Verfasst von: ah | März 21, 2012

Berlin: Danke Guggenheim! Danke Kreuzberg!

Die Schlagzeilen überschlagen sich: “Linksextremisten vertreiben Guggenheim aus Kreuzberg” (Tagesspiegel), “Kreuzberg vergrault Guggenheim” (Berliner Zeitung), “Autonome vertreiben Guggenheim aus Kreuzberg” (Die Welt), “BMW fährt in Berlin-Kreuzberg gegen die Wand” (SpOn) oder auch “Guggenheim kapituliert in Kreuzberg” (Mitteldeutsche Zeitung).

Was klingt wie eine erbitterte und gewalttätige Auseinandersetzung, ist so etwas wie ein Praxistest für das umstrittene BMW Guggenheim Lab. Wenn auch anders als geplant, hat das Lab seine Funktion erfüllt und städtische Trends der Gegenwart in anschaulicher Weise sichtbar gemacht.

Anlass für die Aufregung in den Hauptstadtmedien ist die Absage eines temporären Veranstaltungsortes der Guggenheim-Stiftung, die in Kooperation mit dem Automobilkonzern BMW im Rahmen eines sogenannten “BMW Guggenheim Labs” vom 24. Mai bis zum 29. Juli Zwischenstation in Berlin Kreuzberg einlegen wollte. Der eigenen Beschreibung nach sollten im ‘Laboratorium’ junge Talente der Stadtforschung, Architektur, Technologie, und anderer Disziplinen aktuelle Trends der Stadtentwicklung identifizieren und zukunftsweisende Ideen für das städtische Leben von morgen entwickeln. In insgesamt sechs Städten (u.a. New York, Mumbai und Berlin) sollen für jeweils zwei Monate die Diskussionen und Erkundungen der städtischen Zukunft stattfinden.

Selbstverständlich sollten nicht nur Expert/innen aller Couleur, sondern auch die Nachbarschaften in den jeweiligen Städten zu Wort kommen. Stadtplanung ohne Partizipation ist ja schon heute kaum denkbar. Doch bereits auf der ersten Station in New York ging diese Rechnung nicht wirklich auf und Nachbarschaftsinitiativen verwandelten das Lab in die Bühne ihres Protestes gegen Gentrification und Verdrängung.

In Berlin formierte sich der Protest gegen das Projekt bereits im Vorfeld (taz: “Widerstand gegen das Kunstlabor“) und mit der Begründung einer angeblich “hohen Gefährungseinstufung seitens der Polizei” (SpOn) sagten die Organisator/innen das geplante Gastspiel in Kreuzberg gut zwei Monate vor dem eigentlichen Start ab.

Die Berliner Politik reagierte auf die Entscheidung erwartungsgemäß: Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bedauert “dass es gegen einen geplanten Standort des BMW Guggenheim Lab in Kreuzberg Drohungen gegeben hat” und will auch weiterhin dem “renommiertes Zukunftsprojekt (…) den roten Teppich ausrollen”, Innensenator Henkel (CDU) sieht den Standort Berlin durch Chaoten gefährdet und der Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) trauert einer verpassten “Chance,  stadtpolitischen Themen ein Forum zu geben“ nach. Die Piraten und die Linke schaffen es in der Frage weder in die Schlagzeilen noch die Artikel und die Gegner des BMW Guggenheim Labs freuen sich über ihren Erfolg (“Tschüss BMW-Gentrifizierungs-Lab!”)…

Guggenheim im Praxistest

Diese Positionierungen und auch die teilweise empörten Medienreaktionen übersehen jedoch, dass der eigentliche Zweck des Laboratoriums auf höchst innovative Weise erfüllt wurde. Um städtische Trends zu erkunden, braucht es in Berlin keine kunstvoll überdachte Arena des Expertendiskurses, sondern eine schlichte Analyse des Konfliktes um ihre Ansiedlung in der Stadt. Ganz ohne Guggenheim und Co. wird deutlich, die Stadt von heute ist höchst fragmentiert, die Innenstädte sind umkämpfte Räume und das Kooptionspotential der allgegenwärtigen Bürgerbeteiligungsmodelle hat seinen Zenit überschritten.

Standortsuche in der fragmentierte Stadt

Der nun gescheiterte Versuch, das BMW Guggenheim Lab in Kreuzberg zu installieren, war bereits der dritte, einen Standort in Berlin zu finden.  Bereits im vergangenen Jahr wurde über mögliche Veranstaltungsorte auf dem Pfefferberg und in der Kastanienallee diskutiert. Der eine Ort war angeblich zu klein, am anderen gab es zuviel Stress mit den Gewerbetreibenden und dem geplanten Straßenumbau. Das Berlin-Team des Laboratoriums befand daraufhin, dass Kreuzberg der prädestinierte Standort für das Projekt sei. Ganz offensichtlich geht es bei Standortfragen für ein solches Projekt nicht nur um einen technisch geeigneten Ort, sondern auch um den sozialräumlichen Kontext – und der unterscheidet schon in Berlin zwischen den Stadtteilen erheblich. Für Prenzlauer Berg wurden insbesondere “interessante Synergien mit den dort ansässigen Kulturpartnern” und die Nähe zur Kreativszene als lokale Spezifika hervorgehoben:

„Der Pfefferberg in Berlin ist ein ideales Domizil für das BMW Guggenheim Lab“, erklärte Richard Armstrong . „Welcher Ort könnte besser geeignet sein, wichtige Einflussfaktoren auf das urbane Leben zu untersuchen, als dieser sanierte Industriekomplex im Herzen einer der progressivsten Zentren von Kultur und Kreativität weltweit… (BMW)

Kreuzberg hingegen gilt eher als authentischer Ort der Subkultur. Im BauNetz heißt es: “Prenzlauer Berg ist tot. Guggenheim Lab zieht nach Berlin-Kreuzberg”.

Anscheinend ist es jetzt auch im Guggenheim in New York und bei BMW angekommen, dass der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ausgehtechnisch tot ist. Jedenfalls soll der zu Stadtforschungsprojekten um die Welt wandernde „Think Tank“-Pavillon, das Guggenheim Lab des japanischen Büros Atelier BowWow, nun doch nicht in Prenzlauer Berg aufgebaut werden, sondern ins hippe Kreuzberg ziehen. Und zwar dort hin, wo nachts der Bär brummt: auf der Freifläche an der Straßenkreuzung Cuvrystraße/ Schlesische Straße (siehe zur Planung und zum Konzept BauNetz-Meldung vom 19. Mai 2011).

Schon die Suche nach dem geeigneten Ort für das Laboratorium geriet so zu einer Tiefenerkundung der differenzierten Geographie von Stadtteiltraditionen und Milieus.

Guggenheim in umkämpften Räumen

Der Protest gegen das BMW Guggenheim Lab wurde wesentlich mit der befürchteten Schubwirkung für bereits begonnene Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse in Kreuzberg begründet. Das ist nicht überraschend, denn schon in der Geschichte der Internationalisierung des New Yorker Museums wurde die Wechselwirkung zu Gentrification-Prozessen ausführlich diskutiert. Insbesondere der viel gepriesene Guggenheim-Effekt in Bilbao (neues Image und verstärkte Tourismusströme nach Neubau des Guggenheim-Museums Ende der 1990er Jahre) wurde von den Soziologen Lorenzo Vicario und Manuel Martinez Monje als Auslöser und Motor von Aufwertungsprozessen in den umliegenden Nachbarschaften der baskischen Metropole beschrieben: “Another ‘Guggenheim Effect’? The Generation of a Potentially Gentrifiable Neighbourhood in Bilbao“. Entsprechend ist die tiefsitzende Skepsis von Stadtteil- und Mieterinitiativen solch einem Projekt gegenüber nur wenig verwunderlich. Wenn wir Gentrification-Dynamiken als Auseinandersetzung zwischen Grundeigentümer/innen und Mieter/innen und auch zwischen verschiedenen sozialen Gruppen interpretieren, die ihre Ansprüche auf die selben Stadtviertel richten, dann gibt es auch keine ‘neutralen’ Kunst- und Forschungslaboratorien mehr. Insbesondere Projekte wie ein Laboratorium städtischer Trends müssen sich entsprechend in diesen Konfliktfeldern verorten und sich mit den lokalen Konflikten auseinandersetzen.

Selbstermächtigung statt Partizipation

Die Beispiele aus New York und Berlin zeigen darüber hinaus, dass die jahrelang dominante Form der partizipativen Stadtplanung, die über Moderations- und Aktivierungsinstrumente die städtischen Umstrukturierungen abfederten oder legitimierten, nicht mehr reibungslos greifen. Im Zeitalter von Occupy-Protesten und Piratenparteien reicht es offensichtlich nicht mehr aus, die Bewohner/innen der Stadtteile zu Workshops und Diskussionen einzuladen. Neben der Sorge um die Stadtteilentwicklung und der Lust am Stören kommt in den Protesten gegen das BMW Guggenheim Lab vor allem eines zum Ausdruck: Der Wunsch tatsächlich mitzubestimmen und die Entwicklungen der Nachbarschaften auch selbst zu gestalten.

Die Strategien der Selbstermächtigung bei den Guggenheim-Stadt-Laboren unterscheiden sich in New York und Berlin. Während in  NYC das Guggenheim-Projekt als Bühne des Protestes geentert wurde, haben die Berliner Protestgruppen das Labor selbst zu Gegenstand der Auseinandersetzung erhoben und hatten mit ihrer Mobilisierung sogar Erfolg.

BMW Guggenheim Lab in New York

BMW Guggenheim Lab in Kreuzberg

Die Suche nach den Zukünften der Stadt muss in Berlin erst einmal selbst auf die Suche begeben – nach einem geeigneten Ort. Über die Gegenwart der Stadt haben wir schon jetzt eine Menge erfahren können – Danke Guggenheim! Danke Kreuzberg!

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Responses

  1. [...] Berlin: Danke Guggenheim! Danke Kreuzberg! Teilen: This entry was posted in GuuglReader by matt. Bookmark the permalink. [...]

  2. Es ist schon unglaublich, wir innovationsfeindlich und konservativ der gemeine Kreuzberger ist. Ein schöner Zoo fürs gemütliche Leben, das sich möglichst nicht ändern soll und wo kontroverse Meinungen und Projekte nicht gefragt sind, nur das, was ins gewohnte Freund- und Feindschema passt. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sagen: lächerlich und kindisch. Na klar: die Bewegung ist gut und das Großkapital ist böse – wie einfach ist doch die Welt!

    • Es ist schon erstaunlich, wie empathisch manche “Was mit Medien”-Klugscheißer immer sind.

      • Wenigstens outet sich Herr Naumann mit seiner Facebook-Seite selbst. Das rechne ich ihm hoch an. Bei anderen Kommentatoren kann man nur indirekt aus Stil und Argumentationsweise schließen, daß es sich um Mietmeinungen handelt.

      • PS: Lieber LaHaine, Klugscheißer ja (sagt auch meine Frau), Medien eher nein, sondern Verfahren zur Zusammenarbeit in Wirtschaft und Gesellschaft. Empathie auch nicht (habe ich nur mit Personen, nicht mit Prozessen); es geht mir eher darum, wie man gemeinsam Zukunft schafft.

        Statt weiterer Kommentare verweise ich auf einen guten Grundsatzartikel zum Thema Beteiligungsverfahren: http://www.cicero.de/berliner-republik/demokratie-als-gemeinschaftswerk/48538

      • Herr Nauheimer, es wird Ihnen vielleicht nicht bekannt sein, aber Zukunft braucht man nicht zu “schaffen”. Die kommt von ganz alleine. Und gestalten lassen würde ich sie mir eher ungern von Ihnen (wenn Sie gestatten).

    • Was ist daran, dem üblichen kapitalistischen Normalzustand der Aufwertung und im Speziellen der Anbiederung multinationaler Unternehmen an sozioökonomische Problematiken (wovon zu erwarten ist, dass dieser Diskurs eben genau durch die Interessen dieser wirtschaftlichen Akteure bestimmt, bestenfalls aber gebiased ist), freien Lauf zu lassen, so höllisch kontrovers? Was ist denn daran so unglaublich innovativ? Sie erkennen ja nicht mal das Problem, welches nicht darin besteht, dass sich etwas ändert, sondern, dass die Veränderung einhergeht mit Verdrängung sozialdarwinistischen Ausmaßes

    • Es ist schon unglaublich, Bevölkerungsverdrängung für “inovativ” zu halten und den Widerstand dagegen für “inovationsfeindlich” und “konservativ”.

  3. Dieses LAB-Projekt ist für die Bewohner in Kreuzberg ungefähr so innovativ, wie eckige Fahrradreifen!
    Und wenn “Innovationsfreundlichkeit” und purer Opportunismus im Jahre 2012 völlig kongruent sind, dann sollte jeder Anwohner in Berlin durchaus froh sein, dass es offenbar immer noch einige “innovationsfeindliche” Menschen in Berlin gibt, die sich nicht von einer Handvoll ‘Künstler’ täuschen/blenden lassen, die unter dem Druck, ihre eigene (gestiegene) Miete zu begleichen, als Fackelträger für Industrie, Wirtschaft und abgestandene Senatspolitik durch die “angesagten” Wohnquartiere streifen. Denn es geht natürlich “nur” um den kreativen Diskurs – Ein Schelm, wer hier auf dumme Gedanken kommen mag.
    Und so etwas wird dann durch die PR auch noch profitabel als Bürgerbeteiligung oder Dienst am Gemeinwohl verkauft. Tolle Innovation!

  4. als kleine ergänzung zum blogartikel hier noch die nachlese des tagesspiegels, in dem dann auch die komplette opposition zu wort kommt. aus meiner sicht – und das bitte ohne sympathien für piraten/linke/grüne verstehen – eine erste bemerkenswerte momentaufnahme der neuen parteipolitischen konstellation in sachen stadtpolitik. strategisch interessant.

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/absage-fuer-projekt-in-kreuzberg-opposition-verteidigt-protest-gegen-guggenheim/6356600.html

  5. Wer gegen so ein Projekt ist, oder allgemein gegen Veränderungen, ist ein noch bonierterer Spießer als der spießigste Spießer in Hinter-Tupfingen.

    Armes Kreuzberg!

    • Wer aber für so ein Projekt ist, der ist modern, in NYC, Tokio und Barcelona Dauergast, immer am Puls der Zeit, er steckt quasi im Hintern des Weltgeistes, und hat bestimmt ein Eipäd zuhause. Se fjutscha is coming, änd wie ar dabei!

    • Hallo “ein Ausländer”, was in Ihrem Sinne “Veränderungen” sind, ist in einem anderen Sinne asoziale, profitorientierte Bevölkerungsverdrängung, weiter oben fiel der Begriff “Sozialdarwinismus”. Also wer ist hier der (profitgeile) bornierte Spießer aus Hinter-Tupfingen.

  6. Die Wirklichkeit ist leider ein bisschen komplexer. Die anerkannten Probleme einer Großstadt, inklusive Gentrifizierung, können aber nicht ohne ein Zusammenwirken von verschiedenen Akteuren gelöst werden. Dazu gehören auch Großunternehmen, ob man das mag oder nicht. Gerade wegen der ungeheuren wirtschaftlichen Macht, die solche Unternehmen haben, muss man reden. Ohne Automobilkonzerne verteidigen zu müssen (ich persönlich verzichte seit 15 Jahren auf ein Auto und nutze Fahrrad und ÖPNV), ist es trotzdem so, dass zur Lösung der Frage von innerstädtischer Mobilität es gar nicht ohne diesen Dialog geht. BMW (wenn ich ein Auto hätte, nicht wirklich meine Marke) tut seinen Teil dazu – natürlich aus urkapitalistischem Interesse, vor allem darum, weil das Unternehmen Wege finden muss, auch in der Zukunft noch zu bestehen. Ich finde es interessant, darüber nachzudenken, wie ein Ausgleich von Interessen in unserem ökonomisch-politischen System, das morgen nicht stürzen wird, geschehen kann. Offensichtlich gibt es eben in diesem System nicht nur die wirtschaftliche Macht, sonder auch etwas, was ich als Streetpower bezeichnen würde: Die Anti-Guggenheim Bewegung hat ja erst mal einen Sieg errungen. Ob dieser Sieg dem Gesamtsystem nutzt, wage ich zu bezweifeln. Wir reden zu wenig miteinander, sondern schreien uns an. Dazu zähle ich meinen Eingangskommentar, der zugegebenermaßen aus einer emotionalen Betroffenheit entstanden ist. Emotionen sind ja auch ok, da die Verdrängung von Lebensraum auf der einen und der Wunsch nach einer sich entwickelnden lebendigen Stadt auf der anderen Seite berechtigt sind. Wie schaffen wir es, dass sich erklärte Gegner an einen runden Tisch setzen? Ich gebe zu, da war die Guggenheiminitiative nicht gerade feinfühlig. So what?

    • Du hast es ja schon fast verstanden ;) Aber knapp daneben ist halt auch vorbei.
      Die “anerkannten” Probleme wie Gentrifizierung sind nicht einfach vom Himmel gefallen. Dass das Problem heute in aller Munde ist, ist ein Erfolg von linken Bewegungen wie der Anti-Guggenheim-Ini. Und das nicht aus Desinteresse an einer “sich entwickelnden lebendigen Stadt”, wie du ihnen unterstellst, sondern ganz im Gegenteil aus dem Interesse einer sich lebendig entwickelnden Stadt für alle.
      Richtig erkannt hast du, dass Grossunternehmen wie BMW eine ungeheure wirtschaftliche Macht haben und aus urkapitalistischen Interessen handeln. Das bedeutet auch, dass Interessen, die nicht kapitalistisch verwertbar sind, für BMW konsequenterweise egal sind, und sie auch die Macht haben, diese zu ignorieren.
      Die Anti-Guggenheim-Ini hat die Interessen von BMW an dem Lab, meiner Meinung nach nachvollziehbar und logisch, als Interesse an Imagegewinn und nicht nach ernsthaftem Dialog gekennzeichnet. Da BMW ungeheuer mächtig ist und die Menschen, die sie zum Dialog einladen, im Vergleich ungeheuer ohnmächtig, können sie sich dieses Dialogangebot auch leisten, ohne befürchten zu müssen, dass sie in diesem Dialog Kompromisse in ihren zentralen Interessen machen müssen. Es handelt sich also um eine extrem asymmetrische Verhandlungsposition, in der BMW nur gewinnen kann, und alle anderen Beteiligten keine ernsthafte Chance haben,
      ihre Interessen durchzusetzen. Unter dem Vorwand, doch einen Dialog zu wollen und verhandlungsbereit zu sein, kann BMW damit seine eigenen Interessen durchsetzen, die wirklich relevanten Fragen der Macht stehen dabei aber nicht auf der Tagesordnung. Auch du siehst die Machtverhältnisse als gegeben an und führst sie sogar als Argument an, mit BMW in einen Dialog zu treten. Für einen ernsthaften Dialog braucht man aber symmetrischere Machtverhältnisse, daher ist die ungeheure wirtschaftliche Macht von BMW kein Argument für einen Dialog, sondern dagegen.
      Die Anti-Guggenheim-Ini hat, ihren eigenen, urantikapitalistischen Interessen entsprechend, den angebotenen, oberflächlichen und für sie hoffnungslosen Dialog abgelehnt und die Auseinandersetzung stattdessen auf eine andere, inhaltliche Ebene gezogen. Zur Macht gehört auch, definieren zu können, über was geredet wird. Und die Ini wollte lieber die Rolle von BMW und dem Lab in lebendigen Stadtentwicklungsprozessen diskutieren, als oberflächliche Scheindiskussionen zu führen. Dazu haben sie sich eines klassischen Mittels bedient: die kollektive Selbstermächtigung, um die Verhandlungspositionen minimal zu verbessern, dass ist dann wohl das, was du “Streetpower” nennst. Und dann passierte das wirklich verwunderliche: Aus einem merkwürdigen Zusammenspiel aus Polizei und Politik wurde aus dem relativ ohnmächtigem “stören” durch unggefragte Diskussionsbeiträge auf einer öffentlichen Veranstaltung eine so große Bedrohung konstruiert, dass BMW ihre Interessen eines Imagegewinns nicht mehr gewahrt sah und sich aus dem “Dialog” erstmal zurückzog.
      Du stellst weiter fest, dass das ökonomisch-politische System morgen nicht zu stürzen ist. Mit der Einschätzung liegst du wahrscheinlich sogar richtig, trotzdem liegt es in den urantikapitalistischen Interessen der Anti-Guggenheim-Ini und anderer Gruppen, eben dies nicht grundsätzlich zu akzeptieren. Das Problem ist meiner Meinung nach also nicht, dass zu wenig und zu emotional geredet wird, sondern dass es aus den zugrundeliegenden grundsätzlichen Interessen (antikapitalistisch vs. kapitalistisch) keine Grundlage für einen “echten” Dialog über Symptome geben kann. Einen echten Dialog kann es erst geben, wenn Macht, Geld, Eigentum und das ökonomisch-politische System grundsätzlich und ernsthaft verhandelbar sind. Ich bezweifel aber sehr ernsthaft, das BMW daran irgendein Interesse hat (warum sollten sie auch?) Und da BMW daran kein Interesse hat, wird es auch keinen runden Tisch geben. Die Anti-Guggenheim-Ini ist gut beraten, ihre Zeit und Energie eher in den Ausbau der “Streetpower” zu stecken, anstatt sie mit Scheindiskussionen zu verschwenden. Vielleicht (und jetzt werde ich utopisch, das ist aber leider notwendig) gibt es dann irgendwann mal die Machtverhältnisse zu ernsthaften Verhandlungen über die wirklich relevanten Themen.

  7. Wie wäre es denn mit einem Zukunftslab in Lichtenberg, Reinickendorf oder Koepenick? In Kreuzberg gibt es ja mittlerweile reichlich Institutionen/Orte, an denen sich immer wieder über Gentrifizierung auseinander gesetzt wird. Soll BMW doch mit bereits vorhandenen Strukturen kooperieren und sie fördern. Geld ist doch ohnehin knapp, da lassen sich doch tolle Synergien erzielen. Vielleicht muss auch Konzerne wie BMW und Guggenheim mal in anderen Strukturen denken und sich nicht nach den ersten Muskelspielen beleidigt zurückziehen. Das wäre für mich eine Basis für Stadtentwicklung und -forschung. Ach, da gäbe es einige Ideen, die mir kommen.

  8. das eigentlich linksliberale Feuilleton der “Süddeutschen Zeitung” ätzte gleich in zwei Beiträgen v. 22.3.12 (S.11) gegen den anhebenden Berliner Protest gegen ein BMW-Lab in Kreuzberg. Leider zeugen beide Beiträge zwar von differenzierter Kenntnis der gastronomischen Angebote rund um die Schlesische Strasse. Sie stehen jedoch frei von tieferem Verständnis für die stadtpolitischen Verwerfungslinien, die an der Grenze von Kreusberg zu Friedrichshain verlaufen. Schmerzlich auch das Baschin in Richtung “Berliner Zeitung”, sie sich in der aktuellen Laboratoriums-Debatte versucht differenziert zu äussern. Den Medien vom Tage kann man entnehmen, dass sich auf Anregung der Berliner Oppositionsfraktionen, des Innenausschuss des Abgeordnetenhauses mit der BMW-Guggenheim Causa beschäftigen wird. (vgl. zu beiden Vorgängen: http://www.sueddeutsche.de/kultur/guggenheim-labor-und-gentrifizierungs-debatte-kleine-welt-ganz-bei-sich-1.1314965 sowie: http://www.berliner-zeitung.de/berlin/sondersitzung-zur-sicherheitsgefahr-innenausschuss-beraet-ueber-guggenheim-projekt,10809148,12003458.html )

  9. Wir brauchen kein Labor, keine ThinkTank in die Stadt eingepflanzt … soziale Wohnungspolitik und aktive Bürgerbeteiligung sind nicht im Labor herzustellen – Mieten runter, Zweckentfremdungsverbot einführen und den Neubau von Eigentumswohnungen und Luxussanierungen stoppen!

  10. Mit den AKWs hat das kurz mal drohen aber nicht funktioniert.

    Wahrscheinlich sonnt sich BMW vor allem in der Presseaufmerksamkeit und der Opferrolle.

  11. Hallo Andre, was genau ist inhalt dieses Halbsatzes:

    “… und das Kooptionspotential der allgegenwärtigen Bürgerbeteiligungsmodelle hat seinen Zenit überschritten.”

    Das ist eine ernst gemeinte Frage. So richtig genau konnten gerade mehrere Personen nicht entschlüsseln, was Du damit gemeint hast. Wir sind an einer Erläuterung interessiert.

  12. Hallo max,

    der Gedanke bezog sich auf die Beobachtung, dass die in den letzten Jahren verstärkt in Mode geratenen Versuche, über professionell organisierte Workshops, gemeinsame Veranstaltungen und Planungswerkstätten eine Legitimität von Planungsvorhaben zu gewinnen, immer seltener greifen. Der kleine Video-Schnippsel der Vorab-Veranstaltung des BMW-Guggenheim-Labs in Kreuzberg zeigt sehr anschaulich, dass es eben nicht mehr ausreicht, Initiativen aus der Nachbarschaft einfach nur zum gemeinsamen Diskutieren einzuladen. Viele Stadtteilproteste haben ein neues Selbstbewusstsein erlangt und wollen immer öfter tatsächlich mitentscheiden.
    Aus der Kritik an stärker top-down-geprägten Planungsansätzen haben sich in den 80er und verstärkt 90er Jahren eher kommunikative Formen der Vermittlung von städtebaulichen Projekten durchgesetzt. Nach 20, 30 Jahren Erfahrung mit solchen Partizipationsmomenten in der Stadtplanung scheint sich der Erfolg solcher Beteiligungsformen nun zu verflüchtigen und Konflikte in den Stadtteilen sind immer seltener mit Runden Tischen zu lösen.

    AH

  13. hallo andrej,

    danke für die erläuterung. ich gestehe, dass ich jetzt etwas schlauer bin, als ich es durch diesen einen schmissigen satz war ;).

  14. Andre, ich gebe Ihnen völlig Recht, dass Runde Tische die Probleme der Stadtentwicklung nicht lösen. Meine Verwendung des Begriffes war metaphorisch gemeint, im Sinne von “über ideologische Feindbilder hinweg zusammenarbeiten”. Und natürlich greifen top-down Prozesse überhaupt nicht. Da sind wir uns völlig einig. Aber für 1 1/2 Monate in Kreuzberg gemeinsam Meinungen auf einander treffen zu lassen, wie es in New York geschehen ist (http://www.smartplanet.com/blog/design-architecture/bmw-guggenheim-lab-to-tackle-global-urban-issues-via-design-and-public-discussions/239), hätte sicherlich der Diskussion genutzt. So bleibt man eben unter sich. Ist ja auch schön. Naja, irgendwo in Berlin wird das Lab schon stattfinden. Jetzt hat es wenigstens gute PR bekommen. Ich bin gespannt!

  15. Der Vollständigkeit halber hier zum Thema noch Artikel auf Cicero Online, der über einen “guten Grundsatzartikel” hinaus geht. http://www.cicero.de/berliner-republik/berlin-kreuzberg-bmw-guggenheim-lab-kiez-faschisten-linksautonome/48719

  16. Also ich versteh diese linksfaschistisch-ultraspießig-gewalttätige (Cicero-Grundsatzartikel) Ablehnung des Guggenheim-Blubb auch nicht. Wenn man z. B. keinen “Job” mehr hat (so heißen heute die Arbeitsplätze) und sich deshalb zu Tode langweilt, oder wenn man zwar mehrere “Jobs” hat, aber sich keinen Fernseher mehr leisten kann, um seinen Bedarf an PR-Geseiere und Werbung aus der Glotze zu decken, dann sollte man doch froh und dankbar sein, wenn ein Hersteller ekliger Luxus-Blechkisten im Vorgarten, da, wo bisher die einzige noch verbliebene (symbolische) Tomate wuchs, einen klotzig-ekligen Messestand errichtet, um darin mit einem die Frage zu diskutieren: “Was kostet die Welt?” Abgesehen davon sind BMW und Guggenheim schließlich vom Volk gewählt und deshalb für Stadtvermarktung unbedingt zuständig.

  17. After public resistance in Berlin – does BMW Guggenheim Lab go for an exciting change in concept: http://www.flickr.com/photos/78617565@N03/7038766997/

  18. [...] https://gentrificationblog.wordpress.com/2012/03/21/berlin-danke-guggenheim-danke-kreuzberg/ [...]


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