Verfasst von: ah | Mai 22, 2012

Berlin: Wohnungsgesuche als Gentrification-Indikator

Immer wieder wird ja bezweifelt, dass sich Gentrification per Augenschein feststellen lässt. Ein öffentlich ausgehängtes Wohnungsgesuch in Berlin Kreuzberg beweist das Gegenteil.  Hier verbinden sich Anspruch („Parkett- oder Dielenboden, kein Laminat“) und starker Ortsbezug („in dieser Straße“) mit ökonomischer Solvenz („2.500 Euro Belohnung!!!“,  aber keine Mietpreisbeschränkung). Kurzum: Gentrification ist, wenn Wohnwünsche klar definiert werden und der Preis keine Rolle spielt.

(via Matze & Jens, Danke!)

Die Zeiten in denen bewusst nach Substandardwohnungen gesucht wurde („Gerne Ausbauwohnung!“, „Gerne Ofenheizung“) scheint vorbei. geblieben ist die informelle Wohnungssuche über selbstgestaltete Aushänge in den gewünschten Nachbarschaften.

Die Wohnungsanzeigen haben sich aber nicht nur im Laufe der Zeit verändert, sondern variieren auch von Stadtteil zu Stadtteil. Die Wohnungssuchaushänge geben nicht nur Auskunft über die gewünschte Ausstattung und die Preisvorstellungen sondern teilweise auch über Wohnungssuchenden selbst.

Ich würde mich über Beispiele von typischen oder auch außergewöhnlichen Wohnungsgesuchen freuen. Vielleicht jeweils versehen mit einem kleinen Zusatz, wann und wo der Aushang gefunden wurde und was Euch besonders aufgefallen ist.

UPDATE  1:

Per Email habe ich einige Annoncen aus dem Schillerkiez in Neukölln bekommen (DANKE!), die dort im April diesen Jahres aushingen. Im Vergleich zur Kreuzberger Annonce sind die Ausstattungswünsche und auch die Belohnungen deutlich bescheidener. Die Mietzahlungsbereitschaft der Wohnungssuchenden liegt aber auch hier deutlich über den aktuellen Bestandsmieten in der Nachbarschaft.

In Neukölln werden die Annoncen noch liebevoll und teilweise per Hand gestaltet. Selbst das Kaufgesuch  („Junges Paar sucht Altbauwohnung zum Kauf hier im Kiez“) gibt sich in der Aufmachung eher reduziert.  Ganz wichtig ist aber auch hier die Wohnung im Kiez!

UPDATE 2: Wohnungssuche in Prenzlauer Berg (via jesema – Danke!)

Wohnungssuche 2012 (Christburger Straße, Prenzlauer Berg)

Wohnungssuche 2012 (Christburger Straße, Prenzlauer Berg)

Wohnungssuche 2012 (Pasteurstraße, Prenzlauer Berg)


Responses

  1. Zu Laminat hatte die Jungle World doch was: http://jungle-world.com/artikel/2012/20/45486.html

    Muss unweigerlich an Bourdieu denken.

  2. Fällt mir auch in letzter Zeit auf und hab gut ein Dutzend von solchen Gesuchen abgerissen. Die hängen hier im Kiez zum Glück keine 24 Stunden. Fies sind Selbstbezeichnungen wie „gepflegt“, „kinderlos“, „Beamter“, „regelmäßiges Einkommen“, „Akademikerin“, „ohne Haustiere“,

    • Hallo Gustav,

      bitte, bitte bei nächsten Mal vor dem Abreißen noch fotografieren!

      AH

    • Zum Teil arbeiten auch Makler undercover mit dieser Zettelmethode (in lukrativen Gegenden), um an zu vermietende Wohnungen zu kommen. Das erklärt vielleicht die Wortwahl mancher Aushänge. Aber keine Frage, andere preisen und dienern sich freiwillig so an.

  3. na super, ich lass mein laminat drin

  4. habe schon lan gedacht sowas zu machen, aber AH du hast es nun bekanntgegeben. Werde meinen Beitrag leisten. Nur ein Vorgeschmack: Lehrerpaar, moralisch in Ordnung, sucht….
    Gesehen an der Schönhauser Allee unter der Hochbahn, November 2011.

  5. hast du schon http://www.notesofberlin.com/ durchforstet?

  6. Letzten Winter in Neukölln in einer Kneipe gesehen

  7. Gesehen in Schöneberg, Großgörschen Ecke Katzler

  8. Gesehen in Schöneberg, Monumentenstraße Ecke Hohenfriedbergstraße

  9. Jo die Suche nach ner Wohnung in Berlin gestaltet sich immer schwieriger, vorallem in den beliebten Stadtviertel. Ich selbst suche nun schon seit Monaten nach ner 2-Raumwohnung in Friedrichshain. Bin schon viele Portal abgeklappert. Ich hab sogar nen Gesuche auf http://www.wohnungssuche-berlin.net aufgeben. Wünscht mir Glück. Ich teile euer Leid.

  10. Interessanterweise kann man vom Aushang aus dem Eingangsposting auch herauslesen, mit welcher Miethöhe die Suchenden rechnen. Vorausgesetzt sie kennen die Rechtslage, dass eine Maklerprovision höchstens zwei Monatsmieten betragen dürfte, sind sie offenbar bereit, 1250 Euro nettokalt zu zahlen.

  11. Hey, den Zettel auf Bild 1 hab ich auch gesehen. Hing am Savignyplatz. Dachte schon ich wär der einzige, dem das übel aufgetoßen ist. Gentrifizierung stoppen – überall!

  12. Bin ein bischen spät… gestern aber habe ich am Arkonaplatz (Bioladen) einen Aushanggesehen – Mathematiker, Nichtraucher, ruhiger Mieter sucht 2-3 Zimmer Wohnung bis 1200 Euro kalt. So viel Geld kann/ will der ausgeben? Kein Wunder, daß im Kiez keiner, der mal eine Wohnung hat und hier bleiben will, mehr umziehen kann. Die, die seit Jahren in den Wohnungen leben, und z.B. Kinder bekommen haben, leben auf engstem Raum, wenn sie im Kiez bleiben wollen. In meinem Haus hat es inzwischen dann doch einige Wechsel gegeben (die einen hatten Glück, die anderen ziehen raus an den Stadtrand, wieder andere ganz weg von Berlin) und jedes Mal ist die Miete um einen riesigen Batzen gestiegen. So ist das hier.

  13. Franz Schulz kriegt wohl kalte Füsse weil seine Stammwählerschaft verdrängt wird. Städte ändern sich. Heute Kreuzberg – Morgen irgendwas anderes. Was bleibt sind aber die Investitionen der so verhassten „Reichen“ – und die bleiben in Form eines sanierten Kiezes bestehen – auch wenn die bösen Reichen wegziehen.
    Investitionen sind notwendig weil bei links/grüner Parteibuch verseuchter Berliner Verwaltung eh nix vernünftiges rauskommt.


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