ich über einen Kommentar zum Vortrag einige Argumente versucht noch einmal zu schärfen. Jimmy Boyle haben mit einer Antwort auf meinen Kommentar und einer überarbeitetet Fassung des Ursprungsbeitrages die Diskussion fortgeführt, so dass sich eine ziemlich spannende Debatte über die Grundlagen der Gentrification entwickelt haben.

In der Diskussion mit der Gruppe Jimmy Boyle haben sich unter anderem zwei zentrale Themen herauskristallisiert: Welche Rolle spielen unterschiedliche Eigentümertypen in Gentrification-Dynamiken? Und: Welchen Einfluss hat die Politik?

 

Rolle der Eigentümer an der Stadtentwicklung

Ein Streitpunkt den Jimmy Boyle in den Beiträgen herausgearbeitet haben, ist die Frage, ob und wie die Übergänge zu einer Finanzialisierung der Immobilienwirtschaft eingeschätzt werden können, und ob dies überhaupt einen Einfluss auf die Stadtentwicklung hat – Verwertungslogik und Kapitalismus habe es schließlich auch zuvor schon gegeben.

Gerade weil es eine allgemeine Verwertungslogik in kapitalistischen Wirtschaftssystemen gibt, spiele es – so Jimmy Boyle – keine Rolle, welche Eigentümer den Wohnungsmarkt prägen. In ihrem ersten Text schreiben sie:

Das Märchen vom Eigentümer, der nur soviel nimmt, dass er davon irgendwie leben kann, kann man getrost als Märchen behandeln. Das soviel wie möglich hat eine Schranke an den Angeboten der Konkurrenzeigentümer an Boden.

Letztendlich mit der klassischen Theorie der Ackerbodenrente von Alonso, die auch Marx aufgegriffen hat, erklären sie die Entwicklung ungleicher Räume, Lagen und Preise aus den divergierenden und konkurrierenden Vorteilen verschiedener kapitalistische Unternehmungen (die ja alle auf konkrete Orte angewiesen sind). Kann ein/e Eigentümer/in beispielsweise ein Grundstück für eine teure Büronutzung vermieten – weil Büros ins Zentrum der Stadt wollen – dann sei die Wertsteigerung nicht mit der immobilienwirtschaftlichen Aktivität, sondern mit der Zahlungsbereitschaft der künftigen Nutzer/innen  bzw. der „Entwicklung des kapitalistischen Geschäftslebens“ (Jimmy Boyle) zurückzuführen.

Stimmt generell so natürlich, doch blendet diese Ackerbodenrententheorie die Gestaltungsvermögen und die Bewirtschaftungsstrategien unterschiedlicher Eigentümertypen weitgehend aus. Sicher ist es richtig, dass auch Einzel- und Kleineigentümer/innen Mieterhöhungen realisieren, wenn es möglich ist. Doch oft fehlt ihnen die notwendigen Investitionsmittel, um umfangreiche Modernsierungsarbeiten durchzuführen oder Häuser abzureißen und durch profitable Neubauten zu ersetzen. Die Geschichte größerer Umwälzungen in Städten und Stadtteilen zeigen, dass sie ohne einen grundlegenden Austausch der Eigentümerstrukturen nicht durchführbar sind. Die profitableste Nutzung eines Grundstücks setzt sich eben nicht von allein durch, sondern wird von Eigentümer/innen (und einem ganzen Netz von notwendigen Unterstützer/innen der jeweiligen Immobilien-Verwertungs-Koalition) durchgesetzt, die unter den jeweiligen Bedingungen dazu am besten in der Lage sind. Aus diesem Grunde mein Beharren darauf, die unterschiedlichen Bewirtschaftungsorientierungen und – strategien unterschiedlicher Eigentümertypen in die Analyse von Stadtentwicklungsprozessen mit einzubeziehen.

 

Rolle der Stadtpolitik an Gentrificationprozessen

Jimmy Boyle verlassen in Bezug auf die Stadtpolitik ihre klare Linie, die kapitalistischen Verwertungslogiken zum zentralen Moment der Stadtentwicklung zu erklären und stellen „die Stadt“ – hier verstanden als „politische Gewalt“ in eine scheinbar von den ökonomischen Verhältnissen unabhängigen Sphäre.

Die politische Gewalt ist nicht Ausdruck des ökonomischen Kräfteverhältnisses, sondern sie richtet dieses ein und erhält es aufrecht. Das Kräfteverhältnis ist entschieden und zwar zugunsten der politischen Gewalt.

Der Staat und damit auch die Stadt als Unterabteilung schaffen die ökonomischen Kreaturen, die dann in Konflikt miteinander stehen. Für das Gelingen der Geldvermehrung vor Ort regelt der Staat bzw. die Stadt die daraus resultierenden Konflikte so, dass ein Gesamtwachstum klappt.

Hier verwandelt sich der Staat oder konkreter die Stadt zum Fetisch, der scheinbar selbst- und eigenständige Ziele formuliert und verfolgt. Als Beispiele werden Beobachtungen von unternehmerischen Stadtpolitiken angeführt, die in der Standortkonkurrenz eigene Vorteile zu generieren versuchen.

Während ich die Stadtpolitik – wie Politik generell – als Arena und Ergebnis von Auseinandersetzungen verschiedener Interessengruppen sehe, unterstellen Jimmy Boyle eine Form des städtischen/politischen Eigensinns:

Wir haben die Vorstellung kritisiert, die Stadt als ein leeres Blatt Papier zu betrachten, auf das dann ökonomische Interessensgruppen das Ihre draufschreiben.

Die Stadt nicht als Ergebnis von gesellschaftlichen Kämpfen zu verstehen, verbaut nicht nur den Blick auf die Prinzipen, mit denen in der Vergangenheit Reformansätze im Bereich des Städtebaus und der Stadtentwicklung (z.B. Gemeindewohnungsbau im ‚Roten Wien‘, Behutsame Stadterneuerung in Westberlin) durchgesetzt wurden, sondern entlastet uns alle vom stadtpolitischen Engagement. Letztendlich steht hinter der These von Jimmy Boyle eine Vorstellung einer Stadtpolitik, die nicht veränderbar und einer Stadtentwicklung die nicht gestaltbar sei – bis nicht die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung aus den Angeln gehoben werden.

Ein spannender Punkt, der weiter vertieft werden sollte. Über eine breitere Beteiligung an der Diskussion würde ich mich sehr freuen. Beiträge können gerne hier aber auch auf der Seite der Jungen Linke hinzugeführt werden.


Responses

  1. Das Interview ist wirklich interessant, zumal Jan und du ja auch ne andere Sicht auf Wissenschaft haben.
    Und es ist ja auch redaktionelle Freiheit der Herausgeber euren Text zusammen mit was auch immer zu drucken – aber dass als Antwort auf euren Text ein Artikel zu Recht auf Stadt erscheint in dem für eine Annäherung (neo-)liberaler Konzepte geworben wird und der von gefährlichen politischen Stoßŕichtungen und Unkenntnis der Debatte nur so strotzt (Was versteht er denn unter Lefebvres Konzept der Aneignung? Fixierung auf staatliche Institutionen und deren prekäre Haushaltslage? And by the way: Margit Mayer is ne Frau!!) fände ich an deiner Stelle mehr als ärgerlich.
    LG
    A.

  2. Hallo A.,
    der Text Recht auf Stadt ist keine Antwort auf das Interview. Das Interview ist lediglich als Debatteneröffnung und als informativer Rahmen des Themas zu verstehen.
    Die Qualität des Textes zum Recht auf Stadt liegt im Auge des Betrachters: In diesem Fall ist es ein studentischer Artikel, der für Studierende geschrieben wurde. Er wurde inhaltlich begutachtet und für gut befunden. – Falls Bedarf bestehen sollte unklare Begriffe oder Kritik zu formulieren, dann wäre das der Debatte sicher zuträglich. Dann am besten via kontakt@entgrenzt.de oder direkt mit dem Autor in Kontakt treten.

    Vielen Dank für den Kommentar.

    Danke auch Andrej für den Verweis auf das Interview.

    entgrenzt.

  3. Ich kann mich dem Kommentar von entgrenzt anschließen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Beitrag um keine fundierte Expertenmeinung, sondern vielmehr um einen in einem gewissen Zeitlimit erarbeiteten Überblick. Interessant ist jedoch die Erkenntnis über die eintretende Institutionalisierung von Bewegungen (bereits auch in US-amerikanischen Diskursen behandelt). Die Konklusion „Annäherung (neo-)liberaler Konzepte“ also aufbauend darauf mit dem Ziel, eigenständige Finanzierung und (von Staat und Investoren) unabhängige Strukturen auszubilden oder zu fördern.

    LG
    SD.


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