Verfasst von: ah | Juni 13, 2012

Berlin: Düstere Aussichten im Schatten der Aufwertung

Regelmäßig poppen in den Gesprächen rund um das Gentrification-Thema in Berlin Thesen auf, welche Quartiere denn wohl die nächsten sein könnten, die von der Aufwertung erfasst werden. Alt-Treptow ist dabei schon lange kein Geheimfavorit mehr und auch der Wedding liegt hoch im Kurs. Dort gab es auch schon die ersten Anti-Gentrification-Proteste. Moabit hingegen gilt vielen weiterhin als graue Maus der Innenstadt und ein Besuch der Gegend um die Turm- und Beusselstraße scheint die Unwahrscheinlichkeit eines Aufstiegs in die Spitzengruppe der angesagten Stadtviertel zu bestätigen. Doch wie so oft zeigt sich auch hier, dass Gentrification eben kein kulturelles Phänomen ist, sondern vor allem ein wohnungswirtschaftliches Geschäftsmodell.

Seit ein paar Monaten treffen sich Anwohner/innen und Aktive aus verschiedenen Initiativen regelmäßig zum „Runden Tisch gegen Gentrification in Moabit“ und haben begonnen, Fälle der Verdrängung in der Nachbarschaft zu dokumentieren und gemeinsam Strategien zu entwickeln. Die Beispiele zeigen die hässliche Seite der Stadtentwicklung in ihrer ganzen Bandbreite: von der skandalöse Verdrängungs-Modernisierung über die drohende Zwangsräumung bis hin zum ganz normalen Mietenwahnsinn im Rahmen des Mietspiegels.

Dass diese Beispiele keine Einzelfälle sind, sondern für einen schleichenden Aufwertungsprozess stehen, zeigt die drastische Verringerung von preiswerten WohnungenWohnungsangeboten im Gebiet. Im Rahmen eines Forschungsprojektes hatte ich die Gelegenheit die Wohnungsangebote bei Immoscout24 für den Zeitraum von 2007 bis 2011 auszuwerten. Ziel war es, jeweils für die Ortsteile die Anzahl und den Anteil von Wohnungen zu identifizieren, die unterhalb der sogenannten Bemessungsgrenzen (für die Kosten der Unterkunft) liegen,  die vom Jobcenter an Mietkosten übernommen werden. Die Ergebnisse für den Ortsteil Tiergarten sind verherrend: die Zahl der als angemessen geltenden Wohnungen hat sich in nur vier Jahren um etwa 75 Prozent verringert. Das ist ein Rückgang, der deutlich über dem Berliner Durchschnittsniveau liegt.

Die Übersicht zeigt einen Rückgang der Wohnungsangebote insgesamt – von über 8.000 Wohnungen 2007 auf etwa 5.000 Wohnungen 2011. Die Anzahl der Wohnungen mit Mieten unterhalb der Bemessungsgrenze jedoch verringerte sich im selben Zeitraum von über 4.000 (2007) auf 995 (2011). Waren 2007 noch fast die Hälfte aller Wohnungsangebote auch für Hartz-IV-Bedrafsgemeinschaften zugänglich, hat sich dieser Anteil auf unter 20 Prozent reduziert. Sollte sich also in den nächsten Jahren der Anteil von Arbeitslosen und Transferleistungshaushalten in Moabit verringern, muss dies kein Effekt eines lokalen Jobwunders sein, sondern wird wesentlich mit den steigenden Mietpreise und den damit verbunden Schließungstendenzen des Wohnungsmarktes erklärt werden können.

Ulrike Steglich hat mich für die Stadtteilzeitung „ecke turmstraße“ zu den aktuellen Entwicklungen in Moabit befragt:

Ein Gespräch mit dem Stadtsoziologen Andrej Holm

Dr. Andrej Holm forscht und lehrt Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität. Seine Schwerpunkte sind Gentrification, Wohnungspolitik im internationalen Vergleich und Europäische Stadtpolitik. In den 90er Jahren war er insbesondere in Prenzlauer Berg aktiv, wo er lange lebte, engagierte sich gegen Verdrängung und hat die dortigen Entwicklungsprozesse intensiv untersucht. Inzwischen lebt er in Moabit.

Gentrifizierung war bis vor einigen Jahren vor allem ein Fachwort der Soziologie, inzwischen wird in der ganzen Stadt darüber gesprochen. Im Wedding, in Moabit oder Neukölln fürchtet man heute massive Aufwertungsprozesse, die Mieten steigen. Ist das vergleichbar mit der Entwicklung in Mitte-alt, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain vor 15 Jahren, wo liegen die Unterschiede?

Holm: Anders als in den Sanierungsgebieten der 90er Jahre gibt es heute keine massiven staatlichen, politisch organisierten Anreize mehr, keine Fördermittel für Wohnraummodernisierung, keine steuerlichen Sonderabschreibungsmöglichkeiten. Es gibt auch keinen vergleichbaren vollständigen Wandel der Eigentümerstruktur, wie er damals in Ostberlin durch Rückübertragungen und Privatisierung stattgefunden hat.

Der Druck, der heute in Moabit und Wedding auf Wohnungsteilmärkten lastet, hängt vielmehr mit der Verdrängung in anderen Berliner Gebieten zusammen. Es sind die letzten Bereiche innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings, die als Rückhaltebecken oder Ausweichmöglichkeit fungieren. Man sieht das an Umzügen von Bewohnern mit türkischen Wurzeln oder auch von Studenten. Die hohe Mobilität wird also wesentlich getragen von Aufwertungsverlierern auf der Suche nach bezahlbaren Wohnungen. Das kann aber trotzdem zu Aufwertung führen, z.B. durch Studenten-WGs. Manche nennen das einen Verdrängungskampf von Armen gegen noch Ärmere. Der Druck wird hier nicht durch Modernisierung und Umwandlung erzeugt, sondern durch die Differenz von Bestandsmieten und Neuvermietung, von der die Eigentümer profitieren.

Preiswerter Wohnraum wird immer knapper in der Innenstadt, aus dem einstigen Mietermarkt mit Wohnungsleerstand ist ein Vermietermarkt geworden. Aber verbreitet ist auch die Auffassung, dass die Aufwertung durch Infrastruktur, durch Szenekneipen, Kunst und hochwertiges Gewerbe zur Verdrängung beiträgt, weil Viertel plötzlich als attraktiv gelten.

Holm: Meiner Meinung nach wurde dieser Effekt schon Prenzlauer Berg und Mitte überschätzt. Dort waren vielmehr die riesigen Investitionsanreize entscheidend – Steuersparer aus ganz Westdeutschland wurden quasi dazu eingeladen, die Häuser im Osten zu sanieren. Der Kernprozess der Gentrifizierung ist die Wechselwirkung zwischen einer wohnungswirtschaftlichen Gewinnstrategie für die Eigentümer und den sozialen Folgen für die Bewohner. Der Einfluss der Kulturszene wird dagegen oft überschätzt.

In der internationalen Forschung gibt es jedoch zahlreiche Studien zu Großprojekten, die Gentrifizierungsprozesse auslösen – so wurden beispielsweise in Peking ganze Viertel für die Olympiade einfach abgeräumt.

Wenn es um die Neugestaltung von Parks oder Plätzen wie dem Leopoldplatz geht, ist in den Aktiven Zentren und Sanierungsgebieten oft von erwünschter Aufwertung die Rede. Das verunsichert Bewohner, weil sie Aufwertung mit Verdrängung assoziieren.

Holm: Die Umgestaltung von Parks ist in Moabit und Wedding keine Anreizstruktur für Investoren. Das muss man nüchterner sehen. Es geht hier vielmehr darum, welche Auswirkungen konkrete Maßnahmen für einzelne Nutzergruppen haben, beispielsweise, ob Trinkergruppen in Nischen verdrängt oder aber einbezogen und als Teil des Gebiets akzeptiert werden. Da geht es um die Aushandlung von Interessen unterschiedlicher Gruppen und deren Durchsetzungskraft.

Aufwertung der Gebiete, Sanierung, Gentrifizierung, Verdrängung sind Begriffe, die oft eher undifferenziert vermengt werden. Und auch die Wünsche etlicher Bewohner sind ja oft widersprüchlich: Sie klagen einerseits über Billigläden und türkische Imbisse beispielsweise in der Turmstraße, wünschen sich hochwertigere Angebote, zugleich klagen sie aber über stetige Verteuerung – auch bei den Mieten.

Holm: Die Turmstraße spiegelt mit ihrer Gewerbelandschaft erstmal einfach die soziale Situation wider – und ihr Wandel dokumentiert eher, wie sich das Quartier verändert. Wenn in der Elberfelder Straße ein Bio-Eisladen aufmacht, dann ist das nicht der Startschuss der Gentrification, sondern vielmehr ein Indikator für bereits stattgefundene Entwicklungen: Zumindest die Ladenbetreiber scheinen davon auszugehen, dass es eine lokale Kundschaft für 1,20-Euro-Eiskugeln gibt.

Interview: Ulrike Steglich

Das Interview ist zuerst erschienen in der ecke turmstraße, Nr. 4, mai/juni 2012.


Responses

  1. Im Wedding findet die Gentri ohne die ersten beiden Stufen statt. Die Mieten steigen, ohne dass zuvor maßiv Cafés & Kneipen eröffnet wurden oder Renovierungen stattfanden. Die qm-Neuvermietung geht auf die Sieben Euro zu, die Wettbüros bleiben. Die Warmmiete kleinerer Wohnungen liegt auch gerne genau einen Euro über der H4-Grenze.

  2. Hallo AH,

    ich habe eine Frage zu deiner Studie/deinen Aussagen was die Auswertung über Immoscout anbelangt. Du untersuchst ja nur die tatsächlich am Markt inserierten Wohnungen die frei verfügbar sind. Hiebei sagst du: „Dass diese Beispiele keine Einzelfälle sind, sondern für einen schleichenden Aufwertungsprozess stehen, zeigt die drastische Verringerung von preiswerten Wohnungen im Gebiet.“

    Könntest du das bitte konkretisieren? Nur aus der Anzahl der inserierten Wohnungen unter der Bemessungsgrenze lässt sich meiner Meinung nach diese Folgerung nicht ableiten. Es kann genauso gut sein, dass die grundsätzliche Anzahl dieser Wohnungen im untersuchten Zeitraum gleich groß geblieben ist, jedoch durch weniger Umzüge von Harz IV-Empfängern (verständlich das die im Innenstadtbereich bleiben wollen) weniger am Markt angeboten werden, da man versucht so lange wie möglich in der Bestandswohnung zu bleiben. Dieser Vorteil der Altmietverträge würde auch den grundsätzlichen Rückgang an Inseraten erklären, da Otto-Normal-Verbraucher natürlich nach dem gleichen Prinzip verfährt. Hast du hierzu nähere Infos?

    Interessant wäre es die Zahlen in Relation zu Harz IV- und sonstigen Transfärgeldempfängern im Bezirk zu setzen. Hat sich diese über den gleichen zeitraum verändert, oder ist das Prekariatsniveau gleich geblieben?

    Erst wenn wirklich erwiesen ist, dass die Gesamtanzahl der unter der bemessungsgrenze liegenden Wohnungen wirklich abgenommen hat kann man von einen tatsächlichen Rückgang sprechen was die Anzahl anbelangt. Einen Rückgang bei der Durchlässigkeit des Wohnungsmarktes ist natürlich gegeben.

    Viele Grüsse!

    • Hallo MBE,
      vielen Dank für den Hinweis – da hatte ich tatsächlich zu unpräzise formuliert und du hast vollkommen Recht: Aus den vorgestellten Daten können nur Aussagen über die Struktur der Wohnungsangebote getroffen werden. Um die ging es mir auch in der Argumentation des Beitrages, weil sie für die partielle Schließung des lokalen Wohnungsangebotes steht und damit zumindest langfristig eine erheblich Segregationswirkung entfalten wird. Die von dir vorgeschlagenen Verknüpfungen wohnungswirtschaftlicher und sozio-demographischer Entwicklungsdaten sind Ziel des Forschungsprojektes, liegen aber z.Z. leider noch nicht vor.
      Deinen Erklärungsansatz, den Rückgang der Wohnungsangebot auf die eine gedrosselte Mobilitätsneigung zurückzuführen, finde ich einleuchtend.

      Beste Grüße,

      AH

  3. Hallo,

    am Ende des Interviews wird nochmal schön erwähnt, dass bestimmte Begrifflichkeiten gern miteinander vermengt werden.
    Ich frage mich: woran kann man Gentrifizierung in Moabit erkennen?

    Die Theorie besagt doch, dass erst Pioniere und dann Gentrifier Einzug ins Quartier erhalten. Aber wo sind diese Pioniere? Wo sind die vielen Künstler, die auf der Turmstraße ihr Atelier neu aufgemacht haben?
    Wo findet man diese Pioniere im Beusselkiez?

    In Moabit findet, meiner Meinung nach, eher eine klare Aufwertung statt als dieses inflationär verwendete Wort der „Gentrifizierung“.

    • Ist es nicht eigentlich vollkommen egal, ob es „Aufwertung“ oder „Gentrifizierung“ heißt? Fakt ist: Man hat Moabit auf der Einkaufliste, Häuser werden gekauft, die Mieter auf die Strasse gesetzt, ich selber habe letzte Woche ein Schreiben von der Pro Soluta (jeder möge Google selbst mit dem Firmennamen füttern), im Briefkasten gehabt, links und rechts wurde schon längst umgewandelt und hochglanzprospektiert für die Gegend geworben und da landet dann auch gern mal die Kirchstrasse im Kastanienalleeflair in Ziegerts Werbertrailer für die Emdener Strasse. (Ich denke, wer in Moabit wohnt, wird wissen, was ich meine.)
      Fakt ist ausserdem: „Ich wohne in Moabit“ war jahrelang ein Grund gewesen, einen mitleidiges „Oh!“ zu hören, „direkte Nähe zum Hauptbahnhof, „Uninähe“, „zentral“, „an der Spree“, „aufstrebend“ und vor allem „Tiergarten“ oder „Mitte“ sind nun allerdings schlagende Argumente, sich eben doch auf die Insel „zu trauen“, das Regierungsviertel um die Ecke und der Neubau des Bundesinnenministeriums tut das übliche, letzteres schickt aktuell ihre Hunter aus, um in der Gegend Wohnungen zu finden.
      Der „Künstlerfaktor“ konnte da übersprungen werden, die Leute mit Geld und Nachfrage kamen alleine.

      Und noch eine Anmerkung: Die „Aufwertung“ in Moabit bisher klang nur in den Ankündigungen toll, gesehen oder gar gemerkt habe ich noch nicht viel davon.

  4. Lieber Herr Berger,

    vielen Dank für den Kommentar. Tatsächlich kommt es auf die Definition von Gentrification-Prozessen an, ob wir die Entwicklungen in einem Gebiet mit dem Begriff beschreiben können.

    Die von ihnen angesprochenen „Pioniere“, die über eine symbolische Aufwertung ein Quartier verändern würde ich nicht als Theorie, sondern eine sehr spezifisches Verlaufsmodell bezeichnen. Es ist in der deutschsprachigen Debatte das dominierende Modell bei der Beschreibung von Gentrification und hat viel mit einer generell kulturalisierenden Perspektive der hiesigen Stadtforschung zu tun.

    Insbesondere internationale Studien hingegen haben längst gezeigt, das Gentrification (verstanden als Verdrängung von statusniederen durch statushöhere Haushalte aus einem Gebiet) auch ganz ohne sogenannte Pioniere und künstlerische Aktivitäten stattfinden kann.

    Spannend wäre sicherlich die Frage, ob die aktuellen Veränderungen in Moabit unter diesem Verständnis als Gentrification beschrieben werden sollten. Während die Mietentwicklungen in eine solche Richtung verweisen, speigelt sich ein möglicher Wandel der sozialstrukturellen Zusammensetzung zur Zeit noch nicht in den kleinräumigen Statistiken wieder.

    Beste Grüße,

    AH

    • Hallo AH,

      gibt es eigentlich irgendwo eine Übsersicht welche Art von Geschäften (klassifiziert nach Typ des Einzelhandels, Spielhalle etc.) im jeweiligen Postleitzahlenbezirk pro Kalenderjahr existieren? Ich stelle mir hier eine Art tabellarischen Handelsregisterauszug nach Zweck des Unternehmens vor. Mich würde mal interessieren, ob außer den klassisch genannten Bioläden auch noch andere Indikatoren bei den Einzelhandelsgeschäften aber auch bei Dienstleistern wie z.B. Zahl der Anwälte, Steuerberater etc. in Betracht kommen, die bei einer Aufwertung eines Gebietes statistisch auch anziehen. Gerade auch im Bereich der nicht Caffees oder Bars betrifft, sondern das Grundbedürfnis der jeweiligen Einwohnerschaft in der Nahversorgung wiederspiegelt. Würde man den Prenzlauer berg in seinem Aufwertungsprozeß im Nachgang mal mit solchen Daten vergleichen müsste es doch möglich sein die statistischen Verknüpfungen zu erstellen, wenn es denn solche gibt.


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