Verfasst von: ah | Januar 11, 2015

Berlin: Tausende Ferienwohnungen trotz Zweckentfremdungsverbot

Das Thema der Ferienwohnungen erregt in Berlin auch Monate nach Beschluss des Zweckentfremdungsverbots die Gemüter. Angesichts der steigenden Mietpreise und der stark eingeschränkten Wohnungsangebote sehen viele in den Ferienwohnungen eine Konkurrenz zur Wohnungsversorgung. Zurecht, denn eine Wohnung, die als Ferienappartment vergeben wird, fehlt im Mietwohnungsangebot. Für Ärger sorgte bei der Einführung der neuen Verordnung nicht nur die mangelnde Personalausstattung, sondern auch das anachronistisch wirkende Verbot für die Bezirke, auch im Internet nach Ferienwohnungen zu recherchieren. Das eilig aufgelegte Gesetz geriet mit dem Datenschutz in Konflikt. Auf den Seiten des rbb wurde sich damals über die Offline-Suche von Onlineangeboten lustig gemacht.

Es ist wie Navigieren ohne Kompass, wie Radfahren ohne Pedale: Recherche ohne Internet. Eigentlich will Berlin illegalen Ferienwohnungen auf die Schliche kommen, doch die Bezirksämter dürfen dort, wo diese Wohnungen angeboten werden – im Internet – nicht suchen. Das Zweckentfremdungsverbot schließt Internetrecherche aus.

Zumindest dieses Problem wurde inzwischen gelöst und die Bezirke dürfen inzwischen auch im Internet nach Verstößen gegen das Zweckentfremdungsverbot recherchieren.

Was bleibt, ist der Ärger über die vielen Fereinwohnungen in der Stadt. Denn, unabhängig von der Internetnutzung, dürfen Vermieter von Ferienwohnungen ihr Geschäft noch 2 weitere Jahre weiter betreiben, wenn sie ihre Ferienwohnung bei den Bezirken melden. Den Ausführungsvorschriften entsprechend, hatten Vermieter von Ferienwohnungen bis Anfang August 2014 Gelegenheit, mit einer Selbstanzeige der Zweckentfremdung eine Schonfrist von zwei Jahren zu zu erhalten. Nach schleppenden Beginn haben viele Ferienwohnungsvermieter von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Insgesamt wurden inzwischen etwa 6.000 Ferienwohungsnutzungen gemeldet.  Allein im Bezirk Mitte wurden fast 1.600 Zweckentfremdungen fristgerecht beim Bezirksamt eingereicht. Das klingt nach einer hohen Zahl, doch die immer wieder in die Diskussion gebrachten Dunkelziffern gehen von etwa doppelt so vielen Ferienwohnungen in der Stadt aus. Das Zweckentfremdungsverbot sollte die wohnungspolitische Handlungsfähigkeit belegen, bisher zeigt es noch nicht die gewünschte Wirkung.

Touristification in Kreuzberg

Deutlich wird das Problem der Ferienwohnungen vor allem in den, auch bei Tourist/innen besonders beliebten, Innenstadtquartieren. Die Kommunikationsdesignerin Alice Bodnar hat auf ihrer Webseite Karten veröffentlicht, die für verschiedenen Nachbarschaften in Kreuzberg die Ferienwohnungs- und Mietwohnungsangeboten gegenüberstellen. Das Verhältnis ist erschreckend:

Angebote im Wrangelkiez (Ende 2014): 102 Ferienwohnungen und 1 Mietwohnung. (Karte: @A. Bodnar, http://alicebodnar.de)

Auch für der Bergmannkiez zeigt die Recherche von Alice Bodnar ein ähnliches Ergebnis: Hier werden 107 Ferienwohnungen bei airbnb angeboten, während zum selben Zeitpunkt bei Immobilienscout 24 keine einzige Mietwohnung angeboten wurde.

Mit der Crowd Map gegen Zweckentfremdung

Auch in anderen Teilen der Stadt haben die Bewohner/innen angefangen, die Ferienwohnungsangebote zu dokumentieren. So wurden in den letzten Wochen auf der Crowd Map Moabit über 50 Ferienwohnungsangebote in der Nachbarschaft eingetragen.

Bildschirmfoto 2015-01-10 um 15.55.53

In Moabit nutzen Anwohner/innen ein open-source-Karte zur Dokumentation des Wandels in ihrer Nachbarschaft

Ob diese Sammlungen von Ferienwohnungen in der Arbeit der Bezirke genutzt werden, um das Zweckentfremdungsverbot durchzusetzen, ist nicht bekannt.

Sicher ist jedoch, dass trotz des Gesetzes nach wie vor tausende Wohnungen nicht für die Wohnungsversorgung bereit gestellt werden, weil sich mit Ferienwohnungen mehr Geld verdienen lässt. Angesichts der hohen Nachfrage durch die vielen Berlin-Besucher/innen scheint das Geschäft bisher auch aufzugehen. Eine in der Regel über Online-Portale angebotene Ferienwohnung ist meist günstiger als ein Zimmer im Hotel, bietet aber bei durchschnittlicher Auslastung für die Anbieter/innen deutlich höhere Einnahmen als eine vermietete Wohnung.  Ein von der Zeitschrift Capital durchgeführte Recherche („Gewinnen statt teilen“) zu den Angeboten des Webportals Airbnb weist für Berlin insgesamt fast 6.000 Fereinwohnungen aus. Würden alle gleichzeitig vermietet, entspräche dies einem Tagesumsatz von knapp 500.000 Euro. Eine durchschnittliche Auslastung von 15 Tagen im Monat und eine durchschnittliche Berliner Wohnungsgröße unterstellt, sind das Einnahmen von etwa 20 Euro/qm. Genügend Anreiz also, das Zweckentfremdungsverbot zu umgehen.


Responses

  1. Die Karte hat doch eher geringe Aussagekraft. Natürlich werden Ferienwohnungen durchgängig inseriert, und Mietwohnungen nur kurz nach meist langjähriger Vermietung.

  2. Die Recherche auf airbnb nach wirklichen Ferienwohnungen ist etwas komplizierter als dargestellt. Auf airbnb werden auch Wohnungen angeboten, die nur kurzfristig untervermietet werden, so z. B. während des Urlaubs des Wohnungsmieters. Diese Angebote sind aber im online-Portal ebenfalls dauerhaft sichtbar, erst über die Kalender-Funktion erfährt man, für welchen Zeitraum genau die Wohnung zu vermieten ist. (Airbnb wirkt so durch die vielen „Angebote“ attraktiver, der Wohnungsinhaber muss nicht jedesmal seine Wohnung neu einstellen.) Weitet man bei der Suche im Wrangelkiez den Mietzeitraum z.B. auf 1.2.15-31.12.15 aus, verringert sich das Angebot drastisch.

  3. Ferienwohnungen vermietet man nicht fast einjährig zum vorher abgemachten Festpreis (das wäre wirtschaftlich ungeschickt), daher gibt es keine entsprechenden Angebote auf airbnb. Dass es wenige Angebote vom 1.2.15.-31.12.15 auf airbnb gibt, sagt also wenig über die Auslastung aus.

    Man sich auch Zwischenmiet- und WG-Angebote auf einschlägigen Web-Plattformen angucken — auch dort sind die Angebote wesentlich spärlicher als auf airbnb.

    • Die Angebote sind immer unverbindlich und die Wohnung muss nicht vermietet werden, wenn eine Anfrage kommt. Viele haben einfach mal eine Anzeige erstellt und vermieten weder die Wohnung noch pflegen die Anzeige. Diesen Eindruck habe ich zwischenzeitlich gewonnen, da ich wegen Krankenhausbesuchen von auswärts lebenden Bekannten mehrfalls erfolglos versuchte eine Ferienwohnung (die als verfügbar angezeigt wurde) anzumieten.

  4. Hab mal spaßeshalber bei Airbnb unsere Straße eingegeben. Ergebnis: auf 100 Meter ca. 20 Angebote, davon mindestens fünf von offensichtlich kommerziellen Betreibern. Oder wie soll man es einordnen, wenn ein „italienischer Student“ bezirksweit 20 Wohnungen untervermietet? Alle übrigens ohne jedewede persönliche Ausstattung auf den Fotos, rein funktionales Fewo-Inventar. Sämtliche Wohnungen in unserer Straße standen laut Kalender dauerhaft und ununterbrochen zur Verfügung. Etwas säuerlich der Beigeschmack noch, wenn man weiß, wie in manchen dieser Häuser zuvor entmietet wurde. Die ganze Suche hat ca. 10 Minuten gedauert. Und jetzt du, liebes Bezirksamt! Das kannst du auch rausfinden, bin ich mir sicher…

    • Neben der Arbeit des Bezirksamtes wäre es auch sinnvoll, wenn Nachbarn die Urlauber freundlich über die Probleme informieren. Einen Infosticker auf die Tür der entsprechenden Wohnungen oder Aushänge im Hausflur …

  5. Ich brauchte bereits mehrmals eine Wohnung für 3 Personen und von Montag bis Freitag. Also nicht die typisches Touristenreisezeititräume in Ferienwohnungen. Ich habe jedes Mal ca 25 Wohnungen angeschrieben und KEINE Wohnung gefunden. All diese Wohnungen waren laut Kalendern verfügbar. Die Eigentümer reagierten nicht oder wohnten im Zeitraum selbst in der Wohnung und diese war deshalb doch nicht verfügbar.

    Ich bin mir deshalb sehr sicher, dass viele Wohnungen trotz anderer Darstellung auf Onlineplattformen gar nicht an Feriengäste vermietet werden und es leider (oder zum Glück?) viel weniger Ferienwohnungen gibt, als immer behauptet wurde.

    Versucht es einfach mal selbst eine Wohnung anzumieten und seht selbst was ich meine. Die Anfragen sind immer unverbindlich und man kriegt raus, ob die Wohnung verfügbar wäre.

    Meine Bekannten mussten dann immer in Hostels schlafen. Doppelstockbetten und manchmal Dusche auf dem Gang. Wirklich begeistert waren die nicht und wären lieber in einer Ferienwohnung gewesen.

    Beste Grüße,

    Martin

    • Scheinbar sind viele Anbieter nicht in der Lage ihre Infos zu aktualisieren oder die Portalbetreiber listen diverse Karteileichen.

    • Die Fewos werden wohl grds. verfügbar sein und weiter angeboten werden, nur werden die Vermieter nicht auf jede Vermietung reagieren und das in die Annonce oder den Kalender aufnehmen, weil sie so auch weniger Aufwand haben und mehr Aufmerksamkeit für ihr Objekt bekommen. Denn Ziel ist ja nur das schnelle Geld durch Ausnutzung eines Missstands der Allgemeinheit durch verfehlte Wohnungspolitik der Regierenden.

  6. Ich warte immer noch auf das Tätigwerden des Bezirksamts auf einen von mir abgegebenen Zweckentfremdungshinweis. Die betreffende Wohnung wird mittlerweile weiter gewerbetauglich umgebaut.

    • Der schlimmste Mann im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunuziant

      • Finde ich in dem Fall, wo sich wenige Gierige an der Wohnungsarmut vieler bereichern, mal völlig legitim.

  7. Hallo,
    ich hatte heute ein ausführliches Gespräch mit dem in Mitte zuständigen Stadtrat Stephan von Dassel. Er rief ausdrücklich auf, die Adressen von Ferienwohnungen im Bezirk zu melden: zweckentfremdung@ba-mitte.berlin.de.
    Rund die Hälfte der kontinuierlich eingehenden Hinweise führten auch zu weiteren Ermittlungen, bei der anderen Hälfte wurden die Ferienwohnung offenbar fristgerecht angemeldet. Die Mitarbeiter seien sehr motiviert, weil sie genau wüssten um was es geht!
    Er hat sich auch bereit erklärt, öffentlich dazu Stellung zu nehmen, wenn er eingeladen wird.
    Zum aktuellen Stand sagte er folgendes: Der Bezirk hat fast alle Anträge auf Genehmigung die zusammen mit der Anzeige der Ferienwohnungen reinkamen abgelehnt. Auch die ersten vierzig, fünfzig Widersprüche wurden bereits abschlägig beschieden. Demnächst dürften die ersten Prozesse losgehen.
    Bei den Anzeigen die später eingingen, müssten zunächst Anhörungsverfahren durchgeführt werden, Bussgelder seien noch nicht verhängt worden, er schätzt, das wird im Frühjahr losgehen. Leider dürfe man aus Datenschutzgründen die Anzeigenden nicht detailliert über den Stand unterrichten. Er will sich aber nochmal darum kümmern, ob nicht wenigstens allgemeine Auskünfte gegeben werden dürfen, z.B. dass da ein Verfahren eröffnet wurde…

    Wichtig sei aber auch, Leerstand zu melden. Auch der ist verboten, wenn er länger als ein halbes Jahr dauert. Viele Eigentümer reagierten mit völliger Überraschung, wenn sie erführen, dass sie ihr Haus nicht deshalb leerstehen lassen dürfen, weil sie es demnächst mal verkaufen wollen…

    So long Christof

  8. […] Holm beschreibt in seinem Blogbeitrag kritisch die Nutzung von Airbnb in Nachbarschaften mit angespanntem Wohnungmarkt. Er bezieht […]


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