Verfasst von: ah | April 27, 2012

Sichtweisen der Aufwertung: Kurzfilme zur Gentrification gesucht

Vor einem Jahr haben ich nach Musik zur Gentrification gefragt. Auf meinen Aufruf (Tonlagen der Aufwertung) hin wurden in den Kommentaren etwa 30 Musiktitel zusammengetragen, die sich mehr oder weniger explizit mit den Gentrification-Prozessen auseinandersetzen. Diesmal würde ich mich über Zusendungen von Links zu Kurzfilmen freuen, die sich mit der Aufwertung in den Stadtteilen beschäftigen.

Kriterien: keine Dokumentationen, keine Interviews, keine Musikvideos, nicht länger als 7 Minuten.

Als Anregung zum Mitmachen gibt es eine kleines Filmrätsel: Ich habe drei kurze Filme herausgesucht, die sich jeweils auf ihrer spezifische Art und Weise ironisch bis polemisch mit bestimmten Aspekten der Gentrification auseinandersetzen.

1. ) Einer der Filme wurde von der Deutschen Film- und Medienbewertung mit dem ‚Prädikat wertvoll‚ ausgezeichnet. Welcher?

2.) Einer der Filme wurde mir gleich mehrfach zugeschickt und ohne explizite inhaltliche Bezugnahme zu verschiedenen Beiträgen als Kommentar  gepostet. Die Autor/innen welchen Filmes haben das größte Sendungsbewusstsein?

Film A: „How to Gentrify Your Neighborhood“ (2011, 4:21 min)

Film B: Kiezmiez (2012, 3:03 min)

Film C: Abwertungskit gegen Gentrification (2009, 6:30 min)

Auflösung der Frage:

Ja, ja, die Frage war nicht schwer zu beantworten – in beiden Fällen war Antwort B richtig. Doch des Rätsels Lösung gibt mir Fragen auf. Warum erhält ein Film wie „Kiezmiez“ das „Prädikat wertvoll„? In der Begründung der Jury heisst es:

„Eine kleine, aus dem Handgelenk inszenierte Momentaufnahme, die die aktuellen Zustände in einem Berliner Kiez beschreibt. Am Prenzlauer Berg hat der Widerstand gegen die Gentrifizierung ein neues Feindbild geschaffen, und so sind dort Schwaben und Yuppies die mit Hass-Parolen und Bedrohungen angegriffenen Opfer. (…)

KIEZMIEZ hat den Charme einer filmischen Polemik, die spontan und unmittelbar entstanden ist. Er ist mit Wut im Bauch, aber auch mit Witz gemacht und bekommt dafür das Prädikat wertvoll.“

Liege ich völlig falsch, wenn mich der Opferdiskurs zu Schwaben in Prenzlauer Berg an die Diskussion um die angebliche „Deutschenfeindlichkeit“ erinnert. In beiden Fällen lassen sich ganz sicher einzelne Erscheinungen und Aussagen finden, die eine solche These  stützen – eine Verbindung mit strukturellen Ausgrenzungs- und Benachteiligungsprozessen indess liegt gar nicht vor.


Responses

  1. Genügt es für eine „strukturelle Ausgrenzung“ noch nicht, wenn zum Mord an einem Bevölkerungsteil aufgerufen wird?

    Könnte doch sein, jemand nimmt das wörtlich…

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/kinderwagen-in-brand-gesetzt-anklage-gegen-zuendelnden-schwabenhasser/6042050.html

    Was ist die Referenz für Tags wie „Tötet Schwaben“, „Schwaben raus“ oder „Kauft nicht beim Schwaben“?

  2. Hallo miau,

    vielen Dank für den Kommentar. Parolen, Plakate und Flugblätter, in denen gegen Schwaben, Yuppies oder Wessis polemisiert und z.T. auch gehetzt wird, finden seit einigen Jahren regelmäßig ein erhebliches Medienecho und haben eine regelrechtes Sujet des „Schwabenhasses“ entwickelt. Selbst in Fällen, in denen es gar nicht um Schwaben ging, wurde eine angebliche Schwabenfeindlichkeit unterstellt (siehe z.B. die Diskussionen um die „Latte-Macchiato-Mütter“). So wurden eine ironische Plakatserie („Ostberlin sagt Danke“) in einen Akt der Fremdenfeindlichkeit gegen Schwaben umgedeutet, Plakate, die sich thematisch und terminlich eindeutig mit den zwiespältigen Folgen der sog. Wiedervereinigung („9. November: Wir sind ein Volk. Und ihr ein anderes.“) bezogen, wurden als Beleg für einen Schwabenhass gewertet.
    Über die vielen Anti-Schwaben-Parolen am Kollwitzplatz vor ein paar Monaten gab es gleich mehrere Reportagen und eine Reihe größerer Artikel. Die Meldung, dass der größte Teil dieser Graffitis auf einen einzelnen 18jährigen Jugendlichen zurückging, der aus Lust an der Provokation sprühen ging, war nur noch in den kleingedruckten Meldungen zu lesen. Auch der schwabenhassende Kinderwagenanzünder machte große Schlagzeilen. Als sich vor Gericht später herausstellte, dass der Schwabenhass als Motiv auf die Polizei zurückging, die diese Meldung verbreitetet, gab es keine großen Artikel dazu.
    Ganz sicher sind angezündete Kinderwagen und Hassparolen eine üble Sache und gehören auch verurteilt. Aus diesen Situationen eine umfassende rassistische Diskriminierung herzuleiten, halte ich jedoch für fragwürdig. Jenseits von der hochgepushten Empörung über den angeblich weit verbreiteten Schwabenhass habe ich bisher von keinen realen Benachteiligungen und Diskriminierungen gehört. Anders als bei Wohnungssuchenden mit ausländisch klingenden Namen, ist bisher keine systematische Diskriminierung von Schwaben bei der Wohnungsvergabe bekannt geworden. Auch bei der Vergabe von Jobs hat sich bisher – anders als bei Ostdeutschen – eine schwäbische Herkunft nicht als Nachteil auswirkt.
    Auch der in eurem Film suggerierte Zusammenhang von Initiativen, die sich gegen Verdrängung wehren und dem ‚Schwabenhass‘ halte ich für eine ziemlich unreflektierte Unterstellung. Ihr zeigt am Ende des Films Sprühereien gegen Gentrification und die Parole „Tötet Schwaben“ in einer Form, als würden sich der Zusammenhang von selbst erklären.
    Abgesehen davon finde ich in einem Film gegen Rassismus und Diskriminierung ein stereotypisierende Darstellung einer Bevölkerungsgruppe (im zur Diskussion stehenden Film: die Ostdeutschen) mehr als merkwürdig.

    AH

  3. ehrlich gesagt erschließt sich mir Film B nicht…

  4. Wer sagt denn, dass man sich die stereotypisierende Ausdrucksweise einer Filmfigur zu eigen machen muss?

    Diskriminierung beginnt, wo Personen abgelehnt werden für Eigenschaften, die sie nicht ändern können (Herkunft, Geschlecht etc.) Insofern gibt es keinen richtigen oder falschen Rassismus.

    • Ich schließe mich dem an. Es gibt den Schwabenhass. Ich finde es auch falsch den zu ignorieren. Wenn man täglich damit konfrontiert ist, dann wirkt auch eine kleine Ablehnung sehr schmerzhaft. Auch bei zugegebenermaßen kreativen Aktionen wie den „Frohe Heimfahrt: Weinachten“ etc. muss man sich mal rein versetzen wie das wirken würde, wenn man selbst entfernt der Heimat wohnt.

      Den Hinweis von dem (-) Ossi, finde ich äußerst unpassend. Für die Personalentscheidung und das unsägliche Urteil, kann doch kein Berliner mit schwäbischen Migrationshintergrund was.

      Beim Film wirkt das am Schluss irgenwie synchronisiert. Dadurch wirkt das ganze nicht so sehr.

      • Ja Enzo, es gibt platten Schwabenhass so wie es platte und dümmliche Darstellungen von „Ostdeutschen“ in dem Film Kiezmiez gibt.

    • Oh ja, stimmt! Der Film liefert da ein beeindruckende Analyse von Rassismus, da das „S“ auf dem Nummernschild eine Eigenschaft ist, die die Personen nicht ändern können. *

      Aber auch sonst sehen wir die Diskriminierung der schwäbischen Minderheit im Prenzlauer Berg: Sie müssen aufgrund ihres Migrationsbackgrounds in prekarisierten Jobs arbeiten (Werbebranche), es gibt heimtückischerweise nicht genügend Parkplätze für ihre SUVs und Mercedesse, und der Spätibesitzer hat nur Billigfusel für sie (nicht mal bio) – alles nur wegen dieses vermaledeiten (S) auf ihren Wagen. Deswegen müssen sie sich ghettoisieren und ethnische Parallelgesellschaften bilden, um der schrecklichen Diskriminierung ihrer innersten Eigenschaften (Ordnungssinn, Sauberkeitsliebe) etwas entgegenzusetzen in der feindlich dreckigen Großstadt mit den ganzen „asozialen“ OSSIS. Eine Kehrwoche als quasireligiöse Handlung könnte deutlich machen, dass das Schwabentum auch im Bereich der Religion diskriminiert wird. Um den Opferdiskurs deutlicher als bisher in die Öffentlichkeit zu bringen, schlage ich gelbe Sterne mit einem S in der Mitte vor, um die Dramatik der Diskriminierung und die Relativierung dieser schrecklichen Verbrechen gegen Menschen aus dem Ländle zu offenbaren. Bei den schrecklichen Verbrechen gegen die Hundebesitzenden hat dieses Vorgehen schon viel Applaus erhalten.

      * Da die vermeintlichen „OSSIS“ (dieses Feinbild habe ich bisher auch nur aus dem Mund von Menschen aus westdeutschen Kleinstädten wie Stuttgart gehört) ganz offensichtlich NICHT die beiden „dissen“ wegen nicht-veränderbarer Eigenschaften, sondern im Gegenteil offensichtlich unabhängig von Aussehen (die beiden könnten ja genauso gut in Berlin geboren sein), müssen wir neidlos ihr antirassistisches Handeln anerkennen.

      • LOL

        Zu einigen anderen Kommentaren hier: nicht jedes Urteil, das einem nicht paßt, ist deswegen gleich ein „Vorurteil“. Man höre und staune: es gibt auch Urteile, die auf Erfahrung und Beobachtung beruhen.

        P.S.: Ich habe 20 Jahre im Schwabenland gelebt.

      • Genauso könnten Sie sagen das Schwule ja eine Frau heiraten können, dann werden Sie auch nicht diskriminiert.

        Und wenn ein Türke sich die Augenbrauen zupft, eine Nasen-OP macht und die Haare dunkelblond färbt, dann wird er auch nicht mehr als solcher erkannt.

        Es geht darum, das man nicht diskriminiert wird für dinge die man nicht ändern kann UND das man sich nicht selbst leugnen muss.

        PS: Seit dem die KFZ-Steuer zu 100% an den Bund geht, ist es eh schnuppe was auf dem Nummernschild steht.

    • Liebe/r miau, die sogenannten „Gewinner“ der Gentrifizierung werden von Gentrifizierungskritikern nicht in Frage gestellt aufgrund ihrer Eigenschaften, die sie nicht ändern können (Geschlecht, Herkunft) sondern aufgrund ihrer Gesinnung (und die ist erworben), mit der sie Teil massiver, unsozialer Bevölkerungsverdrängungsprozesse sind. Du sagst es: „Diskriminierung beginnt wo Leute abgelehnt werden…“: entschuldigung aber so eine platte und dümmliche Darstellung von „Ostdeutschen“ wie in dem Film „Kiezmiez“ habe ich glaube ich noch nie gesehen.

      • Liebe Lisa, auch Ossis können mal falsch liegen, oder? Zumindest, falls die beiden wirklich welche sind, wie die anderen vermuten. Und falls von denen „tötet Schwaben“ an die Wand gemalt wurde… Der Film richtet sich gerade gegen die Pauschalisierung, die du angreifst.

  5. Hallo Enzo Aduro,

    ich habe nicht behauptet, die Diskriminierung von Ostdeutschen ginge auf schwäbische Zuwanderer/innen zurück, sondern habe mit zwei Beispielen versucht zu klären, dass Diskriminierung in meiner Perspektive auch etwas mit realer/struktureller Benachteiligung zu tun hat. Um ehrlich zu sein, sind ‚Berliner mit schwäbischen Migrationshintergrund‘ für mich keine Kategorie, in der ich denke – deshalb wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, dass sie für irgendetwas verantwortlich sein könnten.

    Deine Empathie für die aus der Ferne nach Berlin Gezogenen in allen Ehren, aber auch das Motiv der Weinachtsplakate scheint mir auf einen ‚Heimat‘-Verlust zurückzugehen. Im Gegensatz zu den nach Berlin Ziehenden, wird darin sogar ein unfreiwilliger Verlust von ‚Heimat‘ verarbeitet. Irgendwie haben also beide recht: die sich von den Plakaten angesprochen fühlen, ebenso wie die, die darin auf ironische Weise ihren Frust verarbeiteten. Gerade weil städtische Veränderungen offensichtlich komplexer verlaufen und von fragmentierten Interessensgruppen sehr unterschiedlich beurteilt werden, finde ich simple Parolen ebenso wenig hilfreich wie simple Filmbotschaften.

    • Hallo Andre Holm,
      natürlich sind solche Zusammenhänge komplex. Und die Anfeindungen in Berlin Zuwanderern aus dem Ländle gegenüber, erinnern mich auch weniger an den Rassismus von außerdeutschen Migranten. Aber er erinnert mich sehr wohl an den Antideutschen Anfeindungen in der Schweiz. Ebenfalls und besonders das Argument des „Heimatverlustes“, und dem beschweren über Dialekte etc. Ich fände es sehr Schade wenn die SVP (Schweizer Volkspartei) – Hasstriaden*, sich in Berlin verbreiten. Und wenn man darüber nachdenkt, dann glaub ich kaum das in Berlin jemand den Job von Natalie Rickli machen will. Ich jedenfalls würde mich sehr unwohl fühlen wenn ich in der Schweiz antideutschen Anfeindungen gegenüber ausgesetzt wäre, und ich will nicht das Berliner wegen ihrer Südwestdeutschen Herkunft, ähnliches erfahren müssen.

      * http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830501,00.html

      Nebenbei sei gesagt das die Anzahl der Bewohner Berlins nur verhältnismäßig (sowohl anderen Großstädten gegenüber, als auch im Vergleich zur Berliner Geschichte) bescheiden gestiegen ist, das Wachstum der Anzahl der Haushalte kommt von der Versingelung. Der Zuwanderung die Schuld in die Schuhe zu schieben, und damit den Zuwanderern, anstatt der geringen Bautätigkeit, ist schon etwas tendenziös.

      Und -auf den Prenzlauer Berg mag es weniger zutreffen- sind letztendlich sehr viele Berliner Schwaben. Manche sind in den 70ern / 80ern hergekommen, manche in den 90ern. Manche sind Kinder von Schwaben. Ich finde es echt unfair, die „neuen Schwaben“ derart zu verteufeln.

      Am Ende könnte man auch Sie persönlich fragen ob Sie nicht den selben Effekt haben wie die „Schwaben“, zumindest Wikipedia nach sind Sie gebürtiger Sachse. Ich habe gehört denen hat man in Ostberlin, zu Zeiten der DDR, mehr oder weniger das gleiche vorgeworfen wie den Schwaben heute.

      Schlussendlich bleibt mir noch mit einem Augenzwinkern anzumerken, das ohne eine gewisse schwäbische Familie Berlin heute immer noch ein Fischerdörfchen an einem Nebenfluss eines Nebenflusses der Elbe wäre. Ob dies allerdings einem Sachsen das Herz den Schwaben gegenüber öffnet, weiß ich nicht😉

      • Entschuldigung das ich deinen Namen falsch geschrieben hab.

  6. Aber der Witz ist doch: Kiezmiez hat meines Erachtens gar keine Botschaft in dem Sinne! Alle Figuren begegnen einander mit vorgefassten Meinungen über bestimmte Gruppen/Minoritäten, die sich um urbanen Raum angesiedelt haben (auch die übrigens, die glauben, im Prenzlauer Berg gäbe es mittlerweile keine Ossis mehr). Wenn der Film überhaupt also etwas darlegen will, dann dass es wohl Mist ist, mit Vorurteilen anderen zu begegnen! Deren negative Folgen werden hier wohl offenbart.

  7. Kurzfilme zur Gentrification gesucht – so der Aufruf.

    Dazu zwei Beispiele aus den unterschiedlichen Sichtweisen:

    (Achtung! diese Langversion verschwindet immer wieder schnell bei Vimeo)

  8. Gerade aktuell bei ZDF: http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/web/heute-Nachrichten/4672/21728604/eb8378/Luxus-Stadtwohnung-Arme-verdraengt.html?tabNo=1

  9. Schubert-General-Invest:

  10. Gentrifikation in aktion:

  11. @lisa! Hier leider ein aktueller Fall von Diskriminierung eines im Prenzlauer Berg „Zugezogenen“, der sogar mit einer „Kiezreinigung“ droht.
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/gericht-verurteilt-schlaeger-du-zugezogener-wegen-dir-steigen-hier


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