Verfasst von: ah | Juni 2, 2013

Berlin: Das Kind ist in den Brunnen gefallen – Wie kreative Start-ups den Wedding verändern

Am vergangenen Freitag hat der Supermarkt – ein Flaggschiff der digitalen Kulturboheme in Berlin – zu einem Workshop „Brunnenstraße zwischen Startup-Hype und sozialen Problemen“ geladen. Thema: die aktuellen und künftigen Entwicklungen im Gebiet.

Anlass war die seit einigen Jahren forcierte Ansiedlung von Kunst- und Kulturprojekten und Start-ups der Kreativbranchen im Weddinger Brunnenviertel. Das Gebiet ist überwiegend von Siedlungsbauten aus den 1960er und 1970er Jahren geprägt, zählt zu den ärmsten Nachbarschaften der Stadt und unterliegt durch seine unmittelbare Nähe zum hippen Mitte einem erheblichen Aufwertungsruck.

Der Supermarkt wird als Katalysator der Entwicklung des Brunnenviertel zum Eldorado der Kreativen angesehen. Susa Pop, die ihr Public Art Lab in der Brunnenstraße 72 bereits einige Zeit früher eröffnete, spricht von der Eröffnung des Supermarktes (März 2012) als einer „großen Bereicherung“ und einer „großen Plattform“. Die Dynamik der Ansiedlung von Kreativen könne in eine Zeit „davor“ und eine „danach“ unterteilt werden. Insofern spricht es für den Supermarkt, dieser herausgehobenen Rolle gerecht zu werden und Verantwortung für Diskussion über die Nachbarschaftsveränderungen zu übernehmen. Leider wurde der Workshop nicht wirklich dazu genutzt, sich mit der Verdrängungsgefahr auseinanderzusetzen.
Kreativ-Hype, steigende Mieten, teure Neubauprojekte: Das Kind scheint bereits tief in den Gentifizierungs-Brunnen gefallen zu sein. Eine Workshop, der sich um den Begriff und die Probleme herumdrückt, wird daran nicht viel ändern.

Aufgeklärte Pioniere und die Verdrängung der Verdrängungsgefahr

Obwohl die Sorge um mögliche Gentrifizierungs- und Verdrängungsprozesse in den Vorbereitungsdiskussionen ganz offensichtlich präsent war, wurden für einen zunächst internen Workshop der sogenannten Stakeholder im Gebiet vor allem Vertreter/innen der Kreativwirtschaft, der DEGEWO, der Immobilienwirtschaft und der IHK eingeladen. In der anschließenden öffentlichen Runde wurden die Diskussionen der Expert/innen kurz vorgestellt. Bastian Lange – der sich seit Jahren wissenschaftlich mit den kreativen städtischen Milieus beschäftigt – fasste die Diskussionen zusammen. Angelehnt an die im Management so beliebten SWOT-Analysen wurden Stärken und Schwächen des Gebietes zusammengetragen und Forderungen vorgestellt. Wenig überraschend wurden „Bildungsprobleme“, die „soziale Situation“ und das „schlechte Image“ (Brunnenviertel als „Ort sozialer Probleme“) als Schwächen des Gebietes benannt. Darüber hinaus wurde eine „unzureichende Vernetzung“ beklagt. Als Stärken – so waren sich die Stakeholder einig – wurden die „Vielfalt der Bewohnerschaft“, die „Potentiale vieler Freiräume“ und die „günstige Lage“ („dicht an Mitte“) hervorgehoben. Die aus dieser Situationsbeschreibung abgeleiteten Forderungen bezogen sich auf die Entwicklung „stabiler Bündnisse verschiedener Interessensgruppen“, einen „verbesserten Kontakt zu den Anwohner/innen“ („Wir wünschen uns aktive Mietergruppen“) und die Entwicklung eines „kommunikativen Konzepts für das, was wirklich im Brunnenviertel passiert“. Das klingt etwas kryptisch, soll aber vermutlich den Wunsch nach mehr Kontakten zu Leuten außerhalb der jeweils eigenen Subszenen ausdrücken. Der „Erhalt der kulturellen Vielfalt“ wurde ebenfalls eingefordert. Darüber, ob Strategien gegen die Verdrängung gesucht werden müssten, bestand Uneinigkeit, insbesondere, weil die städtische Wohnungsbaugesellschaft DEGEWO als größte Vermieterin im Gebiet gar keine Verdrängungsgefahr sieht:

„Das Problem der Verdrängung existiert hier nicht“ (so jedenfalls fasste Bastian Lange die Position der DEGEWO zusammen).

Diese Aussage blieb undiskutiert – obwohl die Vertreter der DEGEWO zu berichten wussten, dass der Anteil von Hartz-IV-Haushalten in ihren Beständen nur noch bei 25 Prozent liege. Noch vor ein paar Jahren war in Reportagen über das Brunnenviertel von einem  Anteil von 49 Prozent die Rede. Die Verdrängung der ärmeren Haushalte scheint also in vollem Gange.

Wie ein Mantra wurde auf dem Workshop jedoch die „besondere Situation des Brunnenviertels“ beschworen, die eine „klassische Gentrification wie in Neukölln gar nicht zulassen“ würde.

Stephen Kovats, ehemaliger artistic director der auch international bedeutende transmediale (festival for art and digital culture“) etwa, sieht im Brunnenviertel eine

„… behutsame Art der städtischen Regeneration und keine übermotivierte Gentrification. Das Brunnenviertel steht für die Vereinbarkeit von Kultur und sozialer Mischung.“

Eine Teilnehmer, der aus Mitte „herübergekommen“ war, interpretierte die aktuellen Entwicklungen als „gesunde Durchmischung“ und schlug vor, einen „goldenen Mittelweg zwischen Förderung und Kontrolle des Zuzugs“ zu suchen. Auch Alexander Happ von der Buwog-Meermann GmbH (ein von Immofinanz aus Österreich initiierter Bauträger in Berlin) sieht keine Gentrification-Gefahr im Brunnenkiez:

„Ein großer Tanker wie die DEGEWO bewegt sich eben auch sehr träge. Anders als in den echten Gentrification-Gebieten mit vielen privaten Eigentümern, werden hier ja keine Häuser verkauft.“

Sein eigenes Projekt (ein geplanter Abriss&Neubau von 200 Wohnungen in der Brunnenstr. 123-125) müsse sich jedoch „den heutigen Kostenstrukturen stellen“ sagte Happ in der Diskussion. Seinen Aussagen zufolge werden die Wohnungen in der Brunnenstraße für 12 Euro/qm angeboten werden. Ganz sicher kein Beitrag für die „behutsame Regeneration“, die sich alle so sehr wünschen.

Wenn Nachbarschaft „irgendwo da draußen“ ist

Doch mit der Analyse von Preisentwicklungen im Gebiet hielt sich die Runde nicht länger auf, statt dessen wurde darüber diskutiert, wie denn nun der Kontakt zu den Nachbar/innen aufgebaut werden könne. Eine junger Mann, seit einigen Jahren im Quartiersrat engagiert, berichtete von den schwierigen Erfahren mit der Aktivierung der Nachbarschaft. Es sei „schwierig, aktive Menschen zu finden“,  aber mit einem Sportfest hätte man gute Erfahrungen gemacht. Auch der Supermarkt selbst wusste zu berichten, dass ein explizit offenes Frühstück (einmal im Monat) nur von wenigen Nachbar/innen angenommen werde. Das liege ganz sicher auch am Profil des sehr speziellen Programms, dass nun mal nicht auf die Nachbarschaft ausgerichtet sei. Susa Pop vom Public Art Lab fasste diesen Umstand prägnant zusammen:

„Es ist für uns einfacher mit Leuten aus Amsterdam, London und Kopenhagen gemeinsame Projekte zu organisieren, als Leute aus der Nachbarschaft kennenzulernen.“

Die Frage, warum denn überhaupt eine solche Verbindung mit der Nachbarschaft gewünscht werde, wurde nicht direkt beantwortet. Eine paar Bemerkungen zeigen jedoch, dass es vor allem darum geht, die sensibel wahrgenommenen Veränderungen zu legitimieren, die durch die eigenen Aktivitäten ausgelöst werden.

Ela Kagel vom Supermarkt sagte:

„Es ist schwierig, herauszufinden, wer hier aktiv ist, dabei wäre eine Vernetzung in der Nachbarschaft überlebensnotwendig“

Andreas Krüger von der Belius GmbH berichtete von seinen Erfahrungen im Modular-Projekt am Moritzplatz in Kreuzberg und betonte, wie wichtig es sei, die unmittelbare Nachbarschaft anzusprechen. Er sei zu

„allen persönlich hingegangen, habe Festivitäten und Grillfeste organisiert und darauf geachtet, dass unser Projekt nicht als Solitär wahrgenommen wird.“

Es geht in der Diskussion um die Kontakte zu den Nachbar/innen nicht nur um das schlechte Gewissen von Gentrification-Pionieren, sondern auch einen selbstbewussten Gestaltungsanspruch in der Nachbarschaft. Vernetzung und Einbindung in nachbarschaftlichen Strukturen sind dabei kein Selbstzweck.  Es sei wichtig, sich „nicht in der eigenen Welt einzuspinnen“, so Krüger. Das sei in Kreuzberg auch sehr erfolgreich gewesen und haben eine „große Akzeptanz“ für seine Projekte erzeugt. Letztendlich ginge es darum, die „Entwicklungen vorauszuahnen und zu gestalten“.

Das Gentrification-Tabu

Wie in einem Tabu-Spiel, bei dem der zu erratenden Begriffs nicht genannt werden darf, blieb unausgesprochen, worin der „Überlebenskampf“ bestehe und wofür es eine „große Akzeptanz“ gegeben habe. Ela Kagel brachte diese Unsicherheit in ihren Abschlussworten auf den Punkt:

„Es ist viel Positives gesagt worden, aber wir werden auch weiter darüber nachdenken müssen, mit welchen Strategien wir das verhindern, was wir alle nicht wollen.“

„Das, was alle nicht wollen“? Der Workshop hätte auch den Untertitel tragen können: „Wie spreche ich über Gentrification ohne den Begriff zu nennen.“ Tatsächlich wurde das G-Wort ausschließlich im Zusammenhang mit anderen Bezirken wie Neukölln oder Mitte benutzt.

Diese Unsicherheit von kommunikationserfahrenen Kulturschaffenden und Projektgestalter/innen mag nur auf den ersten Blick verwundern, doch in den Äußerungen wurde das widersprüchliche Selbstbild der Kreativen im Brunnenviertel deutlich. Zwar verorten sich die meisten Projekte ganz ausdrücklich als Teil des Brunnenviertels, doch die unmittelbare Nachbarschaft wird letztendlich als etwas Äußerliches rezipiert. Ela Kagel vom Supermarkt formulierte diese merkwürdige Distanz als Frage „ Wir wollen wissen, was da draußen los ist?“. Andere wollten „herauszufinden, was tatsächlich im Brunnenviertel passiert?“.

Diese konzeptionelle Trennung von eigener Szene und der Nachbarschaft „da draußen“ reflektiert letztendlich die sehr unterschiedlich verteilten Ressourcen, die Entwicklung einer Nachbarschaft tatsächlich gestalten zu können. Auf der einen Seite die anonyme und schwer zu aktivierende Nachbarschaft, die vor allem mit Bildungsdefiziten und sozialen Problemen in Verbindung wird – auf der anderen Seite die international vernetzte und hochgradig kommunikationsgeschulte Kreativbranche, die von IHK, Immobilienmarktakteuren und Planungsinstitutionen als Stakeholder der künftigen Gebietsentwicklung anerkannt wird.

Das Dilemma der Kreativen ist ihre Doppelrolle, an einem Tisch mit den professionellen Stadtentwicklern über die künftige „Gestaltung des Quartiers“ zu diskutieren und zugleich einen unmittelbaren Alltagsbezug in der Nachbarschaft zu haben. Während die anderen „Stakeholder“ vor allem Geld im und mit dem Brunnenviertel verdienen wollen, also eine professionell funktionales Verhältnis zur Nachbarschaft haben, sind die kreativen Start-ups auch als Nutzer/innen und teilweise als Bewohner/innen mit der Nachbarschaft verbunden. Das klassische Pionierdilemma gleichermaßen Veränderungen auszulösen und von ihnen betroffen zu sein, lässt sich nicht aufheben.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in die Nachbarschaft müsste die eigenen Klassen- und Milieuzugehörigkeiten reflektieren. Die Veranstaltung am Freitag hat deutlich gezeigt, dass es nur wenige Kontakte zu den Mieter/innen im Brunnenviertel gibt („Wir wissen einfach nichts von den Aktiviäten im Kiez“) und diese wegen des geringen Organisationsgrades der Nachbarschaft auch nicht über institutionalisierte Kooperationen („Wir wünschen uns aktive Mietergruppen“) hergestellt werden können.

Bezeichnender Weise war die einzige Anwohner/in ohne eine professionellen Bezug zur Gegend eine junge Frau, die „nach langen Überlegungen, den Schritt von Mitte über die Grenze gewagt“ hat, um hier „eine Familien zu gründen“. Sie wolle sich gerne „engagieren und vernetzen“ sei auf der Suche nach „andere Familien, die sich hier angesiedelt haben und den Kiez gestalten wollen“. Insbesondere brauche es „Begegnungsstätten, in denen sich Eltern über die Bildungsproblem und Schulfragen hier im Gebiet austauschen“ könnten. Die vorhandene Familieneinrichtungen oder auch Spielplätze wurden ganz offensichtlich nicht als die geeigneten Orte für die gewünschten Elterngespräche angesehen: Schön wären vielmehr „solche Eltern-Kind-Cafes wie in Prenzlauer Berg“. Gemeint war vermutlich: schön wären mehr solche Eltern wie in Prenzlauer Berg.

Vielleicht war das Statement unglücklich formuliert, aber dass die Einrichtungen der Kreativen vor allem von den zugezogenen Bildungsbürgern als Plattform angenommen werden, macht die Sache mit „dem, was wir alle nicht wollen“ auch nicht einfacher.


Responses

  1. Was tun?

  2. Ich finde den Terminus der Kreativen mittlerweile mehr als irreführend und von den wirklichen Dynamiken ablenkend (was ich hier jetzt schreibe ist nicht wirklich neu, sollte aber mal so formuliert werden). Der Terminus ist wunderbar schön positiv besetzt, sagt aber eher gar nichts aus. Er hat wohl nur so eine Wirkmacht, weil es eine offizielle (staatliche, universelle) Definition der Kreativen gibt, die allein dadurch ihre Wirkmacht hat, dass der Staat sagt, dass es sowas wie Kreative gibt.

    Aber im Endeffekt ist die Großkategorie, die verschiedene kulturelle Felder subsumiert, analytisch wertlos, weil da u.a. Äpfel mit Birnen verglichen. Was hat das Goldschmiedhandwerk mit PR Abteilungen und Gamesproduzenten zu tun? Das wirklich wichtige, das z.B. diese Kreativen auch immer ökonomisch vom Staat und von ökonomischen Kräften beherrscht sind, wird einfach nicht gesagt. Stattdessen wird und wurde gerade im planerischen Diskurs so getan als ob die Kreativen die neuen Heilsbringer wären, die zu dem benötigten „bisschen Gentrification“ für die hässlichen Gebiete beitragen (meist wird diese Geschichte von verbeamten PlannerInnen erzählt). Dass die Kreativen dann später bei gut laufender Immobilienentwicklung (von der vor allem die Investoren etwas haben) selbst verdrängt oder existenziell bedroht werden, fällt dann einfach unter den Tisch.

    Ich finde es dringend notwendig mal zu analysieren wie diese universell verwendete kreative Kategorie ihren Eingang in die Berliner Debatte und in offizielle Definitionen gefunden hat. Mit dabei wäre auch zu analysieren, welche Rolle wirtschaftliche Interessen und die Wissenschaft bzw. bestimmte Gruppen in der Wissenschaft gespielt haben, die zur Legitimierung dieses Begriffs beigetragen haben. Schade, dass ich bis jetzt noch keine Arbeit dazu gelesen habe.

    • Ja, die Begriffe „Kreative“ und „Kreativwirtschaft“ sind schwammig. Mit dem Wegfall der Industrieproduktion in vielen Ländern wird dieser Wirtschaftszweig als eine Möglichkeit gesehen Arbeitsplätze zu schaffen und das Renommé einer Stadt/Region aufzuwerten.

      Details dazu am besten hier nachlesen:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturwirtschaft
      http://en.wikipedia.org/wiki/Creative_industries

      Inwiefern eine genaue Definition wirklich notwendig ist, kann ich nicht einschätzen.

    • @Tilman:

      Ja, stimmt genau. Eigentlich sollte man Begriffe aus der Heiße-Luft-Branche und solche, die durch Werbung, PR und Propaganda ihres eigentlichen Sinns beraubt wurden, grundsätzlich in Anführungszeichen setzen. Andere Wörter, die ich nicht mehr hören und lesen kann, sind z. B. „Netzwerk“ und „Vernetzung“, diese Euphemismen für Filz und Seilschaft und für Versuche, andere „ins Boot zu holen“, um sie mundtot zu machen.

      Was mich an dem Bericht über die Veranstaltung in der Brunnenstraße hoffnungsfroh stimmt, ist, daß die Anwohner offenbar keinen Bock darauf haben, sich von KreativInnen wie Susa Pop, die ihre wirtschaftsaffine „Kunst“auffassung wohl oft genug unter Beweis gestellt hat, verar – äh, „vernetzen“ zu lassen. Das zeigt mir, daß sie nicht blöd sind.

  3. Lieber Blogger,
    Danke für den Beitrag. Ich schließe ich mich dem ersten Kommentar an: Was tun?
    Sie zeigen vieles auf und zeigen m. E. auch in eine ganz bestimmte Richtung. Ist das in diesem Fall auch angebracht und tun Sie das in konstruktiver Weise? Gestatten Sie mir daher einige kritische Fragen:
    Auch wenn’s lustig klingt, warum schieben Sie einer Entwicklung, die Sie selbst nicht weiter definieren, vorab ein Ergebnis unter? Können Sie in die Zukunft sehen? („Das Kind ist in den Brunnen gefallen.“)
    Reicht es aus, jegliche Veränderung zu blockieren oder leiten Sie die Benachteiligten bzw. Verdrängten, von denen ich im Brunnenviertel noch nicht gehört habe, zur Eigeninitiative an?
    Was spricht gegen Nachbesetzung (unverdrängt) freiwerdender Wohnungen durch Mieter aus anderen sozialen Schichten? Soll es einen Anspruch auf Wohnen in bestimmten Lagen geben – auch für Neuankömmlinge? Was soll dadurch erreicht werden?
    Stehen Sie sozialer Durchmischung in Stadtteilen kritisch gegenüber? Warum nicht sozialen Wohnungsbau in Grunewald und Wannsee und Zuzug anderer Schichten im Brunnenviertel, anstatt dieses als Unterschichten-Ghetto zementieren zu wollen? Die Durchmischung der Reichen-Viertel mag zwar illusorisch klingen – anderseits scheint mir das bloße Blockieren im Brunnenviertel auch fraglich.
    Was spricht dagegen, die Situation im Brunnenviertel zu verbessern, z. B. durch Zuzug neuer Gewerbe-Mieter oder die vielen Automatencasinos einzudämmen? Müssen weniger einkommensstarke Gruppen diese Halbwelt-Strukturen ertragen, nur um nicht in die evtl. Nähe der Gentrifizierungs-Symptome zu gelangen?
    Wo endet für Sie Gentrifizierung und wo beginnt die Veränderung in einer „Stadt, die niemals ist, sondern immer wird“?
    Was kann man zur Prävention tun, nicht erst wenn die Gentrifizierung bereits einsetzt bzw. in vollem Gange ist?
    Das Thema der Runde lautete „Brunnenstraße zwischen Startup-Hype und sozialen Problemen“. Die Veranstalter haben mehrfach darauf hingewiesen, dass sie gar nicht in der Lage sind, dieses große Thema allein stemmen zu können. Ihr lakonischer Kommentar, dass der Workshop nicht viel ändern werde, also überflüssig.
    Wenn Sie gerne mehr über Gentrifizierung gesprochen hätten, warum haben Sie das Thema nicht angesprochen. Von den übrigen Teilnehmern schien niemand das Gespräch darauf beschränken zu wollen.
    Wo ist Ihr Vorschlag, um das bei der Veranstaltung angesprochene Fehlen des Austauschs zwischen den Kulturen zu fördern?
    Wieso habe ich den Eindruck, dass Sie die Veranstaltung sehr kritisch sehen? M. E. ist die Initiative begrüßenswert. Und wenn Sie zu spät kommt, wo war Ihre Initiative? Man muss doch erkennen und zugeben dürfen, dass man kaum Austausch mit der Nachbarschaft hat. Wer dann noch die Initiative ergreift‚ dies offen zu diskutieren… Ich kann das Brunnenviertel nur zum Supermarkt beglückwünschen!

    Richtig fies wird es leider gegen Ende Ihres Beitrags: „Gemeint war vermutlich: schön wären mehr solche Eltern wie in Prenzlauer Berg.“. Warum haben Sie die junge Frau nicht darauf angesprochen, was Sie meint. Woher nehmen Sie die Deutungshoheit? Was stört Sie an einer jungen Familie, die sich in solch einem Forum outet und Mitstreiter sucht?
    Da mir die Deutungshoheit für Ihre Absichten fehlt, bitte ich um kurze Erläuterung für einen Gentrifizierungs-Ahnungslosen. Ach ja, ein paar konstruktive Vorschläge wären auch nicht schlecht.

  4. Hallo Tim,
    vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ganz sicher können wir unterschiedliche Einschätzungen zu der Entwicklung im Brunnenviertel haben. So ganz verstehe ich deine Polemik jedoch nicht. Ich habe relativ sachlich beschreiben, was auf dem Workshop verhandelt wurde und was nicht. Aber der Reihe nach.

    „Warum ist das Kind längst in den Brunnen gefallen?“ Im Beitrag habe ich auf die bereits begonnen Verdrängungsprozesse (Hartz IV von 49 auf 25 Prozent gesunken), geplante Neubauprojekte (mit Mieten für 12 Euro/qm) und den Kreativ-Hype verwiesen. Keine Zukunftsprognose also, sondern bereits sichtbare Trends. Alle Freunde von Gentrification-Definitionen können hier die drei wesentlichen Merkmale (Inwertsetzung, soziale Aufwertung durch Bevölkerungsaustausch und Veränderung des Nachbarschaftscharakters) sehen. Darauf basiert auch meine Einschätzung vom Kind im Brunnen (steht aber so im Text).

    „Was spricht gegen Nachbesetzung (unverdrängt) freiwerdender Wohnungen durch Mieter aus anderen sozialen Schichten?“ Ist sicher eine größere und kontroverse Debatte mit unterschiedlichen Meinungen. In der Gentrification-Forschung gibt es dafür den Begriff der indirekten Verdrängung oder besser des „excusionary displacement“, mit dem genau solche von ihnen beschriebenen Situationen beschreiben werden. Wenn freiwerdende Wohnungen (z.B. aufgrund der Neuvermietungsmieten) nur noch von Haushalten mit höheren Einkommen bezahlt werden können, verschwinden die Armen irgendwann aus dem Gebiet – ganz einfach weil sie vom lokalen Wohnungsmarkt ausgeschlossen werden. Genau diese Entwicklung scheint im Brunnenviertel im Gange zu sein. Die GEGEWO präsentierte schon vor Jahren stolz die Statistiken, die zeigten, dass es ihnen gelungen sei, den Hartz-IV-Anteil der Neumieter drastisch zu senken. Dass nun ausgerechnet eine städtische Wohnungsbaugesellschaft im sensiblen Grenzbereich zwischen dem bereits aufgewerteten Mitte und dem noch nicht gentrifizierten Wedding die Wohnungsversorgung an Hartz-IV einstellt (jedenfalls was die Neuvermietungen angeht) ist dabei besonders verantwortungslos.

    Den Quatsch mit der Durchmischung kann ich langsam nicht mehr hören. Das Argument wird immer dann aufgetischt, wenn es um die Rückeroberung von Armutsvierteln durch die Mittelschicht geht. Die Durchsetzung von Sozialwohnungen in Wannsee oder Prenzlauer Berg behalten sie ja offensichtlich selbst für nicht durchsetzbar – aber mit dem Brunnenviertel können wir ja schon mal anfangen? Das ist zynisch und akzeptiert auf lange Sicht genau die Randwanderung der Armut, von der alle immer sagen, das wir sie nicht wollen.

    Dass niemand in der Runde über Gentrifcation sprechen wollte, geht wesentlich auf die Zusammensetzung der Gäste (der Stakeholder) zurück und wurde auch in der Gesprächsführung deutlich (siehe Text). Diskussionsansätze und Fragen z.B. zum Vermietungsverhalten der DEGEWO blieben unbeantwortet. Sie schreiben ja selbst: „Von den übrigen Teilnehmern schien niemand das Gespräch darauf (Gentrification) beschränken zu wollen.“ – ja, und nichts anderes habe ich ja geschrieben. Ich arbeite weder im Brunnenviertel noch wohne ich dort und besitze auch keine Immobilien – ich sah mich völlig entspannt in einer Beobachtungsposition und wollte auch niemanden meine Themen aufdrängen. Es waren im übrigen genügend Leute im Raum, die mich direkt auf meine Einschätzung ansprechen hätten können, wenn ihnen eine Gentrification-Analyse für das Brunnenviertel für die Diskussion wichtig erschienen wäre.

    „Wieso habe ich den Eindruck, dass Sie die Veranstaltung sehr kritisch sehen?“ Vermutlich weil wir uns solche Veranstaltungen mit unterschiedlicher Perspektive betrachten. Den Vorwurf der mangelnden Initiative lasse ich nur ungern stehen. Auch wenn es vielleicht nicht die von ihnen gewünschten ‚konstruktiven Vorschläge sind‘: zur Gentrificationgefahr im Wedding gibt es hier im Blog einige Beiträge und auch schon eine dezidierte Auseinandersetzung mit der QM-Arbeit im Brunnenviertel (https://gentrificationblog.wordpress.com/2011/11/20/berlin-die-angst-des-quartiersmanagements-vor-der-gentrification/). Wenn sie ein wenig Zeit finden, dann werden sie hier im Blogarchiv auch den einen oder anderen Hinweis auf Instrumente und Lösungsmöglichkeiten finden – wenn es in der Veranstaltungsvorbereitung ein Interesse an diesen Themen gegeben hätte, dann wäre es sicher ganz unproblematisch gewesen, mich zu kontaktieren oder andere kritische Stadtforscher/Stadtplaner zu finden, die solche Debatten zusammenfassen können.

    Was fanden sie denn am Ende des Beitrages „fies“?: Die Teilnehmerin hat das mehr oder weniger deutlich so gesagt und auch in den im Beitrag zitierten Sätze „(…Kontakt zu anderen Familien, die sich hier angesiedelt haben“) wird deutlich, dass es nicht um die Familien ging, die bereits seit längerem oder schon immer im Brunnenviertel wohnen. Ein persönliches Gespräch war nicht mehr möglich, weil die Teilnehmerin ja direkt nach dem Workshop losmusste (wie sie ja auch vor ihrem Statement angekündigt hat). Was sie vermutlich ‚fies‘ finden, ist dass es plötzlich so persönlich wird und unsere eigenen Entscheidungen und verborgenen Wünsche ins Spiel kommen. Die sind ganz sicher nicht widerspruchsfrei und deshalb habe ich die Suche nach den anderen bildungsbürgerlichen Familien ja auch nicht verurteilt – sondern geschrieben, dass das die Auseinandersetzung mit der Gentrification nicht einfacher macht.

    Beste Grüße,

    AH

    • Im Zusammenhang mit den Statistiken über H4 Mieter wirkt die kürzlich angelaufene „Fairness wohnt bei degewo“ Kampagne etwas merkwürdig.

      http://www.fairness-wohnt-bei-degewo.de

      • Guter Punkt. Es ist ja immer angesagt, die Werbebotschaften von Wirtschaftsunternehmen nicht ganz wörtlich zu nehmen. Das gilt leider auch für die öffentlichen Wohungsbaugesellschaften.

    • Danke für die schnelle und ausführliche Antwort. Dennoch: Die Entwicklung im Brunnenviertel lief die letzten Jahrzehnte in die entgegengesetzte Richtung. Da fand dann „Verdrängung“ in die andere Richtung statt: Menschen sind -wenn sie konnten- weggezogen. Kaum deutet sich eine aufwertende Entwicklung an, soll diese verhindert werden. Das geringste Anzeichen positiver Signale wird in negativen Kontext gerückt.
      Zur Gentrifizierung erlaube ich mir trotz fehlenden wissenschaftlichen Hintergrunds folgende Skepsis: Mit wissenschaftlicher Labor-Perspektive lassen sich die Vorgänge bestimmt so lange abstrahieren, bis man alles in Prozesse und Theorien verpackt hat. Nur sobald es um die praktische Umsetzung geht, scheitern die Theorien oft. Mitunter auch weil die Betroffenen, denen man vermeintlich Gutes tun möchte, sich nicht gleichförmig verhalten oder sich für die Prozesse nur interessieren, solange sie unmittelbar betroffen sind.

      Was Ihr Beispiel der jungen Frau betrifft, bleibe ich dabei, dass ich den Eindruck habe, dass Sie diese unterschwellig als Gentrifiziererin hinstellen, die ihren PrenzlBerg in den Wedding holen will: „Die vorhandene Familieneinrichtungen oder auch Spielplätze wurden ganz offensichtlich nicht als die geeigneten Orte für die gewünschten Elterngespräche angesehen: Schön wären vielmehr „solche Eltern-Kind-Cafes wie in Prenzlauer Berg“. Gemeint war vermutlich: schön wären mehr solche Eltern wie in Prenzlauer Berg.“ (Zitatende)
      Da soll eine junge Familie, die anscheinend selbst Opfer der Gentrifizierung ist, bloß in ihrem Kiez bleiben und nicht ins Brunnenviertel kommen, weil sie dort die Gentrifizierung verstärken könnte. Oder andersrum: was würdein diesem Fall „die Sache mit „dem, was wir alle nicht wollen““ einfacher machen?
      Bei aller Sympathie für Ihr Engagement stelle ich mir folgende Frage: Soll alles in hermetisch abgeriegelten Atmosphären eingeschlossen werden? Niemand darf in einen Ortsteil wechseln, der unterhalb seiner sozialen Schicht liegt, weil er sonst gentrifizieren könnte? Und wenn er es doch tut, soll er sich so verhalten, dass keine weitere Elemente aus seiner sozialen Schicht auf die Idee kommen, es ihm gleichzutun. Wenn es also in seinem neuen Stadtteil keine Latte Macchiato Cafes gibt, bloß keines eröffnen! (?)
      Ich bitte um Nachsicht, wenn das polemisch rüberkommt, aber ich vermisse ein wenig die Relationen und die Abwägung des Für und Widers im Beitrag.
      Zugegebenermaßen muss ich mir den Blog und die übrigen Beiträge genauer ansehen, aber der Artikel über die Veranstaltung im Brunnenviertel war m. E. einseitig.

  5. Da es nun doch so intensive Deutungsversuche meines vielleicht tatsächlich unglücklich formulierten und etwas wirren Statements gibt (das zumindest die Hypothese des Autors im Artikel erfolgreich abrundet), vielleicht ein kurzer Versuch, deutlich zu machen, worum es mir als Anwohnerin eigentlich ging. Da mehrfach nach “ konkreten niedrigschwelligen Angeboten“ für die auf der Veranstaltung vielbeschworene „Vernetzung“ im Kiez gefragt wurde, wollte ich das tatsächlich persönliche Bedürfnis nach einem Ort der Begegnung, von der Örtlichkeit her ähnlich wie die (Achtung Reizwörter und somit anscheinend disqualifiziert :-)) sog. Kindercafes im Prenzlauer Berg formulieren. Der Fokus unseres Interesses liegt hierbei allerdings nicht auf Cupcakes, sondern gemeinsam mit anderen Eltern und zwar in keinster Weise nur mit (ich zitiere meiner Meinung nach nicht mich) „neu angesiedelten“, bildungsbürgerlichen Eltern, sondern mit allen Interessierten Familien einen Austausch stattfinden zu lassen. Wie ich auch sagte, kommen wir sehr wohl auf Spielplätzen und Veranstaltungen mit anderen Familien in Kontakt, vermissen aber einen konkreten Ort im Brunnenviertel, um diesen auch zu festigen und gemeinsam zu planen. Bestehende Angebote wie die Nachbarschaftsetage in der Osloer Str. nutzen wir bereits. Als Familie zieht man eher nicht bewußt in das Weddinger Brunnenviertel, in der Annahme oder mit dem Wunsch eine Parallel-Prenzlauer Berg-Welt aufzubauen und demnächst an der Brunnenstraße Babycappucini zu ordern, dafür sind die ganz konkreten Umstände im Alltag mit Kindern doch viel zu präsent. Danke auf jeden Fall für den in vielerlei Hinsicht sehr aufschlussreichen Artikel, der wichtige Fragen aufwirft!

    • Hallo ragi,

      vielen Dank für deine Wortmeldung hier und auch die Klarstellung deiner Position. Von den „anderen angesiedelten Familien“ hast du tatsächlich gesprochen (jedenfalls hatte ich es mir als wörtliches Zitat notiert). Aber egal wie es gemeint war, mein Blogpost war von mir nicht als Vorwurf formuliert, eher als Problembeschreibung. Wir alle – oder zumindest die meisten – suchen uns Freunde ja eher im selben Milieu oder nach ähnlichen Interessen aus. Das ist an sich kein Problem, verstärkt aber im Gentrification-Kontext die Veränderungsdynamik. Es wird für dieses Problem keine einfache und vermutlich auch keine individuelle Lösung geben – gerade deshalb war ich ja so enttäuscht, dass die Runde am Freitag nicht genutzt wurde, um über Strategien zu diskutieren, wie eine weitere Verdrängung im Brunnenviertel verhindert werden kann. Dein Wunsch, dich mit anderen Familien zu vernetzen ist völlig nachvollziehbar – aber eben auch kein unmittelbarer Beitrag, die nächste Mieterhöhung zu verhindern.
      In dieser Hinsicht war deine Wortmeldung auf dem Workshop für mich exemplarisch für die gesamte Diskussion – denn auch alle anderen haben über alle möglichen Ideen, Vernetzungsvorschläge, Aktivierungsformate auf eine Art und Weise diskutiert, die zum sorgsam umschifften Gentrification-Problem keine Stellung bezog.
      Vielleicht regt ja die Diskussion hier dazu an, den nächsten Runden (wenn es denn eine Fortsetzung) gibt, eine andere inhaltliche Schwerpunktsetzung zu geben.

      Beste Grüße, AH

      • Hallo
        Ich sehe Ihren Punkt, die unterschiedlichen Diskursebenen, teile Ihren Wunsch nach inhaltlicher Präzisierung des nächsten Workshops und freue mich auf Ihren und andere Beiträge zur Vermeidung der Mietpreiserhöhung, die ja bereits im Gange ist.
        Beste Grüße

  6. Hallo Tim,
    danke für die Annahme des Diskussionsangebotes. Ich glaube, du bist dem Kern des Gentrification-Problems schon sehr nahe gekommen. Es hat viel mit unseren eigenen Widersprüchen zu tun. Es ist genau wie du beschreibst, völlig nachvollziehbar, dass wir in der Regel versuchen, unsere eigenen Vorstellungen vom guten Leben zu realisieren. Als Problem sehen wir dies meist erst, wenn wir andere damit einschränken, also wenn ich zum Beispiel gerne mit Vollgas durch die Spielstraße fahren würde. In Fall der Stadtteilentwicklung ist es noch ein wenig komplizierter, weil ich z.B. mit meiner Lust am Latte Macchiato oder dem Wunsch nach mehr bildungsbürgerlichen Familien in der Nachbarschaft ja niemande/n direkt beeinträchtige. Aber ich löse damit oft eben indirekte Folgeeffekte aus: z.B. weil das Viertel jetzt als hip gilt, oder immer mehr Familien mit Bildungsaspirationen ins Viertel zeihen und auch gleich noch bereit sind, höhere Mieten zu zahlen. Das alles muss kein Grund sein, keinen Milchkaffee mehr zu trinken oder Freunden des gleichen Milieus die Gegend zu empfehlen – was mich stört ist das geringe ausgeprägte Bewusstsein für solche Effekte. Es ist für viele vermutlich einfacher und stressfreier, sich diese Gedanken nicht zu machen – so wie wir unseren Stromverbrauch auch nicht ständig mit der Erderwärmung kurzschließen, obwohl wir natürlich um die Zusammenhänge wissen…
    Weil also die Gentrification auch (nicht nur) mit der individuellen Wohnstandortwahl, den Konsumpräferenzen, den Wünschen an die Nachbarschaftsentwicklung konkreter Personen verbunden ist – wird die Debatte um Aufwertung und Verdrängung oft sehr persönlich geführt. Oft werden solche Auseinandersetzungen als Abwehrdiskurse geführt („Gentrification gibt es nicht“, „ich kenne gar keine Verdrängte“, „so ein paar bessergesteltte Familien tun den Kiez ja auch ganz gut“, „hier ist es doch ganz anders als in den klassischen Gentrification-Gebieten“, „in London und NYC ist es viel schlimmer“…), die vom eigenen Beteiligtsein ablenken und das Gewissen beruhigen sollen. Ich kann dir keine Lösung in Form von Verhaltensregeln vorschlagen, aber was ich mir wünsche, ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Wirkungsbeziehungen. Dieses Maß an Selbstreflektion habe ich auf der Veranstaltung im Supermarkt vermisst – dabei könnte die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in städtischen Aufwertungsprozessen vielleicht ja Energien und Ideen freisetzen, wie denn die oben geschilderte Wirkungskette unterbrochen werden kann. Natürlich ist es einfach zu sagen, das (z.B. die Mietentwicklung aufhalten) können wir als Kreative und Start-ups gar nicht leisten – aber es wurde eben auch nicht darüber diskutiert, worin der Beitrag bestehen könnte Verdrängungen im Gebiet aktiv zu behindern.

    Soweit, AH

  7. Ich finde die Analyse der Veranstaltung ist etwas zu sehr im Stile einer Rezension geraten. Statt der Tabuspielhaltung zum Begriff Gentrifizierung, interessieren mich Alternativen und Perspektiven zum „ach wir wissen ja nicht was wir machen sollen“.

    In einen Workshop zum Thema Quartiersimage am Mehringplatz in Kreuzberg (einem Gewobag Wohnungsbaugesellschaft-Gebäudekomplex in dem der Anteil von harz4-beziehenden Haushalten sich verringert und dies auch soll, wenn es nach den „stakeholdern“ geht, z.B. Gewobah) habe ich vor kurzem vorgeschlagen sich an kotti und co (http://kottiundco.net) ein Beispiel zu nehmen und einen aktiven und milieuübergreifenden Widerstand gegen Verdrängung (=real erlebte SItzuation, Gentrifizierung=Diskursbegriff) zu einer Marke auszubauen.

    Um dies tun / fachlich unterstützen zu können braucht man als „KreativeR“ oder sonstiger engagierter Akteur allerdings maximale Unabhängigkeit.

    Besondere Allianzen brauchen daher besondere Akteurskonstellationen.

    Wer sich übrigens für die Kreativitätsdebatte interessiert, dem möchte ich das Buch „Die Erfindung der Kreativität“ von Andreas Reckwitz empfehlen. Insbesondere auch Kapitel 7 „Die Kulturalisierung der Stadt – Creative CIties“

    (http://www.google.es/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=5&ved=0CEkQFjAE&url=http%3A%2F%2Fwww.onleihe.de%2Fstatic%2Fcontent%2Fsuhrkamp%2F20120613%2F978-3-518-74851-0%2Fv978-3-518-74851-0.pdf&ei=CBGvUcm6I8Wv7Aa-moA4&usg=AFQjCNEPQxYPdE_8-E4vRaNu16uy01Z5XA&bvm=bv.47380653,d.ZGU)

    • Hallo Florian,
      danke für den Kommentar und den ausdrücklichen Hinweis auf die Nowendigkeit einer unabhängigen Position. Wenn du so willst, kannst du meine Veranstaltungsrezension als Beleg für deine These nehmen, dass die inhaltliche Ausrichtung einer Diskussion wesentlich von den Akteuren abhängt. Von der Zusammensetzung der Stakeholder war eben nichts anderes zu erwarten… Den milieuübergreifenden Widerstand gegen Gentrifcation zur Marke zu entwickeln, fände ich super und freue mich über jede Initiative in diese Richtung.

      Beste Grüße, AH

    • Danke für den Buchtipp!

  8. Meine Frage „Was tun?“ war absolut ernst gemeint. Ich lebe in Kreuzberg, erlebe seit einigen jahren, wie mein Kiez aufgewertet wurde und dann die Verdrängung ihren Lauf nahm. Inzwischen sind schon eine Schule und auch ein Kindergarten in der Nachbarschaft davon betroffen. Sie müssen Luxus-Eigentum weichen.
    Außer darüber zu bloggen, und mich tagtäglich zu ärgern, wenn wieder eine Brache mit Luxus-Eigentumswohnungen bepflastert wird, fällt mir nicht ein, was ich dagegen tun könnte. Natürlich beteilige ich mich an Demos, versuche Räumungen zu verhindern, spreche den lieben lang Tag über die Verdrängung. Ich erkläre befreundeten Künstlern, was passiert, wenn sie am Franz-Mehring-Platz eine Galerie eröffnen etc. Aber dann machen das Andere. Es fehlen doch einfach wirksame Werkzeuge, um das Ganze aufzuhalten.
    Inzwischen freue ich mich, wenn im Park die Mülleimer umgetreten sind, und im Gebüsch Spritzen liegen. Ich freue mich sogar an schlechtem Wetter, weil ich heimlich hoffe, dass das Bauarbeiten behindert.
    Deswegen meine verzweifelte Frage: was tun?

  9. Entschuldigung, aber Widerstand als Marke? Hä? Ich bin da zwar nicht so involviert aber als Engagierter würde ich mich ärgern, wenn ich vermarktet würde.

  10. Als Weddingerin kann ich dem Artikel nur zustimmen. Aber in einem muss ich widersprechen: Der Brunnen hat wohl einen größeren Durchmesser, als bisher angenommen. Denn der Verdrängungsmechanismus betrifft nicht nur das Brunnenviertel.
    Ich selbst wohne im tiefsten Wedding – in der Nähe des Nauener – und längst breitet sich die Krake auch bis hierhin aus. Ich wohne seit etlichen Jahren in einem typischen, vergammelten Altbau, und bisher bedeutete das Sicherheit vor Mieterhöhungen oder Spekulanten.
    Vor einigen Jahren aber ging es in der Nachbarschaft los, dass Altbauten luxussaniert wurden – und dann im Erdgeschoss schicke Galerien einzogen. Anfangs schien uns das noch abstrus lustig und wir haben Wetten darauf abgeschlossen, welche Galerie zuerst wieder zumacht. Aber wie ich mittlerweile weiß, hatten wir einen Faktor unterschätzt: Die „kreative Szene“ hat im Hintergrund eine nüchtern kalkulierende finanzkräftige Unterstützung, die mit dieser Art Förderung wiederum ganz eigene Ziele verfolgt. Das wurde hier ja auch angesprochen. Letztlich kann man das Spiel wohl mit „Habe-Etwasse gegen Haben-Nichtse aufhetzen“ übertiteln.
    Mein Haus wurde vor zwei Jahren dann auch an eine GmbH verkauft, und seitdem kann ich selbst „hautnah“ erleben, wie sich dieser Klassenkampf anfühlt. Innerhalb dieser zwei Jahre sind außer mir alle anderen langjährigen Mietparteien ausgezogen (die Gründe waren unterschiedlich), aber neu vermietet wurde dann nur noch an „junge Kreative“. Bei den Neuvermietungen wurde natürlich auch kräftig an der Preisspirale gedreht – wohl eine weitere Rückversicherung dafür, dass wirklich nicht mehr „die Asos“ einziehen. Eine ausgewogene Mischung im Haus existiert nun aber gar nicht mehr. Früher gab es mal Familien, Ausländer, Deutsche, Junge und Alte. Alles vorbei. Jetzt gibt es nur noch Monokultur…
    Und ähnlich wie im Artikel beschrieben, zeigen auch unsere Neuzugänge einen modernen Standesdünkel. Man grenzt sich (bewußt?) gegenüber allen „Andersartigen“ ab, beschwert sich dann im Anschluß aber, dass man keinen Kontakt bekäme. Statt auf die Besonderheiten des Umfelds einzugehen, wird offenbar erwartet, dass sich das Umfeld doch bitteschön an die eigenen Maßstäbe anpassen soll. Und zwar hurtig, damit man selbst nicht in seinem bisherigen Lebenstrott gestört wird.
    Im Artikel lese ich außerdem die Beschwerde, dass die langjährigen Mieter ja „nichts tun“. Davon, dass die Bewohner „nichts tun“, weil sie vielleicht mit anderen Sorgen und Problemen vollauf beschäftigt sind, oder nicht zu einem Diskussionsabend vorbeischauen, weil da sowieso kein einziger Vertreter aus ihrer eigenen „Preisklasse“ auf dem Podium sitzen wird, lese ich aber nichts. Auch hier wieder null Verständnis und Einsicht, statt dessen aber eine überzogene Erwartungshaltung – als ob die Alteingesessenen eine Bringschuld hätten. Der einzige Lichtblick im Artikel war Andreas Krüger, der es auf den Punkt brachte: man solle sich „nicht in der eigenen Welt einspinnen“, sondern müsse eben auch etwas dafür tun, um im Umfeld integriert zu werden.
    Traurig daran ist aber, dass die anderen mit ihrer elitären Einstellung nicht merken, dass sie letztlich auch nur arme Opfer sind. Denn im Moment sind wir noch gar nicht in der richtigen Gentrifizierung, sondern erst noch in der Vorstufe. Ich erinnere mich, irgendwo mal etwas von Segregation gelesen zu haben. Da wird erstmal das Fußvolk in die Schlacht geschickt und verheizt. Und wenn dieses dann so schön die Unterschicht rausgewohnt hat, dann kommen die Finanziers und setzen die echten Dukatenesel als Mieter ein – oder melden direkt Eigenbedarf an…

  11. Zu meiner Person: wohne seit 2001im Wedding (Leopoldplatz), habe 2003 zu einem Zeitpunkt als kaum jemand hier her ziehen wollte ein Mieterhausprojekt initiiert in welchem ich selbst wohne und beschäftige mich rund um das Thema Stadt (Wohnen, Arbeiten, Kultur, Nachhaltigkeit und social entrepreneurship), biete Stadtexkursionen an (zum Thema Veränderungsprozesse im Wedding) und war auch in der Veranstaltung anwesend.

    Was in den letzten 10 Jahren mit Höhepunkt in den letzten beiden Jahren im Wedding passiert ist lässt sich nicht mehr schönreden. Die gesunde Mischung ist für den Fall dass es eine solche tatsächlich geben sollte schon längst erreicht. Allerdings haben diese Neuweddinger noch keine Kinder so dass sich die Veränderung der Bewohnerstruktur noch nicht in den Schulen und Kitas auswirkt und somit scheinbar auch noch nicht deutlich genug auf dem Radar der Verantwortlichen in Verwaltung und Politik bemerkbar macht. Das wird aber noch passieren angesichts der im Umfeld des Leopoldplatzes mittlerweile stark angestiegenen Kleinkinddichte auch außerhalb der türkisch-arabischen Community (als Vater einer 4-monatigen Tochter mit Blick auf „Gleichgesinnte“ in meinem eigenen „Milieu“ fällt mir das gerade besonders auf). Was aber bereits deutlich wahrnehmbar ist sind die ersten Läden und Gastronomen welche sich der neuen Nachfragesituation in Echtzeit anpassen.

    Ich kann mich fast allen hier formulierten Gedanken und Kommentaren anschließen. Würde aber gerne noch eine Ergänzung vornehmen hinsichtlich der kritischen Betrachtung der im vorhergegangenen internen Workshop eingeladenen Stakeholder. Ich war Zaungast dieser Expertenrunde da ich einige Minuten zu früh kam und konnte eine interessante Äußerung des Vertreters der IHK vernehmen, dass im Brunnenviertel die Frage gestellte werden müsse, ob kulturwirtschaftliche Entwicklungen an dieser Stelle tatsächlich die richtige Strategie darstellt. Das fand ich überraschend und sympathisch zugleich!

    Ich glaube es ist auch müßig und gar nicht so einfach zum Thema Gentrification so einfach den Schwarzen Peter zu verteilen. So stellt sich immer auch die Frage nach der eigenen Rolle in diesem Spiel und spätestens beim Attac-Thema Krötenwanderung begegnen mir immer wieder Menschen (Teilnehmer meiner Stadtexkursionen aber auch im eigenen Bekanntenkreis) die sich über ihre eigene Verantwortung in diesem Monopoly bislang keinerlei Gedanken gemacht haben aber dennoch sich plakativen Meinungen anschließen oder Auswirkungen wie Gentrification bedauern. Wer heute sein Geld immer noch einer konservativen Banken oder Dienstleistern zur Verfügung stellt, egal wie wenig es auch sein mag, ist wenn auch nur ein kleiner, aber dennoch beständiger Unterstützer dieses Immobilienspiels. Unsere eigenen Lebens- und Konsumgewohnheiten und Ansprüche spielen dabei eine entscheidende Rolle (z.B. 39qm Wohnraum pro Person in Berlin).

    Auch der Umstand, dass wir uns in unseren eigenen Milieus herumtreiben wollen und unsere zur Verfügung stehenden Kulturtechniken einsetzen um uns unsere Umwelt anzueignen und nach unseren Bedürfnissen zu gestalten oder Einzelunternehmer aus der Kulturwirtschaft ihren eigenen wirtschaftlichen Überlebenskampf austragen und solidarische Prinzipien bei der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse (Kühlschrank füllen oder Dach über dem Kopf haben) schnell zu kurz kommen, dürfte uns wenig überraschen.
    Die prägenden Faktoren für diese Verhaltensweisen ließen sich auch nur in langfristigen Prozessen verändern – und die Rahmenbedingungen dafür scheinen festzementiert zu sein da sich diese wie z.B. Bildungspolitik oder mit Blick auf Stadtentwicklung das Baugesetzbuch nur sehr schwer verändern lassen insbesondere wenn sich diese einschränkend auf die Erleichterung von Investitionsvorhaben auswirken wie es zum Beispiel umfassende Bürgerbeteiligung täte.

    Manchmal verlässt mich in diesem Zusammenhang auch ein wenig die Hoffnung, ob trotz der weitreichenden Kenntnisse über die Missstände und unter aktuellem Kenntnisstand zu befürchtenden Auswirkungen auf konstruktivem Weg gemeinsam mit Politik, Verwaltung und Wirtschaft überhaupt eine Lösung erarbeitet werden kann. Und, ob sich ohne Ausschreitungen wie jüngst gänzlich unerwartet in Schweden in Berlin überhaupt Dinge verändern lassen – und auch diese bewirken unter Umständen keine langfristigen Veränderungen. Es ist schon verrückt dass wir (wie in einem der Kommentare zu lesen ist ) uns über Vandalismusspuren oder benutztes Spritzbesteck freuen müssen in der Hoffnung dass dadurch vielleicht Aufwertungsentwicklungen ausgebremst werden. Und ich gebe zu, dass mir die Vorzüge eines Negativimage des Weddings auch schon in den Sinn gekommen sind wenn sich Leute über die Vermüllung von öffentlichen Räumen im Wedding beschweren und sich stattdessen ein aufgehübschtes Straßenbild wünschen. Die Auswirkungen der Neugestaltung des Leopoldplatzes auf die Vermarktungsfähigkeit der umliegenden Immobilien dürfte enorm sein … die finanzielle Beteiligung der Eigentümer dagegen eher niedrig und das aus höheren Mieteinnahmen zu generierende Steueraufkommen ebenso.

    Das es keine kritischen Stimmen in der Veranstaltung gegeben haben soll verunsichert mich ein wenig. Ich dachte dass meine Anmerkungen sehr wohl kritisch gewesen sind. Zum Beispiel die Frage ob sich die Meinung der DEGEWO dass es keine Verdrängung gibt auf das Gesamtgebiet bezieht oder nur auf den DEGEWO Bestand. Auch mein Hinweis auf die katalysierenden Maßnahmen der DEGEWO welche sei einigen Jahren in Kooperation mit einer Werbeagentur den Kulturwirtschaftszauber in der Brunnenstraße anzufachen versuchen (Wedding Dress und Startup Wettbewerbe) und sogar Gewerbemietverträge nicht verlängert hat um Baufreiheit für einen innerstädtischen Mode-Outlet-Center zu schaffen waren hoffentlich nicht zu harmlos formuliert. Mein Hinweis auf Immoscout Anzeigen zu Wohnungen im Umfeld des Leopoldplatzes in sanierten Altbauten, also keinen Neubauvorhaben, für bereits 10,- € netto kalt/qm war auch kritisch gemeint. Leider habe ich eine Frage nicht mehr stellen können da mich Sebastian Lange nach meinen ersten kritischen Anmerkungen lieber übersehen hat … eine Frage an Herrn Happ, warum man ein Bestandsgebäude schleifen muss um einen Neubau zu errichten, wenn es nicht möglich ist die Miete auf Quartiers üblichem Niveau zu halten und stattdessen 12,- netto kalt/qm aufzurufen. Das Argument, dass Neubau zu günstigeren Konditionen nicht möglich ist erschein als Hohn angesichts des Umstandes dass dort ein Gebäude existiert über dessen Sanierung wahrscheinlich angesichts des Kapitalüberdrucks unserer Zeit gar nicht nachgedacht wurde.

    Zum Abschluss noch eine ganz konkrete Bitte an dich (Andrej). Auch wenn es in der Natur der Wissenschaft liegt Beobachter zu sein, so würde ich mir wünschen dass du deine Kompetenz auch ungefragt in solchen Runden einbringst. Ich bin mir sicher, dass deine Reputation zu diesem Thema dies durchaus erlaubt und du nicht warten musst bis du eingeladen wirst. Die Äußerung, dass deine Expertise auch noch im Rahmen der Veranstaltung hätte abgefragt werden können kann ich nicht nachvollziehen. Wenn du der Meinung bist, dass da Sachverhalte unterschätzt oder gar verzerrt dargestellt werden, so würde ich mir wünschen dass du dich nicht nur auf die Rolle des Beobachters beschränkst sondern an dieser Stelle auch bewusst intervenierst. Wir wären dir alle dafür dankbar, da deine wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht ganz so einfach mit einem ja aber entkräftet werden können und den Feuilletondiskurs rund um das Thema Gentrification um einige wichtige Fakten bereichert hätte. Eine Stellungnahme zu den aktuellen Veränderungen im Wedding wäre eigentlich direkt an Herrn Hanke als Bezirksbürgermeister erforderlich mit der Bitte um Unterrichtung der Bediensteten des Bezirksamtes aktuelle Entwicklungen wahrzunehmen und zu berücksichtigen. So betreibt das QM Pankstraße mit Segen der QM Koordinatorin im Bezirksamt ein Gewerberaumförderungsprojekt in welchem die Zielgruppe Kulturwirtschaft keine unwichtige Rolle spielt. Ein Vorhaben, das Hauseigentümer in einer immobilienwirtschaftlich günstigen Lage zusätzlich durch Standortmarketing aus Fördermitteln begünstigt und die sowieso schon rasante Entwicklung im Quartier zusätzlich anheizt anstatt sich für den sozialen Zusammenhalt im Gebiet einzusetzen … ; (
    Meine dort eingebrachten Bedenken wurden sowohl von den Anwesenden Gewerbeakteuren sowie Quartiersratssprecher, QM Mitarbeiterin und QM Koordination aus dem Bezirksamt nicht ernst genommen. Es würde sich bei dem Projekt um ein Gewerbeprojekt handeln … soziale Fragen und Mietproblematik seien in diesem Zusammenhang nicht Bestandteil der Aufgabenstellung.

    Was den Brunnen angeht, so glaube ich übrigens auch dass er breiter ist als geglaubt – da passen angesichts der zum Teil auch noch günstigen Mieten im Quartier einige Bewohner des Weddings mit rein. Da keine Maßnahmen mit sofortiger Wirkung bereitstehen und Politik und Verwaltung mitunter sogar eher ratlos wirken und als eines der wenigen Mittel immer wieder die Wohnungsneubaudebatte ins Feld geführt wird (welche ja relativ hohe Startmieten mit sich bringt), dürfte die Hilfe für einige Weddinger unter den aktuellen Vorzeichen der Veränderungsprozesse vor Ort wohl deutlich zu spät kommen.
    Insofern stimme ich zu … das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen … es sei denn, es entladen sich in Berlin Unmut und Angst in ungeahnter Weise wie ich es als Bewohner eines Quartiers wie dem Wedding aber nur ungern am eigenen Laib miterleben will. Der stabilisierenden Wirkung einer großen kommunalen Wohnungsbaugesellschaft zu vertrauen fällt mir an dieser Stelle angesichts der Zielsetzungen der DEGEWO der letzten Jahre im Brunnenviertel eher schwer.

    • Unruhen wg. der Wohnungsmarktsituation im Wedding hätten glaube ich wenig Wirkung. Evl. wird das Negativimage etwas stärker, vielleicht aber auch der Ruf nach mehr „Durchmischung“.

      Die ökonomischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen würden sich dadurch nicht ändern. Da hilft nur der langsame Weg über die Politik.

      Mittlerweile haben mehrere Parteien die Mietenproblematik zum Wahlkampfthema gemacht. Meine Anfrage bei der BMGEV, inwiefern die dt. Mietergemeinschaften Lobbyarbeit leisten und die Partei-Konzepte versuchen zu beeinflussen, ist seit 3 Wochen unbeantwortet.

  12. […] Holm war auf einer Diskussionsveranstaltung einer jener Gentrifizierungspioniere im Wedding, dem “Supermarkt”, und hat in seinem Blog zusammengefasst, wie die Situation und […]

  13. […] Holm war auf einer Diskussionsveranstaltung einer jener Gentrifizierungspioniere im Wedding, dem “Supermarkt”, und hat in seinem Blog zusammengefasst, wie die Situation und […]


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